Zur ethnischen Säuberung Berg-Karabachs

Es braucht kein Komplott im technischen Sinne, damit die Konfliktvariablen in ein Komplott zur ethnischen Säuberung Bergkarabachs münden.

Der Ekel hinderte mich, Zureichendes dazu zu schreiben. Mit ein bißchen Wut im Bauch habe ich immerhin Unzureichendes zustande gebracht, das ich abkippe.

User „Haroun“ in TP:

Es erscheint wahrscheinlich, dass Russland den Konflikt zugelassen hat um folgende strategische Ziele zu erreichen:

a) Armeniens Abhängigkeit von Russland zu sichern und
b) Armeniens Bereitschaft für Verhandlungen mit Aserbaidschan zu erhöhen um die
c) Zusammenarbeit mit Aserbaidschan zu stärken
d) „Friedenstruppen“ mit Zustimmung von Armenien und Aserbaidschan in der Region zu stationieren
e) Vollendung der Pipeline zu verzögern mit message an Deutschland bzgl. NordStream2
f) Paschinjan vorzuführen um ihn evtl. in den nächsten Wahlen durch einen russlandfreundlicheren Politiker ersetzen zu können.

Quellen

1. Nach der „follow the money“-Logik hätte Russland Interesse daran den Abschluss der Pipelinearbeiten in der Region zu torpedieren:

https://www.israelhayom.com/opinions/whats-going-on-in-south-caucasus-region/

Russian President Vladimir Putin seems to be intensively arming Armenia against the Republic of Azerbaijan, with massive Russian weapons deliveries, threatening a possible new war in the South Caucasus…
Several strategic oil and gas pipelines, most essential to Azerbaijan’s sovereignty and economy, as well as to Europe and the United States pass through Tovuz district. The South Caucasus natural gas Pipeline (SCP), a key part of the Southern EU Energy Corridor, passing through Tovuz, Georgia, Turkey and Southern Europe routes, which is due to become operational in few months, will deliver Azerbaijani gas to European markets via Trans-Anatolian Pipeline (TANAP) and Trans-Adriatic Pipeline (TAP)…
Seeking to maintain energy deliveries control to Europe via its own networks, Russia fiercely opposes the SCP project. Therefore, it is no coincidence that Armenia’s latest military adventure against Azerbaijan’s vital Tovuz district took place a few months prior to this strategic gas pipeline’s completion.

https://oilprice.com/Geopolitics/Europe/Conflict-Between-Armenia-And-Azerbaijan-Threatens-Europes-Energy-Security.html

https://nkobserver.com/archives/5660
Armenia receives biggest arms shipment in years from Russia

2. Mit der Samt-Revolution ist Paschinjan in Armenien an die Macht gekommen um die alten Eliten, die Russland nahe stehen, zu vertreiben.
Seine Nähe zum Westen ist Russland ein Dorn im Auge.

“It was not possible to neutralize Nikol before August like Misha promised. Now, apparently, a tough scenario will be launched,” one Svetlana Maksimova is cited as having reported.

3. Russland hatte den Lavrov-Plan erarbeitet um den Konflikt in mehreren Phasen zu entschärfen. Dieser sah die Rückgabe von 5 der 7 besetzten Gebiete, die mehrheitlich von Aserbaidschanern besiedelt waren, vor. Für Berg-Karabag sollte später eine Lösung gefunden werden.
Paschinjan hat in den letzten 18 Monaten mehrere Versuche Russlands dbzgl. zu vermitteln abgelehnt. Zuletzt im April 2020 kurz vor dem Konflikt:

The above option refers to Armenia evacuating and returning territories around Karabakh that were taken as an insurance policy against an Azeri invasion.
“There have been and will be no concessions. The Armenian sides will never exercise that approach,” said Mnatsakanyan

In the current circumstances it is likely that Azerbaijan will agree to this offer and other key players may not resist. Thus, Armenia and Karabakh may face tough pressure from Russia to choose between two options: accept the Russian plan or face the threat of large-scale hostilities. The military defeat of Armenian forces is clearly one option that may hasten the deployment of Russian peacekeepers.

TG: Widerliche, bluttriefende ZioNATO-Propaganda. Aber eines ist ‚dran …

Die Russische Föderation ist eine große Regionalmacht, kein Imperium. Die Nomenklatura hat schmerzlich zu verstehen gelernt, daß die quasi-zaristische Nationalitätenpolitik der Stalinisten im Kaukasus und Zentralasien ein übler Fehler gewesen ist. Die RF will regionalpolitische Alliierte und das beste Beispiel dafür ist das Vertragswerk der Kaspischen Anrainer, das, wenn ich mich recht erinnere, 2012 ratifiziert worden ist und maßgeblichen Anteil an der Entente zwischen Azerbaidschan und Iran hatte.
Solange im Kaukasus und anderswo nahe russischer Grenzen keine NATO-Basen entstehen, die im Zweifelsfall nuklear vernichtet werden müssen, hat die RF auch keine substanziellen Einwände gegen georgische, armenische und azerbaidschanische Schaukelpolitiken mit der NATO. Der beste Ausweis dieses geopolitischen Realismus ist die Türkei-Politik des Kreml.

Umgekehrt hängt Russlands Eurasien-Strategie maßgeblich an der Viabilität des chinesischen R&B-Projektes einschließlich seiner Südrouten. Die russische Föderation kann nicht Bestandteil einer logistischen Drehscheibe in Eurasien sein und sie gleichzeitig mit kurzsichtigen Monopolisierungsversuchen torpedieren.

Doch all das zusammen macht den Armenien-Azerbaidschan-Konflikt zu einer antiken Last für alle Beteiligten. Einschließlich Armeniens, sofern man eine realistische Gewichtung der Weltmarkt-Parameter unterstellt.
Weil aus Gründen, über die ich mich hier nicht verbreiten will, für die politischen Klassen Azerbaidschans und Armeniens der ethnozentrische Nationalismus innerhalb dieser Klassen und in großen Teilen der Bevölkerung ein unüberwindlich scheinendes Hindernis einer „modernen“, rationalen Lösung des „Problems“ darstellt – in westlichen Gesellschaften wäre es in zahlreichen föderalistischen Modellen gegeben – bleibt halt nur eine militärische Bereinigung.
Das wußten alle Beteiligten seit Jahren.

Vor diesem Hintergrund ist die verschwitzte Siedlungspolitik Armeniens in der besetzten Zone zu betrachten, die um 2014 begann. Der armenische Staat war offiziell kein Teilhaber, unterband aber im Unterschied zu den Vorjahren die armenische Kolonisierung der besetzten azerbaidschanischen Territorien nicht. Einige Mittel für die Instandsetzung der nötigsten Infrastruktur kamen aus mehr oder minder unklaren Quellen, vielfach der armenischen Diaspora, auf privatem Wege sowie über die nicht anerkannte Administration Bergkarabachs. Nach der Machtübernahme Nikol Paschinjans ließ die armenische Regierung die Zurückhaltung gegenüber der Kolonisation weitgehend fallen. Es ist schwer vorstellbar, daß dies gegen die gleichzeitige Annäherung an die NATO geschah.
Es ist hingegen amtlich, daß es gegen den erklärten Willen des Kreml und den Geist des Waffenstillstandsabkommens von 2016 geschah, das unter der Schirmherrschaft Russlands, der Türkei und des Iran zustande kam.

Diese Amtlichkeit muß aber nicht die ganze Wahrheit sein. Unter den oben skizzierten Voraussetzungen kann, ja muß allen interessierten Dritten Parteien bewußt gewesen sein, daß eine militärische Niederlage Armeniens bei einer erneuten Verteidigung Bergkarabachs gegen den azerischen Revisionismus eine zwingende Voraussetzung für die regional- und geopolitische Flurbereinigung sein könnte, wenn man den Zeitrahmen nicht unendlich dehnen wollte. Warum hätte die herrschende Clique in Armenien sich dieser Sicht der Dinge nicht beugen wollen?

Was hätte sie ihr umgekehrt entgegen zu setzen gehabt? Nichts. Wie aktuell sichtbar wird.

Folglich: Es braucht kein Komplott im technischen Sinne, damit die Konfliktvariablen in ein Komplott zur ethnischen Säuberung Bergkarabachs münden. Oder: Der NATO-Imperialismus, ergänzt um das Bemühen der Russischen Föderation, sich in ihm und – nach Maßgabe des Realistischen – gegen schädigende Auswirkungen desselben zu behaupten, leistet das, ganz ohne formelle Verschwörungen.

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2 Antworten zu Zur ethnischen Säuberung Berg-Karabachs

  1. tgarner9 schreibt:

    Tatsächlich ist der Vertrag der Kaspischen Anrainer erst 2018 abgeschlossen worden. https://www.iiss.org/publications/strategic-comments/2018/the-caspian-sea-treaty
    Siehe auch: https://www.eurotopics.net/de/204587/anrainer-regeln-status-des-kaspischen-meeres
    Umso bezeichnender, daß die Rolle der NATO im genozidalen Angriff auf die armenische Bevölkerung Karabachs öffentlich komplett ignoriert wird.
    Daß der Genozid seitens der Türkei geplant und vorbereitet worden ist, wird hieraus deutlich:
    https://www.thenational.ae/world/europe/turkey-s-syrian-militias-in-nagorno-karabakh-ask-why-are-we-here-1.1091322

    Liken

  2. tgarner9 schreibt:

    Empfehlung zur Hintergrundinformation
    Ein im Mai erschienener, 1:15 langer, von der EU gesponserter Dokumentarfilm mit zahlreichen historischen und aktuellen Stellungnahmen geschichtlich Beteiliger.

    Zwei übergreifende Bemerkungen.

    1) Der Film dokumentiert u.a. eindrucksvoll einige Erscheinungsformen des Fortbestandes dessen, was Marx einst schludrig** „Orientalische Despotie“ genannt hat, in der Sowjetunion; und einige fortdauernde Auswirkungen.

    2) Zu diesen Auswirkungen zählt m.E. das Folgende:

    Der azerische Revisionismus hat eine aktuell der Imperiumsgeschichte unterworfene, dennoch wirksame materielle Basis in dem „Niemandsland“, das die armenische Besatzung um Karabach herum bis heute hinterlassen hat. Die erst wenige Jahre alte, logistisch und infrastrukturell nur äußerst schwach unterfütterte armenische Besiedlung dieser Territorien umfaßt meines Wissens bislang etwa um die 20 Tausend Leute. Eine azerische Neubesiedlung ist also möglich und wäre von einem naiv pragmatischen und „humanitären“ Standpunkt auch wünschenswert.

    Der Film macht u.a. ein wenig davon sichtbar, warum das den Beteiligten iwie „unmöglich“ erscheint. In den patriarchalen Narrativen und Konstrukten, die da direkt und mittelbar sichtbar werden, ist kein Platz für ein Bewußtsein, daß und, vor allem, wie die Region Karabach selbst ein gemeinsames armenisches und azerisches Erbe darstellt. Sie ist Teil der feodal-despotischen Urbanisierungsgeschichte der Region. Azeris und Armenier, die ein Bewußtsein davon hätten, könnten gemeinsam zum Projekt einer Neubesiedlung der besetzten Gebiete finden, die Karabachs Rolle in dieser Urbanisierungsgeschichte zugleich erhält und verändert. Das wäre eine Basis, auf der eine Föderalisierung Azerbaidschans auch in der aktuellen Imperiumsgeschichte einen viablen Platz einnehmen könnte. Weil es diese Basis nicht gibt, werden die Bevölkerungen zum widerstandslosen Spielmaterial der imperialen Kräfte, die an dem nominellen Streitapfel, den Territorien, um die es gehen soll, ABSOLUT desinteressiert sind.

    Dies Desinteresse kann man ausnehmend auffällig auf der azerisch / türkische Seite beobachten, und wenn der Leser von diesem Posting nichts weiter mit nehmen sollte, als die Kenntnisnahme dieses Paradoxes, daß die Türkei und Azerbaidschan ihren offiziell geltend gemachten Revisionismus auf ein offensives Desinteresse an der Region gründen, dann hätte ich schon was geputzt.

    ** Ich nenne das schludrig obwohl und weil ich nichts bessres anzubieten habe.

    Liken

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