Neuauflage: „Ding plus Nicht-Ding“ in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel

Der Eintrag vom Juni 2018 war schauerlich. Ich hab ihn überarbeitet, was ihn nur teilweise besser macht, aber was solls – wegschmeißen will ich das auch nicht.
Der Text von Wolfgang Schmidt, den ich bespreche, ist noch verfügbar, aber nur als Download. „Norton“ – das ich nutze, damit mein Rechner von den Schlapphüten eher infiltriert, statt zerschossen wird – hat nicht bemerkt, daß er verseucht wäre, was natürlich nicht heißen muß, daß kein „Bundestrojaner“ ‚dran hängt …
Noch schlechter war die Fortsetzung dieses Teils, die ich mir iwann auch vornehme.


Der Mythos des einfachen Warentausches„, Wolfgang Schmidt

Der Text steht kommentarlos im Netz, Autor und Diskurs, in dem er schreibt, sind mir unbekannt.
Im Rahmen einer Materialsammlung zur Arbeit, die ich mit „There is no such thing as ‚reality'“ begonnen habe, will ich zeigen, wie der Aufsatz sein Thema, das meines berührt, verfehlt. Nehmt bitte das „wie“ ernst. Aus Erfahrung erwarte ich, viele Leser werden das „wie“ als ein „warum“ lesen oder ein „warum“ im Hinterkopf behalten. Wenn sich dann später ein fälschliches „Aha …“ einstellt, wird mein Fortgang entweder unverständlich oder verfälscht.

In meinen Augen ist Wolfgang Schmidts Text eine Schülerarbeit in einem spezifischen Sinne. Verwendete ich eine eingebürgerte Bezeichnung, spräche ich von einem epigonalen Text. „Epigonal“ unterstellt gewöhnlich, der Autor sei zu faul, zu dumm, oder aber ideologisch zu verbohrt oder verführt, eine originelle Arbeit zu leisten und vorzustellen. Letztere Variante gibt schon einen Hinweis auf den Ursprung des Phänomens. Es handelt sich um einen Nebeneffekt des Geisteslebens unter der Herrschaft patriarchaler Kriegsherren und Privateigentümer, das in der Gründung, herrschaftlichen Förderung und Bekämpfung von Schulen prominent in Erscheinung tritt. Die im Abendland bekannteste historische, d.h. bis auf den Tag wirksamste unter ihnen, ist die aristotelische Schule. Ihr fortdauernder Einfluß, zusammen mit dem einer weiteren Schule, die als eine solche weniger geläufig ist, der kantischen, ist Schmidts Text deutlich anzumerken.

Wolfgang Schmidt gegen die politische Sinnstiftung der klassischen Ökonomie

Kampf um Deutungsmacht und Friedenspflicht

Der Polizeistandpunkt der sogenannten Geisteswissenschaften

Der Gründungsmythos der Politischen Ökonomie geht vom einfachen Warentausch als historischem Ursprung des Ökonomischen aus. Voneinander unabhängige und jeder Art sozialer Gemeinschaft entkleidete Warenbesitzer tauschen individuell produzierte Waren aus, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu können.

So hebt Schmidts angekündigte Kritik der Politischen Ökonomie an.
Im zweiten Satz, will ich nebenbei notieren, referiert der Autor, vermutlich ohne es zu wissen, das Resultat eines aristotelischen Raisonnements über die Natur des Geldes. Die Verwendung eines weithin verbreiteten oder gar allgemein gültigen Tauschmittels entspringe wohl einem praktischen Bedürfnis der Beteiligten, da ein anderer, logisch zu ermittelnder Grund nicht erkennbar sei, heißt es sinngemäß bei Aristoteles. Mit diesem Argument läßt er die Untersuchung des Geldes, die er begonnen hatte, weil ihm dessen eigentümlicher Einfluß auf das hellenistische Leben aufgestoßen war, fallen. Von einem „Gründungsmythos“ kann in keiner Weise die Rede sein …

Doch in der Hauptsache setzt Schmidts letzter Satz eine polemische Tradition „marxistischen“ Schrifttums fort. Mit vermeintlichen Gewißheiten in den Köpfen einer speziellen akademischen Gefolgschaft im Rücken, die im Wesentlichen leninistischen 1 Kampfbegriffen des „Sozialen“ und „Gesellschaftlichen“ entstammen, mit denen sozialistische Bewegungen und Organisationen gegen bürgerliche Bildungsgüter und Ideologien zu punkten gedachten, zielt Schmidt auf die scholastische „Weiche“ der Kontrahenten, solche Konzepte aus politisch-ideologischen Motiven ohne nähere Prüfung zurück zu weisen, was im Normalfall heißt: sie zu relativieren. Doch in Wahrheit ist das Konstrukt „voneinander unabhängige(r) und jeder Art sozialer Gemeinschaft entkleidete(r) Warenbesitzer“ ein altehrwürdiger Strohmann in linken und linksliberalen Diskursen, der die Angegriffenen nicht trifft.
Wenn ich das hinlänglich „zeigen“ wollte, müßte ich eine typische akademische Arbeit schreiben. Deshalb führe ich nur schematisch das Argument vor, das gemäß meiner Erfahrung jeden linksakademischen Diskurs im Themenkreis getroffen hat.

Es ist richtig, zu sagen, die akademische Ökonomie weise dem „Individuum“ die Rolle einer Basisabstraktion zu. Wenn Ökonomen implizit und explizit Konzepte des „Sozialen“ in ihre Theorien einbauen, d.h. soziologische Begriffe benutzen, betten sie diese Basisabstraktion „gesellschaftswissenschaftlich“ ein, kleiden folglich Warenbesitzer / Individuen in ein oder mehrere Konzepte „sozialer Gemeinschaft“, statt sie derer zu „entkleiden„, wie es jemand zu tun hätte, der ökonomischer Untersuchung vorgelagerte Vorurteile dekonstruieren, also Ideologeme von der ihnen zugrunde liegenden Realität scheiden wollte.
Soziologen argumentieren reziprok. Sie beginnen mit allgemeinen Konzepten des Gesellschaftlichen um ihnen ggf. ökonomische Fakten und Argumente unter- oder beizuordnen.

Diese institutionelle Methodik der sogenannten Geisteswissenschaften verweist auf einen Gegensatz, der in ihren einzelwissenschaftlichen Konzepten von Individualität und Gesellschaft hockt, den die Lehrkörper mit einer fakultativen Trennung und Zusammenführung ihrer jeweiligen Lehren überbrücken.
Das allgemeine Verfahren solcher Überbrückung:
Den Basisabstraktionen „Individuum“ und „Gesellschaft“ wird methodisch ein modales Verhältnis, eine wechselseitige Bedingtheit unterlegt. Das Phänomen unterstellt konfligierende Kräfte auf den jeweils „bedingten“ Seiten, bzw, (um die weniger mechanistisch belastete Begrifflichkeit Hegels zu verwenden) gegensätzliche Momente in den gesellschaftswissenschaftlich geltend gemachten Abstraktionen, die nicht sein sollen.
Dies theologische „nicht sein sollen“ ist im akademischen Diskurs auf abzählbar unendliche Weisen präsent und wirksam, doch schrumpft diese liegende Acht den Gehalten nach auf den christlichen Moralkodex zusammen. Er brannte den Schäfchen in jeweiligen historischen Stadien mit „Feuer und Schwert“ in den Pelz – seit etlichen Generationen reichen Arrest, Prügel, „Liebes“- und (vor allem) Geldentzug – was ein sozialisierter „Mensch“ zu lassen, und folglich zu tun hat, um einer zu werden, bzw. zu bleiben.
Diese Polizeigewalt ist die ganze Weis- und Wahrheit der ewigen Konflikte oder gar „Widersprüche“ zwischen individuellen Aspirationen und deren angenommener Gesellschaftsverträglichkeit im akademischen und bildungsbürgerlichen Diskurs.
Der Hauptgrund, in diesem Fall zugleich ein übergreifender Beweis der Behauptung, ist die Berufung der „Geisteswissenschaften“ auf die Schrifttradition. Aus „es steht so geschrieben“, nämlich in der Heiligen Schrift, wurde ein es stand so geschrieben, nämlich in der akademisch bearbeiteten Schrifttradition, namentlich der säkularen, die bekanntlich in der Fixierung von Rechtsgütern und darauf gegründeten individuellen oder kollektiven Ansprüchen eine von zwei prominenten Quellen hat.

Der für mich zählende Punkt im vorliegenden Zusammenhang soll sein, daß der Polizeistandpunkt den akademischen Diskursen auf selbständige Weise – unabhängig von jeweiligen Berufungsinstanzen – institutionell einbeschrieben ist.
Er ist der „Witz“ am sogenannten „Pluralismus der Wissenschaft“, der gebietet, alle mit Referenzen in Form von Titeln und Ehren bewaffneten Standpunkte gelten zu lassen, wie albern und wie unverträglich untereinander sie immer seien.
Mindestens genauso wirksam, wenn nicht gründlicher, ist der Polizeistandpunkt im Nebeneinander der akademischen Fakultäten institutionalisiert. Oben sind es die ökonomischen und „sozialwissenschaftlichen“ Fakultäten und die komplementäre Widersprüchlichkeit ihrer Lehren, die mit solcher Trennung selbst gegeben ist. Aber die über- und umgreifende Trennung dieser Art habe ich im ersten Teil dieser Reihe angesprochen,  es ist die dogmatisch gegen die religiöse Tradition geltend gemachte Verselbständigung einer „Psyche“ gegen jeden anderen Bestandteil des „Geistigen“, wie immer dies Geistige in den fakultativen Traditionen der „Geisteswissenschaften“ gefasst werde.

Diese Hinweise sollen mir jetzt als Begründung für die Behauptung reichen, daß Wolfgang Schmidts Polemik einen fehlerhaften Kern der institutionellen Ökonomie tatsächlich trifft, obwohl sie die Kritik des Verfahrens verfehlt, dem dieser fehlerhafte Kern entstammt. Wie ist sowas möglich? Wie geschieht das?

Krieg der akademischen Schulen

Das Muster, das dies Phänomen zustande bringt ist im Text vielfach wiederholt zu finden. Deshalb erlaube ich mir, eine allgemeine Antwort vorweg zu nehmen, die ihr schrittweise an ihm prüfen könnt.
Schmidts Polemik gegen die Kategorie „Individuum“, wie sie in der akademischen Ökonomie und Sozialwissenschaft verwendet wird, fingiert eine Kritik, die er de facto meidet. Seine „Kritik“ wird darauf hinaus laufen, Zusätze zu den angegriffenen Vorstellungen und Argumenten mit dem Ziel einzuverlangen, sie mit seinen Kontrahenten zu seinen Bedingungen zu teilen.

Das ist eine in der aristotelischen Schule begründete Methode, einen Streit mit Kritikern und konkurrierenden Schulen vermittels eines Eingemeindungsverfahrens zu führen. Die einverlangten Zusätze sollen dem Kritiker einen Platz in den heiligen Hallen eintragen, mindestens in der Rolle eines hoffnungsvollen Schülers. Bestenfalls soll sie den Schüler an die Spitze der ehrenwerten Gesellschaft der Forschenden und Wissenden befördern.

Solcher Opportunismus verweist auf einen Kampf, um nicht von Krieg zu sprechen. Spätestens seit Aristoteles, der Lehrer und „Großwesir“ Alexanders des Großen, eine Elite von Schülern um sich sammelte, wurde im abendländischen Geistesleben ein Institut tradiert, das die Kriege der Heerführer um einen Kampf um elitäre Deutungsmacht ergänzt 2. Ich verweise auf die offenkundige Analogie der in dieser Tradition stehenden akademischen Debattenkultur mit derjenigen, die zur Zeit der griechischen Polis auch in repräsentativen politischen Organen gepflegt wurde. Debatten in und um solche Körperschaften haben einen unhintergehbaren perspektivischen Fluchtpunkt in Gestalt der Handlungsfähigkeit des Organs und folglich seiner politischen, d.h. in letzter Instanz militärischen Machtvollkommenheit. Sie ist das eigentliche Thema aller Debatten dieser Art. Wird es verfehlt, enden sie mit Krieg, sofern die Beteiligten das zugleich wollen und vermögen. Akademische Debatten gelten, wenngleich gewöhnlich wesentlich vermittelter, als ihre politischen Verwandten, einer Friedenspflicht der direkt und mittelbar Beteiligten.

Anhand des nachfolgenden Textes könnt ihr prüfen, ob und inwieweit der Schüler Wolfgang Schmidt sich der anspruchsvollen Aufgabe stellt, der eigentümlichen akademischen Friedenspflicht mit einem Beitrag zu genügen, der sich Argumenten aus der geächteten marxistischen Schrifttradition bedient, welche Konzessionen er dem akademischen Diskurs macht und welchen Erfolg er damit beanspruchen zu können meint.

Wie „mit Marx“ ein akzeptables politisches „Wir“ in Anspruch nehmen?

Die ökonomische Wissenschaft nimmt die Welt der Waren als Summe der Austauschbeziehungen vernunftbegabter Individuen wahr. Der einfache Warenaustausch “ursprünglicher Gemeinwesen”, die entwickelte kapitalistische Warengesellschaft oder der finanzgetriebene, post-industrielle Kapitalismus funktionieren nach den zeitlosen und rationalen Regeln von Angebot und Nachfrage. Die Aufgabe der ökonomischen Wissenschaft reduziert sich auf die mathematische Analyse der vom Markt definierten Austauschrelationen. Sie geht dabei davon aus, dass der Austausch von Waren zur ontologischen Grundausstattung vernunftbegabter Subjekte gehört – rationales Handeln bedeutet die Optimierung des individuellen Nutzens, eine Operation, die dem Menschen “als solchem” eigen sei.

Der letzte Satz nennt einen Kern der o.a. ökonomischen Basisabstraktion, das eigennützige Individuum, dem bei Bedarf ein mehr oder minder berechnend altruistisches Individuum integriert wird. Schmidt wird das Konstrukt später homo economicus nennen. Ihm gilt das erste Argument des Aufsatzes, ein Einwand – und der ist grundfalsch:

Vorausgesetzt ist, dass die Produktion nicht für die eigene Konsumtion stattfindet. Sie vollzieht sich vielmehr als Warenproduktion, das heißt Produktion für andere.

Es scheint, als vermeine Schmidt sich mit der Aussage auf Marx berufen zu können. Das ist ein Irrtum 3.
Statt finden für (etwas)“ nennt einen Zweck. Produktionszweck eines Warenproduzenten – auch der Warenproduktion insgesamt – ist sein Erlös.  Das war zwischen Marx, den klassischen Ökonomen und klassischen Sozialwissenschaftlern unstrittig. Es ist umgekehrt eine Grundlage für theologische, philosophische, sozialpsychologische und politologische Bedürfnisse, dem Produktionszweck andere Ziele und Zwecke über zu ordnen oder zu unterlegen.
Der Erlös der Warenproduzenten – das sind in diesem Zusammenhang nicht Arbeiter, sondern  Wareneigentümer – dient ausschließlich ihrem Verzehr. Just die Form eines Erlöses aus Veräußerung von Waren, sei er in Geld bemessen oder eingetauschtem Produkt, erlaubt einem Produzenten nach Maßgabe des Marktumfanges eine Überführung seines Produktes in Bedarfsgegenstände, die qualitativ unabhängig von seinem persönlichen oder korporativen Produktionsvermögen ist. Der Verzehr kann  aufzehrend, oder produktiv, d.h. umwandelnd sein. Diese bedingte, in allen historischen warenproduzierenden Gesellschaften auch mit Schranken versehene, doch abstrakt allgemein unwidersprechliche Emanzipation der Produzenten von lokalen Produktionsvoraussetzungen und -bedingungen hat seit Aristoteles a.a.O. einer Feier der Warenproduktion als einer Form gesellschaftlicher Reproduktion gedient, die einem „universellen menschlichen Geist“ angemessenen erscheine.
Marx hat sich dieser Feier nicht entzogen, nur ihrer philosophisch – theologischen Usurpation. Die Warenproduktion entwickle erst diesen „universellen Geist“, den die Herrschenden zunächst materiell wie ideell für sich beanspruchten – für sich persönlich wie für ihre Klasse – bevor sie ihn den Unterworfenen zunächst bloß ideell und schließlich mehr oder minder widerwillig und zu scharfen Bedingungen auch materiell zugeständen, schrieb er sinngemäß.

Wolfgang Schmidt, das wird seine Fortsetzung beweisen, kennt meinen Einwand gegen seinen Einwand, doch er paßt ihm nicht (ins Konzept) und das gibt er wie folgt kund:

Unter allen anderen ist jeder für sich der Einzige, Gemeinschaft oder Gesellschaft sind abwesend.

Mit dem Individuum als einem „Einzigen“ 4 unter anderen Einzigen – zustimmend in den Indikativ Präsens gesetzt – dreht Schmidt seinen o.zit. falschen Einwand gegen ein sozialwissenschaftliches Ideologem in eine gegenteilige Aussage, die er seinen Kontrahenten unterschiebt – das oben schon erwähnte Strohmannverfahren.
Wenngleich das kein kluges Verfahren ist, ist es ebensowenig dumm. Warum geht so etwas durch, was ist der Trick, was erschleicht Schmidt sich und einem wohlmeinenden oder hinreichend unbedarften Publikum?

Es ist ein Gegenstandswechsel. Es zeigt sich, daß Schmidt im ganzen Absatz keinen anderen Gegenstand im Auge hatte, als denjenigen, den er in obiger Formulierung vorstellt: Das Verhältnis, das ein Warenproduzent zu sich selbst, „als“ einem „gesellschaftlichen Individuum“ einnehme. Ein spiritueller, de facto religiöser Gegenstand, denn dies Verhältnis ist Teil eines gesellschaftlich mehr oder minder durchgesetzten, mehr oder weniger gültigen Menschenbildes:

Das Interesse, das der Einzelne an der Ware im Besitz des anderen hat, ist ein gänzlich monologisches Interesse, während sein Gegenüber nur an der Veräußerung interessiert ist. Warenbesitzer verhalten sich im Austausch zueinander, als sei jeder ein Robinson auf seiner privaten Eigentumsinsel …

Schmidt macht der ökonomischen Schulweisheit ihr Menschenbild streitig:

Die Frage nach der gesellschaftlichen Synthese einander fremder Subjekte, die soziale Basis der Vergleichbarkeit sinnlich verschiedener Objekte, erübrigt sich – es gibt keine Gesellschaft, sondern nur ein Wir als Summe aller Einzelnen.

Ginge es mir um Wolfgang Schmidt, oder, allgemeiner, um ein Exempel besser nicht mit Dummheit zu verwechselnder geistiger Umnachtung, die dem Streben nach Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Elite entspringt, wäre ich an dieser Stelle mit dem Text fertig.

Das „Wir als Summe aller Einzelnen“ soll erstens Schmitds falschen Einwand – Warenproduktion „nicht für die eigene Konsumtion“ – „synthetisch“ rechtfertigen (er weiß folglich um dessen Falschheit) und zweitens ist es eine polemische Wortschöpfung, die dem angegriffenen Menschenbild Unzulänglichkeit bescheinigen soll. Das stellt abschließend klar, Schmidt beabsichtigt keine Kritik der angegriffenen Standpunkte.
Ein Menschenbild ist per se nicht kritikabel, es ist dazu da, angenommen oder verworfen zu werden. Deshalb erobern und verteidigen Gotteskrieger aller Zeiten ein gesellschaftliches Monopol darauf mit Feuer und Schwert. Dazu ersinnen sie Insignien, Symbole, Rituale und Stigmata, welche eine Annahme ihres Menschenbildes sicht- und greifbar macht und verpflichtend immerhin im Maße, wie Oppositionelle und Verweigerer sich erfrechen, den Priestern den eroberten symbolischen Raum nicht kampflos zu überlassen.

Tat-sächlich gibt es ein „Wir als Summe aller Einzelnen“, es ist keine semitheologische ad hoc- Erfindung Wolfgang Schmidts. Es gibt dieses „Wir“ in Gestalt jeder beliebigen Körperschaft, für die gilt, daß ihre Mitglieder einem unstrittigen Beschluß folgen oder einem einheitlichen Kommando gehorchen. Unter jeder Art von Herrschaft ist das ein ubiquitäres spirituelles und administratives Ideal, was spätestens an der Erfindung einer „Emergenz“ kenntlich wird, die sich einstellen solle, wenn es an „Realität“ gewinne – dann werde solch „Wir“ zu einem „Ganzen“, das mehr sei, als die Summe seiner Teile.
Wolfgang Schmidts einleitende Distinktion von ökonomischer Schulweisheit zielt jedenfalls – das ist das Minimum, was wir sagen können – auf ein „mehr“ an „Wir“. Weil er das einleitend an nichts Geringerem klarstellt, als einem Menschenbild, das er in der Schulweisheit identifiziert haben will, gedenkt er einen kongenialen Angriff auf ein Ganzes zu führen, das er – ob zu Recht oder Unrecht, sei einstweilen dahin gestellt – als einen spirituellen Zusammenhang wahr nimmt.

Wie ihr auch, habe ich keinen verständigen Grund, mich mit sowas weiter abzugeben. Ich verstehe mich unter Zwang dazu, weil ich die Wahrnehmung teile, die Resakralisierung und, was im Kern dasselbe ist, Militarisierung bürgerlicher Vorstellungswelten, die vor knapp zwei Generationen eingesetzt hat, ist auf nahezu allen Ebenen gesellschaftlichen Verkehrs unaufhaltsam und erst recht unumkehrbar geworden. Falls es Ebenen gibt, für die das nicht gilt, kenne ich sie nicht.
Daß ich mich mit Schmidts Text weiter befassen werde, ist ein Akt der Verteidigung. Ich will wenigstens wissenwie dergleichen heute „arbeitet“, damit sich der Umkreis meiner Einsiedelei nicht widerstandslos weiter um mich zusammen zieht.

Forsetzung folgt.


  1. Hinter das Attribut „leninistisch“ mögt ihr gern ein Fragezeichen setzen, ich bestehe nicht auf dieser Einordnung, die im folgenden unerheblich ist. 
  2. Das erklärt ziemlich zwanglos das in der literarischen Tradition vielfach verrätselte Phänomen, daß der Vatikan und einzelne, um klerikalen Einfluß kämpfende mönchische Orden, aristotelische und andere heidnische Schriften eifersüchtig hüteten, eifrig kopierten und übersetzten, deren Lehren sie außerhalb eines Kreises von Geweihten blutig bekämpften. Der christliche Klerus teilte die militärische Macht im zerfallenen Imperium Romanum mit den Kriegsherren, die sich seiner politischen Ordnungshoheit beugten. Deshalb bestand er auf einem spirituellen Monopol, das auf die priesterliche Tradition des Christentums allein nicht zu gründen war. Der Klerus beanspruchte und behielt lange Zeit ein Monopol auf die Überlieferung eines Teils des technischen und naturkundlichen Wissensbestandes der ägyptischen, hellenistischen und romanischen Antike. 
  3. Befördert hat Engels solchen Irrtum mit einem Einschub in das erste Kapitel der zweiten Auflage des „Kapital“. Das zu besprechen ist hier nicht der Platz. 
  4. Eine Anspielung auf die Kulturkritik Max Stirners. Marx sprach irgendwo vom „Vereinzelten Einzelnen“, das ist eine hintersinnige Kritik der (Kultur-)Kritik, doch das zu erklären, führt mir hier ebenfalls zu weit. 
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2 Antworten zu Neuauflage: „Ding plus Nicht-Ding“ in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel

  1. BC schreibt:

    Für den Fall, dass du diese Links nicht gefunden hast:

    Zum „narratologischen“ Diskus und Umfeld :
    http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=h-germanistik&month=1201&week=e&msg=mi39x32dV1W2MaVupbrAPg&user=&pw=

    Eine kurzte Rezension:
    https://literaturkritik.de/id/19955

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  2. tgarner9 schreibt:

    Hallo BC,
    Nein, hatte ich nicht gefunden, auch nicht gesucht. Ich wollte den Text unabhängig vom Redekontext untersuchen und das Ergebnis amüsiert mich nun, danke.

    Bei der Gelegenheit: Es geht grad u.a. deshalb nicht voran, weil ich mich entschlossen habe, die Themenkreise „Geld“ und „Hermeneutik“ beim vermittelten Gegenstand der letzteren zu packen, das ist die „conditio humana“ in deren literarischer Gestaltung, eigentümliches Produkt des Bürgertums. Deshalb „fresse“ ich grad, soweit Zeit und Lust, eine Menge Text zur Rekapitulation der mittelalterlichen Geschichte – bei der mir unweigerlich Neues unterkommt – zum Zwecke einer Kurzdarstellung im Besprechungstext.

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