Zur Kritik der politischen Ökonomie des Rassismus

Der Artikel Z.B. George Floyd ist gut, weil der Autor ein gutes Stück aus den agitatorischen Schemata heraus tritt, welche die „Roten Zellen / Theoriefraktion“ vor fast 45 Jahren vornehmlich mit dem Ziel einer Ideologiekritik entwickelt haben, die sich vornehmlich an die „linken“ und „bunten“ Hinterlassenschaften der Jugendbewegungen der ’68er gerichtet hat.

Dieser Schritt besteht, und erschöpft sich weitgehend darin, daß der Autor das Phänomen von Partialgesellschaften nicht ausschließlich einerseits ökonomisch – Gliederung der Unterschichten – und andererseits „ideologiekritisch“ in dem engen Sinne aufnimmt, welche Folgen es für das Verhältnis der bürgerlichen Schichten habe, daß es in ihren Reihen keine wirksame Auseinandersetzung über einen tauglichen Klassen- und Staatsbegriff gebe.

Dem Artikel ist das Unzureichende dieses Schrittes nicht anzukreiden. Der Autor muß sich schon hinsichtlich der Kritik der Ideologien von Freiheit und Gleichheit und der ihnen geschuldeten Auffassungen von Rassismus mit Hinweisen bescheiden.

Ich will und kann, was im Artikel weiter führend werden kann, hier nur mit Hinweisen ergänzen, die nicht weniger mager sind.

Individuelles Eigentum

Im theoretischen Ansatz ist dem Phänomen von Partialgesellschaften unter beliebiger Herrschaftsform nicht anders beizukommen, als in einem ersten Schritt die historisch geschaffenen Institute des gesellschaftlichen Eigentums theoretisch aufzulösen. Diese Institute gibt es, weil und insofern es in einem gesellschaftlichen Lebensprozess beständig etwas in sie zu überführen, ihnen etwas unterzuordnen gibt, angefangen mit der Tradierung der gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Generationenfolge, bis zu Dynamiken, die aus technologischen Umwälzungen und erneuerten und modifizierten Widersprüchen rühren, die in einer Herrschaftsform grundlegend fortbestehen.

Im zitierten Artikel trägt der Autor dieser Notwendigkeit in den geschichtlichen Abrissen zum Wandel der Stellung der afroamerikanischen Bevölkerung in der amerikanischen Föderation Rechnung. Selbstredend ist dies Vorgehen unverzichtbar. Doch von diesem Ausgangspunkt wäre mit dem o.a. Argument von der geschichtlichen Phänomenologie zurück zu treten und theoretisch zu vergewärtigen, welche Folgen diese Veränderungen für das Binnenverhältnis der Individuen in den Partialgesellschaften hat. Diese Aufgabe ist mit knappen Verweisen auf veränderte Konkurrenzbedingungen der Afroamerikaner einerseits und der „Weißen“ andererseits verfehlt.

Der theoretische Hebel für die Aufklärung des Binnenverhältnisses ist der abstrakt – allgemeinste Ausdruck für gesellschaftliches Eigentum, das individuelle Eigentum. Anders, als soziologische, politologische Ideologien und volkswirtschaftliche Apologien wollen, gibt es gesellschaftliches Eigentum nicht anders, denn im Bezug individueller Eigentümer aufeinander.

Marx, ich habe es in verschiedensten Einträgen dieses Blogs wieder und wieder aufgenommen, heißt „Eigentum“ (sinngemäß) das Aggregat dessen, wovon und wodurch ein Individuum seinen Lebensprozess vermittelt im Zusammenwirken mit anderen Individuen bestreitet. Außerleibliche Bestandteile eines (individuellen) menschlichen Daseins habe ich dies Aggregat getauft, in Anlehnung an jüngere „systemtheoretische“ Darstellungen von Biologen, die u.a. auf Leontjew zurück gehen.

Gemeinwesen

Theoriegeschichtlich ist Marx Begriff des individuellen Eigentums die Kritik der überkommenen Auffassungen von „Gemeinwesen“ und der Vorstellungen gewesen, unter denen bürgerliche Revolutionäre herkömmliche Vorstellungen angegriffen und verworfen haben, namentlich der Vorstellung von einer „freien und gleichen menschlichen Natur“, der in Instituten einer ständefreien Gesellschaft Rechnung zu tragen sei. Genau deshalb taugt er bis auf den Tag, trotz seiner empörend nichtssagend erscheinenden Allgemeinheit.

Denn aus ihm folgt sofort, das übergeordnete Eigentum der Individuen ist dasjenige, das sie im gesellschaftlichen Zusammenwirken aneinander haben und einander in ihrer praktischen, in ihrer Arbeitstätigkeit, zur Geltung bringen.

Die erste, auch theoriegeschichtlich erste, und übergeordnete, für allen gesellschaftlichen Zusammenhang gültige Konsequenz davon habe ich unter dem Reiter „Gender“ und in meinen Einträgen zum Patriarchat halbwegs ausführlich besprochen. Den Weibern gehören die Kerle, den Kerlen gehören die Weiber. Aber sie gehören ihnen nicht individuell, sondern innerhalb und vermittels eines weiblichen und eines männlichen Gemeinwesens. „Patriarchat“ ist ein hergebrachter Name für die Art und Weise, wie diese elementaren Gemeinwesen einer jeden Gesellschaft in ihnen übergeordnete Gemeinwesen aufgehoben werden. Solche Aufhebung muß kein Unterordnungs– bzw. Unterwerfungsverhältnis sein, aber in nahezu allen Gesellschaftsformen, die überliefert sind – die Ausnahmen, falls es sie heute noch gibt, sind exotische, abgelegene Gemeinwesen – ist es ein Unterwerfungsverhältnis.

Im Zusammenhang dieses Eintrages habe ich Patriarchat nur aus einem Grund erwähnt. In der Spannweite der Gliederung des Gemeinwesens einer Gesellschaft steht Patriarchat am einfachen, elementaren Ende. Am zusammengesetzten Ende steht im Kapitalismus das, was Marx am Ende „Gemeinwesen des Geldes“ genannt hat.
Mit diesem Ausdruck hat er nicht zurück nehmen wollen, daß Kapitalismus die Herrschaft einer Klasse über eine andere ist, ganz im Gegenteil, er benennt in abstrakter Form die Weise, wie kapitalistische Klassenherrschaft ein Gemeinwesen ist und kommandiert. In diesem Kommando ist dies Gemeinwesen die Herrschaft von Individuen über andere Individuen, aber vermittels der Unterordnung, tatsächlich eine Einvernahme, aller Gemeinwesen, die im Kapitalismus auftreten, unter ein Gemeinwesen der Kapitaleigentümer.
Dies Gemeinwesen der Kapitaleigentümer hat historisch ein Gemeinwesen der Grundeigentümer abgelöst, das in verschiedenen Formen der orientalischen Despotie und der europäischen Adelsherrschaft existiert hat und global gesehen ist diese Ablösung noch immer im Gang. Sie kann auch nie abgeschlossen werden, will ich hinzu fügen, weil die Kapitalisierung von Grundeigentum materielle, sogenannte „natürliche“ Schranken hat.

Innere Schranken eines herrschaftlichen Gemeinwesens

Die innere Schranke des Kapitaleigentums am biologischen Stoffwechsel der Arbeitskraft, die es sich einverleibt, ist evident.
Zum Stoffwechsel individueller Arbeitskraft zählt elementar das Aggregat des Eigentums eines Arbeiters, d. h. nicht nur sein privater Besitz, ebenso, und noch viel mehr, sein gesellschaftliches Eigentum im oben umschriebenen Sinn. Die Unterwerfung des Arbeiters vermittels der physisch durchgesetzten ökonomischen Kategorie der „Arbeitskraft“ ändert nicht, daß dies ein individuelles Eigentumsverhältnis ist, vermittels eines Gemeinwesen, das in der Unterordnung eine Selbständigkeit behält. Deshalb, allgemein gesprochen, kann und muß weiterhin von einer „Arbeiterklasse“ gesprochen werden, obwohl diese Klasse, polemisch gesprochen heute fast nirgendwo mehr auftritt und auffindbar erscheint. Sie ist materiell gegeben im individuellen Eigentum eines Arbeiters, das er vermittels seiner Klasse am Gemeinwesen des Geldes hält.

Dort steht dies Eigentum im untergeordneten Verhältnis zum Eigentum eines Kapitalisten, das dieser vermittels seiner Klasse am Gemeinwesen des Geldes hält, aber diese Unterordnung muß erstens im Generationenwechsel beständig neu geleistet werden, und sie ist nie abgeschlossen gemäß der Änderungen, die vermittels der Konkurrenz der Kapitalisten im Binnenverhältnis ihres Klasseneigentums eintreten.

An dem Punkt bin ich nun endlich bei den Gründen, und auch schon ein wenig bei den Oberflächenerscheinungen des Auftretens von Partialgesellschaften in den Gemeinwesen des Geldes (Plural!) angelangt, wie sie in der Gestalt von Staatswesen auftreten.

Die „Befreiung der Sklaven“ in den USA, ihre Entlassung in die „freie Konkurrenz“, hat, wie im Artikel beschrieben, historisch sehr lange nichts am Sklavendasein der Mehrzahl der Afroamerikaner geändert. Auch die Sklaven waren „Amerikaner“, sie waren Eigentümer der amerikanischen Gesellschaft indem sie Eigentum der Sklavenhalter waren, und indem diese Sklavenhalter Eigentümer des Gemeinwesens des Geldes auf dessen seinerzeitigem Entfaltungsstande waren, blieb die ökonomische Position „des Sklaven“ in Gestalt der „befreiten Sklaven“ wie der ehemaligen Sklavenhalter präsent und wirksam.

Was der Gesetzesakt der „Sklavenbefreiung“ tatsächlich schuf, war ein Gemeinwesen der Afroamerikaner, gegeben in ihren gesonderten Konkurrenzbedingungen einerseits, und den besonderen Mitteln des individuellen, familiären und kommunitären Selbsterhaltes, die darin eingeschlossen wurden, andererseits.

Bis heute arbeitet sich die gesamte amerikanische Gesellschaft daran ab, daß dies Gemeinwesen nicht zu zerschlagen ist, ohne das Gemeinwesen des Geldes als Ganzes zu zerschlagen, und andererseits die ökonomischen, politischen, und Eigentumsinteressen der verschiedenen Partialgesellschaften in den USA die Erhaltung dieses Gemeinwesens, mitsamt seiner unerwünschten und störenden Eigentümlichkeiten erzwingen.

Anmerkung: Eine schlaglichtartige Einführung zum Thema „Patriarchat und Partialgesellschaften (oder Straten)“.

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Eine Antwort zu Zur Kritik der politischen Ökonomie des Rassismus

  1. tgarner9 schreibt:

    Nicht ganz Off Topic (abgekippt)

    Oh Mann
    Ich muß zugeben, nur die ersten zwei Teile angelesen zu haben und auch keinen Trieb zu besitzen, mich hier einzumengen. Dennoch sei mit eine Bemerkung erlaubt.

    In der Marx’schen Darstellung des Kapitalverhältnisses kommt zwischen die Bewegung von Wertverhältnissen in der Reproduktion von Einzelkapitalen oder zu Branchen aufaddierten Einzelkapitalen, und der Kategorie „Marktpreis“ die Kapitalzirkulation zu stehen. Marx untersucht den Gesamtprozess der Kapitalakkumulation, und dieser Gesamtheit ist alles, jedes einzelne Item Kapital. Die Bestimmung dessen, was Marx „für die Herstellung eines Produktes notwendige gesellschaftliche (Durchschnitts-) Arbeitszeit nennt, ist Resultat dieser Gesamtbewegung.

    Im Ergebnis streitet Marx nicht nur nicht ab, ein „Verhältnis von Angebot und Nachfrage“ bestimme das Preisverhältnis der Waren, er besteht darauf, daß es so sei. Ganz im Gegensatz zu Ideologen, die in dieses Verhältnis außerökonomische Kategorien einführen wollen, beharrt er darauf, daß die Nachfrage zahlungsfähige Nachfrage zu sein hat, und das Angebot eines von im Rahmen des Kapitalverhältnisses reproduzierten und reproduzierbaren Waren.

    Allgemein gesagt: Es hat Marx schier verrückt gemacht – ähnlich, wie ich an meinen Zeitgenossen verzweifle – wenn seine Gegenüber darauf beharren wollten, die Dinge, die obligatorisch ein Preisschild umgehängt haben, seien einenteils Waren, doch andernteils Güter, und daß sie „irgendwie“ beides seien, sei ein schier unauflösliches Rätsel.
    Das „Rätsel“ verschwindet, wenn man sich an den ersten Satz des „Kapitals“ hält, in dem es sinngemäß heißt: Was ich hier untersuche, ist ein Verhältnis von Gütern, für welches das Warenverhältnis obligatorisch ist.

    (NB.: Das erledigt auch sofort die ewigen Debatten über ein „Verhältnis von historischer und methodischer Darstellung“, und was des Unfugs mehr ist. Marx untersucht genau und einzig EIN DING, das er Kapitalverhältnis nennt. Das ist der Kristall eurer ganzen verschissenen Gesellschaft, einschließlich eurer verschissenen Gedanken über sie, behauptet er – und verwendet ein halbes Leben, darauf, das Urteil nachzuzeichnen, nur um als Lebender wie Posthum zu erfahren, daß die Leser ihm das mehrheitlich schon nach der Lektüre der ersten Sätze argumentlos durchstreichen)

    (Ich les da jetze nich mehr drüber, Sakraheini)

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