Grüß Dich, Franziska

Du schriebst in diesem Strang:

Wieso ist nicht einfach die internationale Handelsordnung, so sehr sie Gegenstand von Konflikten ist, die gewaltmässig abgesicherte Grundlage der Betätigung dre Geschäftspraktiken dieser Wirtschaftssubjekte (deren hin und her (sogar im www) zirkulierendes Eigentum, bei jedem Grenzübertritt, von einer in die Ordnung eingebundenen Staatsgewalt geschützt und rechtlich abgesichert ist)? Was umgekehrt die Theorie von der Notwendigkeit entbindet, die politischen Akteure als irgendwie mit Rücksicht auf diese Klasse handelnd zu begreifen. Stattdessen möchte ich MEINE Version vorschlagen, die da lautet: Diese Leute haben einen Staatsapparat für sich gekapert, die Tatsache, dass sie es konnten und können, bedarf eigener Erklärungen; das Faktum ist durch ein Ausschluss-verfahren nachzuweisen: Neocon-Politik dient keinem andern Ziel als den Neocons. Es sind elitäre oder, mit meinem Neologismus, Elitenfaschisten (klassischer Faschismus ist die Verbindung eines elitären („oligarchischen“) mit einem „rechtspopulistischen“ (Massen-bezogenen) Projekts, beide Momente traten auch früher schon, heute aber beinah ausschliesslich getrennt auf. Das Elitenfaschistische Projekt einer weltweiten Oligarchen-Herrschaft (ob das US Oligarchen sind, die zum Club gehören dürfen, dürfte nicht das primäre Auswahlkriterium sein; Gesinnung ist ebenso wichtig!), von Rechtslibertären (s.o.) NWO genannt, hat KEINERLEI irgend erkennbaren kapitalistischen Gehalt, es ist vor-bürgerlich und zielt auf Wiederherstellung feudaler Verhältnisse (in den Worten der Politischen Marxisten Brenner+Wood: Extraktion von Mehrwert mit ausserökonomischen Mitteln. Wie im Ancien Régime, und noch älteren.)

Sag selbst, gibt Dir nicht die Huawei – Affäre einen Sack voll Antworten? (z.B. Huawei Hemorrhages Allies in Europe on Growing Security Concerns, 5G: a revolution not without risks?)

Können wir uns ganz grob darauf einigen, die Verhaftung der Gründertochter eines der mächtigsten Konzerne Chinas ist ein in die heutige Zeit transponiertes „Franz-Ferdinand-Ereignis„? Sie kann nicht verfehlen, als unhintergehbare Kriegserklärung aufgenommen zu werden, im klaren Unterschied zu irgendwelchen Südchina-See-Affären, in denen die US-Pazifikflotte letztlich machtlos ist, weshalb die Anrainer unter unterwürfigen Lippenbekenntnissen zur Gefolgschaft gegenüber Washington dessen militär- und handelspolitische Vorgaben unentwegt unterlaufen. Und in deutlicher Reaktion darauf, daß der Versuch, China über die Korea-Frage mit nuklearen Drohungen zu konfrontieren, am unzweideutigen Südkoreanischen Widerstand scheiterte.

Wir dürfen unterstellen, Monsieur Trudeau hat nicht aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt, richtig? Auf wen stützte er sich?

Vordergründig fällt die Antwort leicht. Er handelte im Einklang mit US-Feinden von Trump, die einen Schlußstrich unter dessen unilaterale, am außenpolitischen Establishment vorbei vollzogene Taktiererei im US-Selbstbehauptungskrieg gegen den Aufstieg Chinas setzen wollen. Doch schaut man auf das gewählte Mittel, ist die Antwort nicht mehr ganz so klar, oder?
Nach mindestens 10 Jahren vergeblicher Anstrengungen, von Xingyiang aus einen Zerlegungsangriff auf die „Volksrepublik“ anzusetzen, kann doch niemand ernstlich darauf setzen, daß für das „westliche“ Kapital eine Abkopplungspolitik von chinesisch beherrschten und genährten Abteilungen des Weltmarktes kein Rohrkrepierer ist, der die Geschützmannschaft tötet. Der perspektivische Horizont solch einer Politik ist ein innenpolitisch vergleichsweise geringfügiger Übergang Chinas zur Staatssklaverei, dessen westliches Äquivalent noch nichts als 8 – stellige Bevölkerungsverluste und politökonomischen Totalzusammenbruch verheißt. Es wird noch ein Weilchen brauchen, bis man im Okzident so weit ist, solch einen Übergang zu nehmen, die Machtlosigkeit der Feinde Trumps ist dafür der beste Ausweis, weil die amerikanischen Stände vergleichsweise am Besten aufgestellt sind, zur Militärherrschaft überzugehen.

Folglich, behaupte ich, kann es im Hintergrund der Initiative und Entscheidung Trudeaus keinen militärpolitischen Akteur geben. Sie muß auf einer abstrakt-allgemeinen Vereinbarung der bestimmenden Player der transnationalen Kapitale, insbesondere der Abteilung Finanzkapitale ruhen, die allein imstande sind, den ausgeklinkten Handels- und Währungskrieg zu begrenzen und zu moderieren. Sie haben damit die Theater, Opernhäuser, inquisitorischen Gerichts- und Schädelstätten geschaffen, auf denen die militärpolitischen Akteure handeln können und dürfen – nämlich auf eine Weise, in der die geschaffene Front Okzident vs. Orient ein vorgegebenes (Spiel-)Thema eines in beträchtlichem Umfang mit Symbolpolitiken geführten Ständekrieges innerhalb des Okzident und innerhalb des Orient werden kann und muß.

Noch eine allgemeine Bemerkung hinzu.
Das unverzichtbare Mittel bürgerlicher (Militär-)politik ist eine auf Gefolgschaften ruhende Konkurrenz der herrschenden Stände, wie ich hier skizziert habe.
Ein prominentes Kennzeichen der Leute, die ich vor der Wahl Trumps Chaos-Fraktion, „Chaosvögel“ und „Killary-Fraktion“ genannt habe – übrigens angelehnt an Selbstauskünfte der Betroffenen und Beteiligten, z.B. Ralph Peters, Condi Rice – besteht darin, daß es sich um einen Verband von und mit verschiedenen und wechselnden Gefolgschaften handelt. Es ist eine „Bewegung“ in einem heute anachronistisch anmutenden Format, die ich historisch zuletzt aus den Beschreibungen Robert Musils über die Vorgeschichte des Faschismus im preußisch-habsburgischen Traditionskomplex kenne, ein Ding, das sich Für Sich wesentlich ästhetisch bestimmt – „ästhetisch“ abermals im vergessnen, nämlich erkenntnistheoretisch-theologischen Sinn 1 – während diese Ästhetik selbstredend nur Erscheinungs- und Durchsetzungsform einen Anderen, eines anders gearteten An Sich ist.
Das macht die Angelegenheit für Außenstehende schwer faßlich – für mich nicht weniger als Dich oder andere – und es ist für die an dieser Bewegung an prominenter Stelle Beteiligten voraussetzungemäß erst recht unfaßlich. Sie werden in erster Linie mit und anhand ihrer traditionellen Ziele, Zwecke und Bewegründe von dieser Bewegung erfaßt, sie wirkt durch sie hindurch, gerade weil sie keine Ahnung haben, was und wie ihnen geschieht – obwohl ihnen jede Menge Beschreibungen, Metaphern, Empfindungen und psychische Zustände (ja, das ist ein Feld wo der Irrwitz „Psyche“ real wird!) verfügbar, und Material ihres Handelns wird.


  1. Die Kantische Philosophie ist theoretisch die methodisch gemachte Aufklärung, nämlich, daß nichts Wahres, sondern nur die Erscheinung gewußt werden könne. Sie führt das Wissen in das Bewußtsein und Selbstbewußtsein hinein, aber hält es auf diesem Standpunkte als subjektives und endliches Erkennen fest. Und wenn sie schon den Begriff und die unendliche Idee berührt, seine formellen Bestimmungen ausspricht und zur konkreten Forderung derselben kommt, so verwirft sie dieselbe wieder als das Wahre, macht sie zu einem bloß Subjektiven, weil sie einmal das endliche Erkennen als den fixen, letzten Standpunkt angenommen hat. Diese Philosophie hat der Verstandesmetaphysik, als einem objektiven Dogmatismus, ein Ende gemacht, in der Tat aber dieselbe nur in einen subjektiven Dogmatismus, d. i. in ein Bewußtsein, in welchem dieselben endlichen Verstandesbestimmungen bestehen, übersetzt …
    Oder[358] dieser transzendentale Idealismus läßt den Widerspruch bestehen, nur daß das Ansich nicht so widersprechend sei, sondern dieser Widerspruch allein in unser Gemüt falle. So bleibt denn dieselbe Antinomie in unserem Gemüte; wie sonst Gott das war, das alle Widersprüche in sich aufzunehmen hatte, so jetzt das Selbstbewußtsein. Daß aber nicht die Dinge sich widersprechen, sondern es, das ficht die Kantische Philosophie weiter nicht an; es tut nichts. Die Erfahrung lehrt, daß es sich nicht auflöst; wir wissen, daß Ich ist. Man kann also um seine Widersprüche unbekümmert sein, denn sie löst es nicht auf, es kann sie ertragen. – So ist aber der Widerspruch nicht aufgelöst; er besteht vor wie nach. Das ist zuviel Zärtlichkeit für die Dinge; es wäre schade, wenn sie sich widersprächen. Daß aber der Geist (das Höchste) der Widerspruch ist, das soll kein Schade sein. Der transzendentale Idealismus löst also den Widerspruch gar nicht auf. Die Erscheinungswelt hat ein Ansich, dem kommt er nicht zu. Dieses ist ein Anderes als der Geist. Das Widersprechende zerstört sich; so ist der Geist Zerrüttung, Verrücktheit in sich selbst.“ (Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. B. Kant)
    Diese Zerrüttung, Verrücktheit, in Gestalt eines Bemühens, ihrem subjektiven AnSich einen versöhnlichen, gegenständlichen AnSchein zu geben, welchem der Verrückte teilhaftig werden und unter dem Signum, der Standarte des AnScheins sein individuelles Dasein einem Sollen verschreiben kann und muß, nenne ich bürgerliche Ästhetik. 
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Eine Antwort zu Grüß Dich, Franziska

  1. tgarner9 schreibt:

    Der neue Volksstaat – eine GmbH & Co. KG in höherem Auftrag

    https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/aufstand-in-frankreich-die-gelbe-gefahr-15943428.html
    Der Artikel ist inzwischen hinter der Paywall verschwunden. Ab Februar wird es für dies Blog ein Password gegen 10 € /q. oder 30€ /a. geben.

    Jetzt habe ich noch dies:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/frankreich-proteste-gelbe-westen-leere-kassen-a-1243939.html
    Schlüsselformulierungen:
    Das Manöver soll rund zehn Milliarden Euro kosten. Soviel sollte der zivile Frieden im Land doch wert sein, könnte man argumentieren. [Doch] weder ist klar, ob sich die Gilets Jaunes von den Straßen zurückziehen werden. Noch ist die Frage beantwortet, wie Frankreich eigentlich auf einen wirtschaftspolitisch nachhaltigen Pfad gelangen will. (…)
    Man kann einen so großen öffentlichen Sektor gut finden – oder übermäßig aufgebläht. Das ist nicht der Punkt. Wenn sich die Franzosen so viel Staat und so hohe Sozialleistungen leisten wollen, dann ist das ihre souveräne Entscheidung. Punkt.
    [Aber]: Erstens sind viele Bürger äußerst unzufrieden mit der Lage im Land (…) [und] Zweitens kann Frankreich sich einen so großen öffentlichen Sektor schlicht nicht leisten. (…)
    Wieviel Sozialstaat kann sich Frankreich leisten? (…)
    Letztlich geht der Aufstand der Gelbwesten an Kernfragen unseres politischen Modells. Die repräsentative Demokratie stützt sich auf Institutionen (..die..) zwischen den aktuellen Stimmungen in der Bevölkerung und dem auf Dauer für die Gesellschaft Notwendigen austarieren (sic!) müssen. Sie sind, so gesehen, Dienstleister des Volkes (…)Diese Rollenverteilung zwischen Volk und Repräsentanten ist jedoch nicht mehr selbstverständlich. Das Misstrauen gegen „die Eliten“ – jene Leute also, die demokratische Institutionen sachkundig managen sollen – wächst. Eine Haltung, die auch in einigen Kommentaren vorige Woche spürbar war. (…) So begrüßenswert ein vielstimmiger öffentlicher Diskurs ist, daraus kann [kein] Anspruch erwachsen … Die Jeder-kann-mitmachen-Demokratie wäre dann nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Anarchie.“

    Unnachahmlich einfach der Frankenberger: (FAZ)
    „Es ist sicher übertrieben, Macron schon jetzt, nach eineinhalb Jahren im Amt, als „lahme Ente“ abzuschreiben. Und doch ist der junge Präsident so schnell entzaubert worden. Wie handlungsfähig wird er künftig sein – und auf welchen Feldern? Es ist geradezu ein Fluch, dass die großen europäischen Länder so auseinanderlaufen: im Vereinigten Königreich droht der Brexit, Italien ist auf Populismuskurs, in Deutschland wird es eine neue Führung geben, Frankreich erlebt Revolte und Aufruhr. Wenn man da nicht pessimistisch wird.“

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