Machtergreifung technomilitärischer Stände – Vorrevolutionäres aus meinem Archiv

Technoféodalisme“ ist der neue Heilige Gral des liebenswerten Pepe Escobar. Ähnlich mir, hat er 2011/12 anhand des Libyen- und Syrienkrieges registriert, daß der IV. Weltkrieg, der Global War on Terror (GWOT), sein im Begriff Imperialer Souveränität und Hegemonialität angelegtes, epochales Vernichtungspotential zu entfalten und zu beschleunigen begann.

Darauf hat Pepe, im Bemühen, als ein Chronist dem Arsch der Geschichte hinterher schnüffelnd und hechelnd (auf dieses Schicksal legt sich ein Kriegsberichterstatter nunmal professionell fest, ob er das will oder nicht), in dem Bemühen, „auf der Höhe der Zeit“ zu bleiben, was nur gehen kann, indem einer den Kurs zu antizipieren, in die Atemwolke des Monsters voran zu eilen sucht, auf den Aufstieg der chinesischen Despotie zur Weltmacht als ein dem imperialen Selbstzerlegungskurs entgegenwirkendes Moment gesetzt. Einen großen Teil seiner publizistischen Aktivität konzentrierte er danach auf das politische und ökonomische Geschehen um die R&B – Initiative herum.

In der imperialen Terminologie benannt: Eurasien war Ausgangs-, Durchgangs- und Endpunkt dieser historisierenden Sicht, und damit befand sich Pepe in der Tat in der engen Nachbarschaft der Strategen, welche die Imperiumspolitik ein halbes Jahrhundert lang dominiert und sich in irgend einer Weise alle auf Henry Kissinger bezogen und / oder berufen haben. Das galt auch für die Neocons bis 2008 und den Verbund aus Neocons / Libdems, welche die Außenpolitik bis 2016 gegen die Absichten und den Willen Obamas und der Wall Street dominiert, den „pacific pivot“ sabotiert haben.

Europa fiel aus dieser Perspektive als ein „Machtfaktor“ aus. Aus der Sicht der „Eurasien-Fraktion“ war Paris gleichsam der „Endbahnhof“ eines Schienennetzes, das von Shanghai über Moskau führen werde, irgend wann unweigerlich einen Abzweig nach Teheran bekäme. Aus Sicht der Gegenseite war Europa der feste Brückenkopf, der Ausbau und Eroberung des westasiatischen und südindischen „Rimland“ für die atlantische, die angelsächsische Herrschaft über Lüfte und Meere derart unhintergehbar machen sollte, daß Osteuropa und Zentralasien final zerlegen und zum kolonialen Raum werden müsse, dann – und erst dann – könne und werde man sich um China kümmern, das bis dahin die feste Ressource imperialer Kreditmacht und Ausbeutung bleiben müsse.

Spätestens 2016 wurde Leuten, die über all den militärischen und paramilitärischen Kalkülen das Denken nicht verlernt haben, deutlich, daß alles iwie ganz anders war und erst recht werden würde. Natürlich auch Pepe.

Industrie 4.0 geriet deshalb in Pepes Blickfeld, natürlich vornehmlich in politischer und gesellschaftspolitischer Perspektive.
Ich habe Durand’s Technoféodalisme nicht gelesen. Ich nahm nur ein paar Ausschnitte zur Kenntnis, die mir zeigten, es handelt sich um ein bemerkenswertes Jugendwerk, das zu lesen vermutlich für jeden ein Gewinn ist, der in den intellektuellen Diskurs zum Thema eintreten und sich darin bewegen will, weil er aus irgend einem Grund meint, das tun zu sollen.
Ich klinke mich da aus.
Stattdessen spiegele ich unredigiert einen depublizierten Blogeintrag vom November 2011 zu einem Basisvorgang der politischen Ökonomie des Imperialismus, auch mit dem Hintergedanken, mich darauf beziehen zu können.

Nur eines will ich voraus schicken. In dem Artikel von Peter Decker , den ich da besprochen hatte, heißt es im Schlußabschnitt:

Auf der Seite der Staatsschulden ist man beim Bekenntnis angelangt, daß eine Rettung aussichtslos ist. Es geht nicht mehr um die Verhinderung ihrer Entwertung, sondern um die Vermeidung der Kettenreaktion, die sie auszulösen droht. Ein 50prozentiger Schuldenschnitt soll die übrigen griechischen Schulden glaubwürdig machen; dafür braucht es schon wieder europäische Garantien und neue Hilfe für Banken, damit diese Vermögensverluste verkraften können, die ihnen das Eingeständnis der Wertlosigkeit ihrer Papiere zumutet. Die Sparhaushalte im Dienst der finanziellen Glaubwürdigkeit bescheren der EU die Aussicht auf eine weitere Rezession, auf die die Staaten mit der weiteren Verarmung ihrer Bürger antworten. Derweil wächst die Schärfe der Krisenkonkurrenz zwischen den Mitgliedsländern ebenso schnell wie die gegenseitige nationalistische Verbitterung ihrer Völker. Mit denen geht es eben abwärts, solange
das Finanzkapital seinen Glauben an die Zukunft seiner Profite nicht wiederfindet. Und solange die Völker darauf zu warten bereit sind.

Nein, vom völkischen Zungenschlag des Artikels fange ich nicht an zu reden, sondern verweise nur auf die Obsoletheit seiner geschichtlichen Diagnosen. Die 2014 avisierten 2 Billionen Draghi-Kredite der EU haben schon ab dem Folgejahr einen „Glauben“ an die „Zukunft der Profite“ bei allen Beteiligten „wiederhergestellt“. Das hat historisch etabliert, daß für ein solches Vertrauen, das doch bitte schon im Begriff fiktiven Kapitals als eine selbstreferentielle Qualität erklärt ist, sich auf nichts anderes zu stützen braucht, als die militärische Garantie, daß die Ausbeutung weiter geht und voran schreitet. Und das war 2014ff identisch mit der in der Ukraine exemplifizierten Demonstration, daß WK IV nicht nur weitergehen, sondern eskaliert werde.
Es sind Kriegskredite im vollen Sinne, die nun mit den Corona-Krediten, weltweit inzwischen mindestens 20 Billionen, jede Bindung an irgend ein stoffliches „Wirtschaftsgeschehen“ abstreifen.

Mit dieser Überlegung rechtfertige ich den Titel „Vorrevolutionäres“. Ich vermeine – um mich ganz vorsichtig auszudrücken – ein Umsturz, der den imperialistischen Krieg in die Errichtung einer neuen Ständegesellschaft überleiten soll, in der „Kapitalismus“ untergeordnetes Element einer Herrschaftsapparatur wird – wie Geldzirkulation es im Feudalismus war – ist nach einer 2011 einsetzenden Phase, die alte Perry-Rhodan-Leser „Librationszone“, ein Zwischenreich heißen könnten, in vollem Gange.
Jetzt der alte Eintrag:

„Die Berliner Regierung unternimmt den abenteuerlichen Versuch, die Systemkrise ihrer Währung als Chance für ein deutscheres Europa zu nutzen“

2011-11-06 – 12:57:08

Peter Decker, Redakteur des „Gegenstandpunkt“, hat einen Artikel geschrieben, der Hintergrund und Verlauf der sogenannten Euro-Krise schnörkellos zusammenfaßt.

In einer Leseprobe zitiere ich, was ich den „Anker“ seiner Argumentation nennen wollte, anschließend eine Anmerkung von mir.

„Die Bankenrettung macht aber auch kenntlich, was in normalen Zeiten gerne übersehen wird: Die Kreditwürdigkeit der Banken, ihre Geschäftsfähigkeit als allgemeiner Kreditgeber und Schuldner der Gesellschaft ist das Werk der politischen Macht. Sie können ihr Geschäft mit Schulden bei der staatlichen Notenbank »refinanzieren«, d.h. Schulden, die sie besitzen, bei ihr gegen frisches Geld, liquide Mittel tauschen. Nicht erst im Krisenfall garantiert die Zentralbank den Geschäftsbanken die entscheidende Gleichung von Schulden und Geld – und stiftet damit ihre Macht.

Das Geld, mit dem die Staaten die bankrotten Banken stützen und ihnen verlorenes Kapital ersetzen, nehmen sie kapitalistisch korrekt in Form neuer Staatsschulden auf Kapitalmärkten auf. Sie machen diese Schulden endgültig nicht, um Wirtschaftswachstum anzustoßen, sondern einzig, um von den Märkten selbst schon entwertete Finanzwerte in Kurs zu halten. Sie vermehren ihre Schulden und Schuldbedingungspflichten – aber nicht die Quellen, aus denen diese Pflichten zu erfüllen wären. Genau das nehmen die Banken ihren Rettern übel: Sie glauben immer mehr staatlichen Schuldnern nicht mehr, daß sie ihnen auf Dauer den Zinsdienst für ihre wachsende Schuldenlast leisten können. Sie stoßen deren Anleihen ab, verweigern den Ankauf neuer und treiben die betreffenden Staaten in den Bankrott.
Damit rührt das Finanzkapital an die zirkulären Grundfesten seiner eigenen Macht: …“

Meine Anmerkung:
Peter Decker meidet den Begriff „fiktives Kapital“, obwohl er dessen Quelle beschreibt, wie sie im allgemeinen Verhältnis zwischen Finanzkapitalisten einerseits, und staatlichen Garanten des Geldes andererseits erscheint. Letztere stehen mit ihrer militärischen Macht dafür ein, daß ihre Kreditzettel als Geld fungieren und „folglich“ welches ist. Dies kann, aus Gründen, die Decker nennt, nur eine nominelle Garantie sein. Sie erstreckt sich nicht auf Leistungen des Geldes, also die Zugriffsmacht und Erträge von Geldsummen.

Daß in diesem Sinne ein Großteil der zirkuierenden Schulden, die als Geld be- und gehandelt werden, keines ist, sondern fiktives Kapital, ist den Geschäftsleuten seit langem bekannt und Voraussetzung ihres Handelns. Der sog. „Kasinokapitalismus“, von anderen „neue Finanzökonomie“ genannt, basiert auf dem Wissen, daß die „Profitmaschine“, wie Decker es nennt, nurmehr eine abstrakte Grundlage der Plusmacherei der Finanzkapitale darstellt, die in ihrer Hauptmasse durch wechselseitige Enteignung von Zinsversprechen zustande kommt, auf die zuschüssiger Kredit, eben auch zuschüssiger Staatskredit gezogen wird. Das Resultat ist die schwindelerregende Geschwindigkeit, in der in den vergangenen zwei Jahrzehnten die „Expropriation der Expropriateure“, die Konzentrationsprozesse aller Kapitalarten vonstatten ging, deren „Speerspitze“ die Konzentration der Bankkapitale darstellt. Die Konkurrenz der Finanzkapitale trennt sich in dieser Bewegung von den übrigen Abteilungen der Konkurrenz, wird eine eigene „Domäne“, obwohl sie mehr denn je alle anderen Domänen durchwirkt. Kein Großkonzern kommt ohne eine Finanzabteilung aus, die auf den Kapitalmärkten mitmischt, weil er enteignet zu werden droht, falls es ihm nicht gelingt, einen gewissen Anteil seiner Erträge auf dem Kapitalmarkt zu erzielen, dessen Maß sich aus seiner Größe und „organischen“ Zusammensetzung ergibt.

Decker spricht oben von „zirkulären Grundfesten der Macht des Finanzkapitals“. Solch Zirkularität bedarf einer „ursprünglichen Akkumulation“, deren Quelle außerhalb der Zugriffsmacht des Finanzkapitals liegt, und dies sind eben die Staatsschulden, welche die Konkurrenz um fiktives Kapital, also um nominelle Eigentumstitel, buchstäblich „anzetteln“. Die „ursprüngliche Akkumulation“ dieser Staatsschulden war die alte Kriegsökonomie der NATO-Staaten, insbesondere die US-Staatsschuld, mit der die Reagan-Administration die gewaltige Rüstungsindustrie in die westliche Staatenwelt setzte, mit deren Hilfe die SU endlich in die Knie gewungen werden sollte.
Diese Schulden zirkulierten zu beträchtlichen Teilen in der Warenökonomie – nur handelte es sich nichtsdestotrotz um Staatskonsum, dessen materielle Hinterlassenschaft nicht nur keine Akkumulation – Aneignung des Surplusprodukts lebendiger Arbeitskraft – stiften konnte, sondern Akkumulationsmittel verschlang. Im Bereich des Staatskonsums ist Ausbeutung direkt und nominell. Lohnarbeit bleibt die Form, in der sie abgewickelt wird, der ökonomische Gehalt ist wenig verschieden von antiker Sklaverei, die Pyramiden in die Wüsten setzte, um welche dynastische Kriege geführt wurden.
Der Umgang der deutschen Regierung mit der eingetretenen Situation, so „abenteuerlich“ man ihn vom Standpunkt darin verwickelter Interessen finden mag, ist nichts weiter als sachgerecht, es ist u.a. Teil einer „friedlichen“ Antwort auf das französische und niederländische „Libyenabenteuer“ und die Sozialisation der aus ihm zu erwartenden Lasten.

Kommentare:

  • gkb (Besucher)
  • 2011-11-06 @ 14:48:25

Zu folgendem Teil deines Textes nur mal als Versuch/Hinweis oder dergleichen (nicht als Entgegnung zur gesamten Anmerkung gedacht):

„Diese Schulden zirkulierten zu beträchtlichen Teilen in der Warenökonomie – nur handelte es sich nichtsdestotrotz um Staatskonsum, dessen materielle Hinterlassenschaft nicht nur keine Akkumulation – Aneignung des Surplusprodukts lebendiger Arbeitskraft – stiften konnte, sondern Akkumulationsmittel verschlang.“

Ich würde dem einmal das gegenüber stellen, was allgemein das „Computerzeitalter“ heißt: Eine technische Innovation, seit Jahrzehnten da, nimmt ab Mitte der 70er Jahre plötzlich weltweit als Umstürzer und Vervollkommner aller bisherigen kapitalistischen Produktion Fahrt auf? Warum? Doch nicht, weil sie endlich „technisch reif“ dafür war. Sondern, weil völlig ungekannte Volumina von Kredit – durch die infolge der Vietnam-Kosten von den USA gekündigten Goldbindung des $ sowie später der Reaganschen Spezial-Bondangebote zur Finanzierung des Rüstungswettlaufs – plötzlich Anlagen suchten.

Die Suche nach Anlage macht sich die technischen Bedingungen zurecht und radikalisiert ihre Produktivität bis in alle Poren. Ausgangspunkt aller Akkumulation dabei: das, was heute Staatsschuld heißt – und nicht von dem sachgemäßen Reichtum der Finanzwelt zu trennen ist. Das ist, wenn du so willst, der Ursprung der Akkumulation des heutigen Finanzkapitals.

Diesem Szenario steht in vielen linken und KPistischen Veröffentlichungen eine Auffassung der Krise gegenüber, die mit dem „Scheitern des fordistischen Akkumulationsmodell“ Ende der 60er anfängt und daraus eine Fluchtbewegung des Kapitals in die Finanzmärkte ableitet – bis zum späteren „Highspeed-Casino“ oder wie sie es immer nennen. Die Auffassung halte ich für falsch und wollte ich mit dem oben Angedeuteten widerlegen.

Zu deiner Kritik am Begriff „abenteuerlich“ für Merkels Politik und dem letzten Absatz deiner Anmerkung:

„Der Umgang der deutschen Regierung mit der eingetretenen Situation, so „abenteuerlich“ man ihn vom Standpunkt darin verwickelter Interessen finden mag, ist nichts weiter als sachgerecht, es ist u.a. Teil einer „friedlichen“ Antwort auf das französische und niederländische „Libyenabenteuer“ und die Sozialisation der aus ihm zu erwartenden Lasten.“

Ich würde mir nicht Merkels Vorgehen nicht als „Antwort“ auf irgend etwas denken. Eher schon Sarkozys Kriegsinitiative gegen Libyen als Reaktion auf einen drohenden Machtverlust Frankreichs durch die Krisenkonkurrenz der Euro-Länder und Deutschlands Ambition, seine Interessen unter der Parole „Haushaltsdisziplin“ zu institutionalisieren.

Und beim Libyen-Krieg geht es nicht um die Kosten, und wer sie alles mittragen muss. Da gehts darum, wer wem was vorschreiben kann. Es stehen gegenwärtig alle Bündnisse auf dem Prüfstand, und da muss man ganz „sachgerecht“ oder „abenteuerlich“ als Staatsführer teilweise ins gesunde Fleisch „bilateraler Beziehungen“ schneiden.

Yes, gute Hinweise. Das Venture – Kapital, das die Rationalisierungen mittels Datenverarbeitung beschleunigte ist gewiß ein Faktor, wenn auch zu bedenken ist, daß dies nicht allein Akkumulation von Titeln beschleunigte. Neben die Verschlankung resp. Effektivierung der Verwaltungen und die Brachlegung von Arbeitskraft trat branchenweite Kapitalvernichtung mittels Veralterung des Anlagekapitals.

Dein zweiter Kommentar präzisiert, was ich sagen wollte, aber mißverständlich und undeutlich ausdrückte.

  • gkb (Besucher)
  • 2011-11-13 @ 23:29:15

@ TomGard
Die beschleunigte Rationalisierung durch EDV ist nur der bezüglich der Staatsverschuldung langweiligere Teil dessen, was ich mit „Computerzeitalter“ ansprechen wollte.

Mir ging es darum, dass diese ganze EDV-Industrie ihren Ausgang bei einem enormen Berg von US-Staatsschulden genommen hat, die sich auf die Suche nach Anlage gemacht hat, als die Dollar-Gold-Bindung von Washington – wegen Zweifeln bspw. Frankreichs am Gegenwert des US-Geldes – storniert wurde (Anfang der 70er, „Zusammenbruch von Bretton Woods“), Konzerne wie Apple, Microsoft, HP oder dergl. sind die Schöpfung von US-Schuldpapieren.

Die meinetwegen für den Vietnam-Krieg oder die Pershings in großem Umfang aufgelegte US-Staatsschuld ist also hier nicht „unproduktiver Staatskonsum“. Sie ist bis heute weltweit akzeptierte Verschuldungsmacht jedes Investors, der sie in Händen hält, Kommandomacht über das Wirtschaften wie jedes richtige andere Geld. Also auf Marx: Die ursprüngliche Akkumulation des Computerzeitalters war der Vietnam-Krieg.

Dass die besprochene Computerbranche eine Revolutionierung der Produktion in jeder anderen Industrie unter dem Gesichtspunkt des so-viel-kapitalistisch-nützliche-Arbeit-einsaugen-wie-möglich bewirkt hat, kommt da ’nur‘ hinzu.

@gkb
„Dogmatische“ Einsprüche.

I. („Die … US-Staatsschuld ist also hier nicht „unproduktiver Staatskonsum“. Sie ist … akzeptierte Verschuldungsmacht jedes Investors, der sie in Händen hält, Kommandomacht über das Wirtschaften wie jedes richtige andere Geld. Also auf Marx: Die ursprüngliche Akkumulation des Computerzeitalters war der Vietnam-Krieg.“)

1.Bug: „… wie …richtiges Geld“
a) Jeder Kredit (Wechsel) ist so und genau so lang Geld „sans phrase“, wie er im Umlauf anfallende Geldfunktionen erfüllt.

b)Doch es gibt eine trickige Ausnahme von dieser Aussage: Kredit ersetzt Schatzgeld (nebst Wucherkapital), ohne welches zu sein. Ihm fehlt die „letzte Ressource“, die Wareneigenschaft wieder annehmen zu können, die im Dasein bzw. in der Vorstellung von einem „allgemeinen Äquivalent“ hegelsch aufgehoben ist, indem das Gebrauchswertdasein in die gesellschaftliche Tauschwertfunktion übergeht. Im Falle des Kredits ist dieser Übergang eine Antizipation, die sich auf etwas Immaterielles stützt, auf ein Zinsversprechen, also historisch auf eine erst mit corporativer, dann polizeilicher Gewaltausübung unterfütterte Absichtserklärung, daß der Kredit nicht verfressen, also der Zirkulation nur Ware entzogen, sondern kapitalisiert wird, also Ausbeutung stattfindet.
Im Falle eines Goldschatzes ist diese Antizipation (bedingt) materiell gedeckt, weil alle Kapitalzirkulation, mithin bei durchgesetzter Kapitalisierung gesellschaftlicher Arbeit auch alle Geldzirkulation, eine Aufschatzungsphase einschließt. Das sind die berüchtigten „Poren“ des Wucherkapitals in der Kapitalzirkulation, deren Zahl und Umfang historisch mal abnehmen, mal zunehmen, aber nicht verschwinden kann, da ist die militärische Gewalt der Klassenherrschaft davor. Bricht aller Kredit zusammen, bleiben immer noch die Geldwaren und so zehrt der Wucherer in letzter Instanz von dem historischen Vertrauen, daß Gold, und nicht nur Zigaretten und Kartoffeln, dazu gehören wird. Es ist ein Vertrauen darauf, daß es immer wieder eine besitzende Klasse von Ausbeutern geben wird , und seien es Sklavenhalter!

c) Damit sollte klar sein, inwieweit Staatskredit Schatz- und Wucherkapital simulieren kann, und inwieweit nicht.
Die Vertrauensdeckung des Wucherkapitals erstreckt sich auf eine beliebige Herrschaft und Souveränität, die des Staatskredits auf die spezifische Reichweite seiner militärischen Souveränität, die stets sowohl ökonomisch wie militärisch bestritten bleibt, solange das Bewegungsgesetz der Konkurrenz in Kraft, und das heißt zugleich unerfüllt bleibt: Es kann nur einen geben .

Fortsetzung.

Mit Punkt c wurde ich voreilig abstrakt (es ist erstmal festzuhalten, welche tat-sächlichen Trennungen vorliegen), also nochmal zurück zu b.

Das „historische Vertrauen“, das ich da berief, wird tätig im Falle von Geldkrisen aka Geldklemmen, die entstehen, wenn wachsende Anzahl und Größe der vorerwähnten „Poren“ des Kapitalumlaufs das Schatz- und Wucherkapital absorbieren. Kapitalumlauf ist in dieser Abstraktion gemittelt über die „organische Zusammensetzung“, andernfalls handelt es sich um keine Geldklemme, sondern es erscheint eine Akkumulationskrise in Gestalt einer Geldklemme, dazu gleich mehr. Zunächst ist die Natur dieser Tätigkeit festzuhalten: Es wird der Akkumulation Kapital entzogen und in die Produktion von Geldwaren gelenkt.

„Akkumulation“, ist hier zu erinnern, ist ausschließlich ein Begriff der stofflichen Seite des Kapitalumlaufs: Nachdem Mehrwert – Kapitalinkrement (G‘) – Gewinn – Profit nur der Geldausdruck für dem Kapital angeeignetes Produkt bezahlter Arbeitskraft ist, ist Akkumulation die zweckmäßige Verwendung solchen Produktes, zuschüssiges Produkt zu gewinnen bzw. – vom Standpunkt des Einzelkapitals – an sich zu ziehen.

Damit haben wir zwei Bestimmungen des Schatz- und Wucherkapitals:

1) Es repräsentiert jenseits und vor aller Staatstätigkeit das Gesamtkapital , in dem es tätig wird! Das Schatz- und Wucherkapital IST („real“, weil tätig) der Gesamtkapitalist, als welcher ein Staat nur ideell handelt.
2) In dieser praktischen Repräsentation stellt es zugleich eine „falsche Kost“ (faux frais) des Gesamtkapitals dar, ein Abzug von Gewinn und ggf Akkumulation. Es geht nicht, nämlich nur dem Schein nach, in die Kapitalzirkulation ein, die es doch zugleich im fortgeschrittenen Kapitalismus vollständig usurpiert, es realisiert vielmehr eine technische Voraussetzung der Plusmacherei.

Nebenher können wir 3) festhalten, daß das Ökonomengequatsche von einer Abschaffung des Goldstandards Unfug ist. Stattgefunden hat eine Emanzipation vom Goldumlauf, die begrifflich nichts anderes ist, als die entsprechende Leistung des Bankkapitals. Nach dieser Seite ist Staatskredit = Bankkredit. Doch „darunter“ liegt nach wie vor die Geldzirkulation in Gestalt der Warenzirkulation, die zugleich das genau Umgekehrte und Entgegengesetzte ist, eine Warenzirkulation in Gestalt der Geldzirkulation. Daher gibt es und wird es immer geben: Eine Hierarchie von Geldwaren und der historische Standard dieser Geldware ist, frag die Schweizer , tatsächlich noch immer der gelbe Stoff.
Es ist vom theoretischen Standpunkt eine ziemlich üble Geschichte, daß es heut bei Strafe des Ausschlusses aus allen Diskursen, bis auf zwei mehr oder weniger geheimgesellschaftliche, verboten ist, diese Wahrheit auszusprechen, die die Kleinbürger, die Faschos und Gesellianer für sich haben, wenn sie theoretisch werden.

Der zweite „bug“ Deines Kommentars, gkb, ist damit schon fast(!) gefixt, nämlich: „US-Staatsschuld ist also hier nicht „unproduktiver Staatskonsum“.“
Doch, das ist und bleibt Staatsschuld immer, sobald sie (mindestens) zweimal als Zahlungsmittel fungiert, einmal in der Hand staatlicher Einkäufer und Lohnempfänger, ein anderes Mal in der Hand des Wucherkapitals.

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Eine Antwort zu Machtergreifung technomilitärischer Stände – Vorrevolutionäres aus meinem Archiv

  1. Berengar schreibt:

    Zu Deiner Konversation mit gkb gibt es übrigens auch aktuelles Anschauungsmaterial: Man kann sich ja mal die Frage auflegen, wie und weshalb im Gefolge der ehrwürdigen „Euro-Krise“ zyprische Bankkonten und ihre zugehörigen Institute von der Eurogruppe und der EZB „behandelt“ wurden, und vielleicht darauf zu sprechen kommen, dass und wieso das jedenfalls in Mitteleuropa gar nicht so sehr in der Presse ausgebreitet wurde, was da vor sich ging – im Unterschied zu den „faulen Griechen“, die in der Sonne liegen und ‚unseren‘ Kredit verfressen …

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