Weitere Lügen und Irreführungen um „Novichok“

Hauptfigur ist diesmal Dr. Ralf Trapp, von 1998 bis 2006 „Sekretär“ des Scientific Advisory Board der OPCW, was immer seine Aufgaben in dieser Stellung gewesen sind. In einem Interview für „InsurgeIntelligence“ räumt er ein, was unweigerlich eingeräumt werden mußte:

Dr. Trapp confirmed that at least some Western countries “would have done their own research to be able to characterise these chemicals and be able to identify them by chemical analysis should they ever be used. That is perfectly legitimate under the CWC … (…)
“As the original affair in Russia to an extent was played out in public, Western secret services will surely have picked up on that at the time, and some labs will have worked on ‘re-engineering’ these types of chemicals to see whether the claims could be true and to have data on these agents in their reference libraries.”

… zitiert aber nur die jüngste, 2016 veröffentlichte und in Zusammenarbeit mit der OPCW erstellte iranische Studie, von der ich schon berichtet habe. Er erwähnt nicht die Forschungen Matouseks und am Edgewood Arsenal Institute, oder irgend eine der von russischer Seite ins Spiel gebrachten, angeblich 200 wissenschaftlichen Publikationen zum fraglichen Themenkreis.
Die Forschungen Maouseks müssen ihm bekannt sein. Als Matousek 1994 erstmals mit dem „Foliant“-Thema an die Öffentlichkeit trat, war Trapp Mitglied der Vorbereitungskommission der OPCW in den Haag. In der Position des Vorsitzenden des SAB, gab Matousek sein Wissen über die Rekonstruktion der sowjetischen Forschung in Edgewood im Februar 2006 bekannt. Gemäß seinem Lebenslauf ist Trapp bis heute „im Geschäft“. Sollen wir ihm abnehmen, nichts als Vermutungen beitragen zu können? Nein, brauchen wir nicht. Trapp beseitigt alle Unklarheiten mit einer unzweideutig irreführenden Aussage:

Asked if Mirzayanov’s claims had ever been corroborated, Trapp said that they had been “verified in a legal sense: not corroborated.”

Hier behauptet er, etwas zu wissen, was er oben nicht zu wissen vorgab. Er lügt.

Das erste Ziel

des Trapp’schen „limited hangout“ ist die empörend alberne Behauptung zu verbreiten, die Foliant-Forschung sei aus Sorge um mögliche Weiterverbreitung nicht auf die Agenda der OPCW gesetzt worden.

The Novichok issue came up several times in the OPCW Scientific Advisory Board, as a question of whether these chemicals or their precursors should be included in the CWC control lists — the ‘Schedules’; however state parties were not ready to include such chemicals, largely because of concerns about the potential proliferation risks related to critical CW knowledge leaking into the public domain and associated risks such as with regard to misuse of such data by non-state actors or rogue states.”

Forschungsergebnisse zu möglicherweise waffentauglichen Substanzen sollen gleichsam der freien Wildbahn überlassen worden sein, statt sie beim Institut, das der Weiterverbreitung entgegen arbeiten soll, zu dokumentieren, um das Wissen bei künftigen Untersuchungen und Inspektionen verwenden zu können. Wie irre ist der Mann? Für wie doof will „Intellidingsda“ sein Publikum verkaufen?

Wie so oft, enthält die Zumutung eine Wahrheit, wir kennen sie schon: Ein Land, oder mehrere Länder, in denen Foliant – Forschungen betrieben wurden, nötigten der OPCW ein Monopol auf ihre Resultate, Produkte und deren mögliche Nutzung ab, mit welchen „Argumenten“ immer, und Russland zählte nicht zu diesen Ländern.

Das zweite Ziel

Trapps ist es, wortreich, unter ein bisschen „Nomenklatur“ versteckt, die  hoheitliche Behauptung der britischen Regierung zu bekräftigen, das Zeug, das Porton Down als das in Salisbury verwendete Gift zu präsentieren beabsichtigt, habe eine Verbindung mit ehemaliger russischer oder sowjetischer Forschung, indem die Briten das Kind beim Namen „Novichok“ tauften.

In anderem Zusammenhang führt Trapp selbst alle nötigen Argumente an, Porton Down der Lüge zu bezichtigen und die Weigerung der russischen Seite zu rechtfertigen, irgend einen Zusammenhang mit sowjetischer oder russischer Forschung auch nur anzunehmen, bevor sie nicht Proben der fraglichen Substanz und / oder unter einschlägiger forensischer Dokumentation erstellte Analyseresultate vorliegen hat, die ihr verweigert werden:

“What is going on at the moment is a mission under a more general mandate of OPCW to provide technical assistance and evaluation support to the UK… Whatever comes out of this work will be technical in nature, it will certainly confirm the agent used, and there may be forensic information that may help establish what method of synthesis had been used, how the material was administered or disseminated, and what kind of chemical signatures there are that would allow to establish the composition of the tactical mixture used — that is, chemicals used to formulate the agent into tactical mixtures — e.g. stabilisers, chemicals that modify/moderate certain physical properties etc. If the OPCW, or the UK, would have access to the raw materials used in a suspected lab, they also would be able to establish whether or not the agent came from those specific raw materials, based on characteristic signatures such as certain impurities, or the stable isotope ratio of certain chemical elements of the agents themselves. This can be done down to the individual batch of chemical synthesis or raw material used.”

Jeder Satz enthält ein Argument dafür, daß Porton Down das Zeug, das in Salisbury aufgefunden sein soll, mangels Daten unmöglich „Russland“ zuzuordnen kann. Sie sollten dort jede Menge über das Gift wissen, doch über unterstellte russische Produktionslinien wissen sie nichts. Basis der Anklage sind zum „Typus“ deklarierte allgemeine Eigenschaften einer Substanzklasse, die seit mindestens 20 Jahren wissenschaftlich dokumentiert sind.
Doch während Trapp, folgt man den Formulierungen des Artikels, die britischen Behauptungen lediglich „fragwürdig“ stellt, klagt er die russische Regierung an, der Vernebelung nämlich, weil sie auf die britische Taufe eines unbekannten Stoffes mit einem von Mirzayanov ins Spiel gebrachten Namen nicht mit einem Geständnis reagiert, „etwas“, was immer dies etwas sei, könne auf „russische Rechnung“ gehen, mindestens technikgeschichtlich, wenn und weil Theresa May das behauptet. Selbst wenn die russische Regierung so zuvorkommend sein wollte, sie könnte es nicht sein, ohne wissentlich eine Unwahrheit von sich zu geben. Trapp sagt dasselbe, wie May, die Russland „fehlende Kooperation“ vorwarf. Er bezichtigt Russland fehlender Devotion. Er – und InsurgeIntelligence – liefert mit kritisch-intellektuellem Wortgeklingel eine Anklage aus, zu der die russische Regierung genau so wenig sachgerechtes sagen kann, wie die sprichwörtliche Hexe unter der Inquisitionsfolter, die zu Teufelskrallenmixturen Rede und Antwort stehen soll.

Das dritte Ziel

Trapps war es, wortreich den Eindruck zu erwecken, „Russland“ habe sich während des Beitrittsprozesses zur CWC mehr oder minder gesträubt, das Foliant-Programm zu enthüllen, obwohl er  danach einräumt, daß dies schlicht nicht der Fall gewesen ist. Lediglich die Öffentlichkeit wurde im Unklaren gelassen, nämlich von Russland UND den USA:

Bilateral meetings between the US and Russia did provide confirmation of the programme, however, in the context of the Wyoming Agreement and the Bilateral Destruction Agreement. The latter “never entered into force but the data exchanges and some site visits and clarification meetings were conducted between the two countries,” said Dr Trapp.

Im nächsten Abschnitt lastet Trapp die Geheimhaltung des bilateralen Abwicklungsverfahrens einfach den Russen an.

(The Russians) disagreed with the US interpretation as to what, if any, of this would be declarable under the agreed rules of data exchange, which also were reflected in the rules of the CWC declaration system and ambiguities regarding what needed to be declared under development of CW.”

Ganz so, als habe die russische Seite die Amerikaner mit irgend einem Voodoo Zauber daran hindern können, die gegebenen wissenschaftlich-technischen Informationen an die OPCW weiter zu geben.

Was wahrscheinlich geschehen ist, zeichnete sich anhand des letzten Eintrages hinreichend deutlich ab. Die USA gedachten, die sowjetischen Forschungsanstalten in den unabhängigen Republiken, namentlich Usbekistan, wahrscheinlich auch Ukraine, zu übernehmen und nötigten der russischen Seite zu diesem Zweck Vertraulichkeit auf. Das konnten sie tun, weil dem Nachfolgestaat der SU immer noch eine Zuständigkeit und Verantwortung für die Altlasten der unter fremde Hoheit gefallenen Anlagen, Lagerbestände und Daten auferlegt werden konnte, nicht zu vergessen die Lasten diverser Verseuchungen. Und eine Veröffentlichung der Foliant-Forschung, die zwischen 1991 und 1995, nach der Unabhängigkeitserklärung beispielsweise Usbekistans,  in der Region Moskau stattgefunden hatte, hätte zumindest theoretisch von ehemaligem oder ausgewandertem Fachpersonal auf eigene Rechnung genutzt werden können. Genug Argumente, Geheimhaltung zu vereinbaren und zu erzwingen.

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6 Antworten zu Weitere Lügen und Irreführungen um „Novichok“

  1. tgarner9 schreibt:

    Ich habe bei der Abfassung des Eintrages ein bißchen vergessen, worum es mir eigentlich zu tun ist, nämlich mit Blick auf die im letzten Eintrag erwähnten Lavierungsachsen.
    Je mehr einschränkende und spezifizierende Wortmeldungen aus dem Kreis der „Eingeweihten“ veröffentlicht werden, desto mehr Anlaß könnte ein Berater im UK bekommen, zu warnen: Überreizt nicht euer Blatt. Wenn ein echter „Novichok“ – Anschlag auf der Insel ausgeführt wird, mit einer anderen, als OPCW-zertifiziert „russischen“ Signatur – was dann?

    Irgend wann kriegt man die Schlangen nicht in die Grube zurück.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Russian Embassy to UK:
    The questions to which we are awaiting answers are as follows:

    1) What is Mr and Ms Skripal’s exact diagnosis and condition?

    2) What treatment are they receiving?

    3) Is that treatment the same as that provided to Sgt Nick Bailey?

    4) Is it true that Yulia Skripal has regained consciousness and can communicate, eat and drink?

    5) Mr Bailey has been discharged, Yulia Skripal is getting better, but why is Sergei Skripal still in a critical condition?

    6) Did Mr Bailey, Mr Skripal and Ms Skripal receive antidotes?

    7) Which antidotes?

    8) How were the right antidotes identified?

    9) Did they actually help or harm?

    10) The Embassy immediately informed the FCO that Mr Skripal’s niece has been enquiring of her uncle’s and cousin’s health. Why have the authorities ignored her?

    11) Why are there no photos/videos confirming that the Skripals are alive and at hospital?

    12) Did the Skripals agree on Salisbury CCTV footage to be shown on TV?

    13) If not, who agreed on their behalf?

    14) Can that person also agree on hospital photos/videos to be published?

    15) Why are consuls not allowed to see the Skripals?

    16) How are doctors protected against chemical exposure?

    17) Can consuls use the same protection?

    18) Where, how and by whom were blood samples collected from the Skripals?

    19) How was it documented?

    20) Who can certify that the data is credible?

    21) How can we be sure that the chain of custody was up to international standards?

    22) Through what methods did experts identify the substance so quickly?

    23) Had they possessed a sample against which to test the substance?

    24) Where had that sample come from?

    25) Nerve agents act immediately. Why was it not the case with the Skripals?

    26) Leaks suggest the Skripals were poisoned at a pub, at a restaurant, in their car, at the airport, at home… Which version is the official one?

    27) How to reconcile quick political moves with Scotland Yard’s statement that the investigation will take „months“?

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  3. tgarner9 schreibt:

    Zusätzliche Kabel zum Thema gibts bei Moonofalabama:
    http://www.moonofalabama.org/2018/03/clinton-state-department-discouraged-novichok-discussion.html#more
    Ich hebe dieses hervor:
    https://wikileaks.org/plusd/cables/06THEHAGUE450_a.html

    1. (C) Drawing on the points provided in reftel, del rep met with delegates from the UK (Mark Matthews), Switzerland (Ruth flint), Austria (Hans Schramml) and Czech Republic (Jitka Brodska) to discuss the recent ill-considered comments made by Scientific Advisory Board Chairman Matousek to the Western Group. All of the delegates appreciated the clarification that the U.S. did not develop or weaponize NGA, including „Novichoks.“ They also agreed with the U.S. that it is a bad idea to have a discussion on whether to add NGAs to the CWC Schedules of Chemicals. Finally, they all also stated that they had not heard of any interest by any delegation in pursuing such an effort, and the issue has not/not resurfaced in WEOG.

    Nicht uninteressant ist auch dieser blumige Artikel in der NYT von 1999 zur Ukus-Abwicklung:

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  4. tgarner9 schreibt:

    Und noch eine Illustration:
    https://www.mirror.co.uk/news/uk-news/russian-businessman-on-vladimir-putin-12238329
    „Russian businessman ‚on Vladimir Putin death list‘ dramatically flees London claiming real threat comes from British secret services“

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  5. Pingback: Fall Skripal – die einfachste Erklärung aller relevanten Vorgänge | Themen & Essays

  6. Pingback: „Novichok“ – Die Untertanen bestehen auf ihrem (Irr-)Glauben an die (Irr-)Rationalität ihrer Herrschaft | Themen & Essays

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