Julia Skripal – Ergänzung

Mit meiner Geistesgegenwart ist es zur Zeit nicht weit her, sorry, ich habe im gestrigen Eintrag versäumt, Julias Videoauftritt von 2018 gegen die aktuelle, angebliche Wortmeldung zu halten.

Im Video, das der MI6 im Juli 2018 in Zusammenarbeit mit der CIA mit Julia auf einer britischen NATO-Basis erstellt hat (der Ort wurde von ehemaligen NATO-Mitarbeitern präzise lokalisiert), folgt sie einem absichtlich ins Bild gerückten, handschriftlichen Skript, in das sie noch beim Fotoshooting, vor dem Interview, ostentativ etwas hinein schreibt. Diese Szenen sind in den Versionen von BBC und Reuters heraus geschnitten, nur France24 hat sie erhalten:

Das Detail gewährt einen Einblick in Julias eigensinniges Temperament, Klugheit und ihre damalige Lage. Es bezeugt, daß sie die ihr zur Verfügung stehenden Mittel, ihren Folterern zu widerstehen, mehr oder minder ausgeschöpft hat.

Sie konnte ja nur hoffen, Kontrolle über das veröffentlichte Video geltend machen zu können, indem sie sich Druckmitteln bediente, die sie in der Zukunft zu behalten glaubte, und dies kann in nichts anderem bestanden haben, als Überlegungen, in denen sie zum Schluß gekommen war, die Folterknechte unterlägen haltbaren und schwerwiegenden Gründen, sie am Leben zu lassen und auch nicht derart schwer zu zerfoltern, daß sie ihren Herren nutzlos werden könnte.

Auf dieser Grundlage ist es ihr gelungen, MI6 und NATO zu nötigen, auf unscheinbare, doch unzweideutige Weise ihre reale Lage kenntlich zu machen. In der Folge hat Reuters ein Faksimile des Skriptes in englischer und russischer Fassung veröffentlicht, das die Botschaft noch verdeutlicht. Die englische Fassung ist von einer anderen Hand geschrieben, als die russische. John Helmer hat die englische Fassung in seinem Artikel über das Video eine „Vorlage“ und „Diktat“ genannt, was ich aus o.a. Gründen für kurzschlüssig halte. Die russische Version muß schon aus technischen Gründen das Original sein, ausgehandelt mit den Folterern. Die Abweichungen der englischen Version von der russischen sind deshalb als ein Index für Freiheiten zu nehmen, die Julia nicht erschlichen, sondern den Folterern abgenötigt hat. Ermessen kann ich nur den ersten Punkt, den Helmer nennt:

By announcing her “hope to return home to my country”, she repudiates the national blame which her British hosts report to the media.  She has placed her national loyalty after her filial duty, leaving no doubt about both. However, there’s no mention of her host country or anybody British except for “the wonderful, kind staff at Salisbury hospital”.  Again, Yulia departed from the dictated English text. In English she was reported as saying: “Finally, I would like to again thank everyone involved in my continued care.” In Russian she said she wanted to thank “all the people who gave me support and help in this difficult period of my life.” In that last sentence Yulia expanded the geography of her gratitude to include British, Russians, and the world of support which her case has generated.  The phrase she added, which wasn’t in the MI6 script, is a reference, not to medical rehabilitation, but to her continuing custody in the UK, and the terms of isolation which have been imposed on her.

Her request for privacy at the end is different in Russian from the dictated English. According to the script drafted for her, Skripal referred to a statement issued in her name by the Metropolitan Police on April 5, adding: “no one speaks for me, or for my father, but ourselves”. In Russian what she said was: “nobody should or can speak for me and my father, except ourselves.” The English text is an instruction,  directed at Russians, including her family members. The Russian text is a request, directed at Russians and British, alike.

Der Vollständigkeit halber verlinke ich das BBC-Video.
Für das Gewicht, das man dem Dank an „die Belegschaft des Kreiskrankenhaus Salisbury“ zuzumessen hat, siehe diesen Eintrag.

Der neuen Botschaft zufolge hat Julia ihr Moskauer Eigentum aufgelöst, ohne die Familie daran zu beteiligen und spricht nicht mehr von eventueller Rückkehr, sondern von Auswanderung nach Neuseeland, die „leider zur Zeit noch unmöglich“ sei.

Mit diesem „Neuseeland“ hat es folgende Bewandtnis:
Am 7. Juni veröffentlichte die „Sunday Times“ diesen Scoop:

The former Russian spy Sergei Skripal and his daughter Yulia have begun a new life in New Zealand, according to senior government sources.

Die Neuseeländische Regierung hat dies später offiziell dementiert. Die Botschaft der „Times“ ist indes eine andere:

The pair are unlikely to surface publicly again.

Im hypothetischen Fall, daß Julia Skripal – von Sergei, den ich für längst tot halte, will ich nicht reden – irgendwo incognito lebte, was eine umfangreiche plastische Operation erforderlich gemacht hätte, müßte irgend etwas an der Lage verändert sein, die sie zur Gefangenen der NATO-Häscher bestimmte. Ist dies der Fall? Ganz gewiß nicht, und das beste Zeugnis, das ich dafür geltend machen kann, ist der Fall Navalny. Er erweitert den Kreis der Regierungen, Militärs und elitären Kreise, deren Pläne, Arbeit und Zusammenhalt untereinander beträchtlich am Schweigen Julia Skripals hängen, auf den ganzen westeuropäischen Kontinent – pünktlich kurz vor dem Termin eines „Brexit“, der kein Brexit werden wird, stattdessen den Krieg zwischen „Atlantikern“ und „Europäern“ in Westeuropa auf neuer Basis eskalieren muß. Muß ich diese Lebenslinie zwischen den Fällen Skripal und Navalny erklären, begründen? Nein, überlegt es selbst oder laßt es bleiben.

Daß in Julias angeblichem Telephonat mit Viktoria von einer Rückkehr nach Russland, und sei es nur besuchsweise, nicht länger die Rede ist, stattdessen von „Neuseeland“, ist daher eine unzweideutige Aussage des Inhalts: Ich und Sergei, wir sind tot und haben für euch künftig für tot zu gelten.

Die Botschaft ist an alle Herrscher und Häscher der imperialen Welt adressiert, Chinesen eingeschlossen.
Ob sie mit Julias physischem Ableben und ihrer umständehalber – wegen vermutlich fehlender „Novichok“-Verletzungen – wünschenswerten Reduktion zu Asche identisch sei, ist ganz einerlei, das ist die Botschaft für euch widerwärtiges Geschmeiß.
So nenne ich euch jetzt hauptsächlich deshalb, weil ich mit diesem Scheiß immer und ewig allein zu stehen scheine, John Helmer faßt ihn mit Isolationshandschuhen an, sonst niemand, wie es aussieht.

Vielleicht weiß Viktoria mehr über Julias Schicksal, doch wenn, wird sie allenfalls auf dem Sterbebett etwas dazu sagen.

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Eine Antwort zu Julia Skripal – Ergänzung

  1. tgarner9 schreibt:

    Ein Leser hat folgenden exemplarischen Kommentar zum Charakter der laufenden Phase des imperialistischen Krieges aufgerufen, dessen Inhalt ich müde bin, zu wiederholen und deshalb mehr oder minder unbewußt stets unterstelle:
    https://tomgard.blog/2018/03/19/die-affaere-skripal-ratten-schlangen-skorpione-aus-den-loechern-zur-fahne/

    Gefällt mir

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