Shrimavo

(ca. 2006, ausgegraben aus spezifischem Anlaß, der im Kommentar zu diesem Eintrag eigens besprochen ist.)

Ein Stegreifmärchen

Es war einmal in einer fernen Zukunft in einem Dorf am Hindukusch ein kleines Kloster. Es umschloß einen Innenhof von 8 m Seitenlänge, in dessen Diagonalen jeweils 8 Lotosbüsche im Abstand von 1m * Wurzel 2 gepflanzt waren. So hatte es jedenfalls der Abt seinen 7 Mönchen erzählt, die darob ehrfürchtig wie wissend nickten, denn sie waren Mathematiker. Jung, reformeifrig und voll tiefer demokratischer Überzeugungen, standen sie im Dienste einer Firma, die ihren Sitz in Deutschland hatte, ihre Hauptvertretung im Pentagon und ihr Rekrutierungsbüro in Shanghai.

Eines Vormittags, die Mönche verließen gerade punktlich mit dem Gong ihre computergerüsteten Klausen zum Hofgang, da bemerkten sie eine junge Frau, die den Lotos bewunderte und sich soeben eine Blüte ins Haar steckte. Neugierig traten sie näher, verneigten sich, grüßten höflich und der Erfahrenste unter ihnen ergriff das Wort.

„Ich heiße Archides Phantagwhan und ich bin Zahlentheoretiker, darf ich fragen, wer du bist und was dich des Weges führt?“
Mit einem Knicks erwiderte die junge Frau: „Mein Name ist Shrimavo und ich komme vom Abt, denn von Beruf bin ich eine Hure.“ Dazu hob Shrimavo den Gesichtsschleier und öffnete zugleich ihr Gewand, denn sie wollte der Vorstellung des Mönches nicht nachstehen.
„Fürwahr“, entfuhr es David Phanzigthan, der kaum 17 Lenze zählte, „ich will wohl glauben, Shiva hat dich in dieses Tal gesandt, zu jedermanns Freude.“
Shrimavo dankte artig und hob dann an, sich zu verabschieden.
„Ihr wißt ja“, sagte sie , „Arbeit, Arbeit …“ – „Arbeit!“ ergänzten die Mönche, doch Archides setzte hinzu: „Dürften wir vielleicht deine Dienste in Anspruch nehmen, Shrimavo?“
„Ihr?“ Mit zweifelnder Miene sah Shrimavo von einem Mönch zum anderen, „Alle sieben?“
Die Männer blickten einander an und dachten an ihre Corporate Identity.
„Alle sieben.“
„Nun gut“, Shrimavo überlegte kurz, „heut abend habe ich noch drei Stunden für euch frei.“
„Drei Stunden, das sind 25 Minuten für jeden“, frohlockte David vorlaut.
„…und 42 Sekunden“, ergänzte lächelnd Abel Zhigwanthan, der zweitälteste Mönch.
„…und 8 Zehntelsekunden“, kicherte Louis Nanzhigwhan, der Kleinste.
“ …plus 7 Hundertstel“, rief Albert Hanthanwhan, eigentlich der Stillste.
“ .. nicht zu vergessen eine Tausenstel“, ergänzte mürrisch James Nathan, der Dickste.
Pascal Zhigtan, vielleicht der Besonnenste unter den Mönchen, wandte sich an Shrimavo:
„Es ist nur ein kleines Problem, Verehrteste, könntest du uns vielleicht drei Stunden und zwei Minuten gewähren, dann käme alles in Ordnung.“ Shrimavo sah die Mönche an, die instinktiv in eine Reihe zusammen gerückt waren. Auch sie hatte eine Ehre und eine Corporate Identity schon lange.
„180 Minuten, und keine mehr, denn nach Mitternacht gehört meine Zeit Shiva, meine Freunde. Die Söhne Bhuddas werden sich wohl einig werden, nicht wahr? Wir sehen uns pünktlich um Neun.“

Doch um die angegebene Zeit fand Shrimavo den Hof leer bis auf Pascal, der die Lotosbüsche goß und hier und dort einen Zweig beschnitt.
„Damit sie nicht entwurzeln“, lächelte er und mit einer Geste in die Runde der Mönchsklausen fügte er hinzu: „Sieh selbst …“
Shrimavo näherte sich der ersten Klause, die offen war, wie es sich gehörte. Archides, trotz ihres leichten Schrittes hörte er sie nahen, drehte sich gehetzt um. „Schon neun?“ seine Augen fieberten. „Wir brauchen Dedekindsche Schnitte, aber – zum Shiva, an der richtigen Stelle! Ojeojeoje…“ James Nathan, in der nächsten Klause, hob nur kurz die Brauen und hämmerte weiter auf seine Tastatur. Die Feinde in seinem Ballerspiel waren Uhren, die wie zerlaufende Pfannkuchen aussahen, nur einen Zeiger, dafür sechs Beine hatten und durch ein sechsstöckiges Labyrinth stoben. Unter James Schüssen lösten sie sich mit jämmerlichen Pfeifen und Klingeln auf. David trat aus seiner Klause und sagte trotzig:
„Und ich sage, die Reihe der reziproken Primzahlen konvergiert doch, ihr werdet schon sehen …“

Shrimavo floh …

Die Woche darauf hätten die Mönche Shrimavo fast übersehen. Sie hatte
sich im traditionellen Fersensitz inmitten des Kreuzes aus Lotos niedergelassen, vor sich ein eigenartig klobig wirkendes Handy.
Die Männer blickten scheu, allein David grüßte erfreut und setzte sich der jungen Frau zutraulich gegenüber.
„Schön, dich zu sehen, Shrimavo. Wie ich sehe, erfreut sich unser Abt bester Gesundheit.“
Shrimavo straffte die Schultern und verneinte mit ernst erhobenem Haupt. „Der Abt befindet sich wohl, David Phanzigthan, aber er freut sich nicht. Er packt seine Sachen. Morgen wird er euch verlassen.“
„Ach“, machte David, der den Abt nicht wirklich schätzte, „und wer wird
der neue Abt, weißt du das auch?“ In Shrimavo’s großen, dunklen Augen glomm etwas.
„Ich“, erwiderte sie einfach.
Es entstand eine Pause, welche die Vögel nutzten, laut zu zwitschern.
„Du …?“ erstaunte sich Archides, der nähergetreten war.
„Warum nicht?“ blitzte Shrimavo, „Gehören nicht auch wir dem Ambush der
neuen Freiheit an? Ist nicht von alters her ein Tempel der vornehmste
Ort für eine Hure?“
„Und wie kommt es …“, erkundigte sich Pascal vorsichtig.
Shrimavo erwiderte: „Ich bekam einen Anruf aus Shanghai. Man klagte, ihr vernachlässigt die Arbeit am ‚Flammenschwert des Erzengels‘. Ich machte einen Vorschlag. Tags darauf flog ich nach Deutschland. Sechsundzwanzig Minuten verbrachte ich beim Scheff, in den letzten 18 Sekunden unterzeichnete ich den Vertrag. Dann flog ich weiter nach Zürich und einen Tag später zurück nach Bombay. Dies habe ich mitgebracht.“ Sie wies auf das mausgraue Handy.
„Darf ich mal?“, fragte David. Er wog das Gerät in der Hand. „Es ist ziemlich schwer. Auf Borneo machen sie welche, die sind bestimmt fünf mal so leicht.“
Shrimavo nahm es ihm aus der Hand und klappte es auf.
„Es ist eine Spezialanfertigung aus Zürich. Ist ein Präzisionsuhrwerk drin.“
Sie reichte David das laufende Display. „Auf dieser Uhr hat jede Minute 70 Sekunden.“
„Heureka!“ rief Louis, „Das macht 30 Schweizer Minuten für Jeden. Darf
ich der Erste sein, liebste Shrimavo?“
Ein Tumult aus fünf Stimmen erhob sich.
Da wuchs die junge Hure wie ein Pfeil vom Boden auf.
Ruhe.“
Sie hatte nur gezischt, doch es wirkte.
„Ich werde in die Kapelle gehen. Später rufe ich euch. Namentlich.“
In der Kapelle arrangierte Shrimavo die Samtkissen vor dem Altar. Dann
nahm sie erneut das Handy und forderte die Listen der ‚Best Performance/Day‘ und ‚Performance/ weekly‘ an. Das Ergebnis quittierte sie mit einer erhobenen Braue. Dann zuckte sie die Achsel. Was solls, dachte sie, eine Äbtissin hat Pflichten. Sie nahm die Kissen erneut und warf sie in die Mitte des kreisförmigen Tempelraumes.
„Zur Ehre des Pi“, rief sie und begann ihren Arbeitstag.

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3 Antworten zu Shrimavo

  1. tgarner9 schreibt:

    Zu:
    https://www.heise.de/tp/features/Kritiker-des-Marxismus-erklaeren-diesen-fuer-unwissenschaftlich-4941228.html

    Manche Intellektuelle, die Hegel nicht gelesen haben, scheitern am …
    Verständnis einfachster Sachverhalte. (1)

    “ … dass es also Dinge gibt, die wir aus sehr prinzipiellen Gründen nicht messen können.“

    Wo kommen denn die „Prinzipe“ her? Vom lieben Gott? Und was hat der liebe Gott gemacht, bevor er „Prinzipe“ ersann? Ich will erst was zu Mathematik sagen, danach zu Marx und dem „Kapital“, jeweils, wie sie bei B.Tragen vorkommen.

    Von Hegel können Intellektuelle immerhin das einleuchtende Dogma übernehmen, ein jedes Ding sei dasselbe, wie sein eigentümliches Maß.
    In diesem Verhältnis zwischen dem Begriff „Ding“ und dem Begriff „Maß“ kommt zur Erscheinung, daß der menschliche Verstand – im Unterschied zur menschlichen Sinnlichkeit – es nicht mit „Dingen“ zu tun hat, sondern mit Gattungsbegriffen, gebildet aus einer Abstraktion von sinnlichen Eindrücken („Sensationen“).
    Mehr dazu unter meinem Blogeintrag „Qualität und Quantität, Zahl“.
    https://tomgard.blog/prolegomena/logik-etc/

    Spätestens, als Exemplare des homo erectus dauerhaft Territorien außerhalb Afrikas in Besitz zu nehmen begannen, also vor mehr als 1,8 Mio Jahren, hatten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Selbstbewußtsein des Verstandes erworben, das einen Begriff der Dimensionalität enthielt. Den braucht nämlich ein Mensch – im Unterschied zu Hund, Katz und Vogel – wenn er aus der Position seiner bilateralen Leibesachsen zu einem Orientierungspunkt eine Richtung selektiert, in die er sich bewegen muß, will er ein Ziel anvisieren, das außerhalb seiner sinnlichen Wahrnehmung allein in seiner Vorstellung bzw. seinem Gedächtnis vorliegt.

    Antike Baumeister haben den Begriff der Dimensionalität mit der Konstruktion des Einheitsquatrates systematisiert. Die Konstruktion beruht auf der oben zitierten (Hegelschen) Einsicht, die dazu führen kann, daß jemand das Maß für einen Gegenstand, den er in seiner Vorstellung ausgehoben, oder handwerklich konstruiert hat, von Maßstäben emanzipiert, die seiner physischen Tätigkeit und Orientierung entstammen, also beispielsweise Schritten, Ellen, Handspannen. Das Einheitsquadrat ist ein vorgestelltes ODER hergestelltes Ding, an dem umgekehrt Schritte, Ellen, Handspannen gemessen werden können. Seine Leistung, das, was einen Übergang der Erkenntnistätigkeit darstellt, ist die Quadratur dieser dinglichen Einheit, die bilateralenKörperachsen abstrakt in den Gegenstand projiziert.

    Das Resultat ist mit der Konstruierbarkeit der Diagonalen die Erkenntnis, daß alle räumlichen Gegenstände ein eigentümliches Maß bezogen auf die gesonderten Maßstäbe jeder einzelnen räumlichen Dimension haben.
    Die daraus fortentwickelte irrationale Zahl Pi repräsentiert diese abstrakte Meßbarbeit des Raumes, also die glatte Umkehrung dessen, was Tragen im Zitat oben behauptet.

    Mit dieser Erkenntnis zugleich gegeben ist eine Umkehrung, die ich jetzt gleich vom Gegenstand „Raum“ oder „Räumlichkeit“ abstrahiere (trenne):
    Es gibt kein „natürliches“ Maß, auf das ein Verstand abstrakt-allgemein bezogen sei. Wenn es einen Gott hätte, so habe „sie“ (für mich sind Götter immer weiblich :) den Maßstab der Schöpfung an den Verstand seiner Geschöpfe übergeben, nämlich in Gestalt von Proportionenbildung.
    Die Diagonale des Einheitsquadrates ist eine eigentümliche Dimension und als solche für ein anderes Einheitsquadrat zu nehmen, für welches die Seite des ursprünglichen Einheitsquadrates die Hälfte einer neuen Diagonale repräsentiert, und damit eine Proportion, allgemein gesprochen einen Proportionalitätsfaktor.

    Eine weitere Implikation ist, daß Mathematik in der Tat die singuläre geistige Disziplin ist, die mit Axiomen arbeitet. Arbeitet!! Denn das tut – das arbeitet – ein Baby, wenn es aus dem mütterlichen Bauch geschlüpft ist, tatsächlich fängt es wohl früher damit an (2). Es braucht allerdings einige Jahre, um seine Axiome von den ihm leiblich gegebenen Maßstäben praktisch zu emanzipieren.

    Von hier zum Zusammenhang mit:

    Marx/ Das Kapital
    Für diesen Abschnitt muß ich um noch mehr Geduld bitten, bis ich endlich „zum Punkt“ kommen kann.

    Marx hat mit Mitte 20 in Paris den Beschluß gefaßt, sich mit Politischer Ökonomie wissenschaftlich zu befassen. Das stellte ihn in neuer, anderer Weise, als zuvor – nämlich in seiner Befassung mit u.a. Hegel und Feuerbach – vor die Aufgabe, mit den theologischen Traditionen des Bürgertums zu brechen. Die Substanz der Kritik dieser theologischen Traditionen hatte er sich in der Form der hegelschen Kant-Kritik angeeignet.

    In dem hier aufgeblätterten Zusammenhang liegt der Erhalt der theologischen Tradition in der Kant’ischen Philosophie im Konstrukt des „Ding – an- sich (selbst)“, mit dem Kant sich in der Tradition des scholastischen Nominalismusstreites auf die Seite der „Realisten“ schlug, das Scheinproblem aber nicht auflöste, sodaß seine Lehre zur Hauptströmung des modernen Skeptizismus wurde, der Erkenntnis zwar nicht länger für göttlich verwehrt, aber für prinzipiell unerhältlich erklärt (daher rühren Deine „Prinzipe“, lieber B.Tragen!)
    .
    Der Gewinn dieses Skeptizismus für die Tradition der bürgerlichen Wissenschaften (ein Institut der präkapitalistischen Staatswesen!):
    Er besteht seit Aristoteles Konstrukt des „unbewegten Bewegers“ darin, der obersten gesellschaftlichen Instanz einer Trennung von Hand- und Kopfarbeit auf theoretischem Wege priesterliche und klerikale Vollmachten zu erteilen. Praktisch geschieht das in einer doppelten Bewegung von Aufhebung und Abtrennung des „Handwerkes“ in / von „Wissenschaft“. Auf der theoretischen Ebene ist diese Bewegung repräsentiert in dem allgegenwärtigen Bemühen, aus der Erkenntnis den Erkennenden buchstäblich heraus zu rechnen.
    Ein elementares Mittel dafür besteht darin, bei der Benutzung der eingangs kurz vorgestellten Abstraktionen, die in Begriffen von Maß, Maßstab, Dimension enthalten sind, zu „vergessen“, daß, wie und warum es sich um Abstraktionen handelt, um Trennungen von der Einheit, die in einem gesellschaftlichen Dasein einzelner Menschen in deren Verstandestätigkeit gegeben ist und die Gestalt und Form von aufeinander bezogenen Gattungsbegriffen erhält. Darin ist jeder einzelne Gattungsbegriff stets Teil und Repräsentant einer (nicht „der“, das ist ein adornistisches Mißverständnis) Totalität der Gattungsbegriffe, unter denen handelnde Menschen ihr Dasein und Geistesleben wesentlich bestimmen und abwickeln.

    In der Darstellung die Marx für das Kapital wählte, hielt sich Marx tatsächlich der Form nach an Hegel.
    Aus dem, was in eingangs zu Quantität, Qualität, Zahl, Dimension schrieb, kann man die allgemeine Maxime ziehen, man müsse schon iwie ein „Ganzes“ eines zusammengesetzten Sachverhaltes im (Be-)Griff haben, um sachgerechte Proportionen zwischen seinen Elementen zu finden, bzw. herstellen zu können. Das ist der banale Ausgangspunkt Hegels in seiner Zurückweisung der kantischen Epistemiologie und ihres Skeptizismus, ausgedrückt in dem Satz, die einzige Voraussetzung, die in der Wissenschaft zu machen sei, sei zu unterstellen, daß sie gehe; daß eine Identität zwischen Begriff und Sache erhältlich sei.
    Aber dabei erhält Hegel mit den einschlägigen Folgen den theologischen Standpunkt in einer Auffassung von „Wissenschaft“, die an der durch alle überlieferten Herrschaftsformationen fortgeschriebenen Trennung von Hand- und Kopfarbeit und damit einem priesterlichen Institut „Wissenschaft“ festhält.
    So bleibt das Hegel’sche Ganze ein theologisch Absolutes, wenngleich es in der Kategorie eines „absoluten Wissens“ gleichsam mystisch aus dem Himmel auf die Erde transponiert ist. In diesem perspektivischen Fluchtpunkt ist alles mit allem versöhnt, und so fällt Hegels Philosophie an ihren praktischen Horizonten auf Leibnitz‘ ultimate Rechtfertigungsideologie namens „prästabilisierte Harmonie“ zurück.

    Dies „Absolute“ hat Marx in seinen revolutionären Jugendtagen „materialistisch“ auf die Erde geholt, nämlich auf eine Weise, die ich heute – dem Marx weitgehend fremd, obwohl nicht gänzlich (Vico-Lektüre) – konstruktivistisch nennen will.
    Den allgemeinsten Begriff für die Grundlage dieses Konstruktivismus kann man „menschliche Daseinsweise“ heißen, und die „Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus“ ist der Absicht nach die theoretische (Re-)Konstruktion der spezifischen Daseinsweise „des bürgerlichen Menschen“, in der er zugleich Subjekt und Objekt einer spezifischen Form von Klassenherrschaft ist.

    Dies ist das „Ganze“, mit dem Marx seine Ableitung beginnt, wie jeder Leser unschwer am ersten Satz des „Kapital“ erkennen kann.
    Die „Elementarform“ Ware hat nichts mit „Axiomen“ am Hut, sie wird vielmehr vorgestellt als eine Kristallisationsform der spezifischen Arbeitsteilung unter bürgerlicher (kapitalistischer) Herrschaft.

    „Ableitung“ heißt bei Marx, in der glatten Umkehrung dessen, was B.Tragen verstanden hat, daß Marx in seiner Darstellung vom Resultat seiner Forschungen und Begriffsbildung auf eine Weise ausgeht, mit der er sich verpflichtet, den Gesamtzusammenhang als theoretisch notwendigen, d.h. folgerichtigen und widerspruchsfreien, Zusammenhang der Elemente vorzustellen, die zusammen den Begriff dieser Produktionsweise ergeben.

    So lange ein Leser des Kapital den so vorgestellten Zusammenhang noch nicht kennt, nicht im Griff hat – wozu ja nicht nur die Bücher beitragen, sondern, gemäß Marx eigener Voraussetzung – mindestens ebenso, wenn nicht mehr, seine eigene Kenntnis der Sachverhalte unter denen er sein Leben fristet – bleibt ihm nichts anderes, als „Das Kapital“ wie eine wissenschaftliche Lehre, eine Dogmatik zu behandeln, die bestenfalls erst den Weg zum Begriff der Sache und damit seiner eigenen Existenz öffnen könnte.

    Und praktisch gesprochen braucht es dazu mindestens die Kenntnisnahme der wichtigsten Elemente, die im 2. Band des Werkes vorgestellt sind. Theoretisch ist das nicht zwingend. Die Gegenstände und Zusammenhänge, die im „2. Band“ besprochen sind, sind im Wesentlichen im 1. Band implizit enthalten, weil die Ableitung – behaupte ich – taugt. Aber um sie aus Band 1 zu entziffern muß der Leser halt bis zu einem gewissen Grad selbst zum Forscher auf der Basis eines Wissens und Erlebens der kapitalistischen Gesellschaft werden, und das erfordert halt mehr guten Willen, als gemeinhin vorhanden ist.

    (1) Der Grund liegt tat-sächlich ganz allgemein in der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Nur zur Info.
    (2) Das gilt m.E. auch für die Physik, aber das Faß lasse ich besser offen rumstehen …

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  2. tgarner9 schreibt:

    Meine Entspannung zu diesem Thema:

    (ab min.3:50, falls es dort nicht startet)

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