Absage an Sprachtheorie

Nach kurzen Ausflügen in die (englischsprachige) akademische Literatur passe ich. Um meine Anschauungen und Gedanken vorzustellen, hätte ich erst die hegelschen Richtigstellungen Kants in der ersten Phase der Darstellung des „subjektiven Geistes“ mit Hilfe Piagets neu darzustellen, konkreter den Verlauf über (grob) Sinnesreiz, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Erinnerung, Vorstellung, reflektierte Wahrnehmung, hin zur Anschauung. Eine Anschauung ist Gegenstand der kleinsten semiotischen Einheit des Sprechens, nämlich des Satzes.
Doch praktisch niemand hat mehr eine Ahnung, was über die ideologiebefrachtete Alltagsverwendung des Wortes hinaus eine Anschauung im eigenen Hirn ist. Er geht bestenfalls – wie das im Englischen sowieso der Fall ist, wo man zum Kompositum „inner representation“ oder Sonderverwendungen von „idea“ Zuflucht nehmen muß – auf einen der Sinnlichkeit näheren Begriff von Vorstellung zurück.
Doch ich schreibe nicht für Akademiker oder vorgestellte künftige Generationen.

Das Video ist eine kleine Entschuldigung für denjenigen (einen) Leser, den das Thema interessiert hätte. Darin schwingt sich Clapton, selten einmütig unterstützt von Bruce und Baker, zu einer reichlich alleinstehenden Phrasierung auf. Es gibt nicht sehr viele ähnliche Beispiele von ihm.
Eine Anschauung, wie sie Gegenstand eines Satzes ist, ist immer eine Einheit des subjektiv Mannigfaltigen. Entfaltet wird solche Einheit in Text. Er gibt seinen Elementen, den Sätzen, eine Textur, welche einem Hörer mit verschiedenen Mitteln vorzustellen sucht, wie die Beziehung unbenannter Elemente solch einer Mannigfaltigkeit beschaffen sein könnte, bzw. gemäß der Absicht des Sprechers erscheinen soll.
Klar, an der Stelle wird es ziemlich kompliziert …
Doch an Beispielen, wie dem Vorliegenden, kann zumindest einem Altersgenossen – und ein paar Leuten ‚drum herum – sinnlich erfahrbar werden, was Phrasierung (jetzt im weiteren Sinne) leisten kann. Clapton selbst war bestens bewußt, daß Leistungen, wie die vorliegende, das „Beste“ ist, was er abgeliefert hat, „das einzige, was ich wirklich kann“, wie er vor Jahrzehnten einmal sagte. Allerdings identifizierte er dieses etwas als „Blues“, und das stimmt nicht. Es stimmt sicher, daß für ihn seine Hörerfahrung, Auffassung und schließlich – erneut das Unwort – Anschauung vom Blues ein Leitmotiv und Modell war, aber was er zum Beispiel hier liefert, sind Anklänge an solche Auffassung in einer sehr eigenen Synthese, in die beispielsweise merklich die Ideen von Jack Bruce einfließen, die maßgeblich u.a. von seiner klassischen Ausbildung und Vorliebe für Bach geprägt waren. Das Resultat ist gelegentlich durchaus treffend Brit-Blues (bzw. Brit-Rock) genannt worden (vor allem in den USA) und wurde zur selbständigen Quelle für amerikanische Synthesen in der Phrasierung des Gitarrenspiels, sehr hörbar z.B. bei Hendrix.

Damit habe ich ein paar wenige Voraussetzungen dafür angesprochen, daß Stücke, wie dieses, in Gemütern vieler zeitgenössischer Jugendlicher – auch meinem – buchstäblich Wunder wirkten – „einschlugen, wie eine Bombe“ ist ein häufig gewählter Ausdruck. Und Hinterbliebene schreiben heute zum Beispiel: Das Stück sei „irgendwie Teil meiner DNA geworden“.
Es ist halt eine ziemlich reiche Sprache, auch wenn kein Wort fällt …

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4 Antworten zu Absage an Sprachtheorie

  1. tgarner9 schreibt:

    … aber … was ich noch sagen wollte. Hört euch doch noch mal Sammys‘ Phrasing ab Min. 3 an: https://youtu.be/FsKkRdrVlvk

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  2. tgarner9 schreibt:

    Verknüpft mit dem Thema: „Material Engagement Theory“ (teilweise Bateson folgend)
    Ein Archivsplitter dazu:

    „Ein Mensch ist Leib, Intellekt, Geist
    (was „Geist“ ist? Na, die Welt!, wir haben keine andere )
    er ist Wille
    (was Wille ist? Na, die Weise, wie Leib, Intellekt, Geist zusammen auftreten: wissende Begierde! )
    und als tätige Einheit all dessen ist er Seele.“

    Auch in meiner Formulierung, Seele sei „tätige (!) Einheit“ von x,y,z, ist sie im Kern als etwas Unveränderliches gesetzt.
    Die möglichen Veränderungen haben ihren Gehalt in den verknüpften Bestandteilen xyz, die Veränderung des Erscheinenden („tätig“) ist eine der Form, welche die Veränderung an einem Ort des Zusammenhangs im Gesamtzusammenhang annimmt.

    Dieser Formbegriff hat eine Homologie zum altertümlich mystischen, aber auch „modernen“ (christlichen) Seelenbegriff; die transzendente wie die metaphysische Seele sind ebenfalls unveränderlich; weshalb sie in den gängigen Ideologien entweder glänzt und erhalten wird, oder glanzlos, verloren / zerstört wird – nichts dazwischen.

    Die „Wahrheit“ dieser Homologie ist der die Bestandteile des Seelengefüges tätig verklammernde Wille. Für ihn gilt in der Tat: es gibt ihn, oder nicht, und wenn es ihn gibt, ist er schwach, oder stark. Wir wissen das aus seiner Erscheinungsform, der Tat; ein anderes Wissen haben wir über ihn nicht.

    Der psychologische Seelenbegriff „Psyche“ eliminiert den Willen aus dem Zusammenhang der Seele, indem er ihn zweckmäßig außerhalb derselben stellt (und dann opportunistisch auch wieder neu hinein nimmt). Die Psyche wird das Veränderliche und das zu Verändernde der Seele, das, woran der Bürger beständig herumfummeln soll, indem er an „sich“ herumfummelt, wozu ihm die Psychologie noch den Begriff der „Identität“ stellt, damit der Wurm wenigstens ein Wort dafür hat, worauf sein „tun“ zielen soll, wenn er die Weise, wie er seinen Willen beugt, als eine Leistung seines Ich für ein „Selbst“ deutet.

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    • tgarner9 schreibt:

      Noch Archiv:
      „Sich gewinnen im Du“ war mehrfach Thema hier. Deklinieren wir die oben genannten Momente mal in der gebotenen Flüchtigkeit durch.

      a) Intellekt
      Wenn ein Mensch, der von Geburt an in einem dunklen Raum ans Bett gefesselt und künstlich ernährt wird (und für jede andere notwendige Maßnahme zuvor in Narkose versetzt) nicht ziemlich bald verreckte, dann können wir mit großer Sicherheit vermuten, er wird mindestens zwei intellektuelle Fähigkeiten erwerben:
      – Mathematik (vielleicht gar über die Grundrechenarten hinaus)
      – musikalische Komposition
      Für Beides reicht die Propriozeption (Selbstwahrnehmung) + eingeschränkte Beweglichkeit, z.b. Finger und Zehen, Kopfdrehen.
      Die musikalische Komposition wäre dann weitgehend identisch mit der Sprachentwicklung. Vermutlich kämen noch ein paar andere Erwerbungen hinzu, teils gespeist aus derselben Quelle, teils aus Archaismen und den wenigen „Festverdrahtungen“, über die das menschliche Gehirn verfügt, aber die dürfen wir wohl als rudimentär ansehen.
      Alles andere am Intellekt speist sich aus einem „Du“, wobei bis zu einem gewissen Umfang auch eine mechanische und komplex bewegte Struktur die Funktion eines „Du“ annehmen kann – zum Beispiel Wetterphänomene.

      b) Geist
      Was der „Geist“ dem Intellekt einerseits hinzufügt und worin er ihn andererseits umgreift und „aufhebt“ könnt ihr euch vielleicht am Besten an der „theorie of mind“ klarmachen. Ich werde euch diese Arbeit nicht abnehmen, schreibe nur den Schluß für die oben geschilderte Situation hin:
      Ohne „Du“ ist der Intellekt eine auf die genannten Fähigkeiten reduzierte „Maschine“, die unentwegt läuft und nur im Schlaf eine Art Ruhezone findet; wahrscheinlich reicht das nicht zum Überleben, die Maschine dürfte heiß laufen und durchbrennen, obwohl der um das „Du“ geprellte Mensch in seinem gefesselten Leib und seiner Stimme noch einen schmalen Ersatz finden kann. Warum kann er das? Weil er diesen Leib und die Laute – dies die geistige Leistung – aus dem Intellekt heraus setzt. Kit würde sagen: konstruiert. Das „aus der Wahrnehmung heraus setzen“ der Wahrnehmungsgegenstände, eigentlich also ihre intellektuelle Schöpfung ist das, was als „Geist“ vorliegt, was ihn gegenständlich macht, was seinen Prozess vorantreibt. Klar, daß dies alle Affekte umgreift, unser Versuchsmensch käme über die Affekte eines wenige Stunden alten Säuglings nicht arg weit hinaus.

      c) Leib
      Der wesentliche Punkt ist unter b. schon gesagt: Leiblichkeit ist eine geistige Schöpfung. Sie hat allerdings das Spezifikum, in drastisch höherem Maße „festverdrahtet“ zu sein resp. gewissen Grundprogrammen zu folgen, die evolutionär auf den Erwerb jener Fertigkeiten hin konstruiert sind, die ein sozialisiertes Individuum braucht.
      Und damit wären wir auch abseits der sexuellen Unvollständigkeit bei der Gegenständlichkeit des Leibes im „Du“. Aus Platz- und Lustgründen schlüssele ich das nicht auf, ihr habt ja selbst ’nen Kopf, ne, aber überlegt euch nur die Revolution, die im Hirn und Leib unserer mathematisch sprechenden / singenden biologischen Maschine anhöbe, bekäme sie Antwort. Und sei es von einem Singvogel!

      d) Daß der Wille einen Gegenstand braucht, darf ich wohl unterstellen. Daß er sich in Fällen, da er keinen entgegenstehenden Willen vorfindet …
      (hier NICHT als „Gegensatz“ und „Kampf“ gedacht, Leute!!! Sondern eben GEGEN-STAND, in einem nicht zwingend konfligierenden Sinne also: WIDER-STAND)
      … an dem er sich bildet, einen solchen erfindet, dürfte euch, wenn nicht aus Kindertagen, so auch aus Streßbewältigungen Erwachsener bekannt sein. Doch diese Erfindung geht nicht aus dem bloß NEGATIVEN der Selbstempfindung eines Willens – dieser FORMELLE Widerstand höbe den Willen bloß auf -> das Leid eines Säuglings, der unter unzuträglichen Bedingungen steht.

      e) Seele
      Diese tätige Einheit ist folglich in jeder Phase gegenständlich in einem wirklichen oder wenigstens idee – ellen (hier kömmt es auf die Idee an) Du.
      Leute, die auf dem Land aufgewachsen sind, haben auch hier einen Vorteil, z.b. wenn sie den Unterschied zwischen einem freilaufenden und einem Kettenhund erlebt haben. Der Kettenhund ist im Extrem eine Bell- Freß- und Beißmaschine, die mechanisch auf einlaufende Reize reagiert, wobei erkennbar nur ein eingeschränkter Set möglicher Reize seine Wahrnehmung passiert. Der Freilaufende hat sicht- und erlebbar …
      eine Seele.
      Eine kleine Seele, gewiß.
      Es sollte nun wenigstens der Gedanke klar sein, daß die Seele jederzeit eine Einheit darstellt und ein Mensch im Prozess einer Tätigkeit oder Handlung – und sei es nur ein Bewegungsablauf – unentwegt ihre Bestandteile auftrennt und wieder zusammenfügt. Dieser Prozess, diese Bewegung ist die Erotik der Seele, resp. ihrer Selbstempfindung.
      Damit ist doch wohl klar, was diese Seele systematisch und dauerhaft zerreißen und zerrütten kann: Das systemische Erleben, es in allen möglichen Gegenstandsbereichen zu dieser Einheit nicht bringen zu können – oder zu dürfen.
      Abermals: Die systematische Trennung von Leib, Intellekt, Geist und Wille von ihren Gegenständen.
      Was umgekehrt heißt: Ein IDEAL der Einheit der Seele wird genau dann zum Gegenstand und Zweck, wenn diese Gefahr beständig empfunden wird.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Ein Splitter noch, um den Leser mit meiner Kryptik zum Begriff der Anschauung nicht vollends in den Regen zu stellen:
    Dem Mangel eines tauglichen englischen Äquivalents entspricht es, daß auch der deutsche „Leib“ kein englisches Synonym hat. Etymologisch ist Leib von ‚lib‘ abgeleitet, wie „leben“ und das englische „live, life“, im Deutschen auch „b-leiben“ und natürlich „beleben“, „beleiben“ (verwendet letzteres noch irgend jemand, außer mir?!). Die in Nordwesteuropa überlebende indogermanische Tradition kannte halt kein „Leib – Seele Problem“, jedenfalls nicht in der Gestalt der griechisch-römisch-christlichen Sprachtradition, die im Englischen wie Französischen neben den leichenhaften „bodies“ und „corps“es nichts stehen ließ. Das englische „with heart and soul“ (mit Leib und Seele) bewahrt eine Verwandschaft zur germanischen Tradition, während die zugrundeliegende Anschauung, die Gegenstand meiner Bemerkungen ist, im Französischen formell fürs (Haus-)Tierreich reserviert ist: „à tous crins“ ist gegenständlich nahe am deutschen „mit Haut und Haar“, bezieht sich aber auf die Ausdrucksbehaarung des Pferdes – Mähne und Schwanz.

    Kurzum. Der Unterschied zwischen „Leib“ und „Körper“, den ich beispielhaft für mein Thema aufzufalten hätte, liegt präzise darin, daß „Körper“ Gegenstand des Wahrnehmens und Messens ist, „Leib“ hingegen exklusiver Gegenstand der Anschauung (im Sinne der Tätigkeit des Anschauens).
    Der Unterschied betrifft aber nicht nur „belebte Gegenstände“. Das, was als typisch menschliche Tätigkeit gilt – und Menschen bei weitem nicht so strikt vorbehalten, wie allgemein angenommen – hat es überhaupt nur mit angeschauten Gegenständen zu tun, nicht mit Gegenständen der Wahrnehmung. Der wahrgenommene Gegenstand ist beispielsweise nicht zu handhaben, weil zweidimensional. Das gilt auch für taktile Wahrnehmung: Ein Erblindeter muß erst lernen, die händische Wahrnehmung in drei Dimensionen zu überführen, und das ist bereits eine Anschauungsleistung.

    Vor diesem Hintergrund erinnere ich an den Kommentar von 12:36:

    “ … weil er diesen Leib und die Laute – dies die geistige Leistung – aus dem Intellekt heraus setzt. Kit würde sagen: konstruiert. Das „aus der Wahrnehmung heraus setzen“ der Wahrnehmungsgegenstände, eigentlich also ihre intellektuelle Schöpfung ist das, was als „Geist“ vorliegt, was ihn gegenständlich macht, was seinen Prozess vorantreibt.“

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