Materialien von der und über die „Neue politische Klasse“(TG)

(Knüpft u.a. an diesen Kommentar und die Reaktion von Franziska an.)

We often hear people saying that our politicians lack imagination. In the epoch of global governance when politics is reduced to mere administration, there seems to be little space for the free development of imagination. Yet, if we consider the spectacularization of politics that appears on our screens every day, and most recently, the upsurge of heated talk about “fake news” versus real news, we cannot but perceive an excess of imagination. How can we explain the paradox of an eclipse of imagination that goes hand in hand with its hypertrophy? In order to come to terms with such a paradox we need to rethink the link between politics and our capacity to imagine.

Das ist der erste Absatz in Chiara Bottici’s Aufsatz mit dem hübschen Titel „Imaginal Politics in the Age of Trumpism“. Lassen wir die Sach‘ mit der „Vorstellungskraft“ für den Moment beiseite, haben wir zur Kenntnis zu nehmen, hier ist eine praxisorientierte Intelligenzia am Werk, die eine Vorstellung von „Global Governance“ für Realität nicht nur ausgibt, sondern zum Gesetz ihres Diskurses erhebt.
Die Differenz zwischen Vorstellung und Realität, zwischen Wille und Vorstellung, wird Chiara Bottici im Fortgang zur Wahrnehmungsstörung, die Inkommensurabilität zum Mangel an Vorstellungskraft erklären.
Zum Fortgang des Aufsatzes will ich an dieser Stelle nur eine Warnung loswerden: Laßt euch von einem Satz wie diesem nichts vormachen:

… we are invited to give up on truth and reality as the ultimate criteria for deciding what matters in politics and everyday life.

Seine Demagogie wird am Maßstab kenntlich, den Chiara für „Wahrheit und (!) Realität“ zwei Sätz weiter geltend macht:

In other words, we need to understand why people were ready to exchange “fake news” for “real news” in order to understand why the most professional politician one can imagine has lost the presidential elections to the most unprofessional one in generations, who now sits in the White House.

Und der Kollege Tommaso Durante wird einen Raum weiter Chiaras dreiste Lüge einfach fallen lassen: Visible Discourses and Invisible Ideologies? The Image as (!) Global Political Theory

Die zwei anderen Beispiele sind aus „Foreign Affairs.
Why Marxism Explains the World und
Why Tribalism Explains the World

Ich weiß noch nicht, ob ich je darauf eingehen werde, habe die Artikel aber abgespeichert, sodaß ich auf Kommentare antworten kann. Die jeweiligen Schlusswendungen will ich allerdings hervor heben:
„Marxism“:

 … it is to suggest that if today’s egalitarian politicians, including Bernie Sanders in the United States and Jeremy Corbyn in the United Kingdom, are to succeed in their projects of taming markets and revitalizing social democracy for the twenty-first century, it will not be with the politics of the past. As Marx recognized, under capitalism there is no going back.

Merkt mal auf, daß in dem ganzen Artikel von (Welt-)Geld nicht die Rede ist, oder richtiger gesagt, es ist davon die Rede wie von der imaginären Zahl in der Gaußschen Zahlenebene: Sie bestimmt Ausgangs- und Endpunkte aller Kalküle, zwingt sie in die Kreisform.
„Tribalism“:

Internationally, as in the United States, unity will come not by default but only through hard work, courageous leadership, and collective will. Cosmopolitan elites can do their part by acknowledging that they themselves are part of a highly exclusionary and judgmental tribe, often more tolerant of difference in principle than in practice, inadvertently contributing to rancor and division.

Ich hab die beiden Abschnitte zitiert, weil sie einen Eindruck geben, wie die Autoren mit Chiara Bottici in der gleichen Blase zusammen finden, reale oder vorgestellte Sprecher einer politische Elite – im Unterschied zu einer philosophischen, religiösen oder technokratischen – die sich systemisch über alle anderen zu stellen im Begriff oder berufen sei.

Eine andere Klammer ist meine Quelle für die obigen Verweise, der Artikel von Roland Benedikter, Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse am Willy-Brandt-Zentrum der Universität Wroclaw-Breslau und Vollmitglied des Club of Rome, zu den Midterm-Wahlen in Telepolis.
Es braucht zwei Blicke auf den Text, um heraus zu finden, was der Benedikter denn anderes will, denn der eigentümlich geringschätzigen Bewunderung ein neues Gesicht zu geben, die traditionelle europäische Eliten der US-Kultur entgegen zu bringen pflegen. Man hat es wohl in der Kombination eines Plädoyers für eine „Neue Mitte“ mit der altehrwürdigen „Kritik“  der „Negativity in political perception“ zu suchen. Die USA seien absehbar für eine Neue Politik – die Benedikter nicht ausdrücklich einfordert – verloren. Europa wird es aus dieser Sicht iwie bringen müssen. So simpel übernimmt Benedikter den Diskurs der Macht, den ich einleitend zitierte: Global Governance sei real im negativen perspektivischen Fluchtpunkt, im Niedergang nationaler Regime und Administrationen. Darin ist mittelbar eine eigentümliche und exklusive Aufgabe formuliert: Wohin Soldaten und Milizionäre marschieren und nicht marschieren, wo Bomben und Raketen einschlagen und nicht einschlagen, diese Entscheidung müsse den USA zukünftig aus der Hand genommen werden.
Vom praktischen Klassenstandpunkt aus formuliert heißt das natürlich in erster Instanz: Sie müsse zuvor allen anderen nationalen Playern aus der Hand genommen werden.

Gibt es eine bessere Vorausetzung, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen, als die Zementierung und Stärkung der NATO-Hegemonie in Europa in Kombination mit einer „America first“ – Politik im Belagerungszustand, der den Herren des global entscheidenden Nuklearwaffenarsenals mit der stets präsenten Drohung eines neuen Amerikanischen Bürgerkriegs an der Kandarre hält? Dieselben Umstände, die Trump davor schützen, abgesetzt, erschossen oder gehenkt zu werden, binden ihn an eine transnationale Elite, deren Parteinahme nicht Trump, vielmehr seinen Feinden unentbehrlich ist.
Doch die weigert sich. Sie hat sich einstweilen auf’s Skripalen und Khashoggen verlegt.

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9 Antworten zu Materialien von der und über die „Neue politische Klasse“(TG)

  1. franziska schreibt:

    Verständnisfrage vorneweg: Es gibt also drei Parteien, Trump, die transnationale Elite, und die Feinde Trumps? Wer genau sind die? – Mal anders gefragt: Wofür steht das (relativ homogen verfasste, richtig?) Foreign Policy Establshment der USA – „die“ Neocons? Ist DAS die dritte Partei, die hier gemeint ist? Und… muss nicht Trump sich nicht wider Willen immer wieder als Galionsfigur für DEREN Projekte hergeben, was ihn dann doch immer wieder auch beschädigt?
    Ich stelle meine Fragen auf dem Hintergrund der Befürchtung, dass wir 1983 bzw August 1914 oder auch ein 1938/9 (das vielleicht sogar am ehesten) in Permanenz erleben. Dass die Automatismen (Cyberangriff als militärischer usw) als Lunten installiert sind, die nur noch eine false flag (im Baltikum; oder flächendeckender Stromausfall in den USA?) als Zünder brauchen.
    UNd bei dem allen: Stell fir vor (imagine…?): Es gibt Krieg – und keiner schaut hn. Gespenstisch ist garkein Ausdruck dafür.

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    • tgarner9 schreibt:

      Danke für die Nachfrage, Franziska.
      Sie wird mir helfen, Zusammenhänge expliziter und methodischer zu formulieren. Dazu will ich allerdings einen eigenen Eintrag schreiben, voraussichtlich morgen.

      Zu Deiner Befürchtung kurz folgendes:

      1) Auf einer abstrakt-allgemeinen Ebene gibt es einen permanenten Weltkrieg seit dem Putsch Jelzins gegen Gorbatschow, der mit dem Restbestand des „Kalten Kriegs“ aufräumte. Krieg zwischen Staaten / Nationen ist, ich habe es häufig gesagt und begründet, eine Erscheinungsform des Klassenkampfes und näher eines Krieges der politischen Klassen gegen die Bevölkerungen des eigenen Territoriums mit deren Performanz in der transnationalen Konkurrenz der Kapitale sie unzufrieden werden. Als die Auslagerung dieses Krieges auf die Herrschaften über einen „alternativen Entwicklungsweg“ und deren Bevölkerungen entfallen ist, schlug diese Dynamik auf das Verhältnis der imperialen Metropolen untereinander und zu ihren Bevölkerungen zurück.

      2) Allgemein – im Unterschied zu „abstrakt-allgemein“ – gibt es diesen Krieg seit dem 2. Golfkrieg, genauer dem Massaker auf dem „Highway to Death“, auch das habe ich vielfach an anderer Stelle begründet. Dieser Krieg definierte den hegemonialen Anspruch des „american exceptionalism“ neu entlang der o.a. „abstrakt-allgemeinen“ Ebene, das Massaker gab ihm Textur und Farbe. Die Wiederholung des britisch-amerikanischen Nuklearwaffeneinsatzes (depleted uranium) im Serbienkrieg, auf europäischem Boden, indiziert die Zugehörigkeit und bestimmende Rolle der Jugoslavienkriege zu dieser Phase.

      3) Noch konkreter wurde dieser Weltkrieg mit dem Putsch von 9/11 und der israelischen, mittelbar auch saudischen, Beteiligung an ihm, übergeleitet in den „constant conflict“ des „War on Terra“

      4) Die Phase eines Krieges gegen und um die EU begann mit dem Libyenkrieg, in dem die USA schon nicht mehr als ein nationaler Player aufgetreten sind.. Nationaler Player war das UK. Andere autoren würden mit ziemlich guten Argumenten Sarkozy’s Frankreich dazu zählen, aber ich habe spezifische Anhaltspunkte das zu unterlassen (hat mit der postkolonialen Gliederung der französischen Eliten und ihrem Verhältnis zu den regierenden Zionisten zu tun).

      5) Der Ukrainekrieg läutete eine neue Phase mit einem Doppelgesicht ein. Seitens der Killary-Fraktion war es eine Eskalation des Krieges um Europa UND des Syrienkrieges, der die Schauplätze Europa und Naher / Mittlerer Osten verknüpft.
      Die Gegner dieser Fraktion in der EU und den USA hielten auf jeweils eigentümliche Weise mit einem paradoxen Deeskalationsversuch dagegen: Die Revitalisierung eines „Kalten Krieges“ gegen Russland hat die Seite, dem Krieg der imperialen Metropolen untereinander ein Moment der Milderung durch Auslagerung wieder zur Seite zu stellen.

      6) Und jetzt, mit „Trump“? An diese Frage wird der angekündigte Eintrag anknüpfen.

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  2. franziska schreibt:

    Du wirst verstehen, TG, dass so umfangreiche Andeutungen wenigstens EINE Nachfrage provozieren: Ist die Frontstellung einer vorläufig als Killary-Faktion bezeichneten Gruppe gegen Russland demnach nur vorgeschoben?
    Und, wenn ja:

    Wieso ist der „paradoxe“ Deeskalationsversuch (welcher Gegengruppe genau?), der zumindest dem äusseren Anschein nach (aber was ist heute schon noch, wie es erscheint?) DEMSELBEN Lager zuzurechnen ist, überhaupt wirksam? Welcher verbliebener Restbestände vormalig „gemeinsamer“ strategischer Kalküle kann er sich bedienen, um auch nur für sich selbst die Illusion eines damit „dagegen-halten“-Könnens u erzeugen?

    Wenn ich schon beim Fragen bin:
    Welche Zwecke sind es, für die ein trans- oder supra-national operierendes Kapital eine Militärmacht benötigt? Ist nicht die globale Freihandels-Ordnung (und ihre Verteidigung durch die „Weltgemeinschaft“ von Staaten, deren Regierungen Teilhabe an dieser Ordung als Mittel ihrer nationalen Selbstbehauptuing sehen) für ihre Geschäfte hinreichend?
    Kann also ein Interesse, das überaupt auf einen von ihm kommandierten (woher immer rekrutierten) Gewaltapparat mit weltweitem Aktionsradius zu siener Durchsetzung zurückgreifen muss/will, mit irgendetwas Kapital-mässigem identifiziert werden?

    Die Frage so stellen, heisst wohl, sie beantwortet haben. Ist sie legitim?

    Ich hab mich ja schon oben auf die Arbeitshypothese festgelegt, und mach es mal ganz explizit:
    Es gint Globalisten und Nationalisten, und alles mögliche dazwischen, was die widersprechenden möglichen Prioritäten zwischen diesen Extrem-Ausprägugen, uU entlang besonderen Ausgangsbedingungen je unterschiedlich setzt.
    Und… es gibt die (durch ihren Standpunkt supranationalen) Elitenfaschisten – Neocons, als (wie es sich für sie gehört) internationales „Racket“ vor allem im US-Machtapparat (mit echten und nützlich-idiotischen Verbündeten anderswo). Und… siei haben die Hand auf dem US Nuklearpotential. (beinah; durch installierte politische Automatismen (zB Doktrin über „Cyberangriffe als Äquivalent zu militärischen“) und die CIA-Macht über die realisierung von false flags beinah beliebigen Umfangs.
    (Dass genau DIESE Partei exakt in die Haupt-Feindkategorie (NWO usw) des politischen Denkens von (Rechts)Libertären passt, sollte nicht daran hindern, mit ihrer (naturgemäss nicht sehr öffentlich wahrnehmbaren) Existenz zu rechnen.)

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    • tgarner9 schreibt:

      Ist die Frontstellung einer vorläufig als Killary-Faktion bezeichneten Gruppe gegen Russland demnach nur vorgeschoben?

      Na, darauf kann ich immerhin relativ einfach antworten: Nein.

      Die „NWO“, verkündet mit dem 2. Golfkrieg, war insofern ein Etikettenschwindel, als sie fortgeschrieben hat, was in der antikommunistischen Weltordnung enthalten war, Suprematie der USA, ihr letztes Wort in internationalen Gewaltfragen.

      Mit dem Afghanistan-Krieg und der Besetzung des Irak war tatsächlich eine neue WO verkündet, ein Anspruch auf US-Hegemonie, der Kalkülen nachgeordneter Staaten eine Bindung an US-Interessen und -Kalküle vorzuschreiben suchte.

      Wenn man das so formuliert, sieht man den Hauptwiderspruch: „Suprematie“ unterstellt eine Art „Hegemonie“, andernfalls erforderte sie eine Auflösung der Staatenwelt unter Vernichtung aller nachgeordneten Souveräne. „Hegemonie“ wiederum ist ohne Suprematie nicht zu haben, weiß man um den unauflöslichen Gegensatz der Souveräne in und v.a. vermittels ihrer wechselseitigen Anerkennung, wie sie politische Grundlage des Imperialismus ist.

      Obamas Formel für „american exceptionalism“, „leading from behind“, berücksichtigt diesen Widerspruch. Sie erneuert das „Angebot“ an nachgeordnete Souveräne zum „Mitmachen“, zum Einbringen ihrer Kalküle in den US-Führungsanspruch, doch dies geschah auf der Grundlage des erreichten Standes der Durchsetzung ungedeckter amerikanischer Hegemonialansprüche, namentlich an den Schauplätzen Zentralasien (Afghanistan), MENA und Europa. Zweck und Ziele der „NATO-Osterweiterung“ sind zwischen EU und USA unversöhnlich umstritten.

      Denn all das hat unter der Voraussetzung des Containment der russischen Nuklearmacht, einer vorerst unangreifbaren Schranke amerikanischer Suprematie und Hegemonie, auf den Zweck nationaler Selbstverteidigung gestanden. Doch diesem Status der russischen Nuklearmacht hatte die NATO schon 1999 eine „Sollbruchstelle“ verpaßt, sie stellte im Verlauf des Serbienkrieges den Status der Ukraine als „Pufferstaat“ zwischen NATO und Russland und damit die Anerkennung eines Sets russischer Regionalmachtinteressen als Bestandteil nationaler Selbstbehauptung in Frage und auf Abruf.
      Deutschland und Frankreich widersprachen dieser Hegemonialpolitik 2008 kategorisch, indem sie de facto den Russlandkrieg Georgiens verurteilten und einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine in einer Kampfabstimmung des NATO-Rates eine Absage erteilten. Aus Sicht des US-Hegemonialanspruches hatte die EU damit die russische Nuklearmacht für eigene Regional- und Weltmachtambitionen in Anspruch genommen.

      Es liegt in der abstrakten Natur all dieser Ansprüche und Titel in der imperialen Militärpolitik, daß die USA das „nicht dulden können“, obwohl sie seit Ende des WKII, als eine „EU“ erst noch aus abhängig gemachten Restbeständen des britischen Empire und der französischen Kolonialmacht bestand, nie anderes gemacht haben, als es auf die eine oder andere Weise zu dulden, das liegt in den geopolitischen Voraussetzungen der Sache, es sei denn, ein „Endkampf“ ist konkret auf die Tagesordnung gesetzt, wie von Reagan 1979. Ich sehe nicht, daß solch ein Endkampf von >i>irgend einer Seite auf die Tagesordnung gesetzt wäre – Ziel ist allenfalls seine Erübrigung mittels Induktion einer Zerlegung der Russischen Föderation. Doch in diesem Ziel sind die Russlandfeinde allemal einig und die Radikalen unter ihnen ernst zu nehmen.

      Die Schwierigkeit der Sache liegt darin, daß ein Teil der Frontstellungen gegen Russland Bestandteil interner Kämpfe und hybrider Kriegführungen sind, welche die Russische Föderation streng genommen nichts angehen (brauchen), aber dabei werden Ziele anvisiert und Mittel eingesetzt, die aus Sicht der RF „ans Eingemachte“ gehen oder rasch gehen können. Paradebeispiel ist die Krim / Schwarzmeerflotte gewesen. Wenn die NATO eine innerimperiale Auseinandersetzung auf dem Schauplatz Baltikum / Kaliningrad ähnlich rücksichtslos zuspitzte, wie in der Ukraine, wäre eine nukleare Katastrophe kaum mehr abzuwenden, aber dies ist ein kalkuliertes Risiko, kein Ziel der NATO. Das Risiko liegt darin, daß die innerimperiale Spaltung sich auf die NATO erstreckt und die Zuverlässigkeit von „Notstop“-Mechanismen in Frage stellt.

      Es ist zum Beispiel eine offene (und mit „Brexit“ zur Debatte stehende) Frage, „wie viel“ Katastrophe / Zerstörung auf dem europäischen Kontinent einer britischen Führung als ein tragbarer Preis in ihrem Kampf um Vetomacht in der EU erscheinen könnte. Das Beispiel mag andeuten, daß man Deine Frage, wie wirksam Bremsen in der Auslagerung innerimperialer Kämpfe / Kriege an eine russische Front sein oder nicht sein könnten, schwerlich allgemein beantworten kann – sie wäre für jeden Schauplatz spezifisch zu stellen und zu beantworten.

      PS.: Ich nehme dies Posting jetzt dankbar zum Anlaß, meine gestern für heute angekündigten Antworten zu verschieben ;)

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  3. franziska schreibt:

    Lass dir Zeit. Aber… ich würde gerne schon mal meine Anschlussfrage stellen. – Mir fällt jetzt erst auf, dass ja der Aspekt, durch Eskalation von Russland-Feindschaft die EU zu schädigen, bis weit ins Lager bürgerlicher Analytiker gesehen wird. Das heisst, eine drohende, womöglich anstehende DIREKTE Konfrontation mit der EU wird noch vermieden, stattdessen trifft man sie auf diversen Konfliktfeldern (Syrien, Türkei?, Russland) „über Bande“ mit. Macron hat sich da ja zuletzt zu einigen reichlich offenherzigen Äusserungen hinreissen lassen (kalkuliert? oder doch Faux pas?). – Meine Frage berührt wohl den Kern deiner Überlegungen: Wer oder was IST eigentlich die Killary-Fraktion? Deine, wenn ich sie recht verstanden habe, langjährig verfolgte Arbeitshypothese war doch, das sich da eine politökonomisch fassbare Entität, eine Klasse abzeichnet, die, nun ja ,das Prädikat ist mindestens so schwer zu formulieren, einen Gewaltapparat dienstbar macht (wenn auch keine Söldnertruppe). So, jetzt meine Frage:
    Wieso ist nicht einfach die internationale Handelsordnung, so sehr sie Gegenstand von Konflikten ist, die gewaltmässig abgesicherte Grundlage der Betätigung dre Geschäftspraktiken dieser Wirtschaftssubjekte (deren hin und her (sogar im www) zirkulierendes Eigentum, bei jedem Grenzübertritt, von einer in die Ordnung eingebundenen Staatsgewalt geschützt und rechtlich abgesichert ist)? Was umgekehrt die Theorie von der Notwendigkeit entbindet, die politischen Akteure als irgendwie mit Rücksicht auf diese Klasse handelnd zu begreifen. Stattdessen möchte ich MEINE Version vorschlagen, die da lautet: Diese Leute haben einen Staatsapparat für sich gekapert, die Tatsache, dass sie es konnten und können, bedarf eigener Erklärungen; das Faktum ist durch ein Ausschluss-verfahren nachzuweisen: Neocon-Politik dient keinem andern Ziel als den Neocons. Es sind elitäre oder, mit meinem Neologismus, Elitenfaschisten (klassischer Faschismus ist die Verbindung eines elitären („oligarchischen“) mit einem „rechtspopulistischen“ (Massen-bezogenen) Projekts, beide Momente traten auch früher schon, heute aber beinah ausschliesslich getrennt auf. Das Elitenfaschistische Projekt einer weltweiten Oligarchen-Herrschaft (ob das US Oligarchen sind, die zum Club gehören dürfen, dürfte nicht das primäre Auswahlkriterium sein; Gesinnung ist ebenso wichtig!), von Rechtslibertären (s.o.) NWO genannt, hat KEINERLEI irgend erkennbaren kapitalistischen Gehalt, es ist vor-bürgerlich und zielt auf Wiederherstellung feudaler Verhältnisse (in den Worten der Politischen Marxisten Brenner+Wood: Extraktion von Mehrwert mit ausserökonomischen Mitteln. Wie im Ancien Régime, und noch älteren.)
    Lange Frage, trotzdem EINE.
    Für Korrekturen bin ich äusserst dankbar. Alles Gute, f.

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    • tgarner9 schreibt:

      Wieso ist nicht einfach die internationale Handelsordnung, so sehr sie Gegenstand von Konflikten ist, die gewaltmässig abgesicherte Grundlage der Betätigung dre Geschäftspraktiken dieser Wirtschaftssubjekte (deren hin und her (sogar im www) zirkulierendes Eigentum, bei jedem Grenzübertritt, von einer in die Ordnung eingebundenen Staatsgewalt geschützt und rechtlich abgesichert ist)?

      Schön, diese Frage ist, denke ich, noch einfacher zu beantworten, weil die Antwort eigentlich Allgemeingut ist:
      Weil die „Welthandelsordnung“ (eine ziemliche Unordnung, sollte man besser dazusagen) auf einem Weltfinanzsystem beruht, das wiederum auf der Kreditmacht des Dollar fußt, die wiederum zwei unverzichtbare Stützen hat, nämlich die Kreditmacht des EURO und den Gläubigerstatus Chinas. Zusammen ruht das auf der militärischen Suprematie der USA, sie ist die einzige „Sicherheit“ des globalen Kreditsystems.
      Seit mindestens 20 Jahren gibt es einen sehr weitgehenden Konsens politischer und ökonomischer Eliten, daß eine Fortschreibung dieses Zustandes die USA früher oder später ruinieren wird, was unvermeidlich zur Auflösung der Föderation der US-Staaten führen müßte, denn die lebt vom Status der Weltmacht. Anders gesagt: Das Weltfinanzsystem hat aus Sicht aller maßgeblichen Akteure ein eingebautes Verfallsdatum, folglich auch der Weltmarkt, also das, was Kommunisten Imperialismus nennen und damit auch Kapitalismus, denn – wie in dem kürzlich verlinkten „marxism“-Artikel der Globalisten ebenfalls betont ist – eine Rückkehr zu historischen Stadien von Kapitalismus „kann es nicht geben“. Warum eigentlich nicht? Tja – sie müßte militärisch erzwungen werden, und für diesen „Job“ gäbe es voraussetzungsgemäß keine Adresse mehr.

      Aktuell sind wir Zeugen einer inkrementellen Zerstörung des Weltmarktes vom „Kopf“ her, das ist der Kern des „Trumpism“. Gestunken hat der Fisch an diesem Kopf seit dem 11. Sept. 2001, nun hat er zu verrotten begonnen.

      Bei der Gelegenheit will ich erneut an die Anekdote erinnern, daß Putin noch vor seiner neuen Präsidentschaft (ich meine 2011) eine Lösung des Problems vorgeschlagen hat, die eine Art „Sozialplan“ für die USA einschloß. Er schlug vor, den Dollarkredit systematisch durch ein Konstrukt gemäß der IWF-„Sonderziehungsrechte“ zu ersetzen. Damals hatten die USA noch Vetomacht beim IWF – heute nicht mehr, soweit ich unterrichtet bin (weiß nicht mehr, wann das entfallen ist, muß ich mal nachgucken). Hätten die Militärs in den USA das „Sagen“ behalten, hätte das Konstrukt schwerlich viel geändert, aber Ökonomen, so jedenfalls die Vorstellung hinter dem Vorschlag, hätten auf seiner Basis die Verwerfungen vermeiden sollen, die ein Abschied von der hegemonialen Rolle der USA andernfalls mit sich brächte.
      Nach der militärpolitischen Seite enthielt der Vorschlag also die Vorstellung eines Ersatzes der amerikanischen Nuklearmacht, als der Garantiemacht des Weltmarktes mit Verfallsdatum, durch die russischen Nuklearmacht. Der Vorschlag ist irre, gewiß, aber nicht so irre, wie mancher denken wird. Die russische Nuklearmacht könnte in der Tat nicht einfach in die Rolle der amerikanischen eintreten – dazu ist die Marktmacht Russlands einfach zu winzig. Folglich lief die Vorstellung auf die Etablierung einer weltweiten Oligarchenherrschaft mit zentralistischen „Checks and Balances“ nach russischem Vorbild hinaus, in der IWF und UN-Sicherheitsrat zusammen die Rolle des „Kreml“ übernommen hätten.
      Dies nur zur Illustration.

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  4. Grünspan schreibt:

    Frage – Ist Hillary Clinton eine Fraktion der Eliten beim Kampf um den richtigen Weg einer diktatorischen Übergangsphase zum Kommunismus 2.0 statt, analog zur 1989 abgeschafften Diktatur des Proletariats? Meine Frage kann Satire sein oder nicht – ich bin mir tatsächlich nicht sicher.
    Industrie 4.0 und KI erlauben perspektivisch die Entlassung der meisten Worker weg aus maschinenhafter entfremdeter Arbeit, hin zu schöpferischer Tätigkeit bzw. Freizeit, alle dichten, malen, schreiben, schauspielern, Dschungelcamp, DSDS… . „Bedingungsloses Grundeinkommen“ für alle „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, „Bedarf“ (needs, not wants) ist begrenzt vorerst durch das Sozialamt.
    Progressive Politiker und Kapitalisten die nicht dementieren wenn sie von Konservativen kulturelle Marxisten, Sozialisten oder Kommunisten genannt werden sind Obama, Soros, Hillary Clinton.
    Schlagworte der Progressiven z.B. „social justice“ “Saving Lives” „Refugees welcome“ „Teilhabe aller“, „Inklusion“, „vulnerable minorities“, „safe spaces“, „Ehe für alle“ “Gender” “Feminism” „Epigenetics“ „Towards a Gay Communism“ „Fully Automated Luxury Gay Space Communism“ „One World“. Kampf gegen „alte weisse privilegierte patriarchalische misogyne heterosexuelle homophobe transphobe islamophobe xenophobe Männer“ „White Privilege“ „Cultural Appropriation“.
    Eine neue politische Klasse die das vertritt kann doch nur menschenfreundlich sein, abgesehen vom Einsatz revolutionärer Gewalt.
    Wir erinnern uns, laut Marx sollten im Kommunismus Klassen und Staat verschwinden. Jedoch vorher, im Übergangszustand der Diktatur des Proletariats, sollte der Staat, das Militär und die Arbeiterklasse noch ein letztes mal sehr wichtig sein, „auf zum letzten Gefecht“.
    Erleben wir gerade statt der Diktatur des Proletariats eine Diktatur der „Progressiven“ in Form des Gewalt einbeziehenden Kampfes zwischen „Progressiven“ und „Konservativen“ das „letzte Gefecht“ auf dem Weg zum Kommunismus 2.0?
    Wird durch die Globalisierung, Genderpolitik, Inklusion, Islamisierung Europas, genetische Vermischung aller Populationen (Rassen) tatsächlich der weltweite Kommunismus 2.0 eingeleitet, die ABSCHAFFUNG aller menschlichen Unterschiede wie sich Rechtskonservative beschweren und „Linke“ glauben?
    Vor der ABSCHAFFUNG der Unterschiede zwischen Geschlechtern und Populationen (Rassen) sollen diese UNTERSCHIEDE gemäss der jetzigen diktatorischen Übergangszeit noch ein letztes mal EXTREM WICHTIG sein, ja sie sollen sogar durch MULTIKULTURALISMUS extrem ZUGESPITZT werden, damit das letzte Gefecht gelingt. Schlagworte – bekämpft weisse privilegierte misogyne heterosexuelle homophobe transphobe islamophobe Männer, dann wird alles gut. Die Religionen werden von Linken als Ursache von Oppression gesehen, vor ihrem Absterben im Kommunismus sollen aber die Religionen (eigentlich nur der politische Islam) in Europa noch ein letztes Mal extrem wichtig sein.

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    • tgarner9 schreibt:

      Du willst dir „nicht sicher“ sein, daß die „Protokolle der Weisen von Zion“ nicht doch stimmen und eine „progressive“ (linke, jüdische) Verschwörung unterwegs ist, die unter Vernichtung aller völkischer, „rassischer“ oder sonstwie identitärer Aspirationen und (vorgeblicher) Besitzstände einen „totalitären Wohlfahrtsstaat“ (Brave New World) zu errichten trachtet, obwohl du deinen Frame so setzt, daß nichts anderes heraus kommen kann, so wie vor dir AltNazis, New World Nazis (Ralph Peters Verwendung des Musters habe ich im Blog ausführlich zitiert) und die Identitären-Bewegung.

      Es liegt mir ferner, denn je, diese törichte Tour zu dämonisieren, deshalb stelle ich dein posting als ein sprechendes Beispiel vor, wie du und deine Gesinnungsgenossen sich framen lassen. Dafür stehen deine Schlagwortlisten. Sie entstammen der Phänomenologie von Kulturkämpfen – in der Tat. Sie sind gegen vermeintliche Besitzstände gezielt, die Klassen und Stände in einem territorialen, d.h. nationalen Weltmarkt verteidigen wollen, weil sie das tun müssen, so lange sie diesen Rahmen geistig nicht verlassen. Anders herum gesagt: Solche Kulturkämpfe beauftragen die „Identitären“ und andere zum abgehängt sein und werden Bestimmte, ihre vermeintlichen Besitzstände genau so in eine angesagte „Globalisierung“ einzubringen, daß sie dort als historisch notwendig zur Abwicklung bestimmte Bestandteile eines anvisierten „Globalisierungsprozesses“ figurieren. Das – unter anderem – kann man den Betrachtungen entnehmen, die ich im Eintrag verlinkt habe.

      Aber das entbindet den Kritiker / Analytiker nicht, die Phänomenologie dieser ziemlich offenkundig ständischen Kämpfe aufzunehmen, die iwie oberhalb, inmitten und unterhalb des klassischen Klassenkampfes („von oben“) statt haben, eine Aufgabe, vor der ich mich bislang gedrückt habe. Insofern nehme ich dein Posting als Kritik an. Ungefähr ein Dutzend meiner Artikel-Entwürfe kreisen um diese Lücke und bislang fehlt mir die Zuversicht, die Sache tauglich in den Griff zu bekommen.

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