Postkapitalismus (abgekippt)

@Frage
Lies mal, was Yanis Varoufakis zu dem Thema schreibt:
https://www.project-syndicate.org/commentary/covid19-and-postcapitalist-economy-by-yanis-varoufakis-2020-08/german

Das theoretisches Fundament, das er da mobilisiert, ist reichlich armselig auch unter dem Maßstab der Kompetenzen, die er zu anderen Gelegenheiten zeigt.
Das rückt den Ort der Veröffentlichung in den Blick: Das Generalthema von Project-Syndicat ist World Governance.

Gegenüber US-Aktivisten spricht Yanis expliziter von „Neofeudalisierung des Kapitalismus“, eine phänomenologische Begriffswahl, zu der ich in vergangenen Versuchen, die Dynamik des Imperialismus theoretisch zu fassen, verschiedentlich auch gegriffen habe. Sie ist ziemlich falsch.

Das übergreifende Datum, das in Rechnung zu ziehen ist, besteht aus der Gewalt, die in der schieren Masse souveränen Weltgeldkredites (weltweit mehr als €20 Billionen, wenn ich richtig mitgezählt habe), die für ökonomische , im Unterschied zu souveränen, bzw. besser: eigentümlichen Staatszwecken, verwandt wird. Die Staatszwecke bleiben erhalten, aber sie werden zur abhängigen Variablen, wie das Beispiel „VW“, das Yanis wählte, ganz gut demonstriert.

So entsteht eine strategische Scheidung der Subsidien.
Ein Teil dient der jeweiligen nationalen Subsistenzbasis, praktisch hinaus laufend auf die Erhaltung einer „kleinen Zirkulation“, die heute freilich einen weit umfänglicheren Teil der Kapitalzirkulation umfaßt, als zu der Zeit, da Marx den Ausdruck prägte.
Ein anderer Teil koppelt die Akteure, die „Global Player“ geheißen werden, zuzüglich die Militärisch Industriellen Komplexe, von der restlichen Kapitalzirkulation weitgehend ab.

Das Phänomen ist nicht neu, gewiß. Es ist Bestandteil der kriegswirtschaftlichen Momente der imperialen Ökonomien namentlich seit 9/11 kombiniert mit der Zusatzphase der „Finanzkrise“ seit 2008.
Ich hatte seinerzeit den Komplex dieser Erscheinungsformen (unter höhnischen Kommentaren von „Marxisten“, incl. Nestor) mit dem abstrakt-Allgemeininger „Entkopplung von Geschäft und Gewalt“ benamst, u.a. um dem Phänomen des „Creative Chaos“ Rechnung zu tragen, das eine mächtige Fraktion von Internationalisten seit 9/11, verstärkt seit dem Libyenkrieg, zum expliziten Ziel einer Vielzahl von Kriegen und Kriegshandlungen erhoben hat.
Jetzt sehen wir das Phänomen voll auf die Gliederung der Kapitalzirkulation und damit auf die Kapitalistenklasse durchgreifen. Ein jedes Eigentum muß sich jetzt auf eine strategische Relevanz begutachten lassen, um sich mittels Partizipation an der Masse souveränen Kredits als ein Solches behaupten zu können, und diese Dynamik wirkt sowohl direkt, in Gestalt von Kreditbedingungen, wie indirekt, in Gestalt der damit national wie international neu ausgerichteten Märkte. Das ist immer noch Kriegswirtschaft – aber sie ist jetzt sozusagen „echt globalisiert“, obgleich um die Bedingungen dieser Globalisierung und die hoheitlichen Rollen in ihr jetzt erst recht mit militärischen Mitteln gestritten wird. Doch schon Letzteres sollte allen Illusionen den Garaus machen, daß hier „bloß“ eine Übergangsphase angestrebt werde und vorliege, ein Ersatz für Geschäft, um wieder genuine, klassische Geschäftstätigkeit folgen zu lassen; „Krisenmanagement“ zum Zwecke eines „Aufschwungs“. Damit ist es vorbei, und die World Governance-Player wollen, daß es damit vorbei sei. Zu denen hat Yanis beste persönliche Kontakte.

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6 Antworten zu Postkapitalismus (abgekippt)

  1. Fritz schreibt:

    Hallo, bin ganz schlecht in Fremdwörtern.

    Was meinst du mit phänomenologische Begriffswahl (bei Neofeudalisierung des Kapitalismus)?

    Danke :-)

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    • tgarner9 schreibt:

      Zunächst zum Unterschied zwischen einer Definition und einem Begriff, gemäß der Tradition, in der ich schreibe.
      Einer Definition liegen mehr oder minder wohlformulierte Interessen, Anschauungen, Hypothesen oder auch schlicht Behauptungen zugrunde, unter denen das definierte Phänomen von anderen abgegrenzt oder eine Auswahl von Phänomenen zueinander gestellt werden.

      Jemand, der behauptet, einen Begriff von einer Sache (gebildet) zu haben, will bereits einen Zusammenhang eines Phänomens, oder eines Umkreises von Phänomenen, mit anderen ermittelt und theoretisch begründet / verteidigt haben, also die Phänomene (Erscheinungsformen) zur erklärten Sache, bzw. erklärtem Sachverhalt, zusammen geschlossen haben.

      „Feudalismus“ ist im marxistischen Diskurs, auf den sich Varoufakis bezieht, ein Begriff – bzw. beansprucht einen Begriffscharakter. Varoufakis stellt eine Reihe von rezenten Phänomenen der Herrschaftsausübung und dessen, was sie seines Erachtens über Zusammenhänge verraten, zu diesem Begriff, um anzuzeigen, er halte eine Begriffsbestimmung der neuen Erscheinungsformen im Anschluß an die ältere Begriffsführung für angezeigt oder gar nötig.
      Das ist ein ehrenwertes diskursives und selbst theoretisches Verfahren neuer Begriffsbildung – solange einer nicht unterstellen oder nahe legen will, es sei damit schon auf dem besten Wege oder gar teilweise abgeschlossen.

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  2. Fritz schreibt:

    wow, vielen Dank für deine ausführliche Antwort!

    Jetzt verstehe ich (nicht nur diesen) Artikel etwas besser. :-)

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  3. tgarner9 schreibt:

    Nächtlicher Entwurf (konnte mal wieder nicht schlafen)

    Es mag nett sein, eine „Meinung“ zu haben. Wissen ist nahrhafter.
    Die Hexenflasche ist eine Erfindung, Punkt.

    Ebenso die angeblichen Giftspuren auf Navalnys Haut.
    Die wären eine besonders dämliche Erfindung, wenn es keine Gründe gäbe, sie für anmaßend zu halten. Jeder Mediziner und Laborant mit Ausbildung in organischer Chemie, weiß mit absoluter Sicherheit, daß sie eine Erfindung sind.
    Er soll es wissen – aus den gleichen Motiven, mit denen die vatikanische Inquisition seinerzeit jedem gebildeten Mönch hat deutlich machen wollen, daß ihre Anklagen gegen Hexen erfunden waren. Gott will, daß die Macht des Schwertes und der Folter jedes Wissen sticht, war die Botschaft an diese Klientel.

    Wie kommt so etwas zustande? Es gibt zwei Quellen.

    In der historischen Inquisition war die erste Quelle die schlichte Überzeugung der vatikanischen Priesterschaft, nebst der Mehrheit ihrer höherrangigen weltlichen und geistlichen Gefolgschaft, daß die Botschaft stimme, daß sie die eine, einfache, ultimate Wahrheit über „die Welt“ und „die Menschen“ sei.
    Ein modernes Äquivalent ist in Deutschland das kleine Wörtchen „alternativlos“ aus den Mündern der seit zwei Generationen herrschenden politischen und sogenannten „wissenschaftlichen“ Stände.

    Darüber wäre viel zu schreiben, ich belasse es bei der Gegenüberstellung der Klasse des „Alternativlosen“ zu der Klasse der Alternativen, welche die herrschenden Stände gelten lassen und zur Disposition stellen wollen. Die zählen allesamt zu den Modalitäten der Versklavung, der Ausbeutung, des Folterns und des Menschenschlachtens und der Ausbreitung herrschaftlicher Verfügung über jeden Winkel und jedes Lebewesen auf diesem Globus bis hinein in die Zellen, deren Verbindungen und die Zellprodukte, einschließlich immaterieller Zellprodukte, wie Affekte und Gedanken es sind.
    In der Summe ist diese Anmaßung den Anmaßungen des Vatikans und seiner Gefolgschaft äquivalent, aber sie ist mit Machtmitteln ausgestattet, welche die der alten Priesterschaften und ihrer Armeen und Henker um Welten übersteigt.
    Die priesterliche Demut angesichts unzureichender Bewaffnung ihrer Anmaßung ist überhaupt die singuläre Quelle ihres Glaubens. Deswegen heißt der auch „Monotheismus“. Gibt es viele Götter, hat Mensch sich ihrem Streit, ihren Ränken, ihren Allianzen, Kämpfen und letzlich schiedlichen Einigung zu fügen, welch Letztere die Götterfamilie erhält, statt sie auf den Einen oder die Eine zu schrumpfen, und alles menschliche Walten hat die polytheistische Schranke einer Mimesis von Kämpfen höherer Mächte.
    Auch die bürgerliche Gesellschaft kennt nur eine höhere Macht, freilich unter einer Plethora von Namen, unter denen in ihrer späten Phase, die neuerdings auch „Postkapitalismus“ heißen soll, der Streit ausgetragen wird, was „alternativlos“ sei, und was nicht.

    Der „Spiegel“, das läßt sich an der Stelle schon recht gut ausmachen, hat nicht einfach eine Lüge oder freizügige Erfindung in die Welt gesetzt, er hat ein Menetekel an die Wand der demokratischen Öffentlichkeit gemalt: Daß Navalny einer Hexenkralle zum Opfer wurde, sei alternativlos.

    Noch einmal zurück zu der einen höheren Macht. Was wäre denn das, was soll denn das sein, wenn „Gott“ doch Privatsache ist, über welche kein Priester Macht haben soll?
    Es ist „Die Gesellschaft“. Das ist das einzige Trumm, über das in der bürgerlichen Gesellschaft kein Mensch verfügen (dürfen) soll.

    Dehalb kannst Du den Gott der bürgerlichen Gesellschaft getrost „Ich“ nennen, aber Vorsicht, dies „Ich“ ist nicht das „Ego“, das sich an dem Umstand abplagen sollen muß, daß es keine Gesellschaft hat. Daß ihm nur sein Leib zum Eigentum ist und vor einem weltlichen Richter nicht einmal der, sondern nurmehr eine mystische Quelle seiner Affekte und Gedanken, die irgendwo in der Neuronensuppe wesen soll, die sein Hirnkasten zusammen hält.

    Das „Ich“ ist in der bürgerlichen Gesellschaft die Quelle der Verfügung und des Herrschens, das Ego die Quelle der Deutung herschaftlichen Waltens, des (Ver-)Meinens, Dafür- und Dagegenhaltens, das sich an einen erfolgversprechenden Willen zur Macht und Verfügung anschließt, oder nicht anschließt.

    Damit bin ich bei der zweiten Quelle der modernen Inquisition.
    Es ist die abergläubige Wahnwelt, welche Egos produzieren müssen, denen keine Gesellschaft zu eigen ist. Sie besteht im Kern aus einem Kochtopf voll übermenschlicher Subjekte, aus dem eine Fülle einzelner Subjekte zu fischen sind, von denen viele nach einer wissenschaftlichen Nomenklatur benamst sind.

    „Das Hirn“ ist ein beliebtes Subjekt, das kann man trefflich in feinste Scheibchen schneiden, deren jede nach Bedarf zum Objekt und Subjekt zu erklären ist, weil nach dieser Operation stets beides.
    An diesem Ort hier besonders beliebt ist „Das Volk“, eben weil es zwischen Wahltagen Subjekt von gar nichts ist.
    „Geschichte“ – neuerdings, wie gesagt, auch in Gestalt des „Postkapitalismus“, der seinen besonderen Nutzen als ein übermenschliches Subjekt darin entfaltet, unter seinem Namen für „alternativ“ erklären zu dürfen, was gestern bei Leibesstrafen noch für „alternativlos“ zu gelten hatte.

    „Putin“, das ist jetzt der jüngste inquisitorische Fortschritt, soll im krassen Unterschied zu gestern kein Subjekt mehr sein. Jedenfalls nicht an sich selbst. Es ist vielmehr ein „System Putin“ das durch Vladimirs Kopf wesen soll, der deshalb abzuschlagen ist, damit Zugang werde zu den anderen Köpfen des „System Putin“, zum Beispiel denen hier im Forum.

    In der alten Inquisition moblisierte bewaffneter Wille zur Herrschaft alle verfügbaren Mittel des Terrors und der Folter, der gläubigen Welt einen Willen zur Unterwerfung abzupressen, nachdem die Vorgänger des Frühmittelalters den Sassen jeden Widerstand gegen das Schlachten, die Folter, Vergewaltigung und Prügel zum Glauben ausgetrieben hatte.
    Im Maße, wie die Inquisition an ihr Ziel gelangte, fraß sie sich selbst. Sie bereitete eine neue Klassenherrschaft vor, die nicht länger Priester und Gläubige, Gläubige und Ungläubige gegeneinander stellte,

    In der neuen Inquisition mobilisiert eine bewaffnete Macht alle ihr zugänglichen Mittel des Terrors, der Folter und der Verführung, den Willen zur Macht und den komplementären Willen zur Unterwerfung in einer Gesellschaft der Ego’s zu kanalisieren. Doch das mächtigste Mittel, das sie hat, ist die abergläubige Ohnmacht der Angehörigen unterworfener und herrschender Stände, welche „Die Gesellschaft“ als eine höhere Macht über sich stellen. Die Inquisitoren tun das nicht. Sie nehmen Mittel in die Hand, „Die Gesellschaft“ zu werden und zu sein .
    Und das ist überhaupt nichts Besonderes. Genau so ist jeder herrschende Stand in der Tradition der Sklaverei angetreten. Aufgetreten ist er, weil er sich nähren konnte.
    Hier, an diesem Ort, nährt er sich bestens von den Hirnen derer, die sich ihm widersetzen wollen. Das könnte jeder zu ändern suchen. Jeder Teilnehmer hier könnte befinden und entscheiden, welchen Nährwert der Versuch für ihn selbst hat oder bekommen könnte. Für ihn selbst – weder für „Ego“, noch für ein „Ich“.

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  4. tgarner9 schreibt:

    Ein Argumentationssplitter

    [quote]Der „Rest“ der Welt ist zum ersten Mal in der Geschichte ökonomisch stärker als der Westen
    [/quote]
    Das ist an erster Stelle „Fake News“.

    Ein (quantitativer) Vergleich erfordert die Identität des Verglichenen. Weniger philosophisch ausgedrückt: Die Zähler zweier Proportionen ergeben ein Verhältnis erst dann, wenn die Nenner gleich sind.
    Selbst nach „BIP“ gerechnet ist das alte Imperium noch „stärker“, wenngleich absehbar nicht mehr lange.
    Aber BIP ist ein (selbst-)täuschender Nenner, was in erster Instanz schon daran zu sehen ist, daß er „Dollar“ heißt. Die darin eingeschlossenen Befunde kann ich hier nicht auffalten, aber den Endpunkt des damit eröffneten Argumentationsstranges kennt jeder: Die beispielhaft zu nennende chinesische Ökonomie kommandiert zwar eine große [b]Masse [/b]des [i]umlaufenden Weltgeldes[/i], aber nur eine erbärmlich kleine [b]Rate [/b]des auf die Gesamtmasse gezogenen [i]Souveränen Kredites[/i].
    Dieser Souveräne Kredit, die Summe der wechselseitig indossierten Staatskredite der imperialistischen Metropolen, ist im Imperialismus die gültig gemachte Substanz und damit gleichzeitig das Maß „ökonomischer Stärke“, nämlich [i]globaler Zugriffsmacht auf [i]Surplusprodukt [/i]und damit dessen [i]Produktion[/i].[/i] „Surplusprodukt“ ist im Zusammenhang des Imperialismus das Gesamtprodukt MINUS der Masse des Produkts, das die Kapitalistenklasse an die workforce PLUS die Verwaltung des Kommandos und der Herrschaft über dieselbe abgibt.
    [b]Das [/b]ist ein „objektives Argument“, zum Beispiel darin, daß die Chinesen verzweifelt, doch mit bislang geringem Effekt, versuchen, den Weltgeldern Dollar und Euro die Grundlage des Kredites zu schmälern, den die imperialistischen Metropolen auf sie ziehen.

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