Warum wurde die Navalny-Affäre plastiniert?

Plastination.

Wie bringt man renommierte Mediziner, darunter einen, der jung genug ist, auf den Fortgang einer prächtigen Karriere zu setzen, dahin, zugunsten eines geheimdienstlichen Komplotts, das mindestens einen Fall schwerer Körperverletzung eingeschlossen hat, in einer internationalen Fachzeitschrift ein Dokument zu veröffentlichen, dessen Inhalt jeder Peer nach professionellen Kriterien mit Kopfschütteln, eher einem Tippen an die Stirn quittieren müsste?

Ihr kennt die einschlägigen Antworten. „Sie haben noch eine große Zukunft vor sich.“ „Wir wissen, wo wir ihre Kinder / Frau / Geliebte finden.“ „Sie wollen doch nicht, daß Ihre kleinen Extravaganzen ans Licht kommen?“ – und was Phantasie sonst noch hergeben mag.
Doch das scheint in diesem Fall unmöglich zutreffen zu können.

Warum nicht? Nun, weil auf den ersten zwei, fünf, zehn Blicken völlig rätselhaft bleiben muß, wozu es diesen absurden, vierseitigen Krankenbericht gebraucht hat, der, vom wissenschaftlichen und medizinischen Standpunkt, nichts, gar nichts, von Belang mitteilt. Es gibt dutzende wissenschaftlicher Krankenberichte zum Thema von 10 bis 15facher Ausführlichkeit, zwei davon habe ich studiert, die für jemanden mit Interesse spannend sein können. Nicht so dieser. Dieser geht vollständig auf in der Loyalitätsadresse der federführenden Autoren gegen das geheimdienstliche Narrativ, über das der Leser am Ende, den Referenzen folgend, genauso viel weiß, wie zu Beginn: Seine Grundlage ist und bleibt geheim.
Wer sich den Unfug nicht antun will, bekommt in einer Kombination zweier Quellen genug Material: Ärztezeitung und John Helmers Artikel.

Helmer teilt Einzelheiten mit, welche die Absurdität noch vertiefen.
Hält man den Inhalt des Berichtes gegen die bekannten Fakten und Abläufe, fällt die Loyalitätsadresse überaus formell, ja, widersinnig aus.
Denn die unterzeichnenden Ärzte bestätigen die russische Darstellung der Abläufe und Befunde bis zu dem Punkt, an dem sie erklären, außen vor geblieben zu sein, nachdem sie die Angelegenheit in die Hände der NATO in Gestalt des toxikologischen Instituts der Bundeswehr übergeben hatten.
Sie bestätigen indirekt, daß die Presseerklärung der Charité vom 24.8., wie in meinen Vorberichten vermerkt, nachträglich gefälscht worden ist. Darin stand ursprünglich die im Artikel vermerkte Eingangsdiagnose, es läge eine Cholinesterasehemmung vor, ohne die spekulative Annahme einer Vergiftung, die erst Wochen später hinzu gefügt wurde.
Sie bestätigen, daß ihre Behandlung dieselbe war und blieb, die Navalny in Omsk erhielt und daß die dortigen Ärzte recht daran taten, nach einer endogenen, stoffwechselbedingten Cholinesterasehemmung zu fahnden, nachdem die spektrographische Untersuchung von Blut und Urin keine Spuren oder Metaboliten eines Giftes erkennen ließen.
Sie bestätigen, daß die behandelnden Ärzte lt. Navalnys eigener, im „Spiegel“-Interview dokumentierten Aussage, ihm gegenüber nie, bis zum Schluß nicht, von einer Vergiftung gesprochen haben. Sie haben eine solche Diagnose nicht gestellt.
Sie bestätigen – wenngleich stumm – daß die Charité gehindert wurde, das eigene bestens ausgestattete toxikologische Institut mit den Untersuchungen der Proben von Navalny zu befassen, also offenkundig genötigt wurden, den Fall an NATO-Soldateska zu übergeben.

Was also ist die Funktion des Berichtes, gibt es in ihm einen Punkt, der über ein Abnicken der in Befehlsform gegossenen NATO-Befunde hinaus geht?
Ja. Er betrifft den Zeitstrahl der Ereignisse:

[Navalny] suddenly became confused and began to sweat heavily on a domestic flight in Russia approximately 10 min after departure; he (…) was admitted to the toxicology unit of a local hospital in Omsk, Russia, approximately 2 h after symptom onset.

Die Angabe widerspricht allen bisher bekannt gemachten Aussagen, einschließlich der Navalnys, der im o.a. Interview von „etwa einer halben Stunde nach Abheben“ sprach. Es widerspricht den Flugdaten der Maschine und den Funkgesprächen, wie in meinen Einträgen und Kommentaren nachzuvollziehen.
Einen „Sinn“ macht diese Revision erst, wenn ihr sie mit dem angeblichen Ergebnis der angeblichen Ermittlungen kombiniert, die Bellingcat / Atlantic Council zusammen mit Navalny angestellt haben wollen und die der „Spiegel“ ein oder zwei Tage vor Erscheinen der „Lancet“-Scharade in die Welt posaunte: Der Schlüpper war es, nicht die Flasche.
Zehn Minuten nach dem Abheben“ entspricht einer ausgedehnten Maximalfrist für den Symptombeginn, wenn Navalny einem „Novichok“ in Form eines Kontaktgiftes ausgesetzt worden ist, bevor er seinen Platz in der Maschine nach Moskau einnahm.

Flughafen Omsk, Shuttle zum Flieger nach Moskau.

Denn wir wollen nicht annehmen, daß Kira Yarmush sich in diesem Moment latexbewehrt an Navalnys Penis zu schaffen macht, nicht? Und selbst wenn wir das täten, müßten wir uns fragen, was sie vorher und nachher tat, sich selbst und die Kollegen zu schützen.

In Gestalt eines eigens dafür konzipierten Kontaktgiftes wirkt VX binnen 20-30 min., daran kann der hinsichtlich Permeabilität nahezu belanglose Unterschied zur Novichok-Gruppe nichts ändern. Natürlich ist es leicht vorstellbar, Kampfstoffingenieure könnten ein solches Gift in einer Weise in einen zähen Stoff einbetten, welche die Diffusion verzögert und in die Länge zieht, doch im selben Maße wird die Wirkzeit unkalkulierbar. An wie vielen menschlichen Schlüpferträgern soll sie getestet sein?

Der Lancet-Bericht, autoritative Quelle vorgeblich neutraler und unbestechlicher Beobachter, entlastet nach vierfacher Anpassung des Narratives – erst Tee, dann Flasche, dann wieder eine „Regenschirmvariante“ o.dgl., nun der Schlüpfer – abschließend den Kreis der Vertrauten und Mitarbeiter Navalnys, die ihn auf dem Flug nach Moskau begleitet haben.

Doch das beantwortet nicht unsere Frage nach der Relevanz des Lancet-Artikels, nicht wahr? Warum soll das jetzt noch von Belang sein? Das FSB-Narrativ war erfolgreich durchgesetzt, ungeachtet einer Albernheit, die zu überbieten kaum jemandem gelingen dürfte, der sich nicht „Monty Python“-Sketche zum Vorbild nimmt.
Wenn wir die Frage in die korrekte Form bringen, lautet sie:
Auf welches Publikum zielt der Lancet-Artikel?

Eine Teilantwort habe ich oben schon gegeben: Auf dasselbe Publikum, auf das die Bellingcat / AC-Veröffentlichung zielt.
Und das sind, wie ich schon anhand voran gegangener Veröffentlichungen des „Spiegel“ zum Themenkreis argumentiert habe, die Regierung, die Staatsbürokratie, die Abgeordneten der im Bundestag vertretenen Parteien und die Intellektuellen, denen die Souveränität der Nation am Herzen liegt; in dieser Reihenfolge. Sie alle werden durch die Veröffentlichungen und den Umstand, daß Regierung, Polizeien und Geheimdienste nicht gegen sie einschreiten, vorgeführt. Als Puppen, die an den Strippen des Atlantic Council und damit der NATO Verrenkungen und Faxen vollführen.
Nur ist dies nicht einmal eine halbe Wahrheit. Es handelt sich um Nötigung und Erpressung auf allen verfügbaren Ebenen, militärisch, ökonomisch, politisch, und sie hat Grenzen und Schranken – auf jeder dieser Ebenen gesondert. Regierung und Staatsbürokratie sind nicht wehrlos. Andernfalls fände der Zirkus nicht statt, vere? Was da erpresst und ernötigt wird, ist weder „alternativlos“, sonst sparte man sich den Aufwand, noch erschöpft es die Ansprüche und den Willen der Erpresser, andernfalls würden stumm Befehle erteilt und befolgt, Navalny wäre der bunte Hund in Russland geblieben, der dem Vernehmen nach eben im Begriff stand, sich nach seinem Bankrott eine neue Farbe zuzulegen.

Wenn wir uns an obigen Befund halten, ergibt sich ein zwingender Schluß auf den Grund und das Ziel der „Nachbereitung“ der Navalny-Affäre durch Bellingcat und das Duo Kai-Uwe Eckardt und David Steindl von der Charité. Sie muß auf eine Lücke im NATO-Narrativ zielen, die groß genug ist, es unter irgendwelchen Umständen gegen sie wenden zu können.
Natürlich eröffnet der Schluß ein weites Feld, aber ich denke, wir können es mit einiger Zuversicht eingrenzen. Was ist mit Leuten von Belang, hochrangige Leute, denen man nicht gut oder in absehbarer Zeit nicht länger mit Drohungen und Erpressungen kommen kann, die über Dokumente verfügen, die geeignet sind, das NATO-Narrativ in den Augen maßgeblicher Akteure zu schwächen?
Im deutlichen Unterschied zur Skripal – Affäre gibt es im Falle Navalny aus Sicht der „Dienste“ eine schiere Unzahl von Leuten, die solche Dokumente in den Händen gehalten haben müssen und sie auch weitergegeben haben. Ich will mich darüber nicht in Spekulationen verbreiten, bemüht eure eigene Vorstellungskraft.
Beispielhaft erwähne ich nur das Naheliegende, ein nicht ganz kleiner Teil des Personals der Charité. Namentlich dann, wenn man unterstellt, diese Leute hätten sich schon aus Gründen des Selbstschutzes über die Abgabe des Falles an die NATO hinweg gesetzt und mit ihrem Spitzeninstrumentarium eigene Untersuchungen angestellt.

Dann und genau dann erfüllt die Lancet-Publikation einen erkennbaren Zweck. Kai-Uwe Eckardt und David Steindl können auf keinem Wege mehr zurück. Im Bereich ihrer professionellen Autorität bleibt nichts von Belang übrig, wovon sie nachträglich behaupten könnten, sie hätten „nicht gewußt“ oder seien „getäuscht“ worden. Das erklärt zwanglos, warum sie 12 weitere Charité-Ärzte und -Spezialisten genötigt haben, die Albernheit mit ihrem Namen zu zeichnen, obwohl am Ende ein Disclaimer steht, der sie von der Verantwortung des Inhaltes entlastet:

Im Falle einer Aufdeckung des Betruges und der Beihilfe zur Körperverletzung und Freiheitsberaubung wären die Damen und Herren juristisch aus dem Schneider, aber bis dahin sind sie selbst und zahlreiche ihrer Mitarbeiter in den jeweiligen Abteilungen der Charité professionell und auch emotional gebunden. Sie sind ja selbst nicht weniger Opfer des Angriffes auf Navalny, es ändert nichts, daß sie, wenn überhaupt, weniger geschädigt sind.
Von weitaus größerem Belang ist freilich die Kopplung von NATO und Charité in und vermittels derselben Veröffentlichung, die wahrheitsgemäß bekundet, das zivile Personal habe den Militärs, bzw. den sie autorisierenden Politikern und Beamten, gehorcht, eine nachgeordnete und passive Rolle gespielt.

Falls meine obigen Darlegungen und Spekulationen für die Katz wären, bliebe allemal ihre übergeordnete Wahrheit, die doch bitte täglich offen auf den Tisch gelegt wird: Eine durchgreifende Militarisierung der politischen, administrativen und technologischen Eliten über deren Führungsetagen. Sich dieser Bewegung anzuschließen, ggf. auch ungefragt, hat Kai-Uwe Eckardt vielleicht, hat David Steindl ganz sicher im kriminalistischen Sinne ein „Motiv“.

So ist das halt immer im Krieg – und ginge es hier nur um „Brexit„. Das weiß auch ein jeder, selbst ihr, die es nicht wahr haben wollt. Halbwegs kluge Leser des „Lancet“ wissen es auch. Strategien, Taktiken und die Kultur der Imperiumskriege fügen einander zu einer einheitlichen Strömung zusammen, wie wirbelig sie immer sei, und um so mehr, je zahlreicher ihre Nebenarme werden.

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