Straße von Kertsch – Russische Schießdiplomatie gegen imperiale Freischärler

Es hat sein Gutes, daß ich diese Wortmeldung verschieben mußte, denn die Ereignisse der letzten Tage erlauben, einige Fragen, welche die Affäre aus meiner Sicht aufwerfen sollte, ohne Aufhebens zu stellen. Darunter:

  1. Warum hat es so viel Zeit gebraucht, die Sache zu dem gewaltigen Skandal aufzublähen, der jetzt vorliegt? Für’s Khashoggen reichten ein paar Stunden.
  2. Wie geht es zu, daß die einschlägigsten publizistischen Gegner des imperialen Krieges (soweit ich sie gelesen habe) Russland an diesem Schauplatz in die Defensive schreiben?

Eine Teilantwort auf die zweite Frage ist leicht zu haben. Der Zwischenfall in der Straße von Kertsch ist mit dem Titel „Russische Aggression“, den NATO-Stoltenberg ihm gab, unzureichend aber korrekt benannt. Dies nicht wahr haben zu wollen, ist ein Kardinalfehler der Kriegsgegner.

Schaut euch das russische Video an, das den ersten Akt des Vorfalls zeigt:

  • Das russische Wachschiff rammt den ukrainischen Schlepper nicht, wie neben den MSM auch die russische Staatspresse versichert hat. Es führt ein typisches Abdrängmanöver durch, dem der ukrainische Skipper Widerstand leistet.
  • Beachte, diese Maßnahme wurde weit vor der überbrückten Engstelle der Straße von Kerch ergriffen, es war keine zugespitzte Situation, folglich war die Aktion ein Test auf die ukrainische Reaktion. Ansage: ‚Wir meinen es ernst‘, Antwort: ‚Wir auch. Wir werden nicht gehorchen‘.

Welche Optionen blieben der russischen Marine, ihre Hoheit durchzusetzen, als derselbe Schleppverband nach kurzer Unterbrechung erneut Kurs auf die Durchfahrt zum Azowschen Meer nahm?
Das offizielle Russland hat keine „Gefährdungslage“ für die Aufbringung des Konvoi in Anspruch genommen. Es gab keine. Von den kleinen ukrainischen Kanonenbooten konnte keine Gefahr ausgehen, es sei denn, man unterstellte, die Besatzung habe einen Feuerüberfall auf Zivilisten im Sinn. Die „Gefahr“, auf die der Kreml sich tatsächlich beruft, soll im Ungehorsam der ukrainischen Besatzungen und ihrer Vorgesetzten liegen, in ihrem Widerstand gegen das russische Überwachungs- und Kontrollregime in der Straße von Kertsch das – bis zu jener Stunde! – von bilateralen Vereinbarungen und Verträgen (1997, 2003, ich komme auf diesen Punkt später zurück) vollständig gedeckt war.

Daher entstand im Grundsatz eine Lage, wie sie nicht ganz selten in nationalen und internationalen Fischereigewässern vorkommt, wenn eine Navy beschließt, einen Delinquenten nicht bloß zu verscheuchen und mit illegaler Beute davon kommen zu lassen. Regelmäßig widersetzen sich Fischereibesatzungen anfänglich einer Aufbringung in der Hoffnung, der Kommandant des Wachschiffes werde vielleicht ablassen, weil ihm der im folgenden beschriebene Aufwand einer Verfolgung, besonders der Papierkram an Land, die Jagdlust verschlägt.
Anwendung militärischer Zwangsmittel auf See folgt einem traditionellen Ablauf. Nach mehrfach vergeblicher Aufforderung, zu stoppen, folgt unter gegebenen Voraussetzungen ein Abdrängmanöver, wie es im Video zu sehen ist. Die nächste Stufe ist der sprichwörtliche „Schuß vor den Bug“ aus einer kleinen Artilleriewaffe. Reagiert der Delinquent noch immer nicht, folgt eine Maschinengewehrgarbe über das Bugdeck. Gewöhnlich dreht der Angegriffene darauf bei, denn mit diesem Procedere verschafft sich eine Marine die Freiheit, das Ziel ernstlich zu beschädigen, zum Beispiel mit einem Schuß in den Bug, der das Ziel unter normalen Umständen nicht versenken wird, aber an einer Flucht hindert.

Kein Kommandant wird in solchen und vergleichbaren Fällen anordnen, das Ziel zu entern, es sei denn, spezifische Voraussetzungen gebieten ihm, seiner Besatzung dies Risiko zuzumuten. Namentlich muß er die Verantwortung für Verletzte übernehmen und das ist ein Grund mehr für ihn, Verletzungen zu vermeiden, so gut er kann. Auf Verlangen muß er auch die Schiffsführung des Aufgebrachten übernehmen. In allen anderen Fällen schleppt oder eskortiert er den Delinquenten in den nächstgelegenen Hoheitshafen.

Wird aus irgend welchen Gründen eine Enterung gegen Widerstand befohlen, wird der militärische Kommandeur ggf. kleinkalibriges Deckungsfeuer auf das Schanzkleid anordnen.

Jetzt schaut euch das Foto an, ebenfalls aus russischer Quelle, das den überschießenden Gewalteinsatz der russischen Marine, zur Schau stellt:

kerchgunboat

Der Vorgang stellt daher die Frage:

Warum lag dem russischen Geheimdienst und anschließend der Staatsführung daran, politischen und militärischen Feindkräften, einschließlich der internationalen Öffentlichkeit, unzweideutig vorzuführen,  Russland stünde bereit, den hybriden Krieg gegen sich gemäß eigenen und freien Kalkülen zu eskalieren? 

Sie ist natürlich nicht trivial zu beantworten. Vielleicht wird es mir später am Tag noch gelingen, etwas dazu zu posten. Den einfachen Auftakt einer Antwort habe ich in der Überschrift vorweg genommen: Die RF hat sich keiner militärischen Drohung oder Eskalation von einer offiziellen Seite gegenüber gesehen, die ihre taktische Offensive motivieren oder rechtfertigen könnte. Andererseits ist das abgesteckte Kampffeld – Krim und Asowsches Meer – zu begrenzt, als daß man auf einen übergeordneten Entschluß zur Offensive schließen könnte. Die Antwort ist irgendwo in einem Dunkelfeld der imperialen Kriegspolitik zu suchen.

Dieser Beitrag wurde unter Brexit, EU, Russ. Föd., Ukraine abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.