Fall Skripal – Zusätze und Nachträge

Vorrede

Ein „russischer Einsatz einer Massenvernichtungswaffe auf britischem Boden“ ist, ich wiederhole mich, ein Sovereign Fact, an den die Regierung des UK und die Regierungen weiterer 16 imperialer Hauptstädte, sowie Institute des Imperiums, wie EU und NATO,  ihre Autorität und, in einem erst noch zu bestimmenden Umfang, auch ihr Dasein gebunden haben. Er ist im Kern unumstößlich, kraft der militärischen Hoheit der genannten Institute über ihre Funktionäre und Bevölkerungen. Zu diesem Kern kann es folglich keine zweckmäßige Debatte geben, er ist zur künftigen Geschichte gemacht, Militärgeschichte, wie alle Geschichte, die nicht bloß akademischer und lithurgischer Pflege der Tradition der Sklaverei der letzten Jahrtausende dient.
Ich würde am liebsten jedem, der dies Faktum nicht akzeptieren, nicht fressen mag, verbieten, den Rest des Eintrages zu lesen, er könnte ihn nur mißbrauchen. In jenem Kernbestand kommt es auf eine „Wahrheit über …“ nicht an, solche Wahrheit wird buchstäblich totgemacht werden.

Aber die Narrative zum angeblichen und wirklichen Geschehen, die werden, unter der Bedingung der fortdauernden Konkurrenz der Metropolen und ihrer Institute, aus den oben genannten Gründen, für eine unbestimmte Zeit und in einem unklaren Umfang umstritten bleiben. Ich deutete das oben in dem Halbsatz an, die Autoritäten hätten ihr Dasein „in einem erst noch zu bestimmenden Umfang“ an diese Narrative gebunden. Sie werden, wie immer, um ihre Handlungsfreiheit und Deutungshoheit ringen. Deshalb ist es von einem theoretischen Standort aus nicht völlig daneben oder irre, sich mit diesen Narrativen weiter zu befassen.
Von einem praktischen Standpunkt außerhalb der imperialen Konkurrenz aus, ist es total irre, capito?

Killary Clintons Fingerabdrücke auf „Novichok“

Ich habe in vergangenen Einträgen und Kommentaren logische Argumente vorgestellt, die zu vermuten erlauben, „Novichok“ sei seit längerer Zeit für eine False-Flag-Operation vorgehalten worden. Jetzt gibt es dafür einen immerhin mittelbaren Beweis.

Cable 09STATE32931_aDate: 2009 April 3, 20:58.
From: Secretary of State To (die US-Botschaften, TG): AUSTRALIA GROUP COLLECTIVE | Croatia Zagreb | Ukraine Kyiv | United Kingdom London
Objectives: (…)
— Avoid any substantive discussion of the Mirazayanov book „State Secrets: An Insider’s View of the Russian Chemical Weapons Program“ or so-called ‚Fourth Generation Agents.‘

7. (C) If AG participants raise the issue of Vils Mirazayonov’s book „State Secrets: An Insider’s View of the Russian Chemical Weapons Program,“ the Del should:
— Report any instances in which the book is raised.
— Not/not start or provoke conversations about the book or engage substantively if it comes up in conversation.
— Express a lack of familiarity with the issue.
— Quietly discourage substantive discussions by suggesting that the issue is ‚best left to experts in capitals.‘
CLINTON

Dasselbe Motiv findet sich in einem geheimen Kabel des amerikanischen Botschafters in Tschechien, Cabaniss, 2006 (zur Zeit Condi Rice‘) an die US-Botschaften in Österreich, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und im UK:

1. (S) Poloff March 23 spoke with Ivan Pinter of the MFA UN and Nonproliferation Department. Pinter was happy to relate that his office had successfully instructed Jiri Matousek, Czech Chairman of the WEOG Scientific Advisory Board (SAB), not to publicly discuss next generation agents in the future. Pinter believes this will successfully close the matter.

Matousek war der Leiter eines tschechischen Labors das, wie wir aus russischer Quelle wissen, offiziell Untersuchungen zur Novichok-Familie angestellt hatte und dem es zumindest teilweise gelungen war, die sowjetischen Ergebnisse zu reproduzieren. Matouseks öffentliche Warnungen vor dem Potential der in der SU entwickelten Substanzen gehen auf das Jahr 1994 zurück, dem Jahr, in dem auch der US-Congress die fraglichen Substanzen in einem Hearing zum Thema machte, das der Vorbereitung der Abwicklung des sowjetischen Chemiewaffenarsenals diente.

Mit diesen Kabeln ist geklärt, wie das Scientific Advisory Board der OPCW, dem auch der Leiter von Porton Down, Robin Black, angehörte, dazu kam, 2013 auf seiner turnusmäßigen Sitzung zur eventuellen Aufnahme neuer Substanzen in die „Schedules“ der CWC zu protokollieren (vgl. diesen Eintrag):

The SAB states that it has insufficient information to comment on the existence or properties of “Novichoks”.

Und wie nämlicher Robin Black dazu kam, noch 2016 zu erzählen:

Information on these compounds has been sparse in the public domain, mostly originating from a dissident Russian military chemist, Vil Mirzayanov. No independent confirmation of the structures or the properties of such compounds has been published. (Black, 2016)

… was trotz der amerikanischen Bemühungen, die Sache zu deckeln, eine Lüge war.

Viktor Kholstov, Leiter einer russischen Forschungsgruppe im Zusammenhang mit OPCW-Angelegenheiten, konnte in der oben verlinkten Präsentation Auszüge aus einer Datenbank vorlegen, die zeigen, in Edgewood Arsenal, einem Forschungsinstitut des Pentagon, sind die sowjetischen und frühen russischen Entwicklungen spätestens im Jahr 1998 reproduziert worden, möglicherweise im Zusammenhang mit Vorarbeiten zu Abwicklung und Rückbau der Chemiewaffenfabrik in Ukus, Usbekistan, die das Pentagon offiziell ab 1999 unternahm. Es wäre sträflich gewesen, hätten die Amerikaner diese Aufgabe gleichsam „blind“ unternommen, ohne hinreichend zu wissen, wonach sie zu suchen hätten.

Unklar scheint – bis zur Stunde – das genaue Schicksal des russischen „Foliant“- Programmes nach 1995, als es, zwei Jahre vor der russischen Ratifizierung des CWC, angeblich aufgelassen wurde.  Doch für den Moment spielt das keine Rolle, denn das UK  geht selbst davon aus, daß es seinerzeit eingestellt wurde, wie man der vorgestrigen Parlamentsrede von Theresa May entnehmen kann (einige Auszüge im Independent). Dort wiederholte und spezifizierte sie Vorwürfe, die Boris Johnson schon einige Tage zuvor gegenüber dem Fernsehen erhoben hatte (ich berichtete):

“And we have information indicating that within the last decade, Russia has investigated ways of delivering nerve agents, probably for assassination, and as part of this programme has produced and stockpiled small quantities of novichoks.

Etwa seit 2007 sollen russische Labore Forschungen im Zusammenhang mit „Foliant“-Substanzen betrieben und eine kleine Menge von ihnen gelagert haben. Wie wahrscheinlich Dutzende Institute in anderen Ländern auch, wie der Wissenschaftsjounalist Karel Knip am 23. 3. für das NRC Handelsblad feststellte und dazu mitteilt:

„That is simply their business,” says an initiate. „The properties of all potential toxins are investigated.” A chemist like Julian Perry Robinson assumes this. „For years, it was only about two things: novichoks and peptides”, he said in an interview with this newspaper in 2014. In February 2006, the then chairman of the scientific advisory board of the OPCW, the Czech Jiri Matousek, said it plainly: in Edgewood, novichoks are being developed.

Doch, wie wir zu wissen bekamen, soll es für das russische Forschungsprogramm „keine plausible alternative Erklärung“ geben, als daß es zu staatsterroristischen Zwecken betrieben wurde. Das, so scheint es bislang (siehe den folgenden Abschnitt), ist die „Geheiminformation“ die in geheimer Sitzung der europäischen Staatschefs zum unabweisbaren Grund erhoben wurde, über die Köpfe aller nachgeordneten Instanzen hinweg Entscheidungen zu treffen, welche den Kurs und die Zukunft der EU ökonomisch, politisch und militärisch maßgeblich prägen sollen und müssen.

In Knips Artikel finden sich auch eine Menge Lügen und Irreführungen, insbesondere die Behauptung, es sei am State Institute for Organic Chemistry and Technology GOSNIIOKhT bereits um 1990 gelungen, eine stabile und wirksame binäre, daher waffentaugliche Foliant-Variante herzustellen. Einer von Knips Kronzeugen, Vladimir Uglev, hat das für die Zeit bis 1995 strikt dementiert und das Dementi ist glaubhaft, weil Uglev 1993 seinen Job verlor, nachdem er sich zur Verteidigung Mirzayanovs entschloss und selbst Whistleblower wurde.
Aber das braucht uns hier so wenig zu beschäftigen, wie Knips kümmerliche Versuche, die geheimdienstliche Verdeckungsgeschichte, die in der Vorgeschichte der Affäre Skripal kenntlich wird, benevolenter Lässigkeit des seinerzeit mit der Durchsetzung und Umsetzung der Chemiewaffenkonvention befaßten Personals anzulasten. Das ist mit den o.zit. Kabeln widerlegt.

Manövrierachsen für die imperialen Metropolen

Die Realität der möglicherweise, ja, wahrscheinlich zu Recht unterstellten russischen Forschungen an Foliant-Substanzen, die, wie das schon zum Selbstschutz der Labore erforderlich ist, bis ins Microgramm genau dokumentiert sein werden, und die bleibenden Unklarheiten im Verlauf der „Operation Skripal“, stellen der Konkurrenz der imperialen Metropolen um die Vorhand in der Ausnutzung der False-Flag – Attacke, gegen Russland wie gegeneinander, Lavierungsachsen zur Verfügung, deren Nutzung in den kommenden etwa 2 Monaten zu beobachten sein wird. Deshalb werde ich diese Woche noch ein Update zu den Verwirrspielen um den operativen Verlauf der Attacke auf die Skripals schreiben.

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17 Antworten zu Fall Skripal – Zusätze und Nachträge

  1. tgarner9 schreibt:

    DoS verlangt allen Ernstes ein russisches Geständnis unter Folter:
    “If Russia wants to improve relations, it needs to first acknowledge its responsibility for this attack and cease its recklessly aggressive behavior,” State Department spokeswoman Heather Nauert told reporters on Tuesday.
    Es ist, als hätte ich in den vergangenen Jahren den Scriptentwurf für den Übergang zur Inquisitionsherrschaft geliefert.
    Jaja, ich weiß, Hollywood hat das schon seit mindestens 15 Jahren im Programm von jährlich mehreren Dutzend Filmen.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Dilyana Gaytandzhieva hat für Southfront eine Fülle öffentlich zugänglicher Details über die Vorbereitungen zusammengestellt, die in Porton Down getroffen werden, für überflüssig bis lästig erklärte Bevölkerungen abzutöten:
    https://southfront.org/salisbury-nerve-agent-attack-reveals-70-million-pentagon-program-porton/

    Ja, ich weiß, das schreibt sie so nicht hin. Aber die untersuchten Mittelchen und Methoden taugen nicht für die Kriegführung gegen Feindkräfte. Sofern sie nicht vorgesehen sind, Schlachtungen im Millionenmaßstab vorzunehmen, taugen sie allenfalls zur Absicherung gegen Aufruhr, der mit normalen militärischen Mitteln nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist, weil sich auch Häscher und Schlächter ihm in nennenswertem Umfang anschließen.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Die deutsche Regierung sucht hinter den Koalitionsparteien Deckung, um der angelsächsischen Forderung nach Abbruch aller diplomatischen Kontakte mit Russland Widerstand zu leisten:
    Reuters

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  4. tgarner9 schreibt:

    Israel hält sich heraus und seine Führung scheint davon auszugehen, daß Trump und sein innerer Kreis der Inquisition widerstehen werden:
    https://www.timesofisrael.com/perfidious-israel-chooses-russia-over-uk-but-trump-could-play-spoiler/
    Debka berief sich derweil auf seine Insiderkontakte mit der Behauptung, „mindestens 20 Länder“ verfügten über Vorräte an „Novichok“-Substanzen.

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  5. tgarner9 schreibt:

    Die Herausgeber von Bloomberg sind nicht glücklich mit der Gangart des DoS. Erst reden sie den Inquisitoren nach dem Munde um dann zu schließen:

    „The West shouldn’t want conflict with Russia. On a range of issues, it can gain from Russian cooperation and should seek it on the basis of mutual interest. That kind of cooperation needn’t be excluded, and might actually be advanced, by firmly resisting the criminal tendencies of Putin’s government.“

    https://www.bloomberg.com/view/articles/2018-03-28/the-west-s-response-to-russia-after-skripal-attack-is-too-mild

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  6. tgarner9 schreibt:

    Irgend ein, vermutlich institutioneller, Leser hat mich mich einem sanften Klick darauf gestubst, daß Heather Nauert das laufende Szenario Anfang Februar angekündigt und ich das berichtet hatte:
    https://tomgard.blog/2018/02/06/dos-sagt-ueberfall-auf-damaskus-ab-und-krieg-gegen-russland-an/
    Hatte ich schon vergessen. Ich brauch nen Sekretär. Überhaupt, wollt ihr mir nicht endlich mal Gehalt zahlen, das mir kostenpflichtige Zugänge erlaubt und damit ich nicht mehr putzen gehen muß, neben der Gartenarbeit?
    BTW könnte ich die Arbeit effektiver von Neuseeland aus erledigen. Im Kreis eigener Schafe bekäme ich die Ruhe weg …

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  7. tgarner9 schreibt:

    In der britischen Pipeline findet sich auch solcher fait divers;

    „“It is of great regret that Julian Assange remains in the Ecuador embassy,“ Foreign Office minister Alan Duncan told MPs in the House of Commons in response to a question.
    „It is of even deeper regret that even last night he was tweeting against Her Majesty’s government for their conduct in replying to the attack in Salisbury.
    „It’s about time that this miserable little worm walked out of the embassy and gave himself up to British justice.“

    (AFP)

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    • BC schreibt:

      Also sprach der „libertäre“ Staatssekretär. Assanges Antwort: Lieber ein nützlicher Wurm als eine Schnecke.

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      • Klaus-Peter schreibt:

        Korrektur: er sprach von „snake“, engl. für Schlange

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      • tgarner9 schreibt:

        Schade.
        Yanis Varoufakis hat übrigens Alarm geschlagen, Equador habe Isolationshaft für Assange verfügt (kein Internet, keine Besucher). Tatsächlich schweigt er seit einem Tag. Könnte mit CA zu tun haben – jedenfalls nicht mit PD, denn Assange hat sich vorgestern in einem Inverview an Theresas Seite gestellt.

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  8. Pingback: Weitere Lügen und Irreführungen um „Novichok“ | Themen & Essays

  9. tgarner9 schreibt:

    For the record (hatte ich verpaßt):

    „“When one or two diplomats are asked to leave this or that country, with apologies being whispered into our ears, we know for certain that this is a result of colossal pressure and colossal blackmail, which is Washington’s chief instrument in the international scene.“

    (Lavrov)

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  10. Pingback: „Novichok“ – Die Untertanen bestehen auf ihrem (Irr-)Glauben an die (Irr-)Rationalität ihrer Herrschaft | Themen & Essays

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