There is no such thing as „reality“ …(1)

oder: Das Elend der Philosophie ist ein Elend des Sprechens

Einleitung

Seit Jahrzehnten kommt sich TomGard nicht ganz menschlich vor. Gewiß, ich gehöre der Gattung 1 „homo sapiens“ an. In dieser Eigenschaft sehe, empfinde und weiß ich mich als ein Ding, ausschließlich Ding, das unterscheidet mich schon von den meisten von euch.

Ein Ding ist = etwas, das Du anfassen kannst. Aber ich spreche nicht von meinem Körper im geometrisch-physikalischen Sinne. Am Bezeichnensten faßt Du die Eigenschaft meiner Gattungszugehörigkeit mit meinem erigierten Penis. Tastest Du forschend darum herum wirst Du früher oder später auf ein Komplement zu diesem Auswuchs meines Körpers i.e.S. stoßen, zu dem er sich fügt. Diese Fügung zählt dann wohl zu meiner Körperlichkeit hinzu. Logisch gesagt ist sie ein Modus dieser Körperlichkeit neben anderen Modi, welche zusammen den Oberbegriff einer Dinglichkeit konstituieren, welche die Körperlichkeit i.e.S. umgreift.
Weniger speziell gilt dasselbe, wenn Du mich tastend beim Putzen, bei Gartenarbeit, beim Schreiben und jeder beliebigen anderen Tätigkeit begleitest.
Untätig wirst Du mich nie finden. Mein Atmen, das Schlagen meines Herzens und der Puls meines Blutes sind Tätigkeiten, wenngleich unwillkürliche Tätigkeiten.

An dieser Stelle kontrastiere ich meine Dinglichkeit einleitend, d.h. unzureichend, mit der eigenartigen Vorstellung, die ihr – die meisten von euch – von Seele hegt. Eigenartig ist sie schon darin, daß ihr sie gewöhnlich verleugnet.
Falls ihr mich untätig fändet, berührtet ihr nach altem Sprachgebrauch meinen entseelten Leib. Es gibt eine sehr schmale literatisch / poetische Tradition, die „entseelt“ nicht gleich „tot“ setzt, wie es strengste theologische Vorschrift war und ist. In den theologischen Seelenbegriff trat historiographisch – sprachlich also – der Begriff der Psyche ein. Im Sinne der Tradierung – das ist der rationelle, im Unterschied zu einem ideologischen Begriff von Geschichte – ist es umgekehrt, der Begriff der Psyche usurpierte den Seelenbegriff, gemeindete ihn der bürgerlichen Gesellschaft ein. Differenz und Identität werde ich später näher besprechen, vorab nur das schlagenste Moment der Identität.

Seele wie Psyche werden unfaßbar (unberührbar) vorgestellt. Die Vorstellung war und blieb ein zentrales Moment der christlichen Tradition der Folter. Sie erhielt und erhält weiter priesterliche Weihe mit dem Argument, die Seele, die Gott, nicht Menschen gehöre, sei unantastbar.
Jetzt müßtet ihr protestieren: Ja, genau im Zusammenhang der Tradition der Folter differiert die bürgerliche Vorstellung namens „Psyche“ vom alten Seelenbegriff, die Psyche soll universell antastbar sein, das reflektiert Veränderungen im instrumentellen Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung. Doch zugleich konstituiert die bürgerliche Gesellschaft Psyche als dasselbe Unfaßbare, wie einst die katholische Kirche, nennt es freilich nicht Seele, weil diese gemäß funktionell tauglich gebliebener Vorstellungen vieler Bürger keinen weltlichen Herren habe. Die bürgerliche Seele hat genau einen weltlichen Herren, sie ist der Sitz der „moralischen (ethischen) Verantwortung“, bzw. spezieller: des Rechtsbewußtseins. Es soll zugleich antastbar und unantastbar sein, Ding plus Nicht-Ding, ein Muster, dem ich mich in meinem ersten Kapitel widmen werde.

Weil ihr euren Geist, folgsam gegen die Forderungen eurer Herren, euch den Lebensbedingungen, die sie setzen, fügend, als solche Seelen, Ding plus Nicht-Ding, konstruiert, schimpfte ich euch in diesem Blog wiederholt „Schimären“. Die geistige Produktion ist der sog. materiellen Produktion weder unter- noch übergeordnet, sie ist organischer Bestandteil der Reproduktion des Gattungsverhältnisses der species ~sapiens, wie ich es in der Fußnote allgemein umschrieben habe.

Der Ort dieser Produktion ist das Sprechen. Jedes Sprechen, diese Konsequenz könnt ihr mindestens ahnen, wenn ihr meine Fußnote zugrunde legt. Der sogenannte „geisteswissenschaftliche“ Begriff der Sprache, dessen bleibende Elemente meines Wissens noch immer diejenigen sind, die de Saussure einst formuliert hat – und falls das nicht stimmen sollte, überlasse ich fällige Korrekturen den Lesern – repräsentiert eine Schimäre vom o.a. Format: Ding plus Nicht-Ding (parole und langue). Der Grund für diesen Unfug ist so simpel geblieben, wie Diderot ihn einst vorstellte 2:

So lange Herrschaft und Unterwerfung wie ein naturgleiches Institut verhandelt werden, und das heißt, Trennung von Hand- und Kopfarbeit die Form eines Kommandoverhältnisses hat, wird das Kommando zwischen Herren und Knechten ausgetauscht werden. Der Herr wird es dem Knecht überantworten, damit dieser es in seiner Verfügung über die Sache, den Gegenstand des Kommandos, geltend mache, worin der Knecht die kommandierte Sache dem Herrn in der Form eines Titels auf das Kommando erstattet. Die widerstreitenden Zwecke von Herr und Knecht werden in dieser Weise zum übergeordneten Zweck der Reproduktion ihres Verhältnisses, des Institutes der Knechtschaft, vereinigt.

Dies Verhältnis ist nicht anders zu besprechen, als vermittels einer Trennung von Titel und Sache, die stete Vereinigung und Neuauftrennung erzwingt: Ding plus Nicht-Ding.


  1. Ich verwende das Wort „Gattung“ an dieser Stelle bewußt in der analytischen Manier, die in der Taxonomie zwar nicht untergegangen, aber außer Kurs gesetzt worden ist. Auch das gehört zu meinem Thema, wie ich in späteren Kapiteln aufzugreifen gedenke, deshalb erwähne ich es schon.
    Das Reproduktionsverhältnis von Individuen, das ehemals „Gattungsverhältnis“ genannt wurde, ist im gesamten Tierreich ein genuin gesellschaftliches Verhältnis, sobald es geschlechtlich vollzogen wird. Das hat einen einfachen Grund. Die Referenz für die Geschichte einer ungeschlechtlich fortpflanzenden Art, betrachtet man sie isoliert, ist unmittelbar das Biotop ihrer Individuen. Für geschlechtlich fortpflanzende Arten wird dies Verhältnis mittelbar, die biotopische Referenz gilt im Minimum einem fortpflanzenden Paar, aus einschlägig bekannten Gründen einem sog. Genpool mehrerer möglicher Paarungsverhältnisse.
    Die Taxonomie schlägt das Gattungsverhältnis der species mit einem speziellen Interesse zu. Wenn der Forschungsgegenstand Evolution ist, findet man rasch, das o.a. biotopische Verhältnis ist zum Zweck der Aufklärung der Artentwicklung auch auf Populationen zu erstrecken, zwischen denen Kreuzung / Paarung selten oder gar nicht (mehr) stattfindet. Das heißt, in der Untersuchung der Evolution geht das (spezielle) gesellschaftliche Verhältnis der Paarung im übergeordneten Verhältnis der Kreuzung auf, die wiederum ein Element der Entfaltung genetischen Inventars von Individuen und Populationen ist. Das Paarungsverhältnis geht in dieser Unterordnung freilich nicht unter – es wird zu einem von mehreren Elementen eines erweiterten Vergesellschaftungsprozesses, der lebendes und totes Inventar der Artentwicklung umfaßt. Die Taxonomie verfährt folglich korrekt, indem sie für die Geschichte der Artentwicklung den Begriff der Gattung in die Ebene von Populationen stellt, die untereinander vielleicht, vielleicht auch nicht reproduziert haben. Das reflektiert die Mittelbarkeit des biotopischen Verhältnisses der Individuen einer Population, von der oben die Rede war, es arbeitet in beide Richtungen. Die species bereiten einander den reproduktiven Boden, auch wenn sie nicht kreuzen, und dies Verhältnis zieht sich mehr oder minder wirksam durch das gesamte biotopische Inventar des Globus.
    Ein Schlaglicht auf die allgemeine Relevanz dieser Fummelei für mein Thema: Ein bezeichnender Skandal der sogenannten zivilisatorischen Entwicklung ist die Tatsache, daß die oben vorgestellte Erkenntnis über die sog. Naturgeschichte Bestandteil aller „barbarischen“ Mythologien ist, jedenfalls aller mir bekannten Mythologien. Sie wurde theologisch vernichtet, am schlagensten in der jüdischen Mythologie (Adam, Eva und das Paradies), was ihr gleich als Hinweis nehmen könnt, daß Theologie und Monotheismus dasselbe sind, ebenfalls eine Erkenntnis, die mit rezenten Lehren über das,  was Religion sei (richtiger gesagt: sein soll) untergeht. Weshalb ihr alle mehr oder minder religiös seid, d.h. eure Gedanken monotheistisch gepolt und reduziert sind, auch wenn, oder obwohl ihr nicht an einen „Gott“ glaubt. Der Übergang zur Vernichtung des Inventars „barbarischer“ Erkenntnisse findet allerdings vor blutigen monotheistischen Inthronisierungen statt, das muß ich hier konsequenterweise auch noch sagen. In der griechischen Mythologie, dem wohl noch bekanntesten Beispiel, markiert der Untergang der Titanen diesen Übergang.  Der Entfall einer Kreuzung zwischen Göttern und Menschen kappte den mythologischen Begriff von der biologischen Vergesellschaftung des toten planetaren Inventars. Noch während der monotheistischen Wende des hellenistischen Geisteslebens, repräsentiert in den Lehren Platos und Aristoteles, öffnete das für einige Generationen Raum für die Entwicklung genuin wissenschaftlichen, d.h. hier naturgeschichtlichen Ersatzes für das ehemals in mythologischer Gestalt repräsentierte Wissen. Allerdings sind die im engeren Sinne naturgeschichtlichen Forschungen der Hellenen, ein schlagendes Beispiel sind die von Demokrit und Heraklit, nicht tradiert worden, man weiß nur, daß es sie gab. Tradiert wurde, was sich mindestens poetisch / belletristisch mit monotheistischen Konstrukten vertrug. Das beste Beispiel dafür ist eine Ausnahme von dieser Regel, für die das nur bedingt gilt, ein Teil der Lehren / Schriften der epikuräischen Schule. Leuten, die sich für den umrissenen Seitenzweig meines Themas begeistern können, lege ich deshalb Lukrez „De rerum natura“ (Volltext dtsch.) ans Herz. 
  2.  Jakob. Nun, so wollen wir ausmachen: Erstens, daß, weil nun einmal dort oben geschrieben steht, daß ich Ihnen unentbehrlich bin und ich es auch fühle und weiß, daß Sie mich nicht entbehren können – daß ich, sage ich, alle diese Vorrechte so oft werde mißbrauchen dürfen, als sich Gelegenheit dazu bietet.
    Herr. Aber Jakob, noch niemals ist ein ähnlicher Vertrag geschlossen worden.
    Jakob. Geschlossen oder nicht geschlossen – genug, das ist von jeher geschehen, geschieht noch und wird geschehen, solange die Welt steht. Glauben Sie nicht, daß andere sich, wie Sie, bemüht haben werden, sich diesem Dekret zu entziehen? und halten Sie sich für geschickter als andere Leute? Lassen Sie diesen Gedanken fahren und unterwerfen Sie sich dem Gesetze einer Notwendigkeit, dem zu entgehen nicht in Ihrer Macht steht. Zweitens wollen wir ausmachen: weil es nun für Jakob eine ebenso große Unmöglichkeit ist, sein Übergewicht und seine Gewalt über seinen Herrn nicht zu erkennen, als es für seinen Herrn eine ist, seine Schwachheit nicht einzusehen und seiner Nachsicht zu entsagen; so soll Jakob unverschämt sein und zur Aufrechterhaltung des Friedens sein Herr gar nicht tun dürfen, als ob er das gewahr würde. Denn dieses alles ward dort oben niedergeschrieben, ohne daß sie ein Wort davon wußten, und in eben dem Augenblicke dort oben unterzeichnet und besiegelt, wo die Natur Jakob und seinen Herrn hervorbrachte. Es ward dort oben beschlossen, daß Sie den Titel führen und ich im Besitz der Sache sein sollte. Wollten Sie sich gleich dem Willen der Natur widersetzen, so würden Sie doch nichts ausrichten und all Ihr Bestreben vergeblich sein. (Quelle
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