Archiv, Fragment: Erinnerung an den Beginn des Syrienkrieges

(Ich bereinige das Chaos in meinen Entwürfen)

Abschlachtung von Schiiten und Alaviten begleitete den Syrienkrieg von Beginn an, doch es war eine zweischneidige Taktik, deren Anwendung einige Umsicht erforderte, die überwiegend beachtet wurde und in der Jeffrey Feltman und Bandar „ben Bush“ zugeschriebenen Blaupause zur Anstiftung bewaffneter Unruhen auch so behandelt wurde, denn es gab eine breite sunnitische Front gegen die Muslimbrüder und deren extremistische Prediger in Syrien. Einen der ersten blutigen Zwischenfälle im Frühjahr 2011, auf den sich Chronisten bis heute gern berufen, gab es anläßlich eines Aufruhrs um eine Moschee herum, den ein seit Jahren bekannter Prediger, ein Salafi im Gewand der Muslimbrüder, während eines Freitagsgebetes in Daraa angestiftet hatte, unter anderem mit Brandreden gegen Alaviten. Polizisten hatten Moschee und Aufrührer umstellt und zusammen gedrängt, wußten aber nicht, wie weiter verfahren. Darauf begab sich – dem glaubhaftesten Bericht zufolge, den ich dazu gelesen habe, der Bürgermeister (oder Gouverneur, oder Polizeichef, das erinnere ich nicht mehr) zum Ort des Geschehens und versuchte, die Versammelten mit einer autoritativen Rede zu bewegen, sich zu zerstreuen. Ein unbewaffneter Provokateur – oder auch nur erboster Gläubiger – habe sich der Amtsperson wild schimpfend und gestikulierend genähert und gerufen: „Erschieß mich doch“, worauf einer der Leibwächter eine Pistole gezogen und ihn niedergeschossen habe. In den anschließenden Wirren kamen noch einige weitere Aufrührer ums Leben.

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie tatsächlich wirkungslos blieb, ja, anscheinend den gegenteiligen Effekt hatte, den die Chronisten ihr im Nachhinein zuschrieben. Der vorgesehene blutige Aufstand versiegte für Tage oder Wochen in einer lähmenden Stille. Sie war vorhersehbar. Vorbeugung gegen sektiererisches Blutvergießen gehörte seit dem Aufstand der Muslimbrüder Ende der 80er, dessen Umfang und Härten wahrscheinlich eben deshalb von der syrischen Militärdespotie zugespitzt worden war. zur völkischen Grundlage der Staatsraison der ständischen Militärdespotie Syriens, die in den großen Städten überaus haltbar war – jedenfalls bis zur Veränderung der urbanen Demographie Syriens durch zwischen ein und drei Millionen Irakflüchtlingen und die Auswirkungen, welche die systematische Abwicklung sozialistischer Staatsökonomie durch Bashar al Assad hatte. Sie blähte die Ghettos unterbezahlter Stadtbevölkerung mit unbeschäftigter oder unbeschäftigter Landbevölkerung auf.

Jene lähmende Stille war die Umgebung, in die isolierte, aber extreme Übergriffe auf Alaviten wie ein Fanal einschlugen. Dazu zählte die Abschlachtung eines Dutzends alavitischer Freigänger der Armee, deren Bus auf offener Straße gestoppt worden war. Dazu zählte der Angriff eines von einem salafischen Prediger aufgehetzten sunnitischen Mobs auf eine  „gated community“ alavitischer Armeeangehöriger, dessen prominentestes Opfer Hamza al Khatib wurde, ein 17 jähriger Jugendlicher, der mit einem etwa 5 Jahre alten Bild in der gesamten westlichen Presse zur ersten Ikone der „Assad schlachtet (sunnitische) Kinder ab“ – Kampagne wurde. Hamza ist möglicherweise tatsächlich von Bewohnern der Siedlung tot geschlagen worden, in die er, Aussagen eines Kumpanen zufolge, zusammen mit anderen Jugendlichen einzudringen gedachte, um gemäß der Fatwa seines Geistlichen alawitische Mädchen oder Frauen zu nehmen.

Danach wurde das sektiererische Feuer zunächst aus den bewaffneten Übergriffen der Söldner heraus gehalten, um die Gegenseite „an den Zug“ zu bringen, hauptsächlich alawitische Banden (die berüchtigten Shahibs) und in deren Gefolge deren echte oder vermeintliche Schutzpatrone in Polizei und Armee.

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