Affäre Skripal – zur Fahne! (2)

Im ersten Teil habe ich der Versuchung nicht widerstehen wollen, sogleich LtG McMasters Rede beizuziehen, “Syria, Is the Worst Yet to Come?”, über die ich zufällig stolperte, als die die „Gemeinsame Erklärung“ aufsuchte. Vom Standpunkt der Systematik und Nachvollziehbarkeit der Darstellung war es ein Fehlgriff, gleich ein übergeordnetes Bündel der Bewegungsstränge ins Spiel zu bringen, die sich an der Affäre beteiligt zeigen. Doch es bietet auch einen Vorteil. Vor diesem Hintergrund ist die Wucht der Drohungen, die man teils in den Vorgängen sieht, teils hinter ihnen vermuten muß –  angefangen von den mutwilligen Verstößen gegen jedes Gebot der Logik, Plausibilität, Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit, über die „Umfaller“ in Paris und Washington, die Befehlshoheit der NATO in Europa, die blitzartige Verschiebung des Brexit, bis zum offenkundigsten, dem Abriss aller Friedensdiplomatie gegenüber Russland – kein Mysterium mehr, in oder hinter dem etwas Verborgenes stecken müsse. Die offenen Drohungen, der NATO mit Chemiewaffenangriffen auf dem europäischen Festland, der Vertreterin eines im Dunklen operierenden Rackets 1, Nikki Haley, mit „russischen“ Angriffen weltweit,  sollten vor dem Hintergrund der Rede McMasters einiges von der Unglaubwürdigkeit einbüßen, die sie in den Augen eines selbstbewußten Untertanen haben.

Denn der gründet sein Dasein auf unterwürfige Berechnungen nebst das Vertrauen in die Rücksicht der Herren auf ein Minimum an Kalkulationsgrundlage solcher Unterwerfung. Deshalb pflegt er den Irrsinn solcher Ankündigungen mit erheblicher, wenngleich nie voller, und just deshalb militanter Überzeugung denen zur Last zu legen, die ihn aussprechen, während er zu rätseln fortfährt: „Was wollen die denn jetzt schon wieder, ich / wir tuen doch schon alles, was sie wollen?!“ (Außer den Feindkräften, versteht sich, an deren Vernichtung solcher Geist sich stumm oder beredt zu schaffen macht, falls nicht direkt beteiligt …)

Intellektuelle nehmen in diesem Geschäft selbstbewußter Unterwerfung eine Zwischenstellung ein, weil und indem sie sich zu Hütern herrschaftlicher Vernunft berufen und vom Standpunkt der Staats- und Rechtsideale einen Polizeistandpunkt nach unten und oben beziehen. An diesem Punkt nehme ich den Übergang zurück zu konkreteren An- und Aussagen.

Angriff auf Rechtsbestände politischer Willensbildung

Wenn ein Boris Johnson, der britische Außenminister, der einen Ruf als „enfant terrible“ zu pflegen hat, das gern „über die Stränge“ schlägt und sich damit gegenüber notorischen Bedenkenträgern nützlich macht, öffentlich verkündet er halte es für „overwhelmingly likely„, daß der russische Präsident persönlich den „Mordanschlag auf Sergei Skripal angeordnet“ habe, mag das noch im Bereich dessen liegen, was ihm  Mitglieder der politischen Stände des UK als idiosynkratische Freiheiten zugestehen, deren Auswüchse nicht unbedingt ernst zu nehmen sind. Obwohl ich das nicht glaube, will ich anmerken, denn die Häme des „overwhelmingly likely“ gegenüber den europäischen Kollegen, denen die Sprachregelung „highly likely“ offenkundig aufgenötigt wurde, ist unüberhörbar und, ihnen gegenüber, gewiß „nicht hilfreich“. Das diplomatische Corps, dem Johnson vorsteht, muß dergleichen als Sabotage empfinden.
Die im letzten Teil schon zitierte Verlautbarung des FO ist dagegen sicherlich eine andere Nummer:

The Foreign Secretary revealed this morning that we have information indicating that within the last decade, Russia has investigated ways of delivering nerve agents likely for assassination. And part of this programme has involved producing and stockpiling quantities of novichok. This is a violation of the Chemical Weapons Convention.

Craig Murray hat sie in einer Glosse charakterisiert. Sinngemäß:

Genosse Putin, unser  lang vor den Augen des Feindes gehütetes Assassin – Projekt ist einsatzreif. Gegen welche Schlüsselfigur unserer Feinde könnten wir es erproben? Es besteht ja doch eine gewisse Gefahr, daß die Urheberschaft auffliegen könnte, Du weißt schon, Genosse? – Putin: Ach was, Junge! Es gibt da diese verräterische Schnapsdrossel, mit der wir noch eine alte Rechnung haben. Probiert’s an der aus. Flittchen Töchterlein, das sich immer noch mit ihm trifft, nehmt gleich mit.

Warum ich die Albernheit kolportiere, fragt ihr?
Weil Murray, der abgehalfterte Intellektuelle – nichts gegen ihn, an dieser Stelle! Er ist seinerzeit aus idealistischen Motiven desertiert, bessres kann man nicht erwarten –  bestens plaziert ist, wahr zu nehmen, aber nicht wahr haben zu wollen, daß die britische Regierung mit dieser Erklärung jeden, der ihr die Gefolgschaft weigert, zum Pöbel zu werfen verspricht.  An anderer Stelle zelebriert Murray diesen Realitätsverlust, indem er die Gründe für die Manöver Mays und des FO  – ausgerechnet – in „Populismus“ identifizieren will, als sei „Russenhetze“ vom Pöbel bestellt und May und Konsorten lieferten ihn zu Lasten berufenerer Standesgenossen. Es ist umgekehrt. Die Erklärung des FO nötigt Murray und mit ihm jedes Mitglied der Eliten, kraft der transnationalen Fakten, die sie schafft, zu etwas, was sie in der gewohnten Herrschaftskultur freiwillig taten und aus freiem Willen tun können sollten: „Mit den Wölfen heulen“, wie der Volksmund sagt. Sie sollen fressen, was der Pöbel immer schon frisst, in dem praktisch erzwungenen Glauben, mehr oder minder verschont bleiben zu können, indem er’s frisst.

Anders herum. Wer nach so einer Erklärung daran festhalten will, nationale / nationalistische Motive imperialistischer Konkurrenz,  allenfalls Verbündung nationaler Kabalen in und zu ihr am Werke zu sehen, statt mehrerer transnational operierender und transnational generierter Kabalen in einem Imperium, das nicht länger politökonomisch gebunden, sondern nurmehr militärpolitisch formiert wird 2, dem weiß ich kaum mehr zu helfen.

(PS.: Für Fremdleser sei der Disclaimer angefügt: Das ist kein Plädoyer für eine Rückkehr zu den Verhältnissen, Werten und Gepflogenheiten einer nationalen Staatenwelt. Deren Grundlagen sind außerhalb von Staatswesen, die noch in einem nachholenden Entwicklungsweg begriffen sind, ökonomisch zerrüttet und werden von den Imperiumskriegern entweder politisch oder militärisch zerrüttet – und ginge dabei der halbe Globus hopps. Das gehört zum Thema „Imperialer Suicide by Cop“, das ich noch bearbeiten werde.)

Fortsetzung morgen


  1. Lavrov fragte in einem Fernsehinterview (sinngemäß): ‚Wer gibt ihr eigentlich die Anweisungen? Ich hab keine Ahnung‘. Mein Tip: Frag Jeffrey Feltman. 
  2. Könnte und sollte sich für jeden von selbst verstehen, der bemerkt hat, daß in den imperialistischen Metropolen seit 20 Jahren Kriegsökonomie herrscht. 
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