Archiv – „Die USA. Unzureichende Bemerkungen“

Erstmals erschienen 2011-08-06. Unwesentlich redigiert.

Meines Erachtens sind die Vereinigten Staaten ein faschistisches Staatswesen – wenn auch gewissermaßen auf idiosynkratische Weise – seit sie die Rolle der führenden Metropole des imperialistischen Weltmarktes von den Briten übernahmen. Technisch gesprochen also seit dem offiziellen Eintritt in den WKII und das ist: Pearl Harbour!

Vielleicht lag der Übergang auch schon im „New Deal“, doch meine historiographischen Kenntnisse reichen nicht, das zu prüfen.

Einwände sind leicht zu haben. Die mir persönlich wichtigen kommen von Leuten, die auf die Freizügigkeit in den USA verwiesen und pochen, auf die Freizügigkeit der Rede und die der zahlreichen Neben- und Gegenkulturen zumindest in einigen Regionen und den großen urbanen Zentren. Nirgendwo sonst, hieß es oft, seien die Impulse „fortschrittlicher“, „freiheitlicher“, „alternativer“ Gegenbewegungen, Kulturen, Theorien etx., bis hin zu echtem Widerstand, lebenskräftiger und produktiver gewesen, als in den Vereinigten Staaten, und das gelte bis auf den Tag.

In meinen Augen ist das kein Einwand, sondern basiert auf nämlicher Idiosynkrasie, deren „materielle“ Grundlage die völkische Geschichte der USA ist. Es ist die Geschichte von Einwanderern, die, je nach Herkunft, in der Masse erst zwischen 3 und 10 Generationen alt ist, nur wenige Familien sind seit 15 Generationen im Land.
Und, ebenso systembildend, diese Einwanderer besetzten ein Territorium, dessen genozidale Räumung von Eingeborenen erst seit knapp 5 Generationen abgeschlossen ist.
Alle Traditionen in den USA, deren Wurzeln älter als vier Generationen sind, beruhen auf dieser Eroberung, auf dem sogenannten „Pioniergeist“, der die Gegensätze zwischen Klassen, Ständen und Kulturen überbrückte, selbst dann noch – und dies ist das Entscheidende! – wenn sie deshalb nicht suspendiert wurden, sondern ausgetragen.
Wenige Kriege, um ein Beispiel zu nennen, sind mit dem kompromisslosen Willen zur Vernichtung und Auslöschung geführt worden, der die großen Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs prägte. Der maßgebliche Grund dafür war, daß er um die Deutungshoheit geführt wurde, was als „amerikanisch“ zu gelten habe und ein Feind beider Fraktionen auf dem Schlachtfeld abwesend war: Die Europäer. Deshalb teilte der Krieg das Land nicht auf Jahrhunderte, wie weitläufig ähnliche Kriege im zerfallenen römischen Imperium, der römische Reiche germanisch / keltischer Nationen aushob. Es gibt nur eine amerikanische Nation, und die Nordstaatler lieben die Südstaatler mit einer Spur Herablassung, während die Südstaatler die Nordstaatler ehren, mit einem kräftigen Schuß Arroganz.
So prägt der „Pioniergeist“, die Einigkeit der Eroberer selbst noch dann, wenn sie einander massakrieren, auch die jüngere amerikanische Kultur und wurde in das religiös gefärbte Gefühl der Überlegenheit transportiert, das ein patriotischer Amerikaner den Angehörigen älterer Kulturen „in aller Bescheidenheit“ entgegen zu bringen pflegt, er, der nicht nach Abstammung, doch kraft der Identitätsstiftung, die er der subalternen Teilhabe an der Geschichte der Vereinigten Staaten entnehmen will, Angehöriger des „wahren Volk Gottes“ ist. Religiösität zeigt in den USA ihren einfachen nationalistischen Gehalt vor, auch über die Konfessionen hinweg (1), und das machte das Christentum zur mächtigsten Integrationskraft für die schwarze Sklavenbevölkerung, deren „Befreiung“ bis auf den Tag, zumindest regional, eine „Bereifung“ geblieben ist: Es sind „Bürger erster Klasse“, aber sie tragen einen imaginären Sklavenring.

Die angedeutete Geschichte des amerikanischen Patriotismus liefert die spezifischen Muster und die integrative Passform der fiktiven Verschmelzung von Bourgeois und Citoyen, die politisch als „Faschismus“ auftritt. Sie enthält ein Moment, das in Europa stets unterentwickelt blieb, weil es sich, kaum trat es auf, auch gleich in die bürokratischen und völkisch-nationalistischen sowie regionalistischen Traditionen der Institute der Klassenherrschaft fügte, indem es dieselben zu usurpieren trachtete:
Die Initiative und „Selbstverantwortung“ des „Volksbürgers“, die in den USA gern in den Ritualen der Religösität auftritt, aber bei weitem nicht nur in ihnen, sondern z.b. die Charaktere der Massenkultur, v.a. Hollywoods, bis ins Mark prägt. „Terminator III“ ist eine ganz lustig gemachte Gestaltung davon. Die patriotische Selbstverantwortung des US-Amerikaners ist basismilitärisch eingehegt, von Polizei, Milizen, aber vor allem von seinem Volksgenossen! Vom privaten, rachsüchtigen und bewaffneten Rechtsbewußtsein der Mitbürger.

Dies Moment trat auf dem alten Kontinent in Separatkulturen auf, z.b. in den faschistoiden Jugendbewegungen des frühen 20. Jhd., in Geheimlogen, schließlich in mehr oder minder klandestinen Volkskampfgruppen, die nach kurzer Zeit, unter notfalls physischer Eliminierung unbotmäßiger Reste, in „Sondertruppen“ der jeweiligen Staatswesen überführt wurden. Im Falle Deutschlands bildete das den wesentlichen Teil der Vorgeschichte der SA und SS (2).
In den USA gab es meines Wissens vor allem zwei nennenswerte Entsprechungen dieser europäischen Formen, den KuKluxKlan und etliche Abteilungen der Mafia, die wiederum zu Teilen in der US-Gewerkschaftsbewegung aufgingen. Ansonsten handelte es sich um „Freundeskreise“, die sich im FBI und allen anderen Diensten, sowie in den Parteien, Ministerien und den ihnen angegliederten Lobbyorganisationen zusammen fanden.
All das macht das tragende faschistische Grundmotiv und -konstrukt der US-Gesellschaftsformation unschlagbar simpel:

Es gibt gute und schlechte Amerikaner.
Punkt.

Dies war und blieb der Rahmen, in dem sich die ganze Vielfalt der amerikanischen Gegenkulturen und ihre pluralistische Inelligentia zu bewegen hatten und überwiegend ganz freizügig in ihm hielten. Um den Rest kümmerten sich ggf. die angesprochenen patriotischen Kräfte, oft einfach bloß ein lokaler Cop. Die lokale Polizei knallte regelmäßig Leute, die der örtlichen Bevölkerung zwanglos als „schlechte Amerikaner“ zu verkaufen waren, einfach über den Haufen. Die „Hippie“ Subkultur, die „68-ger“ der USA usw., wurde deshalb von „Easy Rider“ und den Kindern Henry Fondas nicht schlecht repräsentiert. Es ging um eine Neudeutung des „guten Amerikaners“, und Teilnehmer an ihr, die das nicht wahrhaben wollten, wurden leicht mal verrückt oder brachten sich um die Ecke, bevor es ihnen klar werden mußte …

Spätestens seit 9/11 ist alles etwas anders, und die lange Vorrede dient mir jetzt nur der Präsentation zweier Phänomene.

Das erste zeigt ein Artikel in „Global Research“ über die Aktivitäten des Teils der US-Friedensbewegung, die sich anläßlich des Libyenfeldzuges um die ehemalige Kongressabgeordnete Cynthia McKinney geschart haben.
Anti-war & Black activists unite against Libya war: Cynthia McKinney Tour now to 19 cities
Gegen das Urteil über diesen Krieg, dem McKinney Geltung zu verschaffen sucht, ist nichts einzuwenden. Es bleibt freilich im oppositionellen Rahmen, den Einwände eines Bürgers gegen die Pläne seiner Staatsmacht mit ihm in sich tragen. Das Urteil lautet:
„(McKinney)and other speakers characterized the attack on Libya as a “racist war” that is part of an imperialist strategy to recolonize Africa.“
Thats it, jawohl, ungeachtet des Umstandes, daß jemand, der den Standpunkt bürgerlicher Empörung überwinden will, die ihre Wurzeln in der Überzeugung hat, eine Unterwerfung von Bürger und Staatsmacht unter „das Recht“ sei billig und notwendig,  sich einen Begriff vom Rassismus zu machen hat, den die Herrschaft der Konkurrenz von Privateigentümern teils aus vorbürgerlichen Gesellschaften tradiert, teils neu gebiert.

Doch was der Artikel summarisch demonstriert, wenn man ihn gegen Veränderungen im Institut der demokratischen Öffentlichkeit sowie die erklärten Pläne, Absichten und Maßnahmen der Administration hält – ich nenne beispielhaft die „Affäre Bin Laden“, sowie das täglich getreulich berichtete Schlachten in Pakistan und Afghanistan – ist der Fortschritt einer neuen, diesmal anders gearteten Faschisierung, die in den USA seit 9/11 unterwegs ist und in der vorsorglichen Erbauung von Internierungslagern für etliche Millionen Menschen, sowie Plänen für eine bedarfsweise Angliederung Canadas an die USA ihre Perspektive zeigen. Die bürgerlichen Stände, bis in die Spitzen der Elite hinein, wurden an der Agenda der Kriegspolitik des Imperiums und der dazu notwendigen vollständigen Zurichtung des Landes auf die Kriegsökonomie gespalten. Diejenigen abgespaltenen Kräfte, die Leute wie McKinney und andere, im Artikel genannte, vertreten wollen, haben ohne Unterstützung wohlorganisierter, auch wohlbewaffneter Teile des Proletariats und des bürgerlichen Plebs, für die es längst zu spät sein dürfte, kein anderes Geschick zu erwarten, als bei Bedarf physisch eliminiert zu werden, wenn ihre Marginalisierung der heimlichen Militärregierung nicht ausreicht.

Ein Dokument dieser jüngsten Geschichte des US-Faschismus und seiner Beschleunigung, und mein zweiter Punkt, ist die „Absage“ eines ehemaligen Spitzenbeamten und späteren Spitzenjournalisten des „alten“, des Imperiums vor 9/11, Paul Craig Roberts, ehemals Mitherausgeber des Wall Street Journal, an publizistische Tätigkeit im „Mainstream“, aus der ich einige Absätze zitieren will:

„(…) Truth is an unwelcome entity. It is disturbing. It is off limits. Those who speak it run the risk of being branded “anti-American,” “anti-semite” or “conspiracy theorist.”
Truth is an inconvenience for government and for the interest groups whose campaign contributions control government.
Truth is an inconvenience for prosecutors who want convictions, not the discovery of innocence or guilt.
Truth is inconvenient for ideologues.
(…)
Wherever money is insufficient to bury the truth, ignorance, propaganda, and short memories finish the job.
I remember when, following CIA director William Colby’s testimony before the Church Committee in the mid-1970s, presidents Gerald Ford and Ronald Reagan issued executive orders preventing the CIA and U.S. black-op groups from assassinating foreign leaders. In 2010 the US Congress was told by Dennis Blair, head of national intelligence, that the US now assassinates its own citizens in addition to foreign leaders.
When Blair told the House Intelligence Committee that US citizens no longer needed to be arrested, charged, tried, and convicted of a capital crime, just murdered on suspicion alone of being a “threat,” he wasn’t impeached. No investigation pursued. Nothing happened. (…)No one in government is in any trouble over the assassination of U.S. citizens by the U.S. government.
(…)
America’s fate was sealed when the public and the anti-war movement bought the government’s 9/11 conspiracy theory. The government’s account of 9/11 is contradicted by much evidence. Nevertheless, this defining event of our time, which has launched the US on interminable wars of aggression and a domestic police state, is a taboo topic for investigation in the media. It is pointless to complain of war and a police state when one accepts the premise upon which they are based.
(…)
The militarism of the U.S. and Israeli states, and Wall Street and corporate greed, will now run their course. As the pen is censored and its might extinguished, I am signing off.“

Roberts ist ein unverbesserlich bürgerlicher Idiot, aber auf seine nur allzu normale Weise eine „ehrliche Haut“. Seine Eliminierung aus der Geschichte der USA ist ein folgenloses Ereignis, das von einem Erdrutsch in der politischen Architektur dieses Landes zeugt, auch wenn der nur eine späte Konsequenz von etwas sein könnte, das mit Pearl Harbour begonnen haben mag.

(1) All dies gehört zum kulturellen, teilweise auch „materiellem“ Substrat von etwas, das vielen Leuten als „jüdisch – amerikanische Weltverschwörung“ gilt, was freilich den Begriff der Sache, den ich hier nicht gebe, nicht trifft. Zum „materiellen Substrat“ gehören das Dasein und die Traditionen einer vorstaatlichen paternalen, clanbildenden Elite. Weil und insofern solch eine Elite ein Staatsprojekt militärisch und ökonomisch ins Werk setzt, ist sie in ihrer Gesamtheit in einem vorkapitalistischen Sinne Eigentümer des Staates, den sie gründen, ja der ganzen Gesellschaft, deren Entwicklung sie anstoßen, während ihre Nachkommen als „primes inter pares“ an dieser Entwicklung partizipieren. Eigentum, sagt Marx in den „Grundrissen“, sei „ursprünglich“ nichts weiter, als das „doppelte Dasein“ eines gesellschaftlichen Menschen, nämlich einmal leiblich, als er selbst, und dazu in den außerleiblichen und dinglichen Voraussetzungen und Gegebenheiten des gesellschaftlichen Zusammenhanges, in dem und von dem er lebt. Deshalb ist das Zusammenfallen von Citoyen und Bourgeois in dem Dasein und dem Bewußt-Sein solch vorstaatlicher Eliten nur in dem Sinne „fiktiv“ zu nennen, daß der Staat, den sie gemeinsam ausheben, noch in der Entstehungsphase befangen ist. Andersherum: Die angestrebte monopolistische Souveränität der über den Individuen errichteten Macht hat noch nicht die Selbständigkeit der subsummierten und zu betreuenden gesellschaftlichen Zusammenhänge, sondern hat noch eine freies Dasein im Gemeinschaftswillen und -handeln der staatsbildenden Elite(n), also auch der persönlichen Souveränität derer, die ihr angehören. Dies schließt die Traditionen vorbürgerlicher oder frühbürgerlicher Patriarchate mit den modernen Staatswesen zusammen. Die geistigen (geistlichen) wie militärischen („terroristischen“, jede Staatsbildung ist terroristisch) Führer des Zionismus und die staatsbildende Elite der USA sind auf den Ebenen der Traditionen wie der materiellen Gesellschaftszusammenhänge vielfach verflochten und miteinander verstrickt.
Zum Verhältnis von Bourgeois und Citoyen, dem Verhältnis von Fiktion und Realität und manch anderem in dem Zusammenhang lese man auch Marx Anmerkungen „Zur Judenfrage“.
(2) Hier weiß ich auch biographisch, wovon ich rede. Meine Familie hat einen jüdischen und einen „arischen“ Zweig, und einer meiner Großonkel war in die Kämpfe um die Verstaatlichung der Gruppen, aus denen die SA sich zum Teil rekrutierte, verstrickt. Er wurde ermordet.

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Eine Antwort zu Archiv – „Die USA. Unzureichende Bemerkungen“

  1. tgarner9 schreibt:

    Zufällig stieß ich soeben auf einen aktuellen Bericht über den Fortbestand des Siedlerfaschismus im american way of life, der seine selbstreferentielle Persistence frappierend vorführt. Der ausführlichen Darstellung eines Ausschnittes aus der Unbill, die den Opfern widerfahren kann folgt folgender Abschnitt:

    … this author asked [Nico] what he believes can be done to change the horrendous status-quo. He told us that he believes federalizing education would be the only realistic way to begin to change minds, which could then help change systems and structures for the better. He spoke again on the problems stemming from highly localized police forces that seem to operate virtually autonomously, with horrendous practices within individual counties seeming to rise above the law – or at least to slip invisibly through the cracks of the larger state and federal systems.

    In meiner Diktion abgekürzt: Es gibt gute und schlechte Amerikaner.
    Punkt.
    .
    Das mag illustrieren, was einem US-Bürger geschehen kann, fast muß, der diesen Kinderglauben an die Nation und sich selbst als eines ihrer Glieder aufgibt. Aufgibt, nicht „verliert“. Solch ein „Verlieren“ gehört diesem eigentümlichen Zirkel an. Der „skeptische“ US-Bürger ist immer noch Amerikaner, wenngleich schlimmstenfalls ein „schlechter“. Wer vom Glauben abfällt ist nicht nur gar kein Amerikaner (mehr), er wird sich mehr oder minder als ein Tier unter Schimären vorkommen, unter Wesen, deren irdisches Dasein in jedem Aspekt, der über Saufen, Fressen, Ficken hinaus geht, und nicht selten bis in diese „Tätigkeiten“ hinein, Erscheinungsweise eines himmlischen Lebens wird, weil es das sein soll.

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