Affäre Khashoggi – eine Timeline

Update 20.10.

Die jüngste Entwicklung, zusammen gefaßt bei NBC, ändert gar nichts, im Gegenteil. Schon jetzt gibt es zwei „Fassungen“. Die erste, verbreitet von CNN, sprach von einem „Fistfight“. So etwas hätte damit geendet, daß ein (türkischer) Artz gerufen und der Versuch gemacht worden wäre, die Sache als „Herzinfarkt“ zu behandeln. Hätte das nicht funktioniert, hätte man einen rangniederen Patsy präsentiert.
Deshalb die Richtungsänderung inmitten der Fluchtpanik: Nun soll das Ereignis bei einem Entführungsversuch stattgefunden haben.
Das KSA wurde genötigt, eine False-Flag-Operation zu decken.
Update Ende. Weiter mit der Timeline:

Gegen 13:30 des 2. Oktober soll Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul betreten haben. Seine Verlobte will bis 21:00, fünf Stunden nach Büroschluß, vor dem Gebäude auf ihn gewartet haben.
So heißt es in einem Artikel der NYT, getitelt Jamal Khashoggi, Saudi Journalist, Detained in Consulate in Istanbulder ebenfalls am 2. 10. erschienen ist. An der amerikanischen Ostküste war es 14:00 Uhr, als Hatice Cengiz sich von ihrer Wache auf den Weg gemacht haben will. Wohin? In die gemeinsame Wohnung, wie sie später Reuters erzählte? Hat sie einen „amerikanischen Freund“ mit besten Kontakten zur NYT angerufen?
Im Artikel war von einem ungenannten „Freund“ (einer Freundin) die Rede, die mit Cengiz gewartet haben soll, ebenso bei Reuters, Turkish, Saudi officials diverge on whereabouts of prominent Saudi journalist, das mit einem Bild und einem Video aufwartete, das Cengiz wartend in Begleitung einer jungen Frau zeigte. Es wurde inzwischen entfernt. Der Artikel ist mit 3. Oktober, 02:17 datiert, da zeigten die Uhren in Istanbul 15 min nach der normalen Büroöffnungszeit, 09:00 Uhr, 12 Stunden, nachdem Cengiz ihren Warteposten aufgegeben haben will.

Ich kenne dies Muster aus den Gebräuchen des Mossad. Man will gewisse Leute über öffentliche Kanäle wissen lassen – global zumindest – was los ist. Die Operation Khashoggi ist damit aus meiner Sicht als eine Geheimdienstoperation ausgewiesen, an welcher der türkische MIT ebenso beteiligt ist wie mindestens einer der amerikanischen Dienste.
In dem Zusammenhang ist zu vermerken, daß eine Timeline von Al Jazeera von gestern dem initialen Bericht der NYT scharf widerspricht. Demnach habe Cengiz zum Büroschluss des Konsulates um 15:30,  08:30 Uhr New Yorker Zeit, die Auskunft erhalten, Khashoggi habe das Gebäude bereits durch die Hintertür verlassen, worauf sie den im letzten Eintrag erwähnten Yasin Aktay, Erdogans Berater in Parteiangelegenheiten und persönlichen Freund Khashoggis, alarmiert habe „wie sie angewiesen worden“ sei.

Die NYT legte am 3. Oktober ebenfalls nach. Sie zitiert Cengiz mit Angaben, die Widersprüche zu ihrer angeblich eigenhändigen Stellungnahme vom 13. 10. aufweisen, ich habe sie schon kurz besprochen.
Die WaPo handelte nicht weniger entschlossen, wie man z.B. hier erfährt.
Das saudische Konsulat Istanbul reagierte in der Nacht zum 4. Oktober, 2 Uhr Ortszeit mit folgender Stellungnahme:
Consulate General of the Kingdom in Istanbul says that it is following up what was reported in the media about the disappearance of citizen Jamal Khashoggi after leaving the consulate building .. and confirms that it is carrying out follow-up and coordination with the Turkish authorities to disclose the circumstances of his disappearance.
Wenige Stunden zuvor hatte es die erste offizielle türkische Stellungnahme gegeben:

Turkish presidential spokesman Ibrahim Kalin told reporters on Wednesday: „According to the information we have, this person who is a Saudi citizen is still at the Saudi consulate in Istanbul.“ „We don’t have information to the contrary,“ he added. (BBC)

Am Sonntag  den 7.10. gab es die erste weitergehende offizielle Stellungnahme der türkischen Regierung, von Erdogan persönlich, ein Versuch einer Abwiegelung:

Turkish President Recep Tayyip Erdogan says he remains hopeful about the fate of Khashoggi amid reports that the critic may have been killed.
„I am following the [issue] and we will inform the world whatever the outcome [of the official probe]“, Erdogan said.
„God willing, we will not be faced with a situation we do not want. I still am hopeful,“ adding that „it is very, very upsetting for us that it happened in our country“.
Erdogan says video footage of the entrances to the consulate would be reviewed as well as the monitoring of all inbound and outbound flights.

Doch Al Jazeera insistiert:

Yasin Aktay, Erdogan’s adviser, tells Reuters he believes Khashoggi was killed inside the consulate.
Aktay added that a 15-man hit squad was „most certainly involved“ in the matter.

Den Reuters-Artikel habe ich nicht gefunden, stattdessen:

(Reuters, 6.10.) On Saturday, Yasin Aktay, Erdogan’s AK Party adviser and a friend of Khashoggi, told Qatari broadcaster Al Jazeera: “We demand a convincing clarification from Saudi Arabia, and what the crown prince offered is not convincing.”
He also said what happened to Khashoggi was a crime and those responsible for his disappearance must be tried, Al Jazeera said.

Auch Erdogan scheint demnach in eine Falle geraten zu sein.

Am Mittwoch den 10. Oktober, keine drei Tage nach Erdogans Stellungnahme, setzten die Vorsitzenden des US-Senate Committee on Foreign Relations eine Untersuchung gemäß dem Magnitsky – Act an. Sie verpflichtet die Trump-Administration, binnen 120 Tagen zu entscheiden, ob und welche Sanktionen gegen saudische Offizielle, Unternehmen und Mitglieder der Königsfamilie im Zusammenhang mit der Affäre Kashoggi zu verhängen sind, mit weltweiter Geltung. Der Magnitzky-Act ist die gewichtigste Waffe der USA abseits militärischer Regime-Change-Operationen und im Falle des KSA maximal wirksam, weil er auch den Londoner Finanzplatz betrifft, soweit die britische Regierung nebst MI6 nicht intervenieren.
Die Prominenten unter den Unterzeichnern sind ausgesprochene, im Falle Bob Corker, Marco Rubio  und John Barrasso, wild entschlossene Feinde Trumps. Das gilt auch für Menendez, trotz eines zwischenzeitlichen Schwenks, der damit zu tun haben dürfte, daß Trump der Lobby des Militärisch Industriellen Komplexes jeden Wunsch erfüllt.  Mit Ausnahme Patrick Leahys eint sie überdies Nibelungentreue zu Netanyahus Likud – Partei.

Ich denke, diese Fakten reden ziemlich deutlich.

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9 Antworten zu Affäre Khashoggi – eine Timeline

  1. tgarner9 schreibt:

    Nach längerem Grübeln, welches Motiv eine durchaus illustre Gesellschaft zu einem Anschlag auf Trump und MbS zusammen geführt haben könnte, ist die beste Hypothese, die ich anzubieten habe:
    MbS über viele Kanäle erkennbar gewordene Entschlossenheit, so weit es in seiner Macht steht zu einer Beendigung des Syrienkrieges beizutragen und einen neuen Irakkrieg mit dem Ziel einer Zerlegung des Landes zu verhindern. Den Jemenkrieg muß er zu Ende führen – er kann nicht als ein Kriegsverlierer über das KSA herrschen. Ansonsten scheint er Ruhe in „seinem“ Regionalmachtabschnitt zu verlangen, den Trump und Kushner ihm zugesichert haben.

    Und das hat nicht nur finanzielles Gewicht, es könnte wesentlich um die Söldnerlogistik gehen. Der zionistischen Internationale könnte das Kanonenfutter knapp,werden, wenn MbS mit seinen bekannt drakonischen Mitteln gegen die saudischen Vermittler vorgeht und für dieses Projekt obendrein europäische Parteigänger gewinnt.

    M 2 cents.

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    • Berengar schreibt:

      Ein Indiz für diese Deutung könnte sein: U.S. Persuades Iraq to Quash Siemens Deal in Favor of GE

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    • BC schreibt:

      Dieser Türke sieht die Affäre als Gegenangriff von Erdogan vs. USA:
      https://www.forbes.com/sites/melikkaylan/2018/10/18/the-secret-history-of-the-saudi-consulate-affair-turkeys-counter-attack/

      Immerhin fällt ihm das hier auf:
      „And since that first day Ankara has kept up the drip, drip, drip of harrowing details.“
      Sogar minutengenau wollen sie die Vorgänge im Konsulat kennen, das zumindest soll die Welt wissen.

      Hier noch ein statement vom 10. Oktober von einem Typ, der sich seiner intimen IC-Kenntnisse und -Kontakte rühmt und diese gerne als (natürlich anonyme) Quellen zitiert, wenn es darum geht, gegen Putin und Trump (vor allem den, wie auch hier) zu Felde zu ziehen:
      https://observer.com/2018/10/nsa-source-white-house-knew-jamal-khashoggi-danger/

      Zitat:
      I can confirm that the National Security Agency, America’s big ear, indeed intercepted Saudi communications that indicated Riyadh had something unpleasant in store for Khashoggi. Listening in on foreign governments, after all, is NSA’s main job, and that includes frenemies like Saudi Arabia as well as hostile regimes. At least a day before Khashoggi appeared at the Saudi consulate in Istanbul, an NSA official told me, the agency had Top Secret information that Riyadh was planning something nefarious—though exactly what was not clear from the intercepts. (…)According to the NSA official, this threat warning was communicated to the White House through official intelligence channels.

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      • tgarner9 schreibt:

        Grüß Dich, BC!

        Das „dripping“ versteht sich nahezu von selbst. Auch mit mächtigen Partnern mußten sich die türkischen Stellen vor ihren Gegnern und Feinden in Acht nehmen, die z.T „im Nebenbüro“ hocken – wenn nicht am selben Schreibtisch. Die Geschichte ist einfach zu dürftig und angreifbar. Also hat man eine Serie von Wetterballons gestartet um zu prüfen, ob der Jetstream mindestens die erwartete, wenn nicht erwünschte Richtung und Stärke hat.

        Um zu wissen, daß MbS geradezu genötigt war, etwas gegen Khashoggi zu unternehmen, brauchte man nur die öffentlichen Ankündigungen des Mannes: Gründung einer Exilpartei und eines regierungskritischen Think-Tanks im Herzen der imperialen Machtkämpfe. David Hearst (MEE), ich hatte das unter dem letzten Eintrag verlinkt, erklärte das schon vor einer Woche zum einsichtigen Grund für einen Fememord mit maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit – nicht etwa eine Anklage wegen Landesverrates in Abwesenheit (Politische Parteien sind im KSA verboten, wenn ich noch recht orientiert bin), also das nächstliegende Verfahren.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Es wird niemanden überraschen, meine Vermutung in der „Saudi Gazette“ wiederzufinden:

    There are leftist groups in the West who see the stability in the region goes against their main project. They believe that Saudi Arabia is the central country that put an end to the Arab Spring project, which was supported by these groups, and Saudi Arabia buried it forever.
    http://saudigazette.com.sa/article/545845/Opinion/Local-Viewpoint/The-drama-will-be-over-soon-and-Saudis-will-have-the-last-laugh

    Ich verweise darauf, weil der Artikel neben den üblichen auswärtigen Feinden (mit Ausnahme des Iran!) einen internen Feind benennt und eine Säuberung verlangt / ankündigt:

    There [is], however, a group that is playing a dangerous role in the dark and we need to crush them. They are an inferior group that does not have the courage to announce its support to Qatar publicly. But they are playing an indirect role by spreading rumors and circulating fake news among Saudis in an effort to make them doubt their government.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Ich kippe mal einen Kommentar ab, der am zugedachten Ort vielleicht nicht erscheinen wird:

    Bevor ich auf die Rolle Cengiz eventuell weiter eingehe habe ich, denke ich, einen grundsätzlicheren Punkt anzusprechen, auf den mit „(Ehr-)Furcht“ schon angespielt war.

    Warum eigentlich entblödet sich praktisch niemand mehr, die Anschuldigung eines Mordes im Konsulat von vorn herein als alberne Hetzpropagada zurück zu weisen? Die saudische Regierung hätte Khashoggi legal aus der Türkei entführen können. Das Konsulat ist exterritorial und Khashoggi saudischer Staatsbürger. Es hat nur einen Haftbefehl gebraucht, ein Verfahren, das KSA in der Vergangenheit mehrfach durchexerziert hat und in diesem Fall umso einfacher war, als Kashoggi in der Türkei nicht einmal Residentenstatus hat, er war, amtlich gesprochen, Tourist.

    Wenn man, umgekehrt argumentiert, dem saudischen Personal unbedingt mörderische Kaltschnäuzigkeit bescheinigen will, dann hat Hatice Gengiz, unterstellt, sie sei wirklich die Geliebte Khashoggis, mit ihrer Wartenummer beste Voraussetzungen geschaffen, den Mann öffentlich, mit seiner Zustimmung, aus dem Land zu schaffen! Man hätte ihm sagen können: „Ey, Alter, wenn du nicht willst, daß sich einer unserer Jungs der Tante annimmt, kommst du jetzt ganz brav mit uns.“

    Was spätestens die Frage aufwerfen sollte, die noch früher hätte zu stehen kommen müssen: Warum soll der Mann da ‚reinspaziert sein? Wenn das für die Urkunde zuständige Amt den Briefweg abgelehnt hätte, wäre einfach ein Notar zu beauftragen gewesen, von denen es in der Türkei aus einschlägigen Gründen in jeder Straße zweie gibt. Im Falle einer Zurückweisung auch dieses Manövers hätte Hatice die erste sein müssen, die entweder auf eine frühe Heirat verzichtete, oder, wenn ihre Bedürftigkeit in Kombination mit Gottesfurcht das nicht zugelassen hätte, unter dem Schutz ihrer Staatsbürgerschaft auf einer Begleitung Khashoggis in die Höhle des Löwen hatte bestehen müssen, was sie nach eigenem Bekunden in der ehrwürdigen NYT erwogen haben will.

    Nichts als Anbetung der unwidersprechlich gewähnten Macht der imperialen Kriegerkaste hindert 99,9 % der „westlichen“ Bürger an solch einfachen Erwägungen. Man kann es mit Fug Dummheit nennen, aber es ist Dummheit im Vollbesitz der Verstandeskräfte!

    Womit ich zurück komme auf die Rolle der Hatice.
    Gesetzt den Fall, wir schlucken den ganzen Schmonzes, warum fällt uns dann nicht ein und auf, daß ihre Rolle im Skandal des Verschwindens rein poetisch / dramatischer Natur ist, während ihre Rolle im möglichen Kriminalfall die der Kronzeugin wäre?! Feststehende Überwachungskameras sind allenfalls unter wohlbestimmten Voraussetzungen und Umständen ein gerichtsfester Beweis, die hier nicht vorliegen. Nichts einfacher, als ihre Zeitsignatur zu fälschen. Umgekehrt wären die türkischen Stellen nicht auf Hatice angewiesen, Khashoggis Verschwinden zu bezeugen – dafür reichen die angeblichen Aufnahmen allemal. Warum also hat man die Frau nicht aus dem Vorgang rausgehalten und läßt sie stattdessen von A-Po bis WaPo Schmonzetten schreiben, die jeder Amateurkriminologe in der Luft zerreißen kann?.

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    • tgarner9 schreibt:

      Es zeigt sich, der Absatz, der anhebt mit „Nichts als Anbetung der unwidersprechlich gewähnten Macht der imperialen Kriegerkaste hindert …“, beschreibt den Dreh- und Angelpunkt des Vorgangs. Die Folge „Operation -> PsyOp“ wird am Schluß umgedreht. In der historischen Inquisition war die Reinkultur desselben Vorgangs das „Gottesurteil“, das den Delinquenten die Folter „nicht aushalten“, die Hexe auf dem Scheiterhaufen tatsächlich brennen lassen haben soll.

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  4. tgarner9 schreibt:

    Saudis ‚brought Khashoggi body double‘
    A Turkish official told CNN that one member of the 15-strong Saudi team sent to kill Jamal Khashoggi was a body double, named Mustafa al-Madani.

    CNN obtained video footage appearing to show al-Madani leaving the Saudi consulate in Istanbul through a backdoor in Khashoggi’s clothes, after the Washington Post columnist is believed to have been killed.

    Madani is seen walking down an Istanbul street wearing an outfit matching Khashoggi’s, besides a man carrying a plastic bag and wearing a hoodie.

    Surveillance cameras show al-Madani entering the consulate in a black shirt and blue jeans a few hours before Khashoggi went missing. According to the video, al-Madani and his accomplice are then seen taking a taxi to Istanbul’s Sultan Ahmet mosque before entering a bathroom and reappearing in new clothes.
    (Al Jazeera, 22.10)

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