Ding plus Nicht-Ding in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel (2)

 

Das „Höhere“ als ein „Tieferes“

Grundbaustein des Elends des Sprechens

Im Text folgen wiederholende Umschreibungen, die dem Gesagten Volumen, keinen Inhalt beifügen. Dann gibt es eine Wendung, die den Leser verblüffen könnte, was, vermute ich, mehrheitlich nicht geschehen wird.

Das augenfälligste Problem der Theorie der einfachen Tauschgesellschaft besteht darin, dass es kein einziges historisches Beispiel ihrer Existenz gibt (…) Die Fantasiewelt des einfachen Tauschs ist reine Fiktion …

Erinnern wir uns dazu des Schmidt’schen Einleitungssatzes:

Der Gründungsmythos der Politischen Ökonomie geht vom einfachen Warentausch als historischem Ursprung des Ökonomischen aus. Voneinander unabhängige und jeder Art sozialer Gemeinschaft entkleidete Warenbesitzer tauschen individuell produzierte Waren aus, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu können.

Darauf folgend hatte er das Geschehen, das „Warenproduktion“ geheißen wird, für real genommen, womit die Bezeichnung „Mythos, mythologisch“ für die Vorstellungen, die Ökonomen mit ihm verbinden, eineindeutig für eine – kritikable – (Aus-)Deutung des „realen“, d.h. gegenwärtigen Geschehens zu stehen kommt. Die Deutung hat Schmidt angegriffen, indem er ihr ein unzureichendes Menschenbild bescheinigte. Mit der Behauptung, „die Welt“ des „einfachen Tausches“ entspringe der Fantasie, verwirft Schmidt alle vorangegangenen Sätz, einschließlich derer, die  seiner Opposition gegen das ökonomische  Menschenbild Ausdruck gaben.

Diese „Wende“, tatsächlich ein Abbruch, bietet ein methodisches Schlupfloch in ein neues Kontinuum an, durch das jeder Leser hindurch gezogen werden soll und muß, um Schmidt weiter gutwillig folgen zu können. Ein „Menschenbild“ ist ein Allgemeininger, es soll historisch wie aktual gleichermaßen gültig sein. Dasselbe gilt für ökonomische Dogmata, die zeitlos gültig sein sollen. „Also“, soll der Leser mit Schmidt denken, könne man dem „Mythos“ historisch und aktual gleichermaßen „kritisch“ auf den Leib rücken 1. Der „Witz“ oder die Nicklichkeit – wie man will – des Schlupfloches liegt darin, daß es zwei Reiche verbindet. Es zieht Schmidts Gegenstand, die theoretische Ökonomie, und deren Gegenstand, „das Wirtschaften“, ins Reich der Hermeneutik, der syn- und diachronischen Auslegung, Ausdeutung von Text.

Schmidts Übergang fährt umstandslos eine Ernte ein. Es gibt aktual eine Reihe von Vorstellungen über eine (oder mehrere) historische Tauschgesellschaften. Indem sich Schmidt – vorerst allgemein, später ein wenig detaillierter – auf David Graeber und andere Anthropologen beruft, die solche Vorstellungen widerlegt haben wollen, läßt er sein vormaliges Thema, Warenproduktion, Geschehen wie Begriff, willkürlich fallen und erklärt diesen seinen Beschluss zum Beweis, die zuvor denunzierten Vorstellungen, denen er mit seiner hermeneutischen Wende den Gegenstand entzogen hat, seien „rein fiktiv“.

Damit will Schmidt jedoch nicht schließen. Er will vom Reich des hermeneutischen Ausdeutens zurück ins Reich des ökonomisch-philosophischen Deutens und dabei vermeiden, daß sein Betrug, sein anmaßender Irrsinn, auffliegt. Wie er das unternimmt, ist das nächste Thema.

(In der sicherlich vergeblichen Hoffnung auf Einwände und Kritik, aber auch mit Rücksicht auf spätere Verlinkung des eigenständigen Themas, poste ich den Abschnitt separat)


  1. Um auf eine solche Idee zu kommen, muß ein Mensch auf irgend eine mehr oder minder obskure Weise Kant mit Popper’scher Beilage  (zwei Links) gefressen und dem halb verdauten noch einen Quine’schen Pudding mit Soße nachgeschickt haben. Weiß noch nicht, inwieweit ich auf diese Seite der Angelegenheit zu sprechen kommen werde. 
Dieser Beitrag wurde unter Wissen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.