Syrien: Ein – nicht ganz – neues israelisches Strategem

Yair Lapid: “Israel Will Not Tolerate an Iranian Presence in Syria. Period.”

Die Voraussetzungen in Stichworten.
Der Libanon ist, wie die diplomatischen Bewegungen im Anschluß an die jüngsten Wahlen zeigen, die Hezbollah gestärkt hatten, weiterhin gegen einen israelischen Angriff gedeckt. Der Versuch, im Windschatten eines NATO-Angriffes auf Damaskus unter dem Vorwand des False-Flag-Angriffes in Douma weitere Teile Syriens mit eigenen Truppen und Söldnern zu besetzen, war am vereinten russisch-amerikanischen Widerstand gescheitert.
Immerhin hat die zionistische Front erreicht, daß der „Nahost-Plan“ der Trump-Administration nebst einem gesonderten „Gaza-Plan“, angekündigt für Anfang Mai, offenbar dauerhaft in der Schublade landeten. Sicherheitsnadelhalber führte die IDF der übrigen Welt und besonders den israelischen Juden ein Massaker auf, das auf der ikonographischen Ebene keinen Vergleich mit irgend einer Bestialität der letzten 2000 Jahre zu scheuen braucht. Für mindestens eine, wenn nicht mehr Generationen ist damit gesetzt, entweder die Juden ins Meer, oder die Araber in die Wüste.

Zugleich gab es seit Ende April eine Serie von Luftangriffen in Syrien, die der israelischen Luftwaffe zugeschrieben worden sind, ihr aber weder taktisch noch strategisch plausibel zuzuordnen sind. Eine Sonderrolle spielten dabei die jüngst aus den USA erworbenen F-35 nebst Munition, welche die IDF bislang offiziell nicht ausgewiesen hat. Man darf vermuten, daß sie aus den kürzlich aufgestockte NATO-Arsenalen stammt. Auch im Raum Al Tanf und Deir Ezzor gab es Angriffe, ziemlich offenkundig von der US-Luftwaffe oder der britischen Luftwaffe ausgeführt, die das Pentagon und OIR verleugnet haben.

Kurzum, ich unterstelle, die NATO führt teils mit der IDF oder IDF-Teilstreitkräften, teils ohne sie, den Auszehrungskrieg gegen Syrien und Russland weiter, der nicht länger ein „israelischer“ Krieg ist. Der Staat Israel führt unter den heute gegebenen Bedingungen entweder einen Entscheidungsschlag gegen Damaskus, um das entstehende Chaos und Vakuum im Süden Syriens und im Libanon zu nutzen, oder er hütet sich, die russisch – israelische Entente mit Angriffen zu belasten, die an der strategischen und taktischen Kriegslage nichts ändern können.
Letzteres ist seit der „Reality-TV-Show“ der Cruise-Missile Angriffe bis auf einschneidende Änderungen in den Kräfteverhältnissen der Beteiligten gegeben.

Das bestätigt indirekt Yair Lapid. Der Mann mag ein Kretin sein, so idiotisch ist er nicht, daß er ernsthaft annimmt, Moskau könne „den Iran“ stellvertretend für Israel aus Syrien heraus bomben, wie seine Worte unterstellen, umso weniger, als er zugleich mit Rücksicht auf Syrien den direkten russischen Alliierten Türkei mit „Iran“ gleichsetzt.

Aber umgekehrt kann Israel einen Hebel gegen Russland, gegen die Präsenz und strategische Interessen Russlands an und in Syrien, in der Türkei ansetzen, falls es dafür ausreichend Parteigänger in der NATO findet.

Bis dahin bleibt Israel, soweit ich sehe, nur ein gangbarer Kriegspfad in Syrien. Es kann mittels Beunruhigung Russlands in Syrien durch die eigene Luftwaffe, vor allem aber durch NATO-Truppen und -Söldner, die entweder auf eigene Rechnung handeln oder sich auf abtrünnige US-Generäle stützen, auf eine Begrenzung der Daraa-Offensive wirken, sodaß noch in diesem Jahr, spätestens im nächsten Jahr, gegen die im Raum Daraa neu formierten syrischen Truppen eine neue Offensive gestartet, und dann, unter neuen Bedingungen, der aktuelle Widerstand der IDF gegen Bodenoperationen im Süden Syriens gebrochen werden kann. Die Lockspeise, die Yair Lapid ins Gespräch bringt: So lange Damaskus unter amerikanisch geduldetem russischen Schutz bleibe,  das Weiße Haus also keine eigenen konkreten Regime-Change-Pläne verfolge, die russische Armee und Staatsführung aber eine Hoffnung auf dauerhafte Beendigung der Kämpfe ohne Vernichtung Tel Avivs und Brüssels fahren lassen müsse, stehe Israel ein Opportunitätsfenster offen, eine Einverleibung weiterer Teile des Golan auf internationaler Ebene durchsetzen zu können.

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2 Antworten zu Syrien: Ein – nicht ganz – neues israelisches Strategem

  1. tgarner9 schreibt:

    Bei E. Magnier liest sich das so:
    https://ejmagnier.com/2018/06/27/the-most-complicated-battle-of-southern-syria-us-forces-under-threat-due-to-israeli-interference/
    Merkt darauf auf, wie „US“ in dem Artikel systematisch für etwas anderes steht, als „Washington“.
    Einer der Schlüsselpunkte darin ist die Handelsstraße zwischen Syrien und Jordanien mit Extension nach Libanon, Irak und Türkei, worauf ich vor Monaten – und seit Jahren – ausführlich hingewiesen habe. Um sie gibt es einen Krieg, in dem prinzipiell „jeder gegen jeden“ steht und deshalb ist die Grenze zwischen Arbeitsteilung und Gegnerschaft zwischen und innerhalb der kämpfenden Fraktionen fließend. Systemtheoretisch muß man deshalb schließen, der Krieg gehe auf der Seite der imperialen Metropolen im engen Sinn, also der, die diffus „der Westen“ heißt, um die globale Rolle der NATO und also um die bestimmende Rolle der Player IN der NATO. Das schließt besonders Israel ein!

    PS.: Zur Rolle der Handelsstraßen: https://tomgard.blog/2018/03/29/gescheiterter-deal-oder-widerstand-aus-moskau-damaskus-gegen-tuerkische-besatzung-tal-rifaats-nebst-allgemeinen-einsichten-in-die-dynamik-des-imperialistischen-endkampfes/

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  2. tgarner9 schreibt:

    Bei Ofer Zalzberg so: http://blogs.timesofisrael.com/israels-southern-syria-decision-time/
    In einem Satz: Israel soll auf seine militärischen Drohungen gegen Damaskus UND Moskau trotz seiner taktisch schwachen Lage derart massiv aufsatteln, daß Russland eine israelische Klientelzone auf dem Gebiet von Qneitra akzeptiert, PLUS eine „Pufferzone“ unter direkter israelischer Hoheit entlang des schon besetzten Golan.
    Das heißt, Zalzberg plädiert so gut wie offen für nukleare Drohungen.
    In der IDF wird man, schätze ich , einen klareren Kopf behalten. Dort weiß man, daß weder Russland noch die syrische Militäraristokratie auf nukleare Drohungen reagieren werden – im Gegenteil. „Macht doch“, werden sie sagen und hohe Verluste in konventionellen Scharmützeln mit der IDF im vorhinein abschreiben, wissend, daß israelische Verluste schon im Bereich von ein paar hundert Leuten die Schmerzgrenze des Landes auf die Probe stellen.

    (PS: heute nach der Arbeit keinen Nerv und keine Ruhe mehr für Fortsetzungen meiner anderen Projekte)

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