For the record: Die neue britische CoV-2-Mutante ist ein Einhorn mit zwei Köpfen

Quelle

Die beiden frühesten beprobten Genome aus der B.1.1.7-Linie wurden am 20.09.2020 in Kent und ein weiteres am 21.09.2020 im Großraum London aufgefunden. Mit Stand 15. Dezember sind 1623 Genome aus der Linie bekannt, davon 519 aus dem Großraum London, 555 aus Kent, 545 aus anderen Regionen des UK. Außerhalb des UK wurden vier zum Stamm gehörige Genome gefunden.

Die B.1.1.7-Linie zeigt eine größere Anzahl von genetischen Abweichungen von den Stammformen, als üblich. Sie ist durch die Akkumulation von 14 Aminosäuresubstitutionen in drei Subspecies als eine monophyletische Klade ausgewiesen. Das ist beispiellos in den globalen Datenbanken für CoV-2. Die meisten Zweige im phylogenetischen Baum von SARS-CoV-2 zeigen nicht mehr als ein paar Mutationen. Daraus ergibt sich die Frage, wie eine solch umfangreiche Abzweigung im Stamm entstehen konnte, ohne daß Zwischenformen bemerkt und dokumentiert worden sind.
Die Autoren haben dazu eine Hypothese aufgestellt, die ich in korrigierter DeepL-Übersetzung wiedergebe:

Welche evolutionären Prozesse oder Selektionsdrücke könnten zur Entstehung der Linie B.1.1.7 geführt haben?

Über hohe Raten akkumulierender Mutationen über kurze Zeiträume wurde in Studien an immundefizienten oder immunsupprimierten Patienten berichtet, die chronisch mit SARS-CoV-2 infiziert waren (Choi et al. 2020; Avanzato et al. 2020; Kemp et al. 2020). In diesen Fällen blieb SARS-CoV-2-RNA für 2-4 Monate oder länger nachweisbar. (Berichte über langanhaltende Infektionen gibt es allerdings auch von einigen immunkompetenten Personen) Die Patienten werden mit Rekonvaleszenzplasma (manchmal mehr als einmal) und meist auch mit dem Medikament Remdesivir behandelt. Die Virusgenom-Sequenzierung dieser Infektionen zeigt eine ungewöhnlich große Anzahl von Nukleotidveränderungen und Deletionsmutationen und oft ein hohes Verhältnis von nichtsynonymen zu synonymen Veränderungen. Rekonvaleszentes Plasma wird oft verabreicht, wenn die Viruslast der Patienten hoch ist, und Kemp et al. (2020) berichten, dass die genetische Diversität der Viren innerhalb der Patienten nach der Verabreichung von Plasma zunahm

Unter solchen Umständen ist zu erwarten, dass sich die evolutionäre Dynamik und der Selektionsdruck auf die interne Viruspopulation stark von Fällen typischer Infektionen unterscheiden. Erstens wird die Selektion durch natürliche Immunreaktionen bei immundefizienten/supprimierten Patienten schwach oder gar nicht vorhanden sein. Zweitens kann die Selektion durch die Antikörpertherapie aufgrund der hohen Antikörperkonzentrationen stark sein. Drittens, wenn die Antikörpertherapie nach vielen Wochen der chronischen Infektion verabreicht wird, kann die Viruspopulation zu dem Zeitpunkt, an dem der antikörpervermittelte Selektionsdruck einsetzt, ungewöhnlich groß und genetisch vielfältig sein, was geeignete Umstände für die schnelle Fixierung mehrerer genetischer Veränderungen des Virus durch direkte Selektion und genetisches Hitchhiking schafft.

Diese Überlegungen führen uns zu der Hypothese, dass die ungewöhnliche genetische Divergenz der Linie B.1.1.7 zumindest teilweise aus der Evolution des Virus mit einem chronisch infizierten Individuum resultieren könnte. Obwohl solche Infektionen selten sind und eine Weiterübertragung von ihnen vermutlich noch seltener ist, sind sie angesichts der anhaltend hohen Zahl von Neuinfektionen nicht unwahrscheinlich.

Den letzten Satz halte ich für verwegen.

Gegen die scheinbare höhere Virulenz des Stammes – es handelt sich ja nur um eine statistische Vermutung anhand der o.a. Verbreitungsdaten! – steht erstens, daß eine Übertragung von dem hypothetischen Patienten Null, der offiziell als erkrankt bzw. rekonvaleszent geführt gewesen wäre, allenfalls über intensiven Intimkontakt hätte erfolgen können. Von dieser ersten, als symptomarm unterstellten, sekundären Infektion über ein Heraustreten aus regionalen Clustern bis zur überregionalen Verbreitung binnen etwa drei Monaten gibt es für CoV-2 kurze Wege, soweit stimmt das Argument der Autoren. Das ist z.B. in den USA beispielhaft an einer Einzelmutation nachgezeichnet worden, die sich binnen eines halben Jahres über eine IT-Konferenz monophyletisch über den ganzen Kontinent und darüber hinaus verbreitet hat.
Aber sie mißachten zweitens den erstaunlichen Zufall, daß eine derart auffällige Variante der dichten genomischen Überwachung der Epidemie im UK eine solch lange Zeit entgangen sein soll, insbesondere, wenn man eine hohe Virulenz, und, bislang zumindest, keine merklich geringere Pathogenität unterstellt.
Wer dies Argument nachvollziehen will, google „CoV 2 genome surveillance UK“.

Deswegen halte ich es für zulässig, nach dem Muster des initialen Auftretens von SARS-CoV-2 zu behaupten, die Frage, ob es den von den Autoren vorgeschlagenen, oder auch einen anderen „in vivo“-Evolutionsweg gibt, oder ob zum Beispiel „Porton Down“ aus seinen gewiß stetig „in vitro“ aktualisierten Beständen in Südengland ein wenig Corona nachgelegt hat, ist (abermals) unentscheidbar.
Es bleibt nichts, als Ereignisse und Entwicklungen dieser Art aufmerksam zu verfolgen.

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Eine Antwort zu For the record: Die neue britische CoV-2-Mutante ist ein Einhorn mit zwei Köpfen

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