Ding Plus Nicht-Ding in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel (3)

Wolfgang macht Deutsches Kino

An der Kunst, Kontexte und Mitteilungsgehalte gesprochener oder geschriebener Rede ineinander zu reflektieren, zu vermitteln und in einem iterativen Verfahren auszuloten, habe ich nichts schlecht zu machen, es ist die einzige Kunst, in der ich mich einiger Fertigkeiten zu rühmen wage. Wollte ich sie an Wolfgang Schmidts Text vorführen, bekäme ich allerdings ein Problem, das wohl nachvollziehen kann, wer gelesen hat, was Schmidts „hermeneutischer Wende“ folgt. Da ist so wenig argumentative Verknüpfung und Vermittlung der Sätze, daß mit ihrer Deutung eine Bibliothek zu füllen wäre.

Eine probate Methode, solchen Unklarheiten zu begegnen, ist ein Sprung an das Textende. Was will er uns sagen, der Schmidt?
Er will uns vom „Schlaf der Vernunft“ künden:

Die Vernunft, die dem sehenden Denken strahlend entsprang, löst sich in der Blindheit des Marktes auf. Aus der Freiheit des Subjekts ist die Freiheit des Geldes geworden, aus dem Anspruch aufgeklärter, selbstbewusster Individualität freier Personen der „Schlaf der Vernunft“. Die Aufklärung trat an, um die Menschen von den dunklen Mächten der Magie einer primitiven, fetischisierten Welt zu befreien. Vorläufig hat sie sich selbst in der Herrschaft des Geldfetischs, dem das Subjekt unterworfen ist, verflüchtigt.

Aus der Einleitung hatte ich den Schluß gezogen, Schmidt beabsichtige:

… einen kongenialen Angriff auf ein Ganzes zu führen, das er – ob zu Recht oder Unrecht, sei dahin gestellt – als einen spirituellen Zusammenhang wahr nimmt.

In seinen Schlußworten wird fassbar, wie universell sein Anspruch ist. Mehr als 6 Mrd. Leute leben unter einer Herrschaft des Geldes, wenn „Marktwirtschaft“ so genannt wird. Alle benutzen seit ihrer frühen Kindheit ihren Verstand, um unter Umständen und Maßstäben, die Eltern, Erzieher, Lehrer, „Arbeitgeber“ oder – falls sie Arbeitgeber sind,  Zünfte, Verbände, Finanz- und Ordnungsämter – Gesetzgeber, Gerichte, Polizeien und Militärs ihnen bei Strafe an Leib und  / oder Vermögen verbindlich machen, vernünftig zu handeln, vernünftige Entscheidungen zu treffen. In alledem will Wolfgang Schmidt keine Vernunft gefunden haben.
Deshalb brauchen wir das Zeug, das Schmidt über „Fetische“ und „Fetischisierung“ schreibt, deren „Herrschaft“ iwie dasselbe sein soll, wie „Schlaf der Vernunft“, nichts weiter zu wissen, um abschließend urteilen zu können, er tritt als ein Religionsstifter auf, wenngleich von eigentümlichem Schlage.

Schmidt bittet nicht, läd nicht ein, verlangt nicht: Kommet zu mir – oder einem „uns“ – Vernunft zu lernen, falsche Vorstellungen im Umfang und vorgestellter Fatalität eines Falschen Glaubens abzulegen, wie es Sektengründer zu tun pflegen 1. Seine Adressaten sind nicht Ungläubige, Irregeleitete, Verführte, sondern deren weltliche Herren. Dieselben Herren, denen er eingangs des Textes einen Falschen Glauben namhaft gemacht hatte. Doch auch sie fordert er nicht auf, abzulassen oder neu zu beginnen, im Gegenteil. Die „Herrschaft des Geldfetischs„, erfahren wir im Schlußwort, wird nicht von den militärischen Herrschern über die Welt von Privateigentum und Marktwirtschaft ausgeübt, die viel mehr als  Opfer des Fetischismus der Unterworfenen zu verstehen seien, welche sich im Schlafe ihrer Vernunft gegen ihre Herren und deren Büttel wenden und sie in Stücke hauen müßten, sollten diese Anstalten machen, ihrem Fetischismus die Grundlagen zu entziehen.
Er ist ein wahrer Demokrat, der Herr Schmidt. Und in dieser Rolle ist er, das steht auch schon fest, Prophet eines Weltenuntergangs von biblischem Format, obgleich er nicht in dieser Rolle auftritt. Nehmen wir jedoch seine Schlußsätze praktisch ernst, ist deren Horizont von derselben Klasse, wie die Sündflut, auf die sich die wenigen Gerechten, zu denen der Herr Schmidt sich zählt, vorzubereiten hätten. Wenn die Masse der Fetischgläubigen zu den Fischen gegeben sind, oder sie unter einem existentiellen Chaos wie Zombies übers Land torkeln, dann, erst dann, kann die Stunde der Schmidtchens schlagen.

Und das ist eine genuin kinematographische Vision, ein Strang der in die globale Menge geworfenen Erzählungen, die noch immer maßgeblich in Hollywood gezimmert werden, unter intensiver CIA- und Pentagon-Beratung. Meines Wissens wuchs dieser Strang seit knapp dreißig Jahren stetig an.

Ein amerikanisches Original

Ihr denkt, ich lege eine neue Verschwörungstheorie auf? Irrtum, ich erwähne Hollywood et al., weil der Hintergrund von Verschwörungstheorien und Verschwörungen zum Thema gehört, wenngleich auf eine Weise, die ich erst später zu nennen gedenke.

Meine Allegorie der über’s Land torkelnden Zombies ist eine Anspielung auf ein Ariel Scharon zugeschriebenes Zitat gewesen, das auf den vorgesehenen Status von Palästinensern auf israelisch beanspruchtem Boden gemünzt war. Analogien finden sich im berüchtigten Manifest „Constant Conflict“ (1997) von Ralph Peters, der Offiziersanwärter für ein neues „Amerikanisches Jahrhundert“, für eine blutige und unblutige Unterwerfung der übrigen Menschheit unter die „Amerikanische Kultur“ warb.

Dort figuriert die Hollywood-Kultur als hervor gehobenes Beispiel für „die überlegenen Waffen der USA“ auf dem Schlachtfeld der „information warfare„, dem „conflict between information masters and information victims„. Die Feinde figurieren unter den Sammelnamen „noncompetitive cultures“ deren „cherished values have proven dysfunctional„, sowie „rejectionists„, worunter von Individuen bis „Kontinenten“ alle Formate vertreten sind, namentlich auch der amerikanische „blue-collar worker“ und „hergebrachte intellektuelle Eliten“ weltweit. Dazu schreibt Peters u.a.:

The films most despised by the intellectual elite–those that feature extreme violence and to-the-victors-the-spoils sex–are our most popular cultural weapon, bought or bootlegged nearly everywhere. American action films, often in dreadful copies, are available from the Upper Amazon to Mandalay. They are even more popular than our music, because they are easier to understand. The action films of a Stallone or Schwarzenegger or Chuck Norris rely on visual narratives that do not require dialog for a basic understanding. They deal at the level of universal myth, of pre-text, celebrating the most fundamental impulses (although we have yet to produce a film as violent and cruel as the Iliad). They feature a hero, a villain, a woman to be defended or won–and violence and sex. Complain until doomsday; it sells. The enduring popularity abroad of the shopworn Rambo series tells us far more about humanity than does a library full of scholarly analysis.

Hat dies „Vielsagende“ eine Verbindung mit Schmidts apokrypher Vision der „Fetischisierung“? Schauen wir näher hin:
Die Aufgabe des „Informationskrieges“ in breiten Sinne des von Peters eingeforderten US-Kulturfaschismus: Vernichtung. Vernichtung aller zählenden geistigen Widerstände gegen den Fortbestand amerikanischer Suprematie auf dem Globus. Dieses Schlachtfeld sei das entscheidende, sagt Peters, denn „we will win any conflict short of a cataclysmic use of weapons of mass destruction„, daher:

Contemporary American culture is the most powerful in history, and the most destructive of competitor cultures. … There will be no peace. At any given moment for the rest of our lifetimes, there will be multiple conflicts in mutating forms around the globe. Violent conflict will dominate the headlines, but cultural and economic struggles will be steadier and ultimately more decisive.

Den „rejectionists“ rechnet Peters ausdrücklich diejenigen Vorstellungen von Ökonomie und Wohlfahrt zu, die Wolfgang Schmidt für direkt oder indirekt dem Geldfetisch verfallen, daher „vorläufig“ unerschütterlich ausgegeben hat. Peters tut das mit einem Satz, der, das muß der Kritiker ihm lassen, in der Umgebung der Schmidtschen Faseleien wie ein Paradebeispiel überlegener amerikanischer Kulturtechnik wirkt:

Most citizens of the globe are not economists; they perceive wealth as inelastic, its possession a zero-sum game.

Deshalb würden sie den Erfolg des amerikanischen Raubzuges auf die Welt nicht hinnehmen. Merkt ihr die Identität? Was bei Schmidt als Unvernunft unter einer „Herrschaft des Geldfetisch“ figuriert, sind dieselben Ordnungsvorstellungen, die Peters zur Vernichtung ausschreibt, weil sie dem Fortbestand amerikanischer Hegemonialmacht im Wege stehen werden. Was dem einen Unvernunft, ist dem anderen Uneinsichtigkeit.

Was immer man zur Charakterisierung der Differenz der Schmidt’schen und Peters’schen Vorstellungen vorbringen mag, sie beruht auf einer Identität . Ein schematisch identischer Entwurf des Weltzustandes verheißt dem einen Endzeit, Untergang, dem anderen Aufstieg und Neubeginn. Was sind die Bestandteile des Schemas und aus welcher Tradition stammen sie? Darum soll es in kommenden Folgen gehen.


  1. Historisch richtiger: Wie er selbst oder ehemalige Vorbilder Restbestände der deutschen „Linken“ um die Gruppe „KRISIS“ zu sammeln trachteten. Dazu ein Verriß von Freerk Huisken aus dem Jahr 1999. Schmidts Diktion, Metaphern und Zitatkonvolut stammen aus diesem Kreis. 
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