Bemerkung zum Thema „Inquisition“

Meine Antwort auf Berengars Frage war sehr unzureichend. Ich habe das praktische Problem, daß „Inquisition“ sowohl ein historischer Begriff, wie ein moralisch-ideologischer Urteilstitel ist, der zu einer Reihe von Phänomenen ausgegeben wird. Dafür kann ich nichts, umso weniger, als diese beiden Seiten historiographisch zusammen gehören. Sie auseinander zu trennen, um sie korrekt zusammen zu führen, erforderte jahrelange Arbeit und eine Stellung als wissenschaftlicher Geistesarbeiter, die ich nicht habe. Ich verwende den historischen Begriff „Inquisition“, weil ich eine Menge über ihre Gründe und ihre Dynamik weiß und auf dieser Grundlage zu dem Schluß gekommen bin, er taugt nicht nur als ein Vergleich mit rezenten Phänomenen, bezeichnet vielmehr eine identische Erscheinungsform gleichartiger Bewegungen. Sie in der rezenten Form begrifflich vorzustellen geht noch nicht, weil die Sache in voller Entwicklung ist.

Deshalb greife ich jetzt nur einen wesentlichen Punkt in sehr allgemeiner Form heraus.

Die Vatikanherrschaft in den feudalistischen Monarchien und Fürstentümern war bis zum Hochmittelalter in mehrfachen Formen eine Produktivkraft feudalistischer Ausbeutung. Sie tradierte einen Rumpfbestandteil der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, sowie – damit verknüpft – der urbanen Herrschaft über die rurale Produktion aus dem römischen Reich in dessen westeuropäische Zerfallsprodukte.

Diese Produktivkraft begann schon während des Spätmittelalters über der eigenständigen Produktivkraftentwicklung des Feudalsystems und der wachsenden Rolle des Handelsverkehrs nach Osten sowohl nach der ökonomischen wie militärischen (herrschaftstechnologischen) Seite zugrunde zu gehen. Das trennte den Kopf der Vatikanherrschaft von ihrem Rumpf bis in die ruralen und kleinstädtischen Klöster hinein. Der Kampf der Inquisition um Bestimmungsmacht richtete sich daher in erster Linie gegen den Korpus der Kirchenmacht selbst. Das heißt, sie versuchte sich derselben Dynamik, die sie verursachte, und gegen die sie militärisch vorging, zu bedienen. Wie anders, dazu gab es keine Alternative. Die tradierte Einheit des römischen Imperiums blieb nach der Seite der Herrschaftstechnologie und des Handelsverkehrs eine kaum verzichtbare Ressource für die feodalen Instanzen und ihre Gegensätze untereinander, obwohl sie in zunehmendem Maße nurmehr eine äußere Klammer, und damit zur Schranke für die Produktivkraftentwicklung in jedem einzelnen Herrschaftsterritorium wurde.

Daher das Phänomen, daß der inquisitorische Kampf und Krieg um Bestimmungsmacht praktisch ausschließlich in der Form eines Kampfes um Deutungshoheit über spirituelle Instanzen geführt wurde. Platt gesagt: Er wurde theologisch wahn-sinnig.

edit: Ein paar weitere Sätz dazu in der „Zusatzbemerkung“ des Eintrages Wer ein „Verschwörungstheoretiker“ ist und wer nicht (2,1).

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2 Antworten zu Bemerkung zum Thema „Inquisition“

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