Tal Rifaat – Gescheiterter Deal oder Widerstand aus Moskau, Damaskus gegen türkische Besatzung? – Nebst Bemerkungen zur Dynamik des imperialistischen „Endkampfes“

… entgegen einer Falschmeldung in Rudaw, die ich vor zwei Tagen weiter gegeben hatte (Eintrag gelöscht), ist die Sache noch nicht entschieden.
Noch gröber war die Falschmeldung der in London ansässigen, renommierten arabischsprachigen Zeitung Asharq Al-Awsat von gestern. SANA sah sich unterdessen von den Fake News veranlaßt, einen Fotobericht aus der Stadt zu veröffentlichen.

In den vergangenen Tagen hatten zahlreiche „Quellen“  von Verhandlungen zwischen Moskau und Ankara um einen „Gebietsaustausch“ Jisr Al-Shughour gegen Tal Rifaat erzählt. Sie wurden gar Gegenstand der Fragerunde Heather Nauerts im DoS, die angab, nichts über die Vorgänge zu wissen.

AMN behautet nun unter Berufung auf ungenannte Quellen:

According to the reports, the Turkish Army refused to force the militants in Jisr Al-Shughour to handover the town to the Syrian Arab Army (SAA); this prompted the Russians to refuse to handover Tal Rifa’at to Turkey. (…) In recent days, the Syrian and Russian air forces have increased their attacks on Jisr Al-Shughour in an effort to get the militants to be more receptive to handing over the town.

Zugleich kündigte die türkische Regierung via „Andalou“ Kompromisslosigkeit gegenüber Moskau an.

Schaut euch Jisr Al-Shughour auf der Karte an, ebenso Maraat al Numan, das andere Quellen zum Bestandteil des russisch-türkischen Deals ernannt haben. Beides sind unverzichtbare syrische Grenzorte zu einer künftigen türkischen Provinz Idleb. Dasselbe Argument kann die türkische Seite für Tal Rifaat geltend machen, sofern es um die Schaffung einer türkischen Provinz „Nord Aleppo“ geht.

Ich will daran erinnert haben, daß ich schon vor drei bis vier Jahren, aus Anlaß der syrisch-russischen Vorbereitungen zur Rückeroberung Aleppos, auf die strategische UND (polit-)ökonomische Schlüsselstellung Aleppos im Gesamtraum der Levante aufmerksam gemacht habe. Es ist ein Umstand, der seither von den meisten imperialistischen Medien unter dem Titel „iranischer Korridor zum Mittelmeer“ verhandelt wird, während türkische Medien dasselbe unter „kurdischer Zugang zum Mittelmeer“ zu verhandeln vorziehen. Diese ideologischen Meme haben keine, rein gar keine Wirk-lich-keit. Sie werden auch nicht dadurch zur Wirklichkeit, daß Israel, der gewichtigste, weil nuklear bewaffnete Stakeholder in der Region, seine Schlagkraft und Stellung unter den imperialen Metropolen  in ihre Waagschale wirft. Ein Nebenschauplatz dieser PsyOp ist bei dieser Gelegenheit nicht zu vergessen: Die amerikanisch-britische Garnison Al Tanf, die von allen kämpfenden Seiten als ein „Riegel“ gegen einen „schiitischen Korridor“ verhandelt wird. Al Tanf blockiert eine Handelsstraße zwischen Bagdad und Homs / Damaskus, so viel ist nicht verkehrt, aber das ist eine Retail – Verbindung gewesen, wie jede blöde andere Autoroute auch. Welche Routen von politökonomischem Belang sind, könnt ihr dem Wiki-Artikel über das syrische Eisenbahnnetz entnehmen, mit dem ich euch allein lasse, mit Ausnahme eines Punktes:

Prior to the civil war there was a proposal for a connection with Iraq between Dayr az Zawrand Al Qa’im.

… die, abermals, in Aleppo die Verbindung zum syrischen Hauptnetz erhalten sollte.
Der Schlüssel sind natürlich weiterverarbeitende Industrien und Manufakturen auf den Verbindungslinien, nicht irgend welcher Einzelhandel, in den die Narrative dann „Waffenlieferungen“, oder, ganz abstrakt „Einfluß“ einsetzen.

Folglich: Mit den türkisch-russischen „Deals“ – ich setze sie in Anführungszeichen, weil sie im Kern auf militärischer Erpressung durch die NATO beruhen, wie ich es in mehreren Einträgen dargestellt habe (z.B. hier, hier, hier)  –  gegen die sich zu sträuben Damakus keinen einzigen Hebel hat, nimmt eine Isolierung Damaskus in der Levante Gestalt an, zu der die Isolierung Aleppos gegen Latakia einen Schlußstein beiträgt. Aleppo würde in angenommenen Friedenszeiten unter Beibehaltung der aktuellen Aufteilung oder „Einflußzonen“ eine türkische Stadt, und das um so mehr, je dauerhafter Aleppos Isolierung nach Norden und Nordosten gegen Qamishli – Kirkuk wird, welche CENTCOM zu erzwingen trachtet 1. Nach derselben Maßgabe würde die Verbindung Damaskus-Homs-Hama-Aleppo, die Damaskus Moskau allerdings zur Bedingung machen kann, weil an ihr der Bestand einer syrischen Rumpfidentität, daher auch die syrischen Eliten hängen, zur Versorgungslinie mit dem Einspeisungspunkt der wenigen verbliebenen Ölfelder im Raum Deir Ezzor. Danach verlöre auch die Verbindung Bagdad – al Qa’im an Relevanz, sodaß argumentiert werden könnte, für das Ziel einer Isolierung Restsyriens – natürlich nicht für andere Ziele – sei die Erzwingung einer „Sunni principality“ durch terroristische Söldner im Westen des Irak auch entbehrlich.

Erst vor diesem Hintergrund bekommt die amerikanisch-britische Bastion in Al Tanf wieder Belang – nämlich als Faustpfand in möglichen künftigen Verhandlungen über eine Gaspipeline vom persischen Golf zum Mittelmeer, ob sie nun gebaut, oder verhindert werden solle. Letzteres wäre – der Gaslagerstätten an der levantinischen Küste wegen – in russischem, türkischen und israelischen Interesse!

Ihr seht hoffentlich, von Standpunkt allgemeiner, übergeordneter strategischer Ziele des Zionismus in der Levante, die im Yinon-Plan repräsentiert sind, arbeiten im Moment alle auswärtigen Player, und besonders Russland, der zionistischen Militäraristokratie zu, nicht entgegen. Der Kampf zweier zionistischer Fraktionen in Israel, von dem ich weitläufig berichtet habe, geht um militärpolitische Bestimmungsmacht in dieser „Bewegung“, die allgemein schon zugunsten Israels entschieden ist – und eben ‚drum wird die Lage zum bitteren Zankapfel in der zionistischen Elite. Für sie geht es dabei um die Rolle der Militärs in Israel selbst. Dafür sind die israelischen Kriegshandlungen in Syrien und die beständigen Drohungen gegen den Libanon ein Mittel. Klaro? Capito?

Damit zurück zum Anlaß. Aus einem vielzitierten Filmbericht von Jenan Moussa aus dem letzten Jahr wissen wir, daß die Türkei vor Jahren in Jisr Al-Shughour eine vieltausendköpfige Kolonie uigurischer (usbekischer, kirgisischer) Terror-Söldner mitsamt ihrer Familien aufgebaut hat. Die kann die Türkei nicht „zurück nehmen“, sie könnte sie allenfalls ausbomben. Das Gezerre und die Erpressungen gehen folglich darum, der russischen und syrischen Luftwaffe diese „Aufgabe“ aufzuerlegen, was dann wieder bestes Material für die nächste Runde NATO-Greuelpropaganda, und NATO – Kalküle mit einem Angriff auf russische Truppen in Syrien liefern wird. Auch dabei geht es, wie oben im israelischen Beispiel, um Syrien überhaupt nicht und um Russland nur bedingt, sondern um die NATO-Hegemonie über Europa. 

Jetzt haltet diese Scheiße um Gottes Willen mal gegen PsyOps wie diese. Überhaupt das verbreitete Gerede um „Syrien, Assad, gewinnt den Krieg“. Jeder, der darin einstimmt, ist doch bitte völlig von Sinnen. Was da geschieht ist die Rekrutierung der „Putinchen“ für nämlichen Endkampf im Imperium um sein militärisches und politökonomisches Zentrum, der kaum verfehlen kann, die politökonomischen Grundlagen dieses Imperiums abzureißen. Und das geht nicht iwie zugunsten erfundener nationaler oder weltpolitischer Interessen Russlands und Chinas, sondern muß deren Ökonomie und in dieser Ökonomie gründende militärpolitische Grundlagen ebenso zerstören. Die militärpolitische Abtrennung Russlands und Chinas aus dem Imperium des Weltmarktes ist eine Fiktion, der diplomatisch und mit Waffengewalt Geltung, aber keine Realität verliehen werden kann.

OMFG – ich könnte und müßte wohl noch ein Jahr an diesem Eintrag weiter schreiben, nicht wahr? Egal, Schluß für den Moment.


  1. Vielleicht kann dieser Eintrag dem Instinkt der Parteilichkeit entgegen wirken, der aktiviert wird, wenn ich vom Kampf EUCOM gegen CENTCOM erzähle. So richtig es ist, daß im Moment CENTCOM’s Wirken für direkt und mittelbar Betroffene unschädlicher ist, als die Strategien EUCOM’s und der ihnen verbündeten Zionistenfraktion, so albern ist es, darin ein „gut und böse“ einzusetzen. Der Gegensatz der Fraktionen ist Moment einer imperialistischer Geschichte, an der sie gemeinsam, nur halt gegeneinander stricken
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Eine Antwort zu Tal Rifaat – Gescheiterter Deal oder Widerstand aus Moskau, Damaskus gegen türkische Besatzung? – Nebst Bemerkungen zur Dynamik des imperialistischen „Endkampfes“

  1. tgarner9 schreibt:

    Weil die Hetze gegen Antizionisten auch viele gutwillige Leser gegen meine Aussagen und Wortwahl („Ziocons“) bedenklich stimmen, erinnere ich noch mal an einen „Crashkurs“ zur imperialen Relevanz des Zionismus im MENA vom Mai 2017.
    Wer an extremistischem aktuellen Anschauungsmaterial interessiert ist, möge LtG McMasters kürzliche Rede im Holocaust Museum Washington studieren:“Syria, Is the Worst Yet to Come?”. Wenn jemand mich fragte, was es heißt, antisemitische Reden zu schwingen, würde ich ihn genau an diese Rede verweisen.
    Die liefert zugleich Ansatzpunkte für Erklärungen, wer und was ein „Ziocon“ ist.

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