„Krieg und Frieden“

Ein Dialog, den ich vor 4 Jahren in einem Forum im Umkreis des Ukrainekrieges geführt habe. Ich versuchte mit einfachsten Worten den Zusammenhang zwischen Krieg und Klassenkampf vorzustellen:

Lieber xy,

weder Horrorvorstellung noch momentane Laune [sind die in den Raum gestellten Kriegsaussichten], sondern das Drohszenario, das die Kriegsfraktion der Bourgeoisie der Metropolen planmäßig aufgebaut hat.

Einer der allgemeinsten „Knackpunkte“, um die Lage zu verstehen – und vielleicht sogar vom ohnmächtigen Standort eingreifen zu können – ist / wäre die Erkenntnis, daß der Imperialismus gewordene Kapitalismus keinen äußeren Feind mehr hat. Keinen. Der „russische Erzfeind“ ist ein Pappkamerad, worauf die offizielle russische Diplomatie 12x täglich hinweist. Auch China ist kein Feind, sondern eine in nachholender Entwicklung befindliche und von seiner Führung darin befangen gehaltene Großprovinz. Der Krieg gegen China – der auf verschiedenen Schauplätzen längst läuft – ist ein Vorgriff auf die Lage, die entstünde, wenn die aktuelle Statthalterkaste ihre künftige Überlebtheit weiterhin nicht einsehen mag – klassisches Containment.

Obama hat das auf unnachahmlich simple Weise erkennen lassen und ausgedrückt, indem er in der Pressekonferenz mit Merkel vor einigen Monaten, anläßlich eines Treffens, bei dem es unmißverständlich um „Krieg und Frieden“ ging, eine lange Vorrede voraus schickte, die sagte: Ich bin an Krieg nicht interessiert und will keine äußeren Feinde (kennen), ich kenne nur innere Feinde, nämlich die Arbeitslosigkeit und die schrumpfende Industrie in den USA.

Imperialistische Standortpolitik ist halt Weltpolitik, „period“.

Im engen und wörtlichen Sinne geht daher das Drohszenario des „Kriegs in Europa“ von Russland aus! Die taktischen Mittel des in Europa begonnenen Krieges sind auf ein „Endspiel“ berechnet, das die Führung der russischen Föderation (!) in eine Lage bringt, aus der heraus Goebbels einst rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“. Das geschieht in der Erwartung, daß diese Frage nicht gestellt wird, aber unter Vorbereitungen, die für die Spitze der westlichen Eliten noch akzeptable Bedingungen aufrecht hält, in Falle eines russischen „Ja“ zu antworten: „Na gut“.

Dasselbe in eine andere Formel gefaßt: Der „Feind“ ist stets und immer noch der Klassenfeind, und zwar der Klassenfeind der Eliten in jedem Staatswesen des Globus (vielleicht mit der einsamen Ausnahme Japans, dort scheint es sowas Weltliches nicht zu geben). Die verschiedenen Formationen der Sklaverei geben die Ansprüche der Herren nicht mehr her, die ihnen aus ihrem eignen Status erwachsen sind, ihre Feindschaften untereinander sind nur eine Erscheinungsform davon.

Das macht eine sachgerechte Antwort der Sklaven auf die Kriegserklärung an sie zugleich kompliziert und furchtbar einfach. Sie lautet nämlich einfach: NEIN

Ein anderer Leser:
„Im engen und wörtlichen Sinne geht daher das Drohszenario des
„Kriegs in Europa“ von Russland aus! Die taktischen Mittel des in Europa
begonnenen Krieges sind auf ein „Endspiel“ berechnet, das die Führung
der russischen Föderation (!) in eine Lage bringt, aus der heraus
Goebbels einst rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“.“
Kapier ich nicht.

Antwort:
Das ist die Antwort auf „Horrorvorstellung“, „Supergau“ und „ausgedehnteren Krieg“. Damit sagt yx – polemisch gefasst –  wie jeder Bild- und Spiegelleser, der die Mitteilungen seiner Herren zur Kenntnis genommen hat:

Okay, ich weiß, Krieg is‘. Aber’s könnt doch schlimmer kommen, nicht?

Daran schließt sich gewöhnlich an:

Aber das könnt ihr ja wohl nicht wollen, oder?

Dahinter folgt mehr oder minder klammheimlich – meistens gar nicht klammheimlich – ein:

Aber bei dem Putin, da bin ich mir nicht so sicher …

Der Bürger setzt seinen Maßstab vom „Eingemachten“ und „Überleben“ in die politische Lage ein, er bleibt selbst dann noch politisiert, wenn er am Horizont als ein „homo politicus“ in Frage steht, und genau so wird er zur Manövriermasse einer Herrschaft, die den Maßstab des „Eingemachten“, des „Überlebens“ auf der Ebene der Eliten, wo es um Erhalt oder Untergang der Institute der Macht geht, dem erklärten Feind aufmacht. Ein Volk, das „nur keinen Krieg“ will, wird auf diese Weise zur Waffe seiner Herren, es räumt ihnen einen beträchtlichen Teil der Freiheit ein, dem erklärten Feind – statt der eigenen Klasse und dem eignen Stand – die Entscheidung aufzubürden, ob und wann es „um’s Ganze“ gehen wird.

Natürlich ist meine Darstellung eine verdrehte Weise, zu sagen: Hey, ihr, wir müssten mal den Krieg wollen. Den Klassenkampf nämlich, und wenn die Herren darauf den Krieg antragen, ja, dann auch den Klassenkrieg. Aber abseits einer winzigen Klientel ist das halt nicht mehr auf unverdrehte Weise zu sagen. Zum ’sagen‘ gehören ein paar mehr, als Zweie.

Seufz

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10 Antworten zu „Krieg und Frieden“

  1. Berengar schreibt:

    »vielleicht mit der einsamen Ausnahme Japans, dort scheint es sowas Weltliches nicht zu geben«

    Magst Du das etwas näher erläutern?

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    • tgarner9 schreibt:

      :) Nö. Ich hätte das besser gestrichen. Ich hatte bis 2008 ausführliche Berichte eines zeitweiligen österreichischen Emigranten, einer Blogbekanntschaft, aus Japan verfolgt und auch diskutiert. Irgendwas muß 2014 diese Berichte und Gespräche getriggert haben. Aber da ist nichts, was ich außerhalb dieses Zusammenhanges von 2007/8 zur Weitergabe taugte.

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  2. Berengar schreibt:

    Dafür habe ich auch was, ebenfalls ein Gesprächsausschnitt, in meinem Fall mit einem US-Genossen.

    Ausgangspunkt: Einerseits begreift er sich als „socialist“, gleichzeitig bekommt er aber ständig Haue von seinen Genossen, weil er John Bolton und seine Politik unterstützt. Er fragt sich jetzt, wo der Widerspruch liegt.

    »I support worker cooperatives and socialized medicine. Top tax rate of 70%. JFK and Harry Truman were for aggressive American military intervention, as was LBJ. Why can’t I share their hawkish views?«

    Meine vorläufige Antwort:

    »Why would you? How does supreme American military might crushing other countries help worker cooperatives, socialised medicine, a reasonable tax rate end everything else you support domestically?

    It just doesn’t make any sense, not even remotely. Even a simple insight shows it: If the US were to slash annual military funding by even a quarter, it could pay for every domestic policy you just endorsed. That’s exactly why it won’t happen: The military budget along with the „War on Drugs“ and the prison-industrial complex are the mainstays of class warfare. Which you, as a dedicated hawk, completely endorse and sign off on.«

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    • tgarner9 schreibt:

      Du willst sagen, Berengar, das sei eine wenig oder gar nicht „verdrehte“ Weise, zu sagen, was ich im Eintrag sagte?

      Nun, ich will das nicht leichtfertig von der Hand weisen, aber bestreiten tu ich’s.
      Du bestätigst den Staatsidealismus der Sozialisten, an dem Du ansetzt. Und dieser Idealismus, der Vorstellung, Staatswesen seien „eigentlich“ für etwas anderes da, als sie sind, oder könnten es zumindest sein, wird, ist er einmal gefasst, unter kriegerischen Szenarien nur immer beharrlicher und unbeirrbarer. Ich habe diesen Teil der Schleife zwischen 1976 und 1990 durchlaufen – bevor der zweite Golfkrieg und die ersten Schlächtereien in Jugoslawien den Blütenträumen ein Ende setzten. Muß ich nicht mehr haben.

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      • Berengar schreibt:

        Nein, ich schrieb es hier, weil ich genau so einen Einwand wie Deinen hier lesen wollte. Ich weiß nicht, ob das lustig klingt, aber es ist so.

        Das Ding ist: Ich beneide Dich darum (wohlgemerkt: ohne Dir neidig zu sein!), daß Du den Scheiß und die Fallstricke schon Jahre hinter Dir hast, die Leut‘ wie ich noch vor mir haben. Es ist nämlich eine Heidenarbeit, in die nicht reinzulatschen.

        Übrigens ist das einer der Gründe, wieso ich Einträgen wie diesem hier mehr abgewinnen kann als den neuesten Statusberichten von der „Front“. Die lese ich zwar auch, aber in erster Linie, um einen leidlich klaren Kopf zu behalten. Die Arbeit wartet aber hier oder bei noch dickeren Brettern wie neulich (Musik, Zahl, Bewegung).

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  3. BC schreibt:

    Für euch beide

    Hyperion an Bellarmin
    Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen.
    Fern und tot sind meine Geliebten, und ich vernehme durch keine Stimme von ihnen nichts mehr.
    Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfenning reicher gemacht.
    Ruhmlos und einsam kehr ich zurück und wandre durch mein Vaterland, das, wie ein Totengarten, weit umher liegt, und mich erwartet vielleicht das Messer des Jägers, der uns Griechen, wie das Wild des Waldes, sich zur Lust hält.
    Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch, heilige Erde! Noch rauschen die Ströme ins Meer, und schattige Bäume säuseln im Mittag. Der Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die Fülle der allebendigen Welt ernährt und sättiget mit Trunkenheit mein darbend Wesen.
    O selige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels ist in den Tränen, die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.
    Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft mir um die Brust spielt. Verloren ins weite Blau, blick ich oft hinauf an den Aether und hinein ins heilige Meer, und mir ist, als öffnet‘ ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit.
    Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.
    Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.
    Eines zu sein mit Allem, was lebt! Mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den Zepter weg, und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewigeinigen Welt, wie die Regeln des ringenden Künstlers vor seiner Urania, und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft, und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit und ewige Jugend beseliget, verschönert die Welt.
    Auf dieser Höhe steh ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines Herzens Asyl, die ewigeinige Welt, ist hin; die Natur verschließt die Arme, und ich stehe, wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.
    Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben.
    Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne.
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein mißratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.

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  4. BC schreibt:

    Ja eben, Zeit für die Gesänge des Hölderlin.

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