Wer ein „Verschwörungstheoretiker“ ist und wer nicht (2,1)

Im ersten Eintrag hatte ich begonnen, Phänomene im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien gemäß einem teils paradoxen, teils komplementären Verhältnis von Staatsidealismus und Rechtsidealismus im Bewußtsein der Beteiligten zu besprechen, das da zur Erscheinung komme. Davon wird auch in den folgenden Teilen die Rede sein, aber unplanmäßig nur am Rande. Ich verlasse mein Konzept, weil ich in diesem Eintrag leichtfertig und trotzig den scheinbar (besser: angeblich, editha) undurchsichtigsten staatsterroristischen Anschlag der letzten Jahre, das Verschwinden des malaysischen Fluges MH370 am 8. März 2014, der kurz nach dem Start in Kuala Lumpur auf dem Weg nach Peking an einen unbekannten Ort entführt wurde, in einen aktuellen politischen Zusammenhang gestellt habe. Ich stehe zu meiner Erklärung, warum ich das tat, aber sie heilt die Leichtfertigkeit nicht:

Der Bruch [der deutsch-französischen Allianz gegen den Irakkrieg und die weiteren amerikanischen Kriegspläne in der Region] ist schlicht unerklärlich, wenn man ignoriert, daß die Parole des US-Verteidigungsministers vom „Neuen Europa“, bestehend aus dem UK und seinen Verbündeten in der EU-Peripherie (…) kinetisch untermauert wurde, nämlich mit den False-Flag-Attacken in London und Madrid. Doch das sind halt keine militärischen Klarstellungen, die dauerhafte Wirkung beanspruchen können, sie benötigten Erneuerung und Ausweitung.

Jetzt muß es so scheinen, als beginge ich die klassische Schwachheit von Verschwörungstheoretikern, politische und / oder moralische Postulate mit Annahmen zu Ereignissen und Tatverläufen gleichsam aufzufüllen, die diese Postulate teils bebildern, teils erst untermauern sollen. Nein, das tue ich nicht, und will das in ein oder zwei folgenden Einträgen am Beispiel des Fluges MH370 zeigen.

Doch eine allgemeine Bemerkung will ich voran stellen.

Zur Sprengkraft von Verschwörungstheorien in der bürgerlichen Gesellschaft

Was ich oben „Postulate“ nannte, sind viel zu oft, wahrscheinlich zumeist, Vorurteile aus dem Spektrum staats- und rechtsidealistischer Desiderate. In solchen Verschwörungstheorien werden Fehlurteile, resp. unbegründete Annahmen, zu den Zielen, Zwecken, Verfahren, in Summe den Leistungen von Staatswesen und ihren Organen, zu ebenso falschen und un- bzw. schlecht begründeten Annahmen über Verstöße gegen vermeintliche Leistungen, Zwecke usw. umgearbeitet.

Merkt bitte auf, daß es da zwei getrennte Ebenen von Fehlerquellen, von Schwachsinn gibt. Die eine Ebene sind die falschen Postulate, die andere deren konkrete Umarbeitung anhand des Materials einer Verschwörungstheorie. Weil und sofern die falschen Postulate der Ausgangspunkt, ihre Bekräftigung das Resultat sind, erscheint das wie ein und dieselbe Ebene, ist es aber nicht. Die gegensätzliche Richtung der Argumentation überbrückt einen Gegensatz zwischen handfestem, physischen Material und den im letzten Eintrag beispielhaft besprochenen Idealismen.
Diese Idealismen haben genau eine Verbindung zur physischen Realität, nämlich die „kinetische“ Wirkung von scharfer, spitzer und stumpfer Gewalteinwirkung auf den menschlichen Leib. Sie erzwingt den zweifelhaften Nutzen und die vermeintliche Notwendigkeit der in den Idealismen angelegten Umgangsformen der solcher Gewalt Unterworfenen mit den Gewaltinstituten und untereinander.
Das Material von Verschwörungstheorien sind hingegen just physische Zusammenhänge und in ihnen repräsentierte Geschehnisse, in denen Gewalteinwirkung keine, nämlich eine allenfalls sekundäre Rolle als eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Folgeerscheinung  spielt.

Deshalb sind Verschwörungstheorien eine Gelegenheit für Publikum und Autoren, das luftige Reich von Vorstellungen und Ideeengebäuden, die in letzter Instanz religiöser Natur sind, zu verlassen, obwohl es ihnen zwangsweise um eben dieses Reich immer nur zu tun ist. Diesen Zwang stellen aber die bezahlten und unbezahlten, bestallten und unberufenen Teilnehmer der demokratischen Öffentlichkeit her, die „Verschwörungstheorien“ und Verschwörungstheoretiker deklassieren, ächten und pönalisieren. Er liegt nicht in der Sache selbst, wie die vorgestellte Analyse der zwei Ebenen verschwörungstheoretischer Schlußweisen zeigt. Dasselbe zeigt sich auch auf den einschlägigen Tummelplätzen der Verschwörungstheoretiker. Da sind, je nach Plattform in unterschiedlichen Anteilen, jede Menge Energien unterwegs und am Werke, um das mal so flapsig auszudrücken, die der Lust und Erleichterung entstammen, über öffentliche Angelegenheiten jenseits der o.a. Umgangsformen mit Herrschaftsgewalt, in einem Wort: materialistisch reden zu können.

Diese Lust und Erleichterung motiviert auch euren „bescheidenen“ Autoren in der Befassung mit MH370 und gleichartigen Affären des politischen Geschehens, aber nicht zu dieser Befassung.
Es ist nicht erzwungen, daß die eingangs genannten Ausgangspunkte verschwörungstheoretischer Überlegungen, ihre politischen Postulate, Desiderate, also Idealismen sind. Ein Wissen um politische, politökonomische, militärpolitische und mitlitärstrategische Zusammenhänge, auch nur einzelne Bestandteile und Momente solchen Wissens, werden nicht entwertet, „verschmutzt“, wenn sie in verschwörungstheoretischen Debatten neben eine Menge Schwachsinn zu stehen kommen. Umgekehrt sind wissensbasierte Postulate auf dieselbe Weise notwendiger Ausgangspunkt und Bestandteil von Verschwörungstheorien, wie sie Ausgangspunkt und Bestandteil kriminologischer und kriminalistischer Verfahren sind. Niemand bei Verstand wird den Leiter einer Ermittlung in einem Mordfall daran herab setzen, daß er Gerüchten, Aussagen und mehr oder minder plausiblen Vermutungen über geschäftliche Absprachen und undeklarierte Geldflüsse nachgeht, sie also zum Ausgangspunkt eines Ermittlungsstranges nimmt, in diesem Sinne zu einen Postulat seiner Ermittlungsarbeit macht, und dergestalt einer Verschwörungstheorie folgt.

Für Staatskritik und Staatskritiker folgt aus den vorgestellten Überlegungen, daß sie, wenn und indem sie Verschwörungstheoretiker und Verschwörungstheorien anhand von Verweisen auf „höhere“ oder „tiefere“ Erkenntnisse über den Zusammenhang bürgerlicher Gewaltverhältnisse bagatellisieren, herab setzen, ächten, demselben Postulat folgen, wie Apologeten dieser Verhältnisse, die sie kritisieren, vielleicht auch nur zu kritisieren vermeinen.

Dies vermeinen, zu begründen, gehört nicht mehr in die Zusammenhänge, die ich in diesem und den folgenden Einträgen vorstellen will. Denn ich behaupte, die Identität apologetischer und „kritischer“ Pönalisierung von Verschwörungstheorien liegt in Postulaten, die gemeinhin unter dem Begriff Aufklärung versammelt werden. Die Begründung einer solchen Behauptung kann selbstredend allenfalls an den Schluß einer Untersuchung von Verschwörungstheorien, ihrer Gründe, Beweggründe und gesellschaftlicher Dynamik zu stehen kommen.

Zusatzbemerkung

Ich nahm billigend in Kauf, einschlägige Leser fündig zu machen: TomGard ist ein Antiaufklärer. Jemand, den nach einem überwältigenden Konsens aller Teilnehmer am „westlichen“, am „abendländischen“ Geistesleben was trifft, treffen soll und müsse? Richtig. Ein Bannfluch. 

Bitteschön, aber denjenigen, die damit nicht zu Frieden gestellt sind, gebe ich – ohne Argument – etwas zu bedenken, was wohl noch nicht ganz aus dem öffentlichen Bewußtsein getilgt sein dürfte.

Eure Aufklärung bestand in den ersten Phasen aus dem wohl unbestritten gewaltigsten Massaker der bekannten abendländischen Geschichte seit 1000 vor Christi. Den Beginn könnte man historiographisch in das Jahr 1358 stellen, da gab es in Frankreich die Grande Jacquerie. Etwa seit dieser Zeit gibt es einen innigen Zusammenhang zwischen Bauernkriegen, Thronfolgekriegen und sogenannten Glaubenskriegen bis … naja, einen Moment noch …

Der Zusammenhang liegt banal im wachsenden ökonomischen Gewicht der später „bürgerlich“ genannten Stände der Handwerker und Kaufleute und der Abschöpfung ihres Reichtums durch die herrschenden Stände des Adels und des Klerus im Heiligen Römischen Reich sowie der ihm mehr oder minder angeschlossenen Provinzen. Das reproduktive Verhältnis zwischen urbaner und ruraler Herrschaftskultur wurde zerrüttet und schließlich unheilbar zerstört. Dieselbe Bewegung, die eine Emanzipation lokaler und regionaler Lehnsherrschaften vom Kaisertum und seiner nicht nur ideellen, maßgeblich auch materiellen und militärischen Klammer, der Vatikansherrschaft, ermutigte, erlaubte und im Verlaufe der Kriegsdynamiken schließlich erzwang, nötigte die Bauern abwechselnd in Aufstände und Gefolgschaftsverhältnisse, die vom Standpunkt des Klerus Häresien darstellten.

Um dasselbe in biographischen Stichworten zu sagen: Die Ikone der Aufklärung, Galileo Galilei, stand auf den Schultern, heimste die Fortschritte in der Herrschaftskultur ein, für die Figuren, wie die abergläubige Häretikerin Jeanne d’Arc standen, mit Zwischengliedern, die u.a. den Namen Martin Luther und Johannes Calvin tragen.

Ich habe oben das Enddatum ausgelassen, weil es gute Argumente dafür gibt, daß das Ende aufklärerisch geprägter Massaker unabsehbar ist und bleiben wird. In einem Pamphlet, mit welchem die Autoren die Spitze der aufklärerischen Bewegung erklommen haben wollten, und das alles andere, als der Weisheit letzter Schluß, aber ein geschichtliches Dokument ist, der „Dialektik der Aufklärung“, haben seinerzeit Horkheimer und Adorno bemerkt, daß die Geschichte ihres Wiegenkindes bis in die Neuzeit eine Geschichte von Häresien nebst Wiederherstellung von Glaubensautorität ist. Diese Dynamik prägt keinen geringen Anteil der Schriften von Marx und Engels, die hofften und erwarteten, einen Beitrag zu leisten, daß diese Geschichte einmal in der Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen enden wird, die auf vermittelten Formen nackter Sklaverei beruhen.

In den legitimatorischen Staats- und „human“wissenschaftlichen Lehren der Neuzeit nach dem WK2 gilt das humanistische Dogma, „Aufklärung“ sei ein Mittel probater und benevolenter Herrschaftsausübung, was sie in dasselbe Verhältnis zu Herrschaftszwecken stellt, wie zur Zeit Machiavellis, da die Glaubens- und Inquisitionskriege „Fahrt“ aufnahmen, die buchstäblich entmenschlichende Folter und Demütigung, die als das sachgerechte Instrument christlichen Kulturerhalts galt.

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3 Antworten zu Wer ein „Verschwörungstheoretiker“ ist und wer nicht (2,1)

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