Archiv (gegen die Trumpomania) – „Obama und der Kreuzzug der Vereinigten Staaten“

Erstveröffentlichung Januar 2009

Die Amerikaner lesen nicht gerne. Entweder war ich zu doof, das Nest mit Transkripten der Reden Obamas zu finden, oder es gibt so wenig davon, daß sie im Datenchaos schwer zu greifen sind. Anyway, in dem, was ich las und hörte, schienen mir die Mantras kenntlich genug. Zunächst die zivile Abteilung.

Da steht an oberster, übergreifender Stelle: nationale Einheit.
Einheit über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg, das ist der harte, grundlegend faschistische Kern aller bürgerlichen Herrschaft, die diesen Namen verdient, also einer, die mehr ist, als eine stets bedrohte militärische Usurpation. Nichts Ungewöhnliches also, wäre da nicht dieser Nachdruck und die ständige Variation und Reminiszenz in allen Themen. Auffällig, wie Obama das Mantra auch auf seinen eigenen Wahlkampf anwandte. Die Aufzählung von Sünden der Bush-Administration fiel in den Beispielen deutlich aus, ja, aber notorisch kurz. Rasch pflegte Obama den Übergang zur in seinen Augen größten Sünde zu machen, die Schwächung der Einheit der Nation, in Gestalt der Schwächung ihrer Ideale und damit der Mobilisierungskraft des Volkes.
Nicht die Abscheulichkeit der Folter, etwa, ist nach dieser Logik die Sünde, die den Hörern im Gedächtnis bleiben soll, im Gegenteil. Die Beschädigung des Lebens und der Lebenskräfte lebendiger Menschen durch politische / militärische Ein- und Zugriffe, die Umgehung und Abschaffung rechtstaatlicher Verkehrsverhältnisse und die Rücksichtslosigkeiten der Bush – Administration, die viele Zuhörer motiviert hatten, Hoffnungen in Obama zu setzen, sollten für einen anderen Schaden stehen, einen, den die Nation genommen habe, in Gestalt „ihrer“ Beschämung, der Demoralisierung und Spaltung des politisierten Volkes – einem Niedergang der Nation.

„For a stronger union!
We all want the same: a better future for our country, for our children“

Flugs ist der Niedergang in eine Chance umgedeutet, die zu ergreifen nur eines nötig ist – Obama wählen.
Denn Obama ist nicht Bush.
Und Obama bemühte sich nach Kräften, für den „Change“ kaum mehr und anderes moblisieren zu müssen, als seine Hautfarbe, seine Jugend, seine Lebensgeschichte, und die lebendige und geschickte Weise, sie zu erzählen. Die neue Einheit der Nation, das IST Obama. Sieht man doch, oder etwa nicht?!

Den vielleicht donnernsten und längsten Applaus in der Kampagne erhielt Obama für diese Formel:

AMERICA IS BETTER!
Better than in the past eight years!

Was würdet ihr denken, wenn sich .. na, sagen wir ein Lafontaine hinstellte und euch andonnerte

DEUTSCHLAND KANN MEHR!

Ihr wäret ein klein wenig irritiert, nicht wahr?

Natürlich versprach Obama auch was, nannte die ganze Palette des „better off“ als Ziele, einschließlich „anständiger“ Löhne und „würdiger“ Pensionen. Auffällig aber der obstinate Akzent auf Gesundheitswesen, Bildung, Erziehung. Medical care and education, mit dieser Formel schien Obama nicht nur die Zuhörer, auch sich selbst geradezu hypnotisieren zu wollen.
Was auch sonst!
Wie anders kann man einer national gesinnten Wählerschaft in einer vom Zusammenbruch bedrohten und Kriegslasten überforderten Ökonomie, deren Verfall nahezu jedem täglich spürbar wird, noch Optimismus einbleuen! Hauptsache gesund! Wenigstens die Kinder! Obama kümmert sich darum.

Das Motiv bildet ein Amalgam mit einem weiteren übergreifenden Mantra, noch häufiger wiederholt. Ich hörte es in der Einleitung jeder der Reden, und mindestens ein weiteres Mal auf dem Höhepunkt.

„The whole is more, than its parts“

Die unverhohlene Drohung, die alle Versprechungen umrahmte! Die Belastung der Bürger durch ihren Staat solle und werde weiter gehen.

Einen Übergang zur Außenpolitik bot ein Bild, das zwei ganz unterschiedliche Reden nahezu unverändert illustrieren sollte.
Das Bild eines gestandenen Arbeiters, der ein oder zwei Jahrzehnte hart in seinem Job gearbeitet habe und nun zusehe, wie sein Arbeitsplatz „nach China verschifft“ werde.
Worauf er „distressed“ heim schliche, die Nachricht „seiner Familie“ zu bringen.
Die Chinesen zerstören „unsere“ Arbeit.
Die Chinesen zerstören unsere Familien.
Und das, obwohl und nachdem schon so viele Familien ihre Söhne und Väter zum zweiten, dritten, oder gar vierten Mal in den Kriegseinsatz in der Fremde verabschieden!
Der Krieg habe nichts gebracht, war die unausgesprochene Botschaft.
Im vergangenen Jahr mag sich da so mancher eingeladen gefühlt haben, zu denken, ‚also beendet Obama ihn‘. Das wissen wir schon besser, oder?

Zu diesem Thema reicht ein einziger Satz der Inaugurationsrede völlig hin:

Our nation is at war, against a far-reaching network of violence and hatred.

Punkt. Kein weiteres Wort dazu. Okay, etliche Sätze später Worte, die einen neuen diplomatischen Umgang mit der muslimischen Welt ankündigten. Doch dies steht eben unter der obigen Prämisse. Sie wiederholt in ihrer Kürze ostentativ knochenhart die Kriegserklärung George W. Bush’s an den Rest der Welt vor dem Kongress im Jahr 2001! In einer Inaugurationsrede ist das die Absichtserklärung, die Kriegsziele, die einst mit der 9/ 11 – Operation gestützt und rechtfertigt wurden, konsequenter und vor allem erfolgreicher zu verfolgen, als der Vorgänger.

Gegen wen? Na, das werden die Amerikaner schon sehen. Erst einmal hatten sie zur Kenntnis zu nehmen, daß die Kriegserklärung, anders als im Falle Bush’s, höchst offiziell an sie ergehe, an jeden einzelnen Amerikaner:

Our time of standing apart, of protecting narrow interests and putting off unpleasant decisions — that time has surely passed, starting today, we must pick ourselves up, dust ourselves off, and begin again the work of remaking America.

Obama spoke of a „new era of responsibility“ and of „our collective failure to make hard choices and prepare the nation for a new age“, kommentierte die NYT.
Im Klartext:
Georgie baby hat euch in den Krieg betrügerisch hinein ziehen und verwickeln wollen, das war falsch! Wir alle haben ihn zu führen, ihr habt ihn zu führen, jeder von Euch!
In his unflinching description of the challenges ahead,“ bemerkt der Kommentator „Obama echoed Franklin D. Roosevelt, who spoke in his first inaugural of grim „common difficulties“ that the country would conquer together.
Das geschah 1933 und die Präsidentschaft Roosevelts endete bekanntlich 1945.

Und erneut, und noch deutlicher in der Inaugurationsadresse, das Lob der Helden der Nation, die in Amerika etwas sahen, das

größer als unsere individuellen Bestrebungen ist; größer als alle Unterschiede der Geburt, der sozialen Stellung oder politischen Orientierung

Und noch einmal die Berufung des Helden, diesmal des toten Helden:

Wir ehren unsere (Gefallenen) nicht nur dafür, daß sie Wächter unserer Freiheit waren, sondern weil sie den Geist des Dienens (spirit of service) verkörpern, den sinnhaften Willen, sich einer Sache zu verschreiben, die größer ist, als sie selbst“ (a willingness to find meaning in something greater than themselves)“

Deutlicher kann man einen Weltkrieg eigentlich nicht ansagen, aber Obama war’s damit immer noch nicht genug:

And yet, at this moment — a moment that will define a generation — it is precisely this spirit that must inhabit us all.

Nichts geringeres, als eine Generation von Helden will Obama ausheben. Es sei eurem Geschmack überlassen, ob euch dazu der „große vaterländische“ (Verteidigungs!) Krieg von Väterchen Stalin einfällt, oder der „Sturm“ den das deutsche Volk „losbrechen“ werde.
Vom Sturm redet auch Obama:

America. In the face of our common dangers, in this winter of our hardship, let us remember these timeless words. With hope and virtue, let us brave once more the icy currents, and endure what storms may come. Let it be said by our children’s children that when we were tested, we refused to let this journey end, that we did not turn back, nor did we falter; and with eyes fixed on the horizon and God’s grace upon us, we carried forth that great gift of freedom and delivered it safely to future generations.

Den Versuch einer „kongenialen“ Übersetzung spare ich mir.

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Eine Antwort zu Archiv (gegen die Trumpomania) – „Obama und der Kreuzzug der Vereinigten Staaten“

  1. tgarner9 schreibt:

    2011 hatte ich ein Dokument (im Unterschied zu einer Kritik!) der ständischen Herrschaftskultur (nicht nur) Marke US hinzu verlinkt, das du durchaus mit Gewinn zur Kenntnis nehmen könntest. Es ist eine „Warnung“, die Daniel Ellsberg 1968 Henry Kissinger erteilt haben will, bevor er seine Kenntnisse über den Vietnamkrieg mit ihm teilte.

    „Henry, there’s something I would like to tell you, for what it’s worth, something I wish I had been told years ago. You’ve been a consultant for a long time, and you’ve dealt a great deal with top secret information. But you’re about to receive a whole slew of special clearances, maybe fifteen or twenty of them, that are higher than top secret.
    „I’ve had a number of these myself, and I’ve known other people who have just acquired them, and I have a pretty good sense of what the effects of receiving these clearances are on a person who didn’t previously know they even existed. And the effects of reading the information that they will make available to you.
    „First, you’ll be exhilarated by some of this new information, and by having it all — so much! incredible! — suddenly available to you. But second, almost as fast, you will feel like a fool for having studied, written, talked about these subjects, criticized and analyzed decisions made by presidents for years without having known of the existence of all this information, which presidents and others had and you didn’t, and which must have influenced their decisions in ways you couldn’t even guess. In particular, you’ll feel foolish for having literally rubbed shoulders for over a decade with some officials and consultants who did have access to all this information you didn’t know about and didn’t know they had, and you’ll be stunned that they kept that secret from you so well.
    „You will feel like a fool, and that will last for about two weeks. Then, after you’ve started reading all this daily intelligence input and become used to using what amounts to whole libraries of hidden information, which is much more closely held than mere top secret data, you will forget there ever was a time when you didn’t have it, and you’ll be aware only of the fact that you have it now and most others don’t….and that all those other people are fools.
    „Over a longer period of time — not too long, but a matter of two or three years — you’ll eventually become aware of the limitations of this information. There is a great deal that it doesn’t tell you, it’s often inaccurate, and it can lead you astray just as much as the New York Times can. But that takes a while to learn.
    „In the meantime it will have become very hard for you to learn from anybody who doesn’t have these clearances. Because you’ll be thinking as you listen to them: ‚What would this man be telling me if he knew what I know? Would he be giving me the same advice, or would it totally change his predictions and recommendations?‘ And that mental exercise is so torturous that after a while you give it up and just stop listening. I’ve seen this with my superiors, my colleagues….and with myself.
    „You will deal with a person who doesn’t have those clearances only from the point of view of what you want him to believe and what impression you want him to go away with, since you’ll have to lie carefully to him about what you know. In effect, you will have to manipulate him. You’ll give up trying to assess what he has to say. The danger is, you’ll become something like a moron. You’ll become incapable of learning from most people in the world, no matter how much experience they may have in their particular areas that may be much greater than yours.“

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