Materialien zur Wertformdebatte

Anmerkung

Ein Textfragment, das ich nur noch in Papierform besaß. Es gehörte zu einem überambitionierten Projekt, in dem ich im selben Atemzuge Mängeln der marx’schen Kritik der pol.Ök. des Kapitalismus und Fehlern in deren Rezeption abzuhelfen trachtete. Das „Kapital“-Seminar, für das ich es begonnen hatte, und das die praktische Nagelprobe für den Versuch werden sollte, legte es ad acta. Es gibt mehr davon und ich bin mir noch nicht schlüssig, ob und inwieweit ich die Sachen noch einmal aufnehmen will. Daher erstmal nur die digitale Doku.

Trennung von Besitz und Eigentum

Im Kapitalismus ist „Besitz“ das Gesamtprodukt der Warenproduzenten, worauf das private Eigentum der Individuen jeweils Titel in der Preisform zieht. Vom Wert der Waren hieß es bis einschließlich des Abschnittes zum Austausch (bis Seite 108), er werde in deren Händewechsel realisiert. Die Schranke dieser Bestimmung ist zu beachten: Sie gilt ausschließlich für die Phase des Wertdaseins der Waren, die sie in der Preisform haben. Anschließend wird der Gebrauchswert der Waren realisiert. Erst die Realisation des Gebrauchswertes vollendet den (re)produktiven „Lebens“prozess der Waren, die, bitteschön, bestimmt sind, Einheit von GW und TW zu sein.

(Anmerkung 2021: Hier war programmatisch das Gesamtresultat der marx’schen Darstellung unterstellt: „Kapitalismus“ ist die Reproduktion eines spezifischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisses. Luxusgüter und Vernichtungswaffen sind also eingeschlossen …)

Werden Gebrauchswerte nicht oder nur teilweise realisiert, weil sie nicht taugen oder irgendwo „unterwegs“ verderben, geschieht reichlich Monströses. Ein Untergang der Gebrauchswerte hinterläßt Lücken im reproduktiven Prozess und Gewebe, die den im Händewechsel realisierten Werten zu einem gespenstigen Weiterleben verhelfen.

Diese Überlegung, die Marx erst im Abschnitt zur Warenzirkulation (S.121ff) vorstellt, soll hier nur für Eines stehen:
Der polarische Gegensatz der Wertformen führt im Händewechsel der Waren, folglich vermittels der Daseinsweise der Privateigentümer, zur Emanzipation des Wertes vom Warenkörper. Das geschieht nicht erst vermittels der historischen Gestalt der Geldformen, wohin Marx sie im „Kapital“ zweckmäßig gestellt hat, die Geldform ist vielmehr Resultat dieser im Austauschprozess bereits vorliegenden Bewegung.

Marx folgt in den „Grundrissen“ vielfach derselben Überlegung, zum Beispiel S. 151-157.

Mit den Geldfunktionen bekommt diese Emanzipation später zu untersuchende Verlaufsformen. In der Anatomie des Tausches war sie logisch ersichtlich. Im Verhältnis der Eigentümer erscheint sie in juristischer Gestalt (Keimform der wechselseitigen Anerkennung „als“ Privateigentümer). Sachlich – und das soll immer zugleich heißen: dinglich – existiert diese Emanzipation im Dasein der Privateigenümer selbst, in ihren produktiven und konsumtiven Bedürfnissen, was deren Gegenständlichkeit einschließt, das sind die entsprechenden Vermögen ihres jeweiligen Eigentums am gesellschaftlichen Besitz.

Was folgt daraus für das Verhältnis von Besitz und Eigentum?

Eigentum, schreibt Marx in den „Grundrissen“

meint … ursprünglich nichts als Verhalten des Menschen zu seinen natürlichen Produktionsbedingungen … als natürlichen Voraussetzungen seiner selbst, die sozusagen nur seinen verlängerten Leib bilden. Er verhält sich eigentlich nicht zu seinen Produktionsbedingungen, sondern ist doppelt da, sowohl subjektiv als er selbst, wie objektiv in diesen … anorganischen Bedingungen seiner Existenz. (Gr. S. 391)

Mit unseren bisherigen Kenntnissen können wir die Mängel dieser Formulierung eliminieren. Das Gesagte gilt, wenn es denn gilt, nicht für „den“, sondern „die“ Menschen – Marx wird es eine Seite später selbst sagen. Es gibt keinen verständigen Grund, Daseinsbedingungen auf „Anorganisches“ zu begrenzen und entsprechend lassen wir das blöde Attribut „natürlich“ fallen. Denn gemäß Marx eigenen Ausgangspunkten sind die Resultate vergangener reproduktiver Tätigkeit in die genannten „Voraussetzungen“ und „Bedingungen“ aufzunehmen. All diese Bestandteile bilden zusammen das Dasein und den Lebensprozess der Gemeinwesen, als deren Glieder menschliche Individuen leben.

„Jeder Einzelne verhält sich nur als Glied (eines) Gemeinwesens als Eigentümer und Besitzer“ (376)

In einer auf historische Verhältnisse gemünzten Formulierung:

Das Eigentum meint also Gehören zu einem Stamm (Gemeinwesen) (in ihm sugjektive-objektive Existenz haben … (392)

Es gibt keinen Grund, diese töricht einfache Wahrheit auf vorsinthflutliche Lebensverhältnisse zu münzen. Es ist die allgemeinste – Achtung: nicht „abstrakt“! – Bestimmung von „Eigentum“ in der Daseinsweise von homo erectus, was heißt, sie bleibt in allen darauf aufbauenden Formen und Gestaltungen gesellschaftlichen Eigentums erhalten.

Auf derselben allgemeinen Ebene können wir folglich bestimmen: Besitz ist – und kann nie etwas anderes sein – das tätige Anteil-Nehmen von Individuen an ihrem Gemeinwesen, dessen Gesamtheit ihr Eigentum ausmacht; also die Realisierung dieses Eigentums.

Diese Überlegung taugt hier einstweilen nur dazu, klar zu stellen, daß die spezifische Form der Trennung von Besitz und Eigentum, die wir in den Wertformen und deren Bewegung im Austauschprozess vorliegen haben, die Verwandlung von Eigentum in einen monetären Titel auf Besitztum an der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, auf ganz und gar abstrakte Weise vernichtend gegen den Besitz ausfällt. Es ist eine Aufhebung praktischer, tätiger Anteilnahme der Individuen am Gemeinwesen in die ideelle Form eines Titels auf privates Eigentum. Dieser Idealität, das wissen wir alle, ist ein gleichsam „entelechischer“ Auftrag zur Vermehrung einbeschrieben, was auf der anderen Seite des Pols regelmäßig dazu führt, Besitztümer in Nichts aufzulösen. Auch mit der Grundgestalt dieser „Entelechie“ braucht niemand jenseits des 3. Lebensjahres bekannt gemacht zu werden: Es ist die rohe, physische, militärische Gewalt, welche dem Verhältnis der Privateigentümer zugrunde liegt, die in der Bewegung der Waren fortlebt, in ihr eigene Gestalten und Gestaltungen entfaltet und rasch auch die Herrscher beherrscht. Deshalb erscheint dies Verhältnis im Austausch anders:

Aus dem Akt des Austauschs … ist das Individuum in sich reflektiert als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subjekt desselben … Setzen seiner als Mittel oder als dienend, nur als Mittel, um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Übergreifende zu setzen. (Gr. 156)

Beachte: Die Rede ist vom „Austausch“ von Warenproduzenten, nicht so historisierend allgemein, wie das anhand des isolierten Zitats erscheinen könnte. Die „philosophisch“ erscheinenden Schranken dieser vorbereitenden Überlegungen von Marx – fast könnte man meinen, er habe gerade Schopenhauer gelesen ;) – sind kein Fehler und auch kein Mangel, sie eignen tat-sächlich der Sache selbst, wenn wir das Bisherige zugrunde legen: Jener „Selbstzweck“, das „Herrschende und Übergreifende“ der Individualität ist ein im Warenverkehr erscheinender Reflex des Daseins des Eigentums eines Individuums nicht als Seines, nicht als Besitz, sondern als Bestandteil des Herrschaftsverhältnisses der Individuen, welches in der Warenform allgemein, und spezifisch in den Wertformen, im polarischen Gegensatz von relativer Wertform und Äquivalentform, exekutiert wird.
Die Freiheit des (Privat-)Eigentums erscheint im Dasein der Eigentümer als die Unterwerfung aller unter die Behauptung ihres Besitzes gegeneinander. Die Autonomie der Eigentümer ist identisch mit ihrer Heteronomie gegen die „Freiheit des Eigentums“.

Dies Verhältnis ist, behaupte ich, die Grundgestalt des Phänomens, das Marx zu verschiedenen Gelegenheiten bewogen hat, die Kategorie „Wert“ zu einer Art „automatischem Subjekt“ zu erklären, womit Generationen von Exegeten eine Menge Schindluder getrieben haben.

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