There is no such thing as „reality“ (2)

Kapitel I, „Ihr verfluchten Kantianer, ihr“

Deutschsprachler kannten vor etlicher Zeit keine Realität. Sie (er)kannten Wirk-lich-keit, das, was getan wird oder wurde – das Perfekt der Nachsilbe -keit ist die Perspektive des Sprechenden. Theologen (Philosophen) machten daraus das Wirkliche –  eine Substantivierung, die regelmäßig letales Gewicht erhält. Sie streicht, bis auf eines, das epistemische, tätige und handelnde 1 Verhältnis des Sprechers zu einer Sache, die er bestimmt, indem er sie dem Hörer bezeichnend aus dem Fluß gesellschaftlicher Wirk-lich-keit aushebt, aus dem bedeuteten Sachverhalt heraus. Das Sachverhältnis, das der theologisch / philosophische Sprecher bestehen läßt, indem er „das Wirkliche“ erfindet, um es geltend zu machen, ist eines zu seinen Adressaten, denen er das von ihm Bestimmte dinglich vorstellt. „Das Wirkliche“ repräsentiert einen Anspruch des Sprechers. Der Adressat soll sich auf den Sprecher vermittels der Vorschrift beziehen, die Letzterer zu erlassen trachtet, indem er (s)eine Bestimmung einer Sache, (s)ein Verhältnis zu ihr, zu etwas erklärt, das vergleichbar handfest sei, wie ein Stein. „Das Wirkliche“ ist in Stein gemeißeltes Gesetz.

So lernte es ursprünglich ein englisch oder französisch Sprechender kennen, in dessen Vokabular es keine Entsprechung zu „Wirklichkeit“ gibt. Eine Spur dazu findet sich noch im Begriff „real estate“, dem Immobilienvermögen. „Real“ ist im lateinischen Ursprung ein Sachvermögen, ein Besitz im juristischen Sinne. „Reality“ ist, erstatten wir dem Wort die vergessene Etymologie zurück, die Gesamtheit der Besitzverhältnisse in der Gesellschaft des Sprechers. Geschichtlich wurden sie erst in Stein gemeißelt, später in Ton geritzt, dann auf Papyri gekritzelt.

Diesen Auftakt wirst Du, schätze ich, für eine typisch tomgardische Polemik nehmen, eine Darlegung, der Realität schwer abzusprechen sei, die jedoch allenfalls einen Aspekt der umschriebenen Sache anklägerisch aufgreife.
Die vermeintliche Anklage wirst Du vielleicht teilen – bedingt, versteht sich – weil Du seit Deiner Kindheit die Realität, repräsentiert in Dingen und Sachverhalten Deines gesellschaftlichen Verkehrs, von jeder Menge Vorschriften eingehegt vorfandest, die Gesetzeskraft beanspruchen.

Einschlägig vorgebildete Leser werden jetzt denken: Klar, TomGard redet von Waren.
Irrtum. Just Waren, besser der Ware, wird „Realität“ gewöhnlich abgesprochen. Bloß ein Ding soll sie sein, entgegen den Behauptungen eines berüchtigten Kritikers, der dieserzeit zu Unrecht gefeiert wird. Das ist gewissermaßen ein Sonderstatus für die Ware. Jedes andere Ding soll im Urteil derer, die Realität beanspruchen, nicht „bloß“ Ding sein, sondern Ding plus Nicht-Ding. Diese Konstruktion ist keine Dialektik, wenn auch viele Sprecher, die glauben oder behaupten,  „Dialektiker“ zu sein – wahrscheinlich die meisten von ihnen – mit diesem Wolpertinger hantieren, der in der Fachsprache einst synthetisches Urteil hieß.

„Synthetisches Urteil“?! Ich deutete an, ich will akademische Rede kritisieren, will folglich nicht akademisch reden. Zugleich weiß ich nicht gut zu vermeiden, akademisch zu sprechen. Ihr Leser habt, behaupte ich, gewöhnlich keine Ahnung, wie akademisch ihr schwätzt, wenn ihr umgangssprachlich zu reden meint. Das erzwingt nicht, dies Akademische in eurer Rede akademisch anzusprechen. Ich kenne m.E. gelungene Versuche, das zu vermeiden, aber ich vermag es (noch) nicht.
Ich will euch nicht wirklich mit Kant belemmern (vielleicht merkt jemand, warum ich die reformierte Schreibweise verweigere – es hat mit meinem Thema zu tun), schätze aber, es wird meinem Vorhaben keinen Abbruch tun, wenn ihr nachlest, was Eisler oben unter „Synth. Urteil“ zitiert.

„Cogito ergo sum“

Kant hat behauptet, seine Begriffe seien eine Konsequenz und Fortführung des berüchtigten „cogito ergo sum = Ich denke, also bin ich“ von Descartes. Logisch betrachtet ist die Behauptung falsch. Aus Schwachsinn folgt nichts, allenfalls läßt ein Sprecher ihm einem Blödsinn folgen, der auf ihn bauen soll. Geistesgeschichtlich stimmt die Behauptung deshalb.

Descartes hat übrigens gewußt, daß der Spruch, logisch betrachtet, ein Schwachsinn ist, wer das Gegenteil behauptet, kann den Unfug nicht begriffen haben.
Methodisch untersucht, d.h. semantisch und syntaktisch, enthält „Cogito ergo sum“ einen mehrschichtigen Betrug.

Das schließende ergo verlangt (d.h. impliziert), eine Verbindung zweier Aussagen, und das heißt syntaktisch, zweier Sätze zu sein.
Jetzt belästige ich euch auch noch mit Grammatik!
Mißachtet bitte, was in der Wikipedia zu Sätzen steht, das ist, abgesehen von den  unvollständigen Aussagen zur aristotelischen Satzbestimmung, schreiender Blödsinn. Ein Satz ist eine Aussage zu einem Gegenstand, der dem Hörer in oder mit dieser Aussage vorgestellt wird. Deshalb hat er zwingend ein Prädikat (der Aussagegehalt), ein Subjekt (Nennung des Aussagenden) und ein Objekt (Nennung des Aussagegegenstandes). Das Objekt kann entfallen, wenn der Sprecher eine Aussage über sich selbst macht. Das Subjekt kann entfallen, wenn es dem Sprecher unterstellt dünkt

„Cogito“ ist kein Satz, weil ein Objekt, das vom Prädikat verlangt ist, andernfalls keine Aussage zustande kommt, fehlt. Denken, fühlen, sehen, hören, schmecken, (er)tasten (erspüren) sind Verben, die ein Objekt verlangen, wenn sie Prädikate werden sollen. Freilich kann der Sprecher dem Hörer die (Er)Kenntnis des Objekts unterstellen. „Ich sehe“ ist ein Satz, falls der Hörer dem Sprecher zuvor einen Gegenstand bedeutet hat. Ebenso „Ich denke“, falls dieser Halbsatz im Kontext eines Gespräches zu „Ich denke nach (darüber, wovon die Rede war)“ ergänzt wird (wird, nichtwerden kann„, aber an dem Punkt bin ich noch nicht).

Ist Descartes „Cogito“ ein durch kontextuelle Ergänzung konstituierter Satz?
Nein, behaupte ich, aber darüber könnte man streiten, und weil ich den Streit an dieser Stelle nicht führen will, akzeptiere ich vorerst den möglichen Einwand und ergänze das „Cogito“ zu:

Ich bin denkend (=ein denkendes Wesen)

Ihr seht, das Partikel „sum“, das „ich bin“ (da, oder hier oder dort, also irgendwo), evident ebenfalls kein Satz, das Descartes mit „Cogito“ logisch verbunden haben will, ist in ihm bestenfalls enthalten. Das „cogito ergo sum“ ist bei gnädiger Betrachtung eine Tautologie (auch dazu laßt bitte den Wikipedia-Schwachsinn beiseite), d.h. eine Aussage, welche exakt die Form

1=1

hat.
Es könnte jemand einwenden, auf der einen Seite der logischen Verbindung stehe dies „denkend“, das auf der anderen Seite fehle, folglich liege doch eine Aussage vor, von der Form

2= 1+1

Paraphrasiert: „Es gibt den Menschen (i,e. die Person) namens Descartes, weil er (gerade)(nach)denkt„, bzw. um die Form zu repräsentieren: „Das Dasein (Descartes) soll (!) darin bestimmt sein, daß er sich (!) denkt“.
Richtig. Das ist der Betrug, auf den der Mathematiker Descartes mit seinem Satz aus war. „Sein“ (être, to be) figuriert in allen Sprachen abseits philosophisch – theologischen Schwachsinns, mit dem Descartes befaßt war, als Kopula, das heißt es verbindet ein Subjekt mit einem Prädikat, das gewohnheitsmäßig (formell) die Gestalt eines Prädikatsnomen hat:

„Descartes ist ein Mensch“ (kein Hund)

Das „cogito ergo sum“ kann mißverständlich mit der obigen Aussage identisch gesetzt, also mit ihr interpretiert werden,  und diese Lesart hat Descartes selbst als einen Zusatz einverlangt: Die Selbstgewißheit des denkenden Descartes könne, bitteschön, jeder Mensch teilen, folglich handele es sich bei solcher Selbstgewißheit um den archimedischen Punkt der Ontologie (der christlichen Theologie und Philosophie).

Ihr seht, wenn Descartes und seine Gefolgschaft das Verb „cogitare“ in Folgebemerkungen zum Objekt nahmen, wollten sie es erkenntnistheoretisch verstanden wissen, es sollte von einem (Nach)Denken die Rede sein, das auf den Erwerb von Kenntnissen und Wissen zielt, was bekanntlich nicht für jede Verwendung der Worte cogitare, denken, penser à (frz.) gilt und ein oder mehrere Satzobjekte zwingend unterstellt. Das ist die dritte Ebene des Betruges, die auf einer zweiten, ultimat primitiven Ebene aufbaut.

Im Französischen steht „penser“ nie allein, deshalb gehört die Präposition „à“ zum Verb dazu. Der Franzose sagt allenfalls „J’y pense“, „Ich denke daran“.
Das Deutsche ist nicht so strikt. Es gibt in der Literatur und im Alltag auf die Frage:
„Was tust Du gerade“ die mehr oder minder scherzhafte Antwort „Ich denke (nach)!“. Die sprachlich korrekten Antworten lauten „ich meditiere“, „ich sinne (nach)“ oder, ironisch, „ich sinniere“. In der weitgehend untergegangenen romantischen Sprachtradition hätte sie gleichbedeutend „ich träume“ lauten können. Bis vor etwa dreißig Jahren, ob noch heute, weiß ich nicht, wäre das die erste Wahl des Franzosen gewesen ,  „je songe“. In seiner Sprachtradition war „träumen“ dem „denken“ weit näher gestellt, als im Deutschen. Der Franzose kennt auch, gleich dem Lateiner, „mediter“, ansonsten kenne ich mich im Lateinischen nicht aus.
In den semantisch und syntaktisch korrekten Varianten, die Descartes und seine Gefolgschaft kannten, arbeitet der cartesische Spruch nicht, er arbeitet mit einem sprachlichen Etikettenschwindel. 2

Was ist das Etikett des Schwindels? Simpel: Der Edelmann, Offizier, Mathematiker, epigonale Naturforscher und Philosoph von eigenen Gnaden, René Descartes, setzte seinen teils realen (!, hier paßt das Wort) teils angemaßten Stand in den Blödsinn ein, den er absonderte 3. Nicht irgend ein Dödel, Descartes „dachte“, bzw. behauptete, „gedacht“ zu haben, und er fand sich imstande, auf die Anmaßung, die er damit verknüpft sehen wollte, eine Denkschule zu gründen.
Warum ihm dies zufiel ist ein eigenes Thema, das ich im Fortgang immerhin zu streifen gedenke.

So primitiv – will ich im Vorgriff auf Erläuterungen hervor gehoben haben –  funktioniert bis auf den heutigen Tag in einem starken Strang der geistesgeschichtlichen Überlieferung die Legitimation des Ranges des Geistesarbeiters, der in einer formell ständefreien Arbeitsteilung in den Rang eines Halbgottes erhoben wird, der theoretische Herrschaft über Sein und Nichtsein erheischen darf.
Wenngleich, will ich am Rande bemerken, die Solawechsel, die so einer den praktischen Kommandeuren auf seine Leistung ausstellt, heute gewöhnlich mit artigerem Blödsinn eingelöst werden muß, als zu Descartes Umbruchzeit. Der lieferte er zum Teil unartigen Blödsinn.


  1. Ich verwende die auf Leontjew zurück gehende Unterscheidung von Tätigkeit und Handlung gemäß der Darstellung von Georg Litsche
  2. Lesern, die Einwände haben, verlinke ich den Descartes wohl gesonnenen Kommentar von Bertrand Russell. Ich werde voraussichtlich in kommenden Abschnitten, in denen es um Kants Fortführungen des „Cogito“ und deren Auftreten in philosophisch scheinbar unbeleckter Alltagsrede gehen soll, auf ein paar Punkte daraus zurück kommen. 
  3. Nach Russell a.a.o. findet sich das Geflügelte Wort Descartes‘ nicht in den Meditations, denen sie zugeschrieben wird. Das schert mich nicht. Es ist wurscht, ob Etikettenschwindel und Anmaßung von Descartes persönlich oder von Epigonen stammen. Die Einlösung der unten im Text angesprochenen Solawechsel dürfte in der Mehrzahl der Fälle Epigonen obliegen. 
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