Kult; Grünspans Liste

Ich bin nicht wenig beschämt von Grünspans Materialsammlung, weil sie mich darauf gestoßen hat, daß ich schon seit Monaten in verstreuten An- und Bemerkungen, auch zwei oder drei längeren Kommentaren, was von „Todeskult“ erzähle ohne – beispielsweise – auch nur einen Blick in Google oder die Wikipedia zu werfen und eine Idee davon zu bekommen, wie weit abseits der Diskurse ich damit operiere.

Google wirft dazu überwiegend Einträge zu Verhaltensweise aus, die thematisch einem Männlichkeitskult zugeordnet werden. Wechsle ich darauf zum Wikipediaeintrag „Kult“, so ist die ersten Auskunft, die ich mißachtet habe, wie strikt dies moderne „Konversationslexikon“ zwischen profanen und sakralen Kulten oder Erscheinungsformen von Kulthandlungen trennt, was schon einen beträchtlichen Teil der abwertenden Konnotation zu transportieren scheint, der in der Bezeichnung „Männlichkeitskult“ steckt.

Ich habe deshalb gestern einen längeren Eintrag zu „Kult“ begonnen, will aber jetzt schon mein Versprechen einlösen, auf Grünspans Materialsammlung einzugehen, die ich deshalb spiegele:

Todeskult Variationen, Grob unterteilt in Verehrungen des individuellen Todes als Heldentaten oder als menschenfreundliche Verdammungen des Todes als unendlicher Verlust der um jeden Preis verhindert werden muss.

Kult um die Anzahl von Corona-Toten, überbewertet relativ zur 15-fachen Anzahl von Corona-Versehrten. (Standpunkt der Covidioten). Als Variation:
Kult um die Anzahl von Corona-Toten, überbewertet relativ zu den möglichen Toten eines vorbereiteten grossen „anständigen Krieges“ (TomGard).

Kult des Gottes Mammon und der Tod als verklärte Opfergabe. Variationen:
– Der Heldentod auf dem Schlachtfeld der Arbeit (Corona-Pfleger, essentielle Arbeiter)
– Der freiwillige Corona-Tod der Großeltern als verklärtes Heldenopfer zur Rettung des Kapitalismus. https://nymag.com/intelligencer/2020/03/eugenics-isnt-going-to-save-you-from-coronavirus.html „ The economy must be a hungry god. Dan Patrick, the lieutenant governor of Texas, believes grandparents will sacrifice themselves for it. “. (im gleichen Artikel noch eine weitere Definition – Abtreibung als Todeskult „…For many, the fight against abortion was not a fight against a culture of death; “

Kult um die Kultur der Todesverachtung eines bestimmten Typs von Soldaten, eine vor-kapitalistische Macht der Militäraristokraten die sie der Geldmacht der Kapitalisten mit ihren Anwaltskanzleien voraus haben. Also nicht die Waffen, sondern die Todesbereitschaft bringt die Militärs mit den Kapitalisten ins Gleichgewicht. Queeres Beispiel: Vietcong versus US-Armee.
Kult um die künstliche Verlängerung der Lebenszeit (Transhumanismus). Atheistischer Glaube, dass nach dem eigenen Tod nichts ist (oder der Glaube an die Hölle), ein unendlich grosser Verlust, daher Leben verlängern um jeden Preis.
Beispiel: Für die letzte Million Dollar darf (kult-gemäss müssen die Erben dem zustimmen !) ein terminaler Greis in USA Wochen länger als natürlich als Mensch-Maschinen-Wesen an Schläuchen angeschlossen „leben“. Die Farm ist dann weg, Enkel nicht finanzierbar.
Todeskult als modernes Massaker-Marketing (unendlicher Verlust durch Tod von/ab 2 Demonstranten rechtfertigt Zerstörung ganzer Staaten durch Regime-Change Politik. Verharmlosender Genozid-Vergleich mit „A…z“. Der für Anklage „Genozid !“ des jeweiligen auszuwechselnden „Regimes“ qualifizierende Schwellwert für die Anzahl toter „verärgerter“ Demonstranten wird ständig absurd kleiner, in Weissrussland liegt er wohl gerade bei 2 Toten, in Syrien lag er noch bei 11 Toten als 2011 der Regime Wechsel in CNN ausgerufen wurde, in Libyen 2011 wohl 60.
Beispiel: https://www.genocidewatch.com/single-post/2020/09/21/genocide-warning-issued-for-belarus “Because the Lukashenko regime in Belarus is deploying riot police to beat, arrest, and torture opposition leaders, protesters, and media, Genocide Watch considers Belarus to be at Stage 8: Persecution.”

An Verehrung und Verdammnis hatte ich im Zusammenhang mit „Todeskult“ sicherlich im Hinterkopf gedacht, aber in Gestalt von Randerscheinungen, von denen ich weiß, daß es sie geben muß, die ich nicht oder kaum kenne und die mich auch nicht interessiert haben.
Das ändert nicht, daß die Liste im Wortfeld liegt.

Kult um die Anzahl von Corona-Toten, Grünspan, lasse ich im ersten Durchgang mal beiseite, denn Du hattest mich nach konkreten Beispielen gefragt. Und was Deine Beispiele anbelangt schätze ich mal, Du wirst mir zustimmen können, daß sie Phänomene ansprechen, die nahe an dem liegen, was die Wiki unter „Totenkult“ verstanden wissen will:

Unter Totenkult versteht man jede Form des mehr oder weniger ritualisierten Ausdrucks der Anhänglichkeit, Hochschätzung oder Verehrung von Verstorbenen.

Anhänglichkeit von Verstorbenen finde ich ziemlich witzig, weil das unversehens und ahnungslos einen Bestandteil anspricht, der in tribalen Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Verstorbenen eine prominente Rolle hat: Vorbeugung dagegen, daß „die Alten“ und Ahnen die Lebenden ungebührlich, lästig oder gar gefahrbringend „heimsuchen“, also im Bewußtsein der Lebenden eine Rolle behalten, die ihnen nach dem Tod nicht länger zukomme. Aber das nur als „Beifutter“.

Kult des Gottes Mammon und der Tod als verklärte Opfergabe. Variationen:
– Der Heldentod auf dem Schlachtfeld der Arbeit (Corona-Pfleger, essentielle Arbeiter)

Auch diesen Punkt fand ich witzig, weil er mir erst zu Bewußtsein brachte, daß meine Wahrnehmung, wie erstaunlich abwesend die Verklärung von Opfern in den Diskursen und Werbetexten ist, die ansonsten doch die Nähe zur Kriegsrhetorik nicht sonderlich scheuen, eine Rolle in meiner Rede von „Todeskult“ hat.
Ich kann mich ja leicht irren. Ich lese selektiv auf Telepolis, folge zwei Dutzend Twitter-Accounts, unter denen zwei deutsche Quellen sind, gucke vielleicht zweimal die Woche in die „Tagesschau“, die ich selektiv auf „hoheitliche Ansagen“ scanne, das ist schon der ganze Umfang meiner Teilnahme an der öffentlichen Meinung.
Aber in den ersten drei Monaten der Epidemie ist mir auf diesem Wege eine durchaus nennenswerte Menge Heldenverehrungen und Opferfeiern untergekommen. Es ist leicht vorstellbar, warum das endete: Der Anteil, den mehr oder minder zwangsverpflichtete, professionelle „Corona-Krieger“ an den Toten haben, ist offenbar horrend, folge ich verstreuten amerikanischen und britischen Mitteilungen, und das stellt auch einen Einbruch in das Narrativ dar, die Epidemie bedrohe ganz überwiegend „Alte“, das von „Covidioten“ und Coronaverweigerern, wie ich sie nennen will, gern geteilt wird.

Dies geteilte Narrativ ist in meinen Augen schon mal eine Erscheinungsform dessen, was ich unter „Todeskult“ zu fassen suche, und es liegt für mich nicht gar so weit entfernt von der Variante, die Google unter „Todeskult“ prominent hoch bringt, einen Spiegel-Artikel über Ghettokriege in den USA von 1988 (!), aus dem ich ein paar Zitate bringe:

„Ein Fünftel (der von Banden rekrutierten Kinder und Jugendlichen) schafft es an die Spitze, ein Fünftel geht zur Hölle“, sagt die Gefängnispsychologin Susan Egan. Die Mehrzahl fristet ein Leben im Abseits. Geht am sozialen Rand der Gesellschaft verloren. Kaputte Familien, alleinstehende Mütter, arbeitslose Sozialhilfeexistenzen, hilflose Drogenkrüppel. Ihre Kinder sind die Rekruten der Straße.

Im Ostteil von Los Angeles, im lateinamerikanischen „El Barrio“, haben sich an die 45 000 Großstadt-Desperados zusammengeschlossen … (Ihre Wurzel seien Familien-Clans) … 20 Jahre später haben sich die Gettos von Los Angeles in ein verwirrendes Flickwerk von Territorien und Stammesgebieten verwandelt, deren Grenzen wöchentlich neu gezogen werden (…) Es gibt „Gangers“, einfache Gefolgsleute, „Bangers“, die einen Stoßtrupp ins Feindesland bilden, und „Hangers“, Mitläufer und Möchtegerne. Es gibt „Shooters“, die wild losballern, und „Killers“, die gezielt töten; „Rappers“, die das große Wort führen, „Lookers“, die auf Beobachtungsposten stehen, und „Hookers“, die ihr Geld mit Prostitution verdienen; „Pusher“, die nur kleine Mengen Rauschgift am Straßenrand vertreiben, und „Dealer“, die im großen Stil mit Drogen handeln; „Rollers“, die im Luxus leben, und „Wannabes“, die sich erst beweisen müssen.
Will ein Latino-Junge in eine Clique aufgenommen werden, so muß er sich von drei, vier Muskelprotzen besinnungslos prügeln lassen, um zu zeigen, daß ein Löwenherz in seiner Brust schlägt. „Bloods“ und „Crips“ schicken ihre Novizen auf Himmelfahrtskommandos. Filipinos brennen sich mit glühenden Zigaretten drei Punkte auf den linken Handrücken. Fernando, der Schutzzölle eintreibt, ist auch rechts von Narben gebrandmarkt. „Hatte nichts Besseres zu tun“, behauptet er. (…) Wird das Graffito-Kürzel einer Gang übersprüht, so fordert diese „Respektlosigkeit“ blutige Rache. Die meisten tragen eine dieser Kennzeichnungen auf Oberarmen, Rücken oder Nacken eintätowiert. Manch einer hat sich zudem auch noch einen unauslöschlichen Racheschwur übers Herz tätowieren lassen: den Namen eines getöteten Kameraden.
Bandenbegräbnisse in den Gettos von Los Angeles sind farbenprächtige Aufzüge. Alle „Gangers“ und „Hangers“ sind im Haus des toten Blutsbruders versammelt. Hell leuchtet die Parademontur ihrer Clique, die bunten Tücher sind um den Kopf geschlungen. Sie haben alle ihre Waffen zum letzten Geleit mitgebracht. (…)

Diese ganzen Bandenkriege, das ist doch nichts anderes als ein Todeskult„, meinte Howard (Yogi Bear) Hall, ein arbeitsloser Werftarbeiter, der zwölf Jahre bei den „Mona Park Crips“ überlebt hatte: „Alles wird zerstört; nur Grabsteine bleiben übrig.

Merkst Du, Grünspan, merkt ihr die Verwandschaft, die das zu folgendem Beispiel hat?

– Der freiwillige Corona-Tod der Großeltern als verklärtes Heldenopfer zur Rettung des Kapitalismus. https://nymag.com/intelligencer/2020/03/eugenics-isnt-going-to-save-you-from-coronavirus.html „ The economy must be a hungry god. Dan Patrick, the lieutenant governor of Texas, believes grandparents will sacrifice themselves for it. “.

Was Yogi Bear Hall oben Todeskult heißt, ist doch bitteschön de facto eine Kultivierung des Ghettolebens. Und eine Extremform einer allgegenwärtigen Kultur eines „Lebens“, das identisch sein soll mit bürgerlicher Konkurrenz.
Das will ich jetzt unterste Lage einer kulturellen Schichtung nennen, von welcher der „Todeskult“, von dem ich rede, nach meiner Wahrnehmung eine spezifische Lage ist.

Und nehme das zur Gelegenheit, diesen ersten Eintrag zu Grünspans Liste und weiteren Bemerkungen zu Kult und Kultur mit einer Musik abzuschließen, die mich seit 1970 begleitet:

Wer sich die Musik nicht antun will, nehme bitte die einfache Rede zur Kenntnis, die Peter Rivera 2008 dazu hielt (ab min. 0:30)

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2 Antworten zu Kult; Grünspans Liste

  1. tgarner9 schreibt:

    Nach einigem Bedenken habe ich entschieden, daß ich eine biographische Notiz zur Ergänzung anfügen sollte.

    „Tobacco Road“ in der Version bewegt mich bis heute nicht wenig, weil ich 1970, 15jährig, mit zwei Koffern und einer Bücherkiste „in die Welt zog“.
    Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Mutter verstoßen, meine Freundin verstoßen – nicht ohne von beiden, nach meiner Wahrnehmung, verstoßen worden zu sein – hatte einen Kumpel und etwa vier oder fünf deutlich ältere Mitschüler, die mich schätzten.
    Die mentale Basis, will ich es mal nennen, die mich zu diesem Auszug bewogen hat – er war nicht alternativlos – bestand darin, daß ich auf teils bestens, teils völlig unzureichend reflektierte Weise „die Welt“, und darunter verstand ich nicht weniger als heute euch, euch „Menschen“, mit derselben Inbrunst haßte, wie liebte.
    Oh ja, ich weiß, daß dies nichts Besonderes ist, deshalb gibt es ja „Tobacco Road“ und vieles andere, es reflektiert, wie gesagt, einen Grundzug der bürgerlichen Kultur.
    Aber ich war darin bis vor ein paar Jahren nicht wenig extremistisch. Mit der unvermeidlichen Konsequenz, daß, wann immer der Fall eintrat, daß eine Liebe den Haß überwog, er mich in Todesgefahr brachte, buchstäblich.
    Ja, ja, ich weiß schon, auch das ist nichts Besonderes. Auf die eine oder andere Weise dürfte das fast jeder bürgerliche Mensch erleben – allerdings nicht besonders lange, denn diese Erfahrung ist üblicherweise die Quelle der habituellen Gleichgültigkeit, des stumpfsinnigen Verdrusses, der mutwillig erworbenen Dummheit, die gleichfalls zu den Grundzügen dieser Kultur zählen.
    In diesem Sinne ist die Identität von Todeskult und Kultivierung eines bürgerlichen Lebens etwas, das gleichsam in dessen Fundament haust, was allerdings nicht heißt, daß dergleichen in vorbürgerlichen Lebensfundamenten abwesend sei. Auf die spezifischen Formen und Gestaltungen kommt es mir an.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Zur Fortsetzung komme ich heute nicht mehr, deshalb will ich im Vorgriff ausplaudern, warum ich mich überhaupt mit diesen abseitig erscheinenden Überlegungen abgebe.

    Ich habe den sehr deutlichen Eindruck, daß in den imperialen Metropolen die aktuelle „Corona-Politik“ in einem maßgeblichen Umfang Kulturpolitik ist, Pflege der jeweiligen Herrschaftskulturen, weil die großen strategischen Entscheidungen, für welche die Covid-Epidemie zum Anlaß genommen sind, schon sehr lange – zum Teil lange vor „Corona“ – gefallen und irreversibel sind.

    Natürlich kann ich diesen Eindruck nicht zureichend begründen, jedenfalls noch nicht. Zwei Punkte will ich immerhin erwähnt haben.
    Auf der Ebene der Europäischen Kommission ist eine Entscheidung zu einer flächendeckenden Impfpflicht bereits im Juni gefallen, behaupte ich, obgleich das nirgendwo expressis verbis zu lesen ist, und die EC hat ja vordergründig nicht die Mittel, sowas durchzusetzen – jedenfalls noch nicht. Mir will allerdings scheinen, dem kann recht schnell abgeholfen werden –
    Zweitens hat die Formierung des französischen Polizeistaates in den vergangenen drei Monaten alles gesprengt, was iwie noch mit Corona oder den durch Corona angestoßenen Verwerfungen zu legitimieren ist, und die militaristische Wende in der französischen Kulturpolitik aus Anlaß der Enthauptung eines Lehrers akzentuiert das noch.
    Naja, mehr will ich jetzt nicht dazu sagen.

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