Social Media Flattening, Demokratie und Ständestaat

Ergänzung / Korrektur:
Ich schrieb unten: „Die (Einheit der …) Nation liegt vor in der Gesamtheit eines nationalen Rechtswesens und damit der Gesamtheit des Systems kapitalistischer Gewaltausübung im militärischen Sinne.“ Das ist nicht falsch, aber mit der Wahl des Verbs „vorliegen“ indizierte ich in formelhafter Manier eine Scheidung der Begriffe „Staat“ und „Nation“, statt sie auszusprechen. Ausgesprochen: „… repräsentiert in der Gesamtheit der Ordungsvorstellungen der Mitglieder der bürgerlichen Stände und deren gewalttätiger Praxis.“
Anmerkung: Die Verkürzung entstammt einem Jargon der, wie mir schwant, schon vor 40 Jahren Debatten allzu oft verdunkelt hat. Den Sprechern erschien selbstredend, Gegenstände der politischen Ökonomie nicht ontologisch / theologisch anzusprechen („etwas ist dieses und/oder jenes“) sondern dialektisch („etwas verhält sich so und/oder anders“). Just der Begriff der Nation enthält besonders deutlich – wie ich finde – den Stellenwert theologischen Denkens in bürgerlichen Gesellschaften: Eine abstrakte Anbetung der Macht ist ideologische Grundform der Weltbilder, unter denen sich Bürger die militärische Verklammerung ihrer antagonistischen Gegensätze gefallen lassen, was nichts anderes heißt, als sie alltäglich gegeneinander zu wenden.


Ich bin noch immer teils außerstande, teils nicht willens, etwas von theoretischem Wert zu posten, vergangene Nacht schlief ich gerade mal 2 Stunden.
Aber dies hier motiviert mich zu einem raschen Kommentar,

denn ich zweifle, daß irgend jemand außer mir dem Vorgang öffentlich die Diagnose stellen wird, einen qualitativen Schritt auf dem Weg zu einer „postkapitalistischen“ Ständeherrschaft zu repräsentieren.

Dazu ein paar dürre Worte zu

Demokratie und Ständeherrschaft

Das Urteil, der Kapitalismus und die ihm gemäßen Formen demokratischer Staatsverfassungen hätten den historischen Ständeherrschaften ein Ende bereitet, ist, wie (nahezu) jede Aussage, deren Gegenstand eine oder mehrere Realabstraktionen sind, treffend und daneben zugleich. In der Abteilung „daneben“ will ich jetzt nicht diejenigen ansprechen, die in der alten Staatsableitung der Marxistischen Gruppe treffend „Lieblingsbürger“ geheißen wurden, die in der Reproduktion des Staatswesens eine mehr oder weniger prominente Rolle spielenden Eigentümer und Funktionäre der Kapitalistenklasse. Ich bleibe auf einer ein wenig allgemeinerer Ebene:

Jede Ausbeutergesellschaft, die folglich auf einer Scheidung ihrer Glieder in Klassen beruht, ist selbstredend eine Ständegesellschaft und folglich eine Ständeherrschaft.
Doch in einer Demokratie – und dafür hat leider auch Marx vorzüglich die amerikanische Demokratie gefeiert 1 – sind die Stände hegel’sch aufgehoben in der (Einheit der …) Nation. Diese Einheit ist abermals eine Realabstraktion – keine „Haluzi-Nation“ – sie liegt vor in der Gesamtheit eines nationalen Rechtswesens und damit der Gesamtheit des Systems kapitalistischer Gewaltausübung im militärischen Sinne.

Das Subjekt dieser Gewaltausübung ist in der MG-Staatsableitung korrekt benannt und begriffen in der Formulierung „Verselbständigung des abstrakt freien Willens der Bürger„.
Das Trumm wird selten verstanden und ich habe in diesem Blog vielfach versucht, sein Verständnis zu fördern. Jetzt folgt ein neuer, ultrakurz, und mit dem Manko, daß er de facto einen hinreichenden Begriff der Politischen Ökonomie des Kapitalismus unterstellt.
Der „abstrakt freie Wille“ eines Bürgers ist sein Dasein als ein Unterworfener, als Staatssubjekt, d.h. dasjenige Leben für das er hergenommen wird, wenn er politisch als ein Repräsentant seiner Revenuequelle behandelt, d.h. für das Leben des Staatswesens auf einem gegebenen Territorium (Nation) in Dienst genommen wird, dessen Energetik und Dynamik im Zusammenwirken der kapitalistischen Revenuequellen gegeben ist.
Die Rede ist von den „drei Revenuequellen“ gemäß Marx‘ Kapital, Lohn, Zins und Grundrente. Es kommt allerdings eine vierte hinzu, von der Marx nicht sprach: Die biologische Reproduktion, vulgo „Die Familie“ 2.
Nach dem Maßstab des Zusammenwirkens aller kapitalistischen Revenuequellen zuzüglich der biologischen Reproduktion sind alle Bürger vor den Reprästentanten der Nation, i.e. den -> Berufsnationalisten, „gleich“, das Institut der Nation hebt die ständische Gliederung der Klassengesellschaft in einem Stand auf, dem politischen Stand 3.

Im Maße, wie die imperialistische Dynamik die ökonomischen Revenuequellen – und übrigens auch die biologische, doch das nur nebenbei erwähnt – zerrüttet und die Herrschaft der Metropolen sie mittels Subsidien nicht länger funktionell stützt, sondern ersetzt, was ihre Zerrüttung beschleunigt, sind die Bürger nicht länger Repräsentanten derselben, können es nicht sein, sie werden zu mehr oder minder entbehrlichen Gliedern staatlicher Stände, wie das aus ständischen Militärherrschaften (vgl. Fußnote 3) bekannt ist.

Die Begründung, warum ich den verlinkten Vorgang zu einem Leitsymptom für den Übergang in eine Ständeherrschaft nehme, die sowohl „klassische“ wie „postmoderne“ Züge aufweist, bleibe ich schuldig. Ihr werdet euch ‚eh selbst damit rumzuschlagen haben – also tut es, oder laßt es bleiben.


  1. Auch das war nicht nur daneben. Die amerikanische Föderation war nie anderes, als eine kapitalistischen Gesellschaften übergeordnete Militärherrschaft. Es gibt darin keine Stände, lediglich Kommandierende und Kommandierte
  2. Das war eine schuldhafte Auslassung. Marx hat sattsam zu Protokoll gegeben, daß und wie die Politische Ökonomie des Kapitalismus sämtliche ökologisch gegebenen Lebensressourcen zerrüttet bis zerstört, indem sie sie in Dienst nimmt. Dies paradoxe Verhältnis konstituiert die biologische Reproduktion und ihre gesellschaftlichen Institute zu einer Revenuequelle, die Selbständigkeit neben und gegenüber den anderen drei beansprucht.
    Engels hat später unzureichende Versuche gemacht, dem Manko abzuhelfen. 
  3. Das ist das wesentliche Moment der Identität von Demokratie und Faschismus, bzw. allgemeiner ständischen Militärdespotien in bürgerlich formierten Gesellschaften. 
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5 Antworten zu Social Media Flattening, Demokratie und Ständestaat

  1. wolfsmilchblog schreibt:

    Hat dies auf wolfsmilchblog rebloggt.

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  2. tgarner9 schreibt:

    „Facebook, Airbnb, Uber, and the unstoppable rise of the content non-generators
    One creates no content, one owns no property, the other owns no cars. The property is at the interface“ (Mai 2015)
    Läßt man den Hype beiseite und nimmt zusätzlich das Weltfinanzsystem in den Blick (worin ich mich nicht auskenne, denke aber ikonographisch an SWIFT und die Rolle der Hedge-Fonds) sind das erwägenswerte Beobachtungen.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Aufmerksame Leser haben mich an den Zusammenhang dieses Eintrages mit folgendem erinnert:
    https://tomgard.blog/2017/10/19/was-ist-eine-ableitung/

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  4. tgarner9 schreibt:

    Ein Blogeintrag von Norbert Häring zu einem Thema, das im Wortfeld Zensur, Desinformation, „Meinungsfreiheit“ etc.nicht länger unterzubringen ist, auch wenn es darunter firmiert:
    http://norberthaering.de/de/27-german/news/1048-desinformation

    Weil Häring die Sach politisch angreifen will (was erlauben, Merkel), zieht er es vor, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß die Nation, Nationen nebst deren Traditionen, die vom Atlantic Council formell als die zu schützenden Institute angesprochen werden, nurmehr als Exekutoren einer Betreuung vorkommen, die nicht länger ihnen selbst gelten soll, sondern einem durch die NATO vertretenen Imperium. Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit, was man spätestens daran merken kann, daß nicht das Publikum des Meinungsmanagements das Ziel ist, sondern deren Institute, und das heißt auf der bezogenen internationalen Ebene schlicht: alle nationalen Eliten. Konsequent figurieren diese Eliten als Gegenstand und Ziel eines zum Glaubenskrieg stilisierten Gefolgschaftskrieges innerhalb des Imperiums und inmitten ihrer Eliten. -> Inquisition..

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