„Falsches Bewußtsein“

(Archiv, ein Forumskommentar von 2010 )

Deine Ausgangsfrage nach dem falschen Bewußtsein ist für jemanden, der diesen paradoxen Begriff kennt, i.e. die Analyse kennt, deren Resultat er ist, leicht zu beantworten.

1- Es handelt sich um einen Begriff , das heißt eine erklärte Sache , nicht um ein Phänomen, die Verwechslung ist das erste Mißverständnis, das in (dem kommentierten Blog) eine prominente Rolle gespielt hat. Es kann im paradoxen Attribut „falsch“ schon kenntlich werden: Wie soll ein Bewußtsein „falsch“ oder „richtig“ sein können? In Abgrenzung von theologischen und platonistischen Ideengebäuden, die ein oder mehrere Formen von Eingebungen voraus setzen – und „moderne“ Vorstellungen von genetischen Fixierungen zählen zu dieser Kategorie – ist Bewußtsein halt bewußtes Sein, i.e. gesellschaftliches Handeln eines Individuums, und nichts anderes hat die blöde Formel, das Sein „bestimme“ das Bewußtsein, seinerzeit sagen wollen. Es handelt sich also ausführlicher um die Wahrnehmungen, Vorstellungen, Urteile, Hypothesen und Theorien, unter denen (nicht zwingend: denen gemäß) Leutz handeln, weil menschliches Handeln durch den Kopf hindurch vonstatten geht.

2) Handlungen folgen individueller Zweckbestimmung, auch wenn es sich nicht notwendig um reflektierte Zwecke handelt. Sie können intuitiv gefaßt sein und individuellen Zwecksetzungen sind Zwecke voraus gesetzt, die in ihrem gesellschaftlichen Verkehr – den materiellen wie ideellen Kulturen – institutionalisiert sind, auf welche individuelle Zwecksetzung bezogen sind, obwohl sie nicht zwingend in solchem Bezug verbleiben müssen.
Am letzten Punkt hockt eine zweite Quelle der Mißverständnisse. Dem Begriff falsches Bewußtsein ist kein Ideal eines (richtigen, vollständigen, reflektierten oder auch nur iwie „tauglichen“) Bewußtseins unterlegt. Liegt ein solches Ideal zugrunde, direkt, oder auch indirekt, wie es im Thread z.b. mittels der Verknüpfung mit einem Ideal namens „Freiheit“ geschehen ist, liegt schon eine „Ideo -Logie“ vor, doch den Punkt verfolge ich hier nicht weiter.

3) Bezogen auf und gemessen an Zwecksetzungen, seien sie reflektiert oder nicht, kann ein „Bewußtsein“ Irrtümern unterliegen, d.h. seine Gegenstände verkennen, sodaß es gesetzte Ziele verfehlt. Irrtümer zu begehen und zu korrigieren ist just die Arbeit eines Bewußtseins, und dies ist abermals nicht an eine Form gebunden, also etwa daran, ob diese Arbeit im wissenschaftlichen Sinne reflektierend geschieht, oder mehr oder minder unreflektiert im Rahmen eines „trial and error“-Verfahrens.
Was aber, wenn Beobachtung und Analyse heraus brächte, daß die Individuen einer Gesellschaft ihre Gegenstände und Zwecke systematisch verfehlen, nicht infolge von Irrtümern, sondern aufgrund gesellschaftlicher Voraussetzungen ihrer Urteile, die in die Urteile aufzunehmen sie gezwungen werden?

4) Solche Voraussetzungen aufgefunden, namhaft gemacht, analysiert und auf den Begriff gebracht zu haben hat Marx für seine „Kritik der politischen Ökonomie“ reklamiert und der Begriff „falsches Bewußtsein“ ist eine der Zusammenfassungen seiner Resultate. Notwendiges Zubehör dieses Begriffs ist ein anderer: „Fetisch“, im marx’schen Sinne. Hier, in meiner Darstellung, will ich damit nur anzeigen, daß die Voraussetzungen, von denen die Rede ist, nicht die Form von Bewußtseinsinhalten haben (sollen); es handelt sich nicht um Ideologien, Glaubensbekenntnisse oder -inhalte, Dogmen o.ä., vielmehr behauptet Marx, solche Bewußtseinsinhalte seien abgeleitete Resultate dessen, was er unter „falschem Bewußtsein faßt. Die Voraussetzungen, von denen er redete, haben allesamt die Form von Dingen , bzw. Gegenständen des gesellschaftlichen Verkehrs. Diese Dinge sind u.a. Ware, Geld, Kapital, Lohnarbeit, Preis, Profit, Kredit, aber auch Staat, Recht, Militär, Polizei, Erziehung, Bildung, Elternschaft, Familie, kurz: Institute des gesellschaftlichen Verkehrs, auch wenn er selbst zur Analyse und Ableitung dieser sogenannten „Oberflächenformen“ der kapitalistischen Produktionsweise nicht gar so viel mehr hat beitragen können.

5) Folglich weiß einer nichts vom „falschen Bewußtsein“, der die marx’sche Darstellung und Analyse der genannten Dinge und Formen nicht kennt und, mehr noch, nicht selbst, aus seinem Erleben, oder mithilfe weiterer Literatur zum Thema, diese Resultate auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Institute angewandt und daran geprüft hat. So anspruchsvoll ist das nun mal.

6) Damit ist implizit schon gesagt: Wird „falsches Bewußtsein“ zum  gesonderten  theoretischen Gegenstand genommen, ist es luxuriöser Gegenstand einer intellektuellen Elite, die der Trennung von Hand- und Kopfarbeit entstammt und unter einem kulturellen Titel, den sie „Bewußtsein“ heißt, über „falsches und richtiges Denken“ räsonniert.
Die Verhältnisse, die Marx und andere mit „falschem Bewußtsein“ adressieren, sind hingegen dinglich („materiell“). Jeder, der Verträge abschließt, der als Käufer und Verkäufer, Mieter, Lohnarbeiter, „Unternehmer“ oder auch Lehrer, Manager, what the heck, handelt, ist in ihnen befangen. Denn die „Unwahrheit“ des falschen Bewußtseins kommt simpel in den unaufhebbaren, und damit per se gewalttätigen Gegensätzen zum Vorschein, welche die Individuen zu betätigen und zu exekutieren gezwungen sind, wenn sie in der rechtlich gebotenen Form kooperieren . Simpler kann man nicht erkennen, daß da etwas „falsch“ ist.

Und der Grund, warum kaum jemand dies „Falsche“, das er einerseits unentwegt diagnostiziert und beklagt, wahr haben will, sondern es entweder als Verstoß gg irgendwelche höheren (moralischen) Wahrheiten behandelt, um es am End des Tages in einem ebenso misanthropischen wie feierlichen Menschen- bzw. Naturbild weg zu leugnen, der ist auch nicht so schwer zu sehen. Es ist die Parteinahme für staatliche Gewaltherrschaft, welche die ver-rückte Form einer Parteinahme für „sich“, für das bürgerliche Rechtssubjekt anzunehmen gezwungen wird, deren erzwungene Praxis in Theorie übersetzt wird. Diese Übersetzungen, Ideo-Logien, sind das Produkt falschen Bewußtseins, nicht es selbst. Es selbst ist schlicht das Dasein jeden Bürgers „als“ Privateigentümer und Rechts- (Staats-)subjekt, seine gewalttätige Verfasstheit in dieser Sorte Subjektivität.

Warum die nicht auf einfache Weise praktisch abzulegen ist, theoretisch , sprich im Bewußt-Sein, aber schon, habe ich immerhin angedeutet: Jede besondere Form und Gestaltung falschen Bewußtseins enthält den Kern aller anderen, das liegt in der Herkunft und dem Zusammenhang dieser Formen in der ökonomischen Verfassung des bürgerlichen Lebens begründet, an dem jeder Mann und jede Frau teilhat.

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Eine Antwort zu „Falsches Bewußtsein“

  1. wolfsmilchblog schreibt:

    Hat dies auf wolfsmilchblog rebloggt und kommentierte:

    „damals“ im „irgendwie links“ (der freitag)

    Liken

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