Imperiale Eliten im Inquisitionskrieg – Materialsammlung (1)

Ich kann bis Mitte Mai aus persönlichen Gründen keine „runden“ Einträge schreiben (wann in den letzten 6 Monaten hätte ich das getan, anyway), es bleibt einstweilen bei Notaten.


After visiting Douma, western media begin to question ‘gas attack’ narrative, titelt Russia Today. Das ist nicht mal eine Halbwahrheit. Im Gezerre um Deutungsmacht spielen Zweifel an der Korrektheit des Anlasses für den Inquisitionprozess gegen Assad und Putin im UNSC, der dem Autodafé in Form einer TV-Reality-Show voraus ging, eine Rolle, soviel ist wahr, doch schaut euch zwei schlagende Beispiele dafür an, wie das geschieht:

Zu angemessen ausführlichen Kommentaren habe ich keine Zeit, daher nur die Hauptpunkte:

  • Beide Zweifler legitimieren und bekräftigen das Institut und die Hoheit der Inquisition.
  • Ihre Angriffe auf die Integrität der Großinquisitoren und ihre Verfahrensführung begegnen dem Argument, die Häscher der Inquisition und ihre Methoden seien zu heiligen, ergänzt um schwach verhüllte Drohungen gegen die Zweifler.
  • Lord West akzeptiert die Heiligung, besteht lediglich darauf, daß diese sich auch auf die Integrität der Zeugen der Inquisition zu erstrecken habe.

Die Interventionen von Robert Fisk und des OAN (One America News Network), auf die sich die Kriegsgegner beziehen, fügen sich prächtig zum letzten Punkt.

(edit: es war hier eine Zusatzbemerkung am Platz und kaum verzichtbar, die ich im 2. Kommentar nachgetragen habe)


Hat sich einer von euch schon mal überlegt, woher das Phänomen des Satanismus kommt? Die englische Wiki enthält immerhin ein paar wenige Splitter dazu. Im oben vorgestellten Zusammenhang sollte erkennbar werden, daß Assad und Putin des Satanismus beklagt sind. Sicher wird jemand einwenden, es sei mindestens einzuschränken, daß die Anklagen in einer Grauzone zwischen einem moralpolitischen Titel und theologischer Verdammung angesiedelt sind, und das ist nicht falsch. Aber diese Ambiguität ist unhaltbar. Das Interview mit Lord West zeigt dies sprechend. Seine Verdammung Assads und des „putinistischen“ Russlands läßt keinen Pfad zur Realpolitik mehr offen – lediglich eine Bemessung der Verfahrensführung der Inquisition an strategischen und taktischen Kalkülen. Genau so verfuhr die historische Inquisition.

Den allgemeinen Grund des Phänomens habe ich in der geboten abstrakten Form hier benannt. Ich zitiere den Abschnitt dazu:

In der gegen alle Gegensätze und Widersprüche gesetzten Idealität des Gebotenen (des Sollens, das der Geltung der herrschaftlichen Institute aus den Wechselfällen der Konkurrenz und der technischen Entwicklung zuwächst) [sind] die gültigen Zwecke nebst ihrem Zusammenhang (ihren Gründen) ersetzt durch ihr Verhältnis zum Gesetz: die Relation des Guten und des Bösen.
Die rationelle Subjektivität der Urteile „gut“ und „schlecht“ – d.h. nützlich und schädlich – wird objektiviert. Die falsche – weil die Widersprüche gewaltsam vereinigende – Allgemeinheit erscheint darin als Reich des Absoluten: Gott, das Wahre, das Gute, das Schöne, das Menschliche.

Dies Reich ist die monotheistische einzige Einheit (ja, so tautologisch ist das in fact) innerhalb deren die theistische Singularität hockt. Alles Säkulare ist eine Abspaltung der Singularität, folglich Erscheinungsform derselben. Thomas von Aquin auf die Frage, was Gott gemacht habe, bevor er die Welt erschuf: Da hat er die Hölle gemacht, für Leute, die solche Fragen stellen. Konkret: Jede Inquisition führt gegen sich selbst und nur gegen sich selbst Krieg, indem sie ihre Feinde entheiligt. Mit jedem Autodafé verliert sie an selbsterschaffener Substanz.


Hat Putin das begriffen? Wahrscheinlich. Putin Still Wants Deal With Trump, Even After Sanctions, Syria AttackRussia Puts Planned Retaliation for U.S. Sanctions on Slow Track. Womit ich immerhin einen zittrigen Rundschluß zum eingangs vermerkten RT-Artikel hingebogen hätte.

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2 Antworten zu Imperiale Eliten im Inquisitionskrieg – Materialsammlung (1)

  1. tgarner9 schreibt:

    Über die eher säkularen, „McCarthistischen“ Erscheinungsformen der Hexenjagden, wird man, vermute ich, nur in regionalen und institutionellen Publikationen zu lesen bekommen. Dies Beispiel mag deshalb für alle gelten:
    High-ranking UK academics are accused of ‘spreading pro-Assad and Russian conspiracy theories around British universities’

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  2. tgarner9 schreibt:

    Zu Rand Paul’s wiederholter Verwendung der „Slam Dunk“ Metapher:
    https://russia-insider.com/en/politics/obama-now-admits-it-us-intelligence-did-not-say-assad-was-definitely-responsible-chemical
    Man erkennt da, denke ich, sehr klar den Unterschied zwischen päpstlicher Lenkung (ja, Obama, glühender Bekenner des „american exzeptionalism“ verstand sich in letzter Instanz als Stellvertreter Gottes) und inquisitorischer Leitung. Für beide gibt es einzig diejenigen Tat-Sachen, welche sie selbst setzen (souvereign facts), aber die päpstliche Lenkung „exkommuniziert“ keine ordinär „weltlichen“ Tat-Sachen, referenziert sie vielmehr.

    Die Folgerung, die der Russia-Insider verpasst, lautet: Obama bekennt in dem Interview, daß, warum und wozu er Putin 2013 und die russischen Streitkräfte zur Syrienintervention 2015 kooptiert hat. Putin befehligte mit den unverzichtbaren Freiheiten der Russischen Regionalmacht eine Luftwaffe Obamas gegen die Zerfallserscheinungen des Imperiumszentrums im Verlaufe des Syrienkrieges. Es ist völlig in Ordnung, wenn man heute sagt, das syrische Autodafé richte sich (noch immer) gegen Obamas Luftwaffe in Syrien.

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