ZBB – Teil 0, Begriffsklärungen

Grünspans Kommentar hat mich aus der ohnehin stockenden Bahn meiner Vorbereitungen befördert und das wird wahrscheinlich von Nutzen sein. Ich sage „wahrscheinlich“, weil der „Nutzen“ zwei unbekannte Referenten hat – erstens Effekte kommender Texte auf User, zweitens Effekte der zu Untenstehendem angestellten Überlegungen und Formulierungen derselben auf den Verfasser. Womit ich mich in medias res des Wort- und Begriffsfeldes um Determinismus herum befinde.

Eine korrupte Definition

Definitionen haben per definitionem eine Tendenz zur Korruptheit, ich könnte im Vorgriff auf Späteres auch sagen: eine korrupte Phase. Der Verfasser einer Definition und ihr Nutzer begehen einen vorsätzlichen Akt der Willkür, der eine Handlung recht-fertigt, eine Arbeit be-gründet, die per definitionem nicht willkürlich sein soll.

Der Grund oder die Gründe für eine definitorische Formulierung stehen in erster (!) Instanz nicht zur Debatte der auf sie gegründeten Überlegungen, Handlungen, Arbeiten. Solche Gründe sind darin also – ob „gut“ oder „schlecht“, ist erstmal wurscht – zu Motiven herab gesetzt, die Tätigkeiten leiten, in denen sie fraglos gesetzt sind. „Korrupt“ ist das im Hinblick auf mögliche Handlungszwecke zu nennen. Solche Zwecke bleiben in definitorischen Motiven allenfalls mittelbar referenziert, falls überhaupt.

Die Reinkultur davon ist die scholastische Vorschrift: „definitio fi(a)t per genus proximum et differentiam specificam“.
Definitionsarbeiten im Rahmen klassifikatorischer Tätigkeit folgen derselben Vorschrift. Es sei anzugeben, lautet sie, welche Merkmale eines referenzierten Objektes rechtfertigen sollen, es einem spezifischen Oberbegriff (genus proximum) zuzuschlagen, und welche Merkmale der Klassifizierende für geeignet hält, den Oberbegriff mit dem definierten Objekt spezifisch zu gliedern (differentiam spezificam).
Klassifizieren ist und bleibt eine „ehrenwerte“, nicht im Mindesten korrupte Tätigkeit, weil und so lange ihr Zweck in der Bildung von Oberbegriffen aufgeht und erschöpft wird. Dann folgt das Verhältnis von Ober- und Unterbegriffen einem identischen Zweck, weil sie einander wechselseitig referenzieren (sollen).
Ich habe vollstes Verständnis für Leser, denen diese Sätz zu abstrakt sind. Aber ich muß ihnen auftragen, das Gesagte anhand einiger ausgewählter Lexikon-Einträge selbst zu erarbeiten, diesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fische, https://de.wikipedia.org/wiki/Knorpelfische, https://de.wikipedia.org/wiki/Knochenfische, https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischflosser, https://de.wikipedia.org/wiki/Lungenfische, https://de.wikipedia.org/wiki/Kladistik#Verwandtschaftsverh%C3%A4ltnisse

Andernfalls werd ich wohlmöglich mit diesem Eintrag in meiner Lebenszeit nicht fertig ;)
Der „Witz“, den eure Arbeit zutage bringen soll:
Kein Fisch ist Objekt klassifikatorischer Tätigkeit. Sondern die Abstammungsgeschichte von Fischen (gegenständlicher Plural). Willkürlich daran ist jetzt nur meine Begrenzung auf Fische. Eigent-lich bezieht sich der angeführte Ausschnitt aus der Kladistik auf alle Wirbeltiere, aber ich denke, jeder von euch mag taugliche Gründe für eine solche in erster Instanz willkürliche Beschränkung zu ersinnen.

Letzteres liefert den Übergang für folgenden ohne zusätzliche Begründung vorgetragenen Schluß:
Die Kladistik, von mir zur gegenständlichen Demonstration einer in klassifikatorischer Arbeit gebundenen Tätigkeit des Definierens, hat keine „Ordnung“ zum Zweck und Ziel, sondern eine ordnende Tätigkeit. Das ist nicht dasselbe. Die Ordnung, konkret die Klade, tritt zwar als Ziel und Zweck der Tätigkeit auf, aber das geschieht nur weil und insofern sie Mittel des kladistischen Tuns ist.

Mit den Resultaten der kladistischen Tätigkeit gehen dann Zoologen und Biochemiker daran, phylogenetische, ontogenetische, funktionelle Zusammenhänge, in denen ihre Gegenstände stehen, die Anatomie und Biochemie von Fischen oder anderen Wirbeltieren, bei ihren Untersuchungen zu berücksichtigen, auf die sie ohne die Arbeit der Kladistiker nicht gekommen wären.
Und dann?
Ja, dann zeigt sich von neuem, daß die Arbeit der Zoologen und Biochemiker die Arbeit der Kladistiker erst begründet.

Anmerkungen

  1. Ein Anthropologe – vielleicht Gregory Bateson, ich habe es vergessen – berichtete in einer Anekdote von einem Kollegen, der eine Ausbildung als Botaniker hatte, und irgendwann vor 100 Jahren zu den Khoisan reiste, um deren Sprachen zu studieren. Er gewann dafür einen Medizinmann, der bei ihrer Bekanntmachung offenbar entzückt zur Kenntnis nahm, daß der Anthropologe Botaniker war. Zu den nächsten Treffen schleppte der Medizinmann stets eine Anzahl Pflanzenproben an und machte sich mit dem Wissenschaftler über die Klassifizierung her. Der Wissenschaftler bemerkte, daß die Klassifizierungsmethoden und Kriterien des Medizinmannes einen beträchtlichen Verwandtschaftsgrad zu den seinen aufwiesen, andererseits Maßstäbe und Deutungen enthielt, die einem „mythologischen Universum“ entstammten.
    So ging das eine Weile und der Kollege traute sich nicht – nach seinen eigenen Worten – auf den Sprachunterricht zu drängen, weil der Medizinmann von der Botanisiererei sichtlich merklich begeistert war. Der Anthropologe legte eine gute Portion Eitelkeit in diese Begeisterung, er glaubte, der Medizinmann fühle sich geschmeichelt und aufgewertet, mit IHM auf der botanischen Ebene „von gleich zu gleich“ zu verkehren.
    Dann fragte er nach dem Sprachunterricht und kassierte eine irritierte und verletzte Reaktion. Die Botanisiererei war der Sprachunterricht nach den Begriffen des Medizinmannes.
  2. Wenn ich Jean Piaget richtig kapiert und in Erinnerung habe, ist die Arbeitsweise, die ich oben so umständlich charakterisiert habe, in fast allen Bestandteilen eine autonome Erwerbung gesunder Kinder, die ab dem 6. bis spätestens zum 8. Lebensjahr zu ihrem intellektuellen Reperoire zählt. Die fehlenden Bestandteile gehen auf logische Operationen zurück, die Kinder erst in späteren Jahren (normalerweise bis zum 13. Lebensjahr) erwerben, ebenfalls mehr oder minder autonom. Sie erfinden das.
    In der Gesamtheit zählt diese Arbeit zum Spracherwerb, welcher allerdings nicht die einzige Quelle ist.
    1. Ein Hinweis auf die historische Identität von „Sprache“ im Sinne eines lexikalischen und grammatischen Apparates, „Logik“, Klassifikation und der Arbeit des Definierens findet sich dankenswerterweise im Wikipedia-Eintrag zu „Definition„:
      In der Äquivalenzdefinition wird der zu definierende Ausdruck (Definiendum) und der definierende Ausdruck (Definiens; Plural: Definientia) mit Hilfe einer Kopula verbunden, die ausdrückt, dass zwischen Definiendum und Definiens eine Äquivalenz besteht, d. h., dass der erste Ausdruck dem zweiten intensionsgleich ist.
      Das klassisch-griechische Begriffsgefüge wurde bei der Übersetzung in das Lateinische aufgespalten in definire / definitio und determinare / determinatio. Dabei ist die definitio (Begriffs-Erklärung) vom zu definierenden „Objekt“ her, die determinatio (begriffliche Festlegung) vom definierenden „Subjekt“ her bestimmt. Für die klassisch-griechische Denkform war beides noch in einem einzigen Begriff zusammengefallen.

      Es handelte sich bei den alten Griechen mengentheoretisch um eine Abbildung einer Klasse von Objekten auf sich selbst, nicht auf eine andere Objektklasse.
      NB: Vor dem Hintergrund der altgriechischen Gesellschaft sollte klar sein, daß von einer Herrensprache, einer Sklavenhaltersprache die Rede ist, ein spezifisches, teilweise bis heute tradiertes Idiom. Von der römischen Spur der „Determination“ wird später die Rede sein.
    2. Mit dieser historischen Identität und ihres Daseins als Herrensprache sind zu meiner Zeit auch viele Hauptschüler bekannt gemacht worden: Mit dem Höhlengleichnis Platons. Die Römer überschritten den „Rubicon“, die platonische Ideenwelt in eine Objektwelt zu stellen. Implizit machten sie damit den Übergang zur monotheistischen Begriffswelt, den Plato bereits explizit gemacht hatte, allerdings unter dem Vorbehalt der Exilierung eines „einzigen“ Herren eines „einzigen“ Reiches in das mystische Universum seiner Vorfahren. Auch davon wird noch zu reden sein.

Als nächsten Punkt hatte ich mir vorgenommen, zu diskutieren, was geschieht, wenn Klassifikationsschemata auf eine ungegenständliche Begriffswelt angewendet werden.
Ein Vorbild für die Verfahrensweise, die dabei zur Anwendung kommt, hat abermals Plato geliefert, in der Dihairesis.

Dazu komme ich nicht mehr, noch weniger zu der Erklärung, warum ich folgende Definition im Wikipedia-Eintrag zu „Determinismus“ doppelt korrupt nenne:

Der Determinismus (von lateinisch determinare ‚festlegen‘, ‚Grenzen setzen‘, ‚begrenzen‘) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.

Ich schicke das unvollständige Teil dennoch ab, damit schon mal was gemacht ist, auch zur eigenen Verpflichtung, und mit dem Hintergedanken, daß, je kürzer der Eintrag, je größer die minimale Chance, daß jemand die gegebenen Links nutzt und die verlangte Eigenarbeit leistet …

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