Nachgehalten: Operation Northern Shield

Ich kann aus persönlichen Gründen noch nicht den größeren Zusammenhang vorstellen, wie im letzten Eintrag zum Thema versprochen.

Immerhin kann ich für die aus dem letzten Titel gestrichene Behauptung, die israelische Operation sei Auftakt und Bestandteil einer neuen Kriegsphase, die ich vorläufig „Altwelt-Krieg“ taufte, ein m.E. starkes Indiz beibringen:

ONS folgt einer in Zusammenarbeit mit dem US-State Department seit längerer Zeit vorbereiteten Strategie

Das israelische „Sicherheitskabinett“ habe ONS bereits am 7. Nov. beschlossen, verriet der scheidende Generalstabschef Eizenkot in einer Pressekonferenz v. 4. Dezember. Die Aufdeckung und Zerstörung einer ungenannten Zahl grenzüberschreitender Tunnel werde „mehrere Wochen“ dauern. Nachfragen, warum eine eigens zu diesem Zweck mobilisierte Armee eine derart lange Zeit benötigen solle, eine Aufgabe zu erfüllen, die in einem klassischen „Verteidigungsfall“ möglichst binnen 24 Stunden erledigt werden müsse, ließ der General mit folgendem Statement nicht aufkommen. ONS sei der „Verteidigungsfall“ 1:

This morning we started an action to thwart Hezbollah’s invasion into our territory, to improve our security reality in the north … to strike and to continue to strike the Iranian entrenchment [on Israels northern border],”

Vielleicht ermutigt durch die Ignoranz der internationalen Öffentlichkeit, legte die Jüdische Presse bereits am Folgetag nach. ONS sei zeitlich offen – in späteren Meldungen ist von „Monaten“ die Rede – und werde „möglicherweise“ auf libanesisches Territorium ausgedehnt. Das haben Netanyahu und sein Spielmann Yisrael Katz seither offiziell bekräftigt. Die Jüdische Presse kolportiert dazu einerseits „Insider“, die behaupten, in der IDF gehe man davon aus, Hezbollah werde bei grenzüberschreitenden Aktionen still halten, andererseits gibt sie das vom  israelischen General Roei Leivi gestreute Gerücht weiter, Mossad und IDF hätten ihre Bemühungen verstärkt, den Anführer Hezbollahs, Nasrallah, zu stellen und zu exekutieren.

Die Konzeption der ONS und die Wahl des Zeitpunktes für ihren Beginn haben zweifellos eine innenpolitische Komponente. Tzipi Livni, Außenministerin im Kriegskabinett Olmerts während des Libanonfeldzuges 2006, und nach dessen zweifelhaftem Erfolg, ab 2007, an der Seite des Kriegsministers Ehud Barak – vgl. Israels Übergang zur offenen Diktatur – führte in der vergangenen Woche eine „Opposition“ an, die ONS anhand ihrer Ungereimtheiten lächerlich zu machen suchte und Netanayhu anklagte, den Krieg gegen Iran und Hezbollah zum Spielmaterial in „Manövern“ zu nehmen, die „allein“ seinen Machterhalt zum Ziel hätten.
Doch solche Klagen können nur akzentuieren, daß die Planungsphase für ONS, damit auch ein Teil der operationellen Vorbereitungen, vor dem Beschluß des „Sicherheitskabinetts“ am 7. Nov. etliche Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch genommen haben, weil sie unter beliebigen Umständen das Szenario eines totalen Krieges im Libanon eingeschlossen haben müssen.

Unter dieser Voraussetzung ist die Meldung der ToI zu Netanyahus Blitzbesuch zu einem Treffen mit Mike Pompeo in Brüssel zu begutachten:

Prime Minister Benjamin Netanyahu left for Brussels Monday for a meeting with US Secretary of State Mike Pompeo that he said would focus on joint efforts to curb Iranian aggression in the region.
“I will discuss with Mike Pompeo a series of developments in our region as well as the measures we are taking together to curb the aggression of Iran and its proxies in the north,” Netanyahu said in a video statement (TG: beachte, dies schließt das syrische Territorium ein).
Officials in the Prime Minister’s Office told the pro-Netanyahu Israel Hayom daily that the sit-down was “urgent.”
The prime minister will be joined by Mossad chief Yossi Cohen, National Security Adviser Meir Ben Shabbat and military secretary Col. Avi Blot. (…)
The sit-down also comes a week after UN Ambassador Danny Danon told reporters that Trump administration officials had alerted Israel that it has finished structuring its peace plan and that it intends to present it early next year. Danon said that Washington had discussed with Jerusalem the timing for unveiling the proposal.

Nachdem ONS lange geplant war, hatten Yossi Cohen, Meir Ben Shabbat und Avi Blot bei diesem Treffen – wenn sie denn tatsächlich dabei waren – keine andere Funktion zu erfüllen, als in der Presse genannt zu werden, zusammen mit dem einen und anderen Hinweis, wer da auf der internationalen und transnationalen Bühne gegen wen Krieg zu führen beabsichtige. Pompeos Brandrede beim German Marshall Fund, gegen UN, IWF, WTO und – vor allem – die EU, zugunsten einer unilateral amerikanisch geführten NATO, wird durch Netanyahu / Baraks neuen Libanonfeldzug ergänzt, weil die Verantwortlichen in den angegriffenen Nationen und Instituten mit solch einer Ergänzung zu rechnen haben. Es kam The Tower zu, es den Betreffenden unter Verweis auf Veröffentlichungen des State Department (1, 2) eigens unter die Nase zu reiben. Die ICG bekräftigte lakonisch, im Libanon werde es nun wohl zur Sache gehen, allerdings mit dem verlogenen, an wohl bestimmte europäische Adressen adressierten Zungenschlag, es handele sich um eine „amerikanische“ Initiative …

Die libanesische Presse steht derweil allein mit Angaben und Beschwerden, die israelische Seite habe die Frage der Tunnel während der turnusmäßigen Kontakte mit der libanesischen Regierung via UNIFIL nie angesprochen, geschweige sich um eine friedliche Bereinigung bemüht. Daß UNIFIL unterdessen tätig geworden ist, verschweigen die israelischen Medien, falls sie es nicht gar verleugnen (Debka), und infolgedessen auch die imperiale Presse.

Die JPost begann am 6. Dezember mit einer akuten Kriegsmobilisierung der israelischen Öffentlichkeit. Die Verteidigungskapazitäten der Hezbollah seien geringer, als währen der propagandistischen Vorbereitung des Feldzuges dargestellt, „nur ein paar Dutzend“ Präzisionsraketen seien ihr verblieben, und „die Russen“ stünden auf Seiten Israels (gelogen), würden Waffentransfers aus Syrien ab sofort unterbinden (absurd).

 

 

 


  1. Bereits am 3./4. Dez. ließ der israelische Armeesprecher keinen Raum mehr zu zweifeln, daß ONS der Beginn eines Libanonfeldzuges werden soll:
    (Lt. Col. Jonathan Conricus said) a task force established in 2014 has been searching for potential Hezbollah tunnels for more than two years. He did not explain why the operation to uncover the tunnels started now.
    Ynet ergänzte: In 2015, the pan-Arab newspaper Asharq al-Awsat reported that tunnels are not a new tool in Hezbollah’s arsenal … According to the newspaper, the tunnels along the border were already dug as early as 1982, and Hezbollah began using them in the early 1990s.
     
Dieser Beitrag wurde unter EU, Imperium, israel abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Nachgehalten: Operation Northern Shield

    • tgarner9 schreibt:

      Nix „abgeblitzt“, Klaus-Peter. Sanktionen gegen den Libanon waren seit Jahr und Tag „off limits“, nicht nur für das Weiße Haus, auch für das Pentagon und deshalb, vermute ich, auch für einen beträchtlichen Teil der Beamtenschaft des State Department. Netanyahu ist nicht so dämlich, sowas zu verlangen, die „Indiskretion“ ist ein Propagandamanöver.
      Hier der Bericht der ToI dazu:
      https://www.timesofisrael.com/us-denied-israeli-request-to-slap-sanctions-on-lebanon-official-reportedly-says/

      Die Jewish Press schreibt:
      „Lebanon’s president Michel Aoun, considered a Hezbollah ally, said on Tuesday that Israel’s operation won’t endanger the calm along the border, adding that his country takes the issue seriously. Aoun said the United States had informed Lebanon that Israel has “no aggressive intentions,” adding that his country harbored none either.“

      Die der IDF nahe Arutz Sheva scheint die einzige Seite zu sein, die Netanyahus gestrigen Klartext zum Ziel der ONS, ausgesprochen während eines „Tunnelbesuches“, für das internationale Publikum berichtete:

      „“There are results here. We have now exposed the third tunnel,“ Netanyahu said. „But the most impressive thing is the deployment that exists here – both spiritually and materially – for a very strong response if Hezbollah makes a big mistake and decides to hurt us or disrupt our efforts, it will receive a blow that it cannot even imagine.“

      Die Hezbollah wird den Teufel tun, sie hat an die Regierung übergeben (wieder Jewish Press):

      „Aoun said his government is waiting for a full report on the situation, noting: “We are ready to remove the causes of the disagreements, but after we get the full report and decide what are the issues we need to handle.”

      Ergo: Man muß davon ausgehen, Netanyahu habe den USA (und mittelbar Putin) ein Ultimatum gestellt, das ihn im Falle der Nichterfüllung zu einem mindestens symbolisch mächtigen Militärschlag gegen den Libanon verpflichtet. Keine Ahnung, was genau er verlangt, aber wenn ich aufgefordert bin, zu raten, tippe ich auf die Wiederherstellung der Lufthoheit Israels über Syrien.

      Gefällt mir

      • Klaus-Peter schreibt:

        Interfax: 14:16
        RUSSIAN, ISRAELI MILITARY OFFICIALS DISCUSS IN MOSCOW SITUATION IN SYRIA, WORK OF DIRECT INCIDENT PREVENTION COMMUNICATION CHANNEL – RUSSIAN DEFENSE MINISTRY

        Du liegst ziemlich richtig und es hört sich so an, als würden die Russen hier Zugeständnisse machen (müssen).

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.