Die zirkulierende Bewegung der Begierde

Ich war reichlich perplex, als Google nur zwei Einträge zu dieser attributiven Bestimmung des Lustgewinns auswarf.

Der erste ist ein Kommentar zu Kalter Krieg der Geschlechter, von 2016:

„Krieg“?? Um welche BEUTE, bittscheen?

Vorab: Ich wurde letztmalig vor ca. 40 Jahren „sexuell belästigt“, wie das heute hieße. Ich war ein hübscher, schmalhüftiger langhaariger Twen mit sportlich gestähltem Po und wurde bei Jobs in Bäckereien, an Montagestraßen etc. mehrfach „Opfer“ vornehmlich jugoslawischer Frauen Ende Dreißig bis Mitte Vierzig. Zu meinem Vergnügen – nicht weil es mir geschmeichelt hätte, sondern weil es diese Frauen in meinen Augen verschönte. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr Verhalten proletarische Solidarität einschloß. Dequalifizierte Malocherei macht notgeil – jedenfalls jemanden, der jede Menge Eier unterm / im Bauch hat.

Zur Sache.
Kaum eine Metapher dürfte derart daneben sein, daß sie nicht auszuweiden wäre. So auch hier.
In der Tat haben etliche Verlaufsformen dessen, was heute (früher selbstverständlich auch, wenngleich ein klein wenig anders) als Geschlechterkampf in Erscheinung tritt, Merkmale kriegerischer Auseinandersetzungen. Umso mehr, desto inquisitorischer die Mittel und Maßstäbe, mit denen der „Krieg“ geführt wird. Eben deshalb ist ein Artikel, der „Krieg“ im Titel führt, und an keiner Stelle auch nur die Frage aufwirft, worum denn eigentlich gekämpft wird, vollständig daneben – und das ist, Hegel sei’s gepfiffen, ja nicht „Nichts“, gelle?

Stephan Schleim gibt – falls ich nichts übersehen habe – an keiner Stelle den inquisitorischen Standort auf, den ihm die derzeit in der „Intelligentia“ – und nur dort, schätze ich – prominenten Erscheinungsformen des Geschlechterkampfes vorgeben, obwohl er diese Erscheinungsformen doch zu kritisieren vorgibt.

Tja, Leute, das ist schon der erste Punkt: So geht Kritik gerade nicht! Anders gesagt: So geht nur polizeiliche „Kritik“. Ich will ja gar nicht unterstellen, daß der Herr Schleim sich zum Großinquisitor des Geschlechterverhältnisses aufwerfen mag, aber das ist es, was er tut, indem er Schadensbilanzen aufstellt, vermeintliche oder wirkliche, sei für einen Moment dahin gestellt. Mit Aufklärung hat das nichts zu tun, es ist frontal gegenaufklärerisch.
Wenn da ein „Krieg“ sein soll und Schäden zu bilanzieren, der Autor jedoch scheinbar nicht einmal auf die Idee kommt, nach dem Nutz und Frommen des Krieges zu fragen, dann usurpiert er diesen Nutz und das Frommen nach ganz demselben Prinzip, wie es der Vatikan zur Inquisistionszeit versucht hat, um seine Position als Semi-Staat zu wahren.

Ja, ja, ich weiß, die konventionelle – ich sage unkritische – Weise, die Frage nach dem Frommen zu beantworten, lautet: (sexuelle (klein geschrieben)) (groß geschrieben) Selbstbestimmung. Ausgerechnet auf dem Feld der Sexualität. Ja, dann geht doch bitte wichsen, sage ich, abermals, dazu! Ernsthaft! Dabei solltet ihr immerhin die Möglichkeit erhalten, zu erfahren, ihr vereinigt beide Sets Geschlechtsteile in euch „selbst“, wenngleich selten an euch „‚dran“.

Um’s „‚dran“ geht’s also, darum, daß ihr etwas besitzt, was euch nicht gehört.

Ja, wie kann es denn, verdammt, dazu kommen?! solltet ihr euch fragen. Was ist der Grund für diesen Kapitalschaden, der, allgemein gesprochen, allen bilanzierten Schäden zugrunde liegt?

Natürlich kenne ich eure Antwort. „Gott hat uns so erschaffen“, als „Individuen“ nämlich.
So, hat er das?
Wichser!

Gut gut, also der Reihe nach. Soviel stimmt immerhin, das Artgenossenverhältnis zwischen Männlein und Weiblein, zwischen Männlein und Männlein und Weiblein und Weiblein, ist „iwie“ vorgegeben, ist Voraussetzung des Geschlechterverhältnisses.
Aber dies Artgenossenverhältnis ist nicht das Geschlechterverhältnis. Das sagt ihr selbst! Wär’s anders, ihr würdet euch dazu stellen, wie zur Kopulation von Hunden und Katzen. Ja, aber dann tut halt auch nicht so, als ob das Geschlechterverhältnis von Gott käme, nämlich einerseits Gott in Gestalt des Pan mit der Flöte und andererseits Gott in Gestalt eines Heiligen Geistes und Obersten Richters über die sündigen Flötentöne. Gebt doch nicht die Ur-Sache des Geschlechterverhältnisses als seinen Grund aus!

Ursache und Voraussetzung des Geschlechterverhältnisses ist die Aufteilung DES Geschlechts auf zwei Seelen.
Ihr wißt nicht, was „Seele“ ist? Tja, da habt ihr gleich den Grund genannt bekommen, das wissen Gottgläubige prinzipiell nicht.
Ein menschliches Tier ist Leib, ist Intellekt, Geist (=Welt), Wille, Gefühl (die Form, die ein Wille in der Unmittelbarkeit hat) und als tätige – TÄTIGE – Einheit all dessen ist es Seele. In der Seele ist kein Platz für Gott, für „Prinzipe“ oder, prosaisch gesagt, einen herrschaftlichen Willen.

Einen Schritt zurück. Die o.a. Trennung zwischen „Besitz“ und „Behör“, altertümlich „Gattungsverhältnis“ genannt, unterscheidet sich nur in einem Punkt von der Trennung zwischen Leib und außerleiblichen Bestandteilen eines menschlichen Daseins, die in Summe das Eigen-tum dieses Daseins sind, Wärme, Luft, Wasser, Nahrung und die Quellen, aus denen diese vier Bestandteile kommen. Es ist die Trennung zwischen zwei Seelen, deren Dasein den „Beweis“ antritt, daß sie alles andere o.a. Eigentum teilen.
Oder nicht teilen? Sind wir da vielleicht auf eine, auf die Fährte zum „Problem“ des Geschlechterverhältnisses gestoßen? Was ist – Gedankenexperiment – wenn zwei Seelen ihr Geschlecht teilen können (vielleicht ist da gar ein sollen im Spiel…?), aber die anderen Bestandteile ihrer Seelen, ihres Daseins nicht?

Wenn menschliches Dasein nicht Produkt und Verlaufsform einer Naturkatastophe, ja, die Katastrophe an sich selbst ist, dann entstammt die Trennung von Besitz und Behör, die – jetzt schließe ich die Überlegung kurz – dazu führt, daß die Seelen (Individuen) ihr geschlechtliches Dasein notorisch als ein Zubehörverhältnis abwickeln, das vor und nach dem geschlechtlichen Akt beständig in Revision, beständig in Frage steht und also beständig auf kontrollierte Festigkeit – statt Fluß – berechnet wird, einem übergeordneten herrschaftlichen Willen, der einem abstrakten Eigentum, statt des Daseins der Individuen gilt, das aus der außermenschlichen Natur ein Eigentum erst aushebt.

Das Elend des Geschlechterverhältnisses entstammt dem Umstand, daß ein herrschaftliches Verhältnis ein Anknüpfungsmoment im geschlechtlichen Verhältnis der Seelen hat. Ich wiederhole mich. Die zirkulierende Bewegung der Begierde zerfällt immer, gegenüber JEDEM Gegenstand, auch Gegenständen der Bearbeitung, einem Stück Holz zum Beispiel, in die zwei Phasen Aneignung und Hingabe, und diese Phasen sind im Geschlechtsverkehr so wenig trivial, wie Seelen an sich trivial sind. Geschlechtsverkehr erfordert stets Überwältigung und Opferung – auf beiden Seiten, reziprok, komplementär. Das „Eindringen“ des Mannes in die Frau ist eine stets neue Zudringlichkeit, doch ist er da, ist er ergriffen und hat zu opfern. Die Neandertaler wußten es, diese Bewegung ist erster Kultgegenstand. Mit Ende des 19. Jhd., mit der gewaltsamen Unterwerfung aller Kultur unter die Urbanität, vergaßen es seine Nachfahren.

Ich rede Unsinn, ich weiß. Ab hier wäre mit der Kritik des Unkritischen erst zu beginnen. Umständehalber belasse ich es bei einem Paradox. Stephan Schleim lobt Simone de Beauvoir (und jetzt auch Judith Butler) über den Klee, aber sein Text ohrfeigt beide vom ersten bis zum letzten Wort, und zwar allein mittels der anfangs angemeckerten Auslassung der Frage nach dem „Worum“ des Krieges, nach dem Nutz und Frommen, dem Grund oder wenigsten Gründen des vorgefundenen Geschlechterverhältnisses. Mittels dieser Auslassung ist die gesellschaftliche Natur des Geschlechts implizit auf die biologische Natur der Individuen abgewickelt, ergänzt um eine moralische Natur, in welcher „Gesellschaft“ nurmehr als Kontrollinstanz präsent sein kann. Instanz der Selbst- und Fremdkontrolle und eines Ausgleichs beider. Das Geschäft des Pfaffen.


Wie konnte ich meinen genialen Text vergessen? Tja, alt werden ist …

Der zweite Eintrag (mitsamt Fehlern):

Zu A. Roedig, Penetration für alle! (2010)

Bezeichnenderweise hat niemand in diesem Thread auch nur den Versuch unternommen, die folgende Passage des Artikels, die ihn zuspitzte, auch nur zu analysieren, geschweige zu kritisieren:

„Vielleicht sollte man heute Schwarzers altes Verdikt einfach umdrehen und ein generelles Penetrationsgebot aussprechen – für beide Seiten. Das Motto hieße demnach: Männer, Sexuelle Praktiken sind performative Akte, sie stellen über Körpersensationen Lust- und Machtkonstellationen her. Es verändert einen Menschen, wenn er die Erfahrung von Penetration in seiner aktiven und passiven Form macht. Eine Gesellschaft, in der die sexuellen Rollen wirklich rotieren, wird anders aussehen.“

Ich entdeckte in den Kommentaren nicht einen Ansatz, der so eine Kritik erlaubte.

Der Begriff innerhalb des Absatzes, der ihm eine gewisse Konsistenz verleiht, ist buch-stäblich versteckt, er lautet:

Lustkonstellation

OhHauaHa, watt’n dat?

Ich brech das über’s Knie, weil ich’s derzeit wg. Entnervung eh nicht anders kann, und lege den Gedanken insbesondere Crumar ans Herz, der immerhin recht nahe dran war:

Im Unterschied zum Raub ist das Ziel des Kaufes nicht der Gebrauchswert in fremder, sondern der Titel in eigner Hand, der soll mittels seiner Veräußerung realisiert werden.

Mancher Mann hat sich hier über die Vorstellung, er solle „mit harten Gegenständen“ traktiert werden, empört, indigniert, Abscheu empfunden, doch keiner machte den naheliegenden Schritt, zu fragen, woher denn die penetrierende Frau, die allenfalls ihre Hand benutzen kann, ihre Lust daran beziehen und worin die bestehen soll, obwohl der der zitierte Absatz es doch ausspricht:
Performanz von etwas , das die Autorin „Hingabe“ nennt, obwohl es doch keinen Gegenstand der Hingabe gibt, weil die Frau nun einmal keinen Schwanz hat, an den sich Mann hingeben könnte!
Ergo: Die „Hingabe“ ist nichts weiter , als „Performanz“, es ist also dasselbe, was die besprochene „alte“ Frauenbewegung unter dem Titel Penetration zu skandalisieren versuchte – mit beträchtlichem Erfolg – weibliche Duldsamkeit gegenüber einer als „männlich“ konnotierten bis verschrienen Begierde.

Doch was ist denn das für eine „Begierde“? Bzw.: Was soll sie sein? Denn der Absatz fordert sie ja nun auf Seiten der Frauen ein, nur ohne sie noch so zu benennen. Männliche Duldsamkeit  soll nicht  begehrlich sein, wie sie auf Seiten der Frauen damals wie heute üblichenfalles war und ist – denn die Frauen sind nicht mehrheitlich frigide Zicken, die Männer allein zu deren Lust und Freud über sich lassen – sondern pur moralisch. Und dieser moralische Übergang steckt in dem Ungetüm, das ich oben erst zur Hälfte zitierte:

Lust- und Machtkonstellationen

Eine banal offenherzige Apologie der Sexualität bzw. ihres Einsatzes als Mittel , und zwar als Mittel der Konkurrenz, und obendrein präzise und genau in der Form eines Zahlungsmittels im geschlechtlichen Verkehr!

„Gleiche Münze“ fordert Andrea Roedig, und da die physiologisch nicht zu haben ist, verlangt sie sie moralisch.

Mich ekelt eure zweckmäßige Beschränktheit nur noch an, deshalb schließe ich einfach mit:

Kehrt doch zurück zum Raub!
Anders kriegt ihr die zirkulierende Bewegung der Begierde eh euer Lebtag nicht auf die Reihe!
Baut doch die Sado/Maso-Buden zu Kirchen und Kapellen aus, schafft Liturgien und Rituale, opfert Männer und Frauen, Knaben und Mädchen auf den Altären.
Vielleicht nimmt das wenigstens der Kinderfickerei und den anderen Formen ziviler bis fast schon halbmilitärischer Brutalisierung des gesellschaftlichen VErkehrs einen Teil der Energie.


Nun ja. Mein Begriff (der zirkulierenden Bewegung) der Begierde ist mindestens 300.000 Jahre alt. Das Phänomen der Hybridisierung zwischen erectus-Nachkommen, die sich genetisch weit voneinander entfernt hatten, beweist es – zumindest nahezu.
Und dabei geht es um praktisch alles, was „Mensch“ vor und nach dem Geschlechtsverkehr treibt. Menschliche Aneignung eines Bedürfnisses – üblicherweise „Gegenstand des Bedürfnisses“ genannt – bedarf der zirkulierenden Bewegung, sprich der Her- und Drangabe an die „Götter“, sonst endet der Prozess und Mensch bleibt ein Hund.
Die Bewegung umfaßt buchstäblich alles, namentlich das Sprechen. Sobald unsere äffischen Vorfahren die Kreativität entwickelten, nicht nur Signale, sondern Mit-Teilungen zu entsenden und zu empfangen, begann der Prozess.

Dies ist nur ein Aufreißer-Eintrag. Das sozusagen „echte“ Thema gedenke ich mit umfangreichen Exzerpten aus Georg Litsches „Theoretischer Anthropologie“ anzugehen. Könnt ja mal reinlesen.

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Eine Antwort zu Die zirkulierende Bewegung der Begierde

  1. tgarner9 schreibt:

    Jean Piagets Schema von „Assimilation und Akkomodation“, Grundbestandteil seiner Entwicklungspsychologie, ist eine Gestalt der „zirkulierenden Bewegung der Begierde“, allerdings – dies macht das Schematische aus – auf der Basis der genau fünf intellektuellen Operationen, die Piaget als vollständigen Set des Instrumentariums intellektueller Aneignung identifiziert, und deren Entfaltung auf aufeinanderfolgenden Stufen kindlicher / jugendlicher Entwicklung er verfolgt hat.

    Ein Artikel von Georg Schuster fälscht dies komplett:
    https://www.heise.de/tp/features/Paedagogik-der-Vaterlandsliebe-5063842.html

    Und das ist ein gutes – weil auch biographisches – Beispiel dafür, warum ich mich mit dem Thema seit 30 Jahren immens schwer tue.

    Für den Moment habe ich bei TP nur folgenden, defensiven Kommentar hinterlassen:
    Piaget komplett gefälscht
    Ein echter „Nachweis“ sprengt den Rahmen eines Kommentars, aber merken könnt ihr das an diesem Piaget-Zitat aus dem Artikel, das ich mit Hervorhebungen versehe:

    „Die Intelligenz ist die Anpassung par excellence, das Gleichgewicht zwischen einer dauernden Assimilation der Dinge an die eigene Aktivität und der Akkommodation dieser assimilatorischen Schemata an die Objekte selbst.“

    Urteile sind in dieser Beschreibung einer Bewegung nicht enthalten und nicht präjudiziert! Piaget hat vielmehr versucht, den Anpassungsbegriff der Folter-Pädagogik pädagogisch zurück zu weisen.
    Die „Gleichgewichtsbedingung“ ist der Hinweis, daß die beschriebene Bewegung autonom (gesetzt) ist, daß sie den Maßstäben des Subjekts folgt und ihnen auch genügen muß, wenn sie gelingen soll.
    Der abstrakt – allgemeine Inhalt dieser Bewegung ist bei Piaget dasselbe, was in der marxistischen Tradition „Aneignung“ heißt.
    Schuster kommt merkwürdigerweise nicht auf die Idee, Marx / Engels zu Anpassungsfanatikern zu erklären, weil sie epistemisch den Begriff der „Aneigung“ (der Objektwelt) verwenden …

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