Ein kurzer Blick auf die Affäre Khashoggi

Ich war gespannt, was Thomas Pany dazu mitzuteilen haben würde. Tatsächlich taugte sein Artikel für eine Gliederung der Darstellung der PR-Kampagne in der Imperiumspresse, der Khashoggis Ermordung den Auftakt lieferte. Vielleicht komme ich morgen zu dieser Seite der Angelegenheit. Heute beschränke ich mich auf zentrale Fakten, die in der Berichterstattung systematisch zugedeckt werden,  und einige Folgerungen aus ihnen.

  1. Khashoggi war bewußt, daß ihm die Entführung aus dem saudischen Konsulat nach Riad drohte. Er glaubte sich hinreichend abgesichert, John R. Bradley, auf dessen Darstellung sich Pany im Wesentlichen gestützt hat, schrieb:

    It was Yasin Aktay — a former MP for Turkey’s ruling Justice and Development party (AKP) — whom Khashoggi told his fiancée to call if he did not emerge from the consulate.

    Ich sehe keinen Grund, die Angabe zu bezweifeln, sie ist durch die Ereignisse bestätigt. Thomas Pany erwähnt sie nicht, obwohl er die Nähe Khashoggis zur Muslimbrüderschaft nicht weniger betont, als Bradley. Wollen wir Pany wirklich die Idiotie zutrauen, nicht bemerkt zu haben, von welch entscheidender Bedeutung die Rückversicherung Khashoggis für die Beurteilung des Kriminalfalles nicht weniger, als dessen politische Hintergründe sein muß?

  2. Das saudische Mordkommando und seine politische Führung hat sich folglich zielbewußt über Khashoggis vermeintliche Lebensversicherung hinweg gesetzt. Nahmen die Auftraggeber den Skandal billigend in Kauf oder wollten sie ihn herbeiführen? Die Klärung dieser Frage lieferte den Schlüssel aller offenen Fragen der Affäre. Mit einer Antwort kann ich nicht dienen, aber daß die Öffentlichkeit offenkundig mit Macht daran gehindert wird, sie zu stellen, enthält mindestens eine grundlegende Antwort:
  3. Khashoggi war nicht das Ziel sondern Mittel eines Anschlages, den Machtkampf im Herzen des Imperiums auszulösen, dessen propagandistische Begleitbeben die Öffentlichkeit jetzt erlebt und austrägt.

In der historischen Inquisition finden wir das gleiche Muster. Alle prominenten Inquisitionsmorde, ob mit oder ohne Prozess, waren Mittel und/oder Begleiterscheinungen von Machtkämpfen im Amalgam klerikaler und militärischer Eliten des katholischen Nachfolgekonstruktes des Römischen Reiches, unter wachsender Beteiligung der Vertreter feudaler Handelskapitale.

Gibt es Hinweise auf die Umstände, die Khashoggi zum mittelbaren Ziel machten?

Ja, der stärkste Hinweis ist oben schon benannt, wenn wir zusätzlich in Anschlag bringen, was die anscheinend besten Zeugnisse über Khashoggis Statur in englischer Sprache, die von Bradley und „Angry Arab“ As`ad AbuKhalil, über die intellektuelle Physiognomie des Opfers zu sagen haben. Grob zusammen gefaßt: Ein Laufbursche im Dienst des saudischen Königshauses, der wendig genug war, es mit niemandem zu verderben und für ausreichend dumm und feig gehalten wurde, niemandem als potentielle Gefahr zu erscheinen. Für die Dummheit zeugt, daß Khashoggi sein Schicksal in die persönliche Hand Erdogans gelegt hat, dessen Parforceritt an der mittelöstlichen NATO-Flanke seine Kalküle völlig unberechenbar machen, es sei denn, man habe etwas gegen ihn und seine engere Umgebung persönlich in der Hand, was ziemlich gleichbedeutend mit einem Todesurteil wäre. Kashoggi konnte sich nach keinem halbwegs intelligenten Ermessen darauf verlassen, daß Erdogan kein Motiv hatte, oder keinen Anlaß sah, Kashoggi seinen Entführern bzw. Mördern zu überlassen.

Das erklärt freilich nicht, wie Khashoggi auf solche Dummheit verfallen ist. Eine sehr plausible Antwort liegt m.E. in der Person des derzeitigen Geschäftsträgers der amerikanischen Botschaft in Ankara, Jeffrey M. Hovenier. Er trat sein Amt erst im August dieses Jahres an, elf Monate, nachdem der offiziell noch amtierende Botschafter John Bass nach Washington zurück gerufen und in der Türkei inoffiziell zur „persona non grata“ erklärt worden ist, gleich dem Sonderbotschafter der Operation Inherent Resolve, Brett McGurk. Vergleicht das mit den Hoffnungen, die eine gewisse CANSU ÇAMLIBEL für Hürriyet-News mit der Berufung von Mike Pompeo im Mai dieses Jahres verband: The US is finally ready to send an ambassador to Ankara. Nichts da! Stattdessen eskalierte Donald Trump persönlich die Kraftprobe mit Dunford und dem State-Establishment, die sein beauftragter Außenseiter Rex Tillerson nicht einmal recht aufzunehmen, geschweige auszuhalten vermocht hatte, anhand der von Erdogan gehaltenen symbolischen US-Geiseln, namentlich Pastor Brunson, und ließ für die Durchführung dieses Auftrages eigens den Karrierediplomaten Hovenier, einen Spezialisten für Südosteuropa, der mit MENA nur am Rande befaßt gewesen ist, von Berlin nach Ankara versetzen. Hovenier erfüllt seinen Sonderauftrag stur und unbeirrbar.
Es gab also eine Autorität, die Khashoggi davon überzeugt hat, er sei bei Erdogan in den besten Händen, im Unterschied zu Beauftragten der USA, seinem Residenzland,  namentlich Hovenier. In der Tat hat Kashoggi sich für seinen Schutz auf Beauftragte Trumps und Kushners, die in ihrer MENA Politik breit auf die nationalen und regionalpolitischen Ambitionen MbS gesetzt haben, so wenig verlassen können, wie auf Erdogan. Welche Autorität bleibt also übrig?
Richtig. Die der NATO. Genauer gesagt derjenigen Kräfte in der NATO, die Erdogan den Drehpunkt für seine Lavierungsachsen zwischen den feindlichen Fraktionen in Washington und den rivalisierenden Fraktionen in Moskau liefern.

Allein: Kashoggis vermeintliche Versicherungspolice taugte nichts. Sie taugte so wenig, daß die für die Operation Khashoggi in Riad UND anderswo verantwortlichen Leute nicht einmal ein Minimalrisiko eingingen, von einem ihrer Partner „geframed“ zu werden, sie entsandten gleich einen Spezialisten für die Zerlegung der Leiche, ein Schachzug, von dem sie annehmen konnten, er werde von Gegnern und Spitzeln nicht vorher gesehen. So vermieden sie den minderschweren und mit minimalem Aufwand unter den Teppich zu kehrenden Skandal einer vereitelten Entführung Khashoggis.

Khashoggi lief in eine Falle, die in erster Linie Donald Trump, in zweiter MbS galt, wie das Publikum es nun erleben darf.
Seine direkte und mittelbare Kenntnis vermutlich nicht unbeträchtlicher Teile der Vorgeschichte des Putsches von 9/11, die er als Gefolgsmann von Turki bin Faisal Al Saud erworben haben dürfte, und Kashoggis merkliche, wenngleich bedingte Treue zu Turkis politischen Grundsätzen nach dessen Rückzug aus der Politik 2007 – in der Zeit, da Dick Cheney einen Nuklearschlag gegen den Iran vorbereitete – sowie seinem US-Exil ab 2010, eröffnen viel Raum für Spekulationen, an denen ich mich hier nicht weiter beteiligen will. Immerhin will ich auf ein paar Einträge verweisen (es könnte noch mehr geben):
Resolution zur Verlängerung des Iran Sanctions Act passiert Senat
Konspirieren Trump und MbS gegen die saudisch-amerikanische Deep State Allianz?
Hat Trump nukleare Bewaffnung Saudi Arabiens abgesegnet?

Zur Erinnerung: Bradley’s Titel: „Saudi Arabia and the rise of the mobster state“ ist eine groteske Verniedlichung. Diese Mafia ist seit der Befestigung des Dollar-Kredites durch den Petro – Dollar 1973 Außenstelle einer US-Mafia, wenngleich, das liegt sowohl in der politischen wie ökonomischen Natur dieser Verbindung, die saudische Abteilung stets eine gewisse Eigenständigkeit und Spielraum behaupten kann. Letzteres liegt nicht zum Mindesten im Spannungsverhältnis zwischen den zionistischen Fraktionen einerseits, und den auch über regionalpolitische Angelegenheiten ausgetragenen Kampf dynastischer Fraktionen des KSA, andererseits. Nicht erst der Syrienkrieg, aber besonders dieser, zog auch die Türkei und mehr oder minder alle Staaten der arabischen Liga in das Kampf- und Betätigungsfeld dieser Mafia. Nur logisch, daß der auf hoher diplomatischer Ebene beispiellose Inquisitionsmord an Khashoggi seine Bühne in dieser breit gefächerten Szenerie gefunden hat.

Nachtrag: Erst bei der zweiten Durchsicht des Eintrages – ich bin immer noch sehr unfit – fiel mir auf, daß es so scheinen muß, als hätte ich die die Frage, ob der Skandal Khashoggi in Kauf genommen oder beabsichtigt war, beantwortet, entgegen meiner Versicherung.
Nein. Zwar setze ich zuversichtlich darauf, daß Khashoggi nichts in der Hand hatte, was seine Eliminierung ohne Rücksicht auf Verluste geboten hätte, aber weder ich noch andere Unbeteiligte können ausschließen, daß die Verantwortlichen in Riad mit Hilfe einer ihnen verläßlich erscheinenden Quelle mit Kashoggi in derselben Falle zusammen geführt wurden.

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5 Antworten zu Ein kurzer Blick auf die Affäre Khashoggi

  1. tgarner9 schreibt:

    For the record ein paar sekundäre Fakten.

    Die Frau, zugunsten derer Khashoggi sich angeblich eine Scheidungsurkunde von der saudischen Botschaft aushändigen lassen wollte (warum bestand er nicht auf einer Übersendung?), Hatice Cengiz, hat Appelle und Erzählungen in der WaPo und in der NYT veröffentlichen lassen. Das Wapo-Stück kenne ich nicht, das der NYT wirkt, gelinde gesagt, seltsam. Das fiel auch der saudischen Kolumnistin Mai Khalid auf: Gulf News.Eine prominente Presse-Kampagne unter der Weigerung, Interviews zu geben?
    Mai Khalid beschuldigt Hatice, nicht mit den Gefühlen und Motiven zu formulieren, die sie vorgibt, sondern politisch. Das ist schnell vom Tisch gewischt, aber urteilt selbst, ich greife nur zwei Beispiele heraus:

    „Had I known it would be the last time I would see Jamal, I would have rather entered the Saudi consulate myself. The rest is history: He never walked out of that building. And with him, I also got lost there.“
    Beachtet nebenher, daß sie hier, vor vier Tagen, von Khashoggis Tod ausgeht, während sie im Rest des Artikels die Fiktion aufrecht hält, er könne noch leben. Darunter das:
    „If the allegations are true, and Jamal has been murdered by the errand boys of Mohammed bin Salman, he is already a martyr. His loss is not just mine but that of every person with a conscience and moral compass. If we have already lost Jamal, then condemnation is not enough. The people who took him from us, irrespective of their political positions, must be held accountable and punished to the full extent of the law.“
    Was immer Mai Khalids Motive, sie hat recht. Und die Formulierung „errand boys“, Laufburschen, ist besonders herzig, gelle? Sie ist für die hochrangige Delegation, die da am Werk gewesen ist, so unpassend, wie sie politisch passend ist für jemanden, der die Option einer Opferung von Sündenböcken – gegen einen Preis, versteht sich – offen halten will …

    Die Imperiumspresse faselt flächendeckend davon, Trump habe Cengiz ins Weiße Haus eingeladen, ein entsprechendes Zitat oder Dokument habe ich nicht gefunden. Auch Cengiz hat keine Einladung erhalten, sie beruft sich im Text auf Pressegerüchte und verzichtet gleichwohl nicht darauf, es zum Anlaß eines moralischen Ultimatums zu nehmen:
    „If he makes a genuine contribution to the efforts to reveal what happened inside the Saudi consulate in Istanbul that day, I will consider accepting his invitation.“
    Zugleich hat das State Department lt. Auskunft von AP bereits am Freitag mitgeteilt, Mike Pompeo habe mit Cengiz gesprochen. „No details of the conversation were released.“ Cengiz erwähnt dies Im Artikel vom Samstag nicht, es gibt auch keinen Nachtrag mit diesem nicht eben unbedeutenden Detail.

    Für einen Kriminalbeamten, der nur irgend etwas taugt, sind diese Seltsamkeiten und Ungereimtheiten allemal Anlaß für mißtrauische Fragen nach der Rolle der türkischen Politikstudentin.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Ergänzend: https://www.strategic-culture.org/news/2018/10/14/did-saudis-cia-fear-khashoggi-9-11-bombshell.html
    Anmerkung: Ich halte es für so gut wie ausgeschlossen, daß Khashoggi über die saudische Rolle in 9/11 zählbareres gewußt hat, als die US-Öffentlichkeit inzwischen aus einer Reihe von offiziellen und semioffiziellen Dokumenten mitgeteilt bekam. Doch ein Rest von Zweifel daran könnte von kompetenter Seite wohl leicht ins Untragbare bestärkt werden, so viel kann man Cunnunghams Darstellung zugestehen.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Das wird schwerlich geschehen. Ich werde es auch dann in Abrede stellen, wenn Trump darüber twittert. Wenn die türkischen Beweise den Umfang und die Qualität haben, welche die Regierung behauptet, dürften sie eine türkische Mittäterschaft beweisen. Obendrein dürften Audio-Dokumente Hinweise auf Beteiligte enthalten, die niemand bei Verstand freiwillig oder leichtsinnig heraus rückt.

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  4. tgarner9 schreibt:

    Es fällt schwer, David Hearsts komplett schizoiden Kommentar zum Fall für unaufrichtig zu halten:

    Der Mann hat intellektuell fertig, wie so viele älteren Kohorten, die aus ihrem moralischen framework nicht mehr heraus können.
    Und wer füttert ihn – bzw. MEE – mit Details, die keine amerikanische Quelle zu haben behauptet?
    https://www.middleeasteye.net/news/exclusive-khashoggi-829291552
    https://www.middleeasteye.net/news/khashoggi-mohammed-bin-salman-saudi-arabia-suspects-969185217
    und die Rolle Erdogans oder des MIT in der Affäre noch zwielichtiger machen, als sie ohnehin ist?

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