Ding Plus Nicht-Ding in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel (4)

Idealismus und Realismus der Freiheit

„Freiheit“, das darf und muß ich euch jetzt als gewußt unterstellen, um nicht das Thema zu wechseln, ist der Begriff, welcher die Idee der Einheit und zugleich die Einheit der Idee in den differierenden Vorstellungen und Anschauungen von Ralph Peters und Wolfgang Schmidt kennzeichnet. Ein Schicksal dessen, was beide jeweils Freiheit nennen und darunter verstehen wollen, nimmt der eine für siegverheißend, der andere zum Menetekel eines Unterganges.

Solche Gliederung wird man jetzt gnädigenfalls „überabstrakt“, abfälligerweis „verquast, verschwurbelt“ nennen. Doch die Dinge, ja, Dinge im originalen Sinne, verhalten sich nun mal so. Zum Beispiel ist Ralph Peters so ein Ding.

Sein Text „Constant Conflict“ ist ein Glücksfall, weil er gewöhnlich und außergewöhnlich zugleich ist.
Das Gewöhnliche:
Millionen solcher Texte wurden und werden in den USA und Europa abgelassen. Ein Offizier – militärisch oder zivil – tritt vor Rekruten, welcher Branche, welchen Ranges immer, um sie „einzunorden“. Mit anderen Worten: Ihnen die Flausen zausen. Dazu redet er in ausgewähltem Umfang Tacheles, Klartext zu Illusionen, welche seine Adressaten hegen, und solche Illusionen sind immer allgemeiner und professioneller Herkunft, sie gehören dem Umkreis der Vorstellungen an, welche in mehr oder minder ausgeprägter Form obligatorische Voraussetzung der Karriereentscheidungen waren, welche die Rekruten vor das Pult des Offiziers brachten.
Das Ungewöhnliche des Textes liegt in der Kombination der Enstehungszeit 1997, am Vorabend eines Wendepunktes der Imperiumsgeschichte, und der Person des Sprechers.

Peters ist, ihr könnt das an Foxnews-Interviews studieren, in denen er als „Experte“ auftritt, ein mickriges Männchen mit einer Fistelstimme, die sich schnell mal überschlägt, wenn er in Wut versetzt wird, was auch einem bestallten Stichwortgeber leicht zustoßen kann, wenn er Peters mit einem unscheinbaren Einfall auf Terrain außerhalb des Konzeptes lockt. Zugleich ist Peters zweifellos ein helles und geschwindes Kerlchen.
Waas?!“ höre ich meinen verstorbenen Freund Niko brüllen „Der Typ ist doch völlig durchgeknallt, palle, nur noch Matsch inne Birne!“  „Na und?“ antworte ich, „Willst Du Wolfgang Schmidt diese Bezeichnung etwa vorenthalten?
Schmidt’s Text ist, das können die bisherigen Zitate hinreichend zeigen, um Größenordnungen einfältiger, als der von Peters, was freilich kein zureichendes Kriterium für Urteile über seinen Gehalt. Doch über die Tat-Sache kann sich nur jemand täuschen, der, mehr oder minder verbissen Diskurstraditionen der europäischen Linken verhaftet, eine Anzahl eigener Begriffe und Vorstellungen über die abstrakten Gegenstände, mit denen Schmidt hantiert, in den Text inseriert.

Genug. Peters Ehrgeiz, Selbstdarstellungsbedürfnisse und Eitelkeit brachten ihn dazu, den Offiziersanwärtern den Kopf in einem unmäßigen Umfang zu waschen. Vielmehr nahm Peters Maß an seinen Illusionen über den bevorstehenden Aufstieg einer neu und anders, als hergebracht, zu formierenden militärischen Elite, die über die USA und den Rest der Welt zu herrschen bestimmt sei.  Deshalb wollte er in den Baracken und Kathedralen der patriotischen Ideale seiner Adressaten keinen Nagel ungezogen, keinen Schlußstein unangetastet lassen.

Selbstredend ist solcher „Realismus“ geprägt von den Idealismen auf die und zu denen er passen soll und eben dies Verhältnis ist die unauflösliche Identität von Idealismus und Realismus auf allen Ebenen, auf denen diese Einstellungen und Haltungen auftreten. Gegebenenfalls beginnt das mit dem Realismus und Idealismus einer Einstellung, die ein Mann – oder eine Frau – zu ihrem sexuellen Leib als dem Repräsentanten eines angestrebten Gender entwickelt. Welche Stellung dies Gender in der Wirklichkeit hat, die in den abstrakten Versionen von Freiheit und deren Schicksal enthalten sein sollen – sollen! – davon kann ich erst viel später genauer reden. Daß es dazu gehört, ist unmittelbar gegeben. Wer so umfassend, wie Schmidt und Peters von einem Reich diesseits aller Schranken handelt, welche in ihren Reden ausschließlich negativ vorkommen, der redet von Sex, der mag sexy sein.

Ihr findet das abermals abseitig, mindestens übertrieben und jedenfalls eine thematisch unstatthafte Psychologisierung?
Mitnichten. Menschen sind Dinge, wollt ihr euch daran erinnern? In eigenartiger, doch grundsätzlich selben Weise, wie alle anderen sexuellen Tierarten, sind sie in Körperschaften auftretende, handelnde, wirkende Dinge. Vor diesem zugleich abstrakten und ungemein konkreten Hintergrund 1 ist Peters Text so einfältig, wie der von Schmidt. Lest ihn komplett und prüft, inwieweit Peters ebensogut ein kurzes Lied hätte schmettern können:

„Es zittern die morschen Knochen
Der Welt vor dem [da da] Krieg
Wir haben den Schrecken gebrochen
Für uns war´s ein großer Sieg

Wir werden weiter marschieren
Wenn alles in Scherben fällt
und heute gehört uns [da da]
Und morgen die ganze Welt“

Und mögen die Spießer auch schelten
so lasst sie nur toben und schrein
und stemmen sich gegen uns Welten
wir werden doch Sieger sein

Und liegt vom Kampfe in Trümmern
die ganze Welt zu Hauf
das soll uns den Teufel kümmern
wir bauen sie wieder auf“

Hm? Diese Identität ist umso gespenstiger, als sie sich auch auf die Variation erstreckt, die ab 1936 in der Hitlerjugend verbreitet wurde. Darin war „gehört uns Deutschland“ durch „hört uns …“ ersetzt und zwei Strophen angefügt:

Sie wollen das Lied nicht begreifen,
Sie denken an Knechtschaft und Krieg
Derweil unsre Äcker reifen,
Du Fahne der Freiheit, flieg!

Wir werden weiter marschieren,
Wenn alles in Scherben fällt;
Die Freiheit stand auf in Deutschland
Und morgen gehört ihr die Welt.

Kennt Ralph Peters das Baumann-Lied? Lustigerweis‘ unterschlägt die deutsche Wikipedia, daß der Lieutenant Colonel, Jg.52, 10 Jahre in Deutschland im Dienste des Militärgeheimdienstes arbeitete, bevor er offiziell zum Foreign area officer avancierte. Die englische Wikipedia wiederum strich die Abteilung, in der Peters in D. wirkte: Propaganda und Gegenpropaganda.
Und damit sind wir endgültig beim nächsten Thema angelangt, einem Extrempunkt der „hermeneutischen Welt“ – was ich darunter verstehe, gedenke ich Stück für Stück aufzufalten – welcher dem sexuellen Leib gegenüber liegt. Idealismus und Realismus der Weltmacht, wird es heißen.

Teil 1, Teil 2, Teil 3.
(Titel und Gliederung der Teile, obgleich einer Systematik folgend, sind im Gefolge von Konzeptänderungen nicht mehr recht tauglich. „Work in progress“ wird andauern)


  1. „Das Konkrete ist konkret, weil Einheit des Mannigfaltigen“ (Hegel / Marx) 
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Eine Antwort zu Ding Plus Nicht-Ding in der Rezeption des „Kapital“ – ein Beispiel (4)

  1. tgarner9 schreibt:

    Bashar al Assad, der einem Fragesteller Bescheid gibt, die außenpolitische Geschichte des syrischen Staatswesens seit den frühen 70er Jahren liefere die Erfahrung, beweise, daß die amerikanischen Staatsführer keine Machthaber seien, sondern, allenfalls, Stellvertreter derselben, präziser Usurpatoren der Macht aus den Reihen und unter dem Einfluß der „Lobbyisten“, so ist kein Gran Wirklichkeit an dieser Rede! „Wirklichkeit“ ist nicht Gegenstand dieser Rede, sondern ein Ideal der Macht und Herrschaft, dessen Abstraktheit auf exakt derselben Ebene liegt – Ebene! – wie die Ideale von Peters und Schmidt.

    Und auch hier gilt: Assad beantwortet an dieser Stelle die Frage, wie er es tut, weil er sexy sein mag. Die politische Welt hält 1001 Variante bereit, denselben Standpunkt kollegialer zu beziehen. Stattdessen lügt Assad sich und seiner Interviewerin seinen Standpunkt in die Tasche: Er verhandelt doch mit Trump, wenn auch nicht eye to eye, sondern über die Mittler, die z.B. die „Deeskalationszone“ ausgehandelt haben, um die es jetzt einen zionistischen Krieg, oder ein zionistischen Scharmützel unter 4 bis 7 mehr oder weniger unabhängig voneinander agierender Parteien gibt. Und das muß er tun, weil er weiß, was ihm die Crisis Group vor ein paar Tagen vorbuchstabiert hat:

    Andernfalls würde Damaskus, die Stadt, mit Sicherheit vernichtet.

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