Was Narrative sind und was nicht

Das Thema ZBB setze ich iwie iwann fort, wenn ich mir über einiges im Klaren bin.

Einen mittelbaren Bezug dazu hat auch dieser Archiveintrag. Es geht da beispielhaft um ein Narrativ, eine unbedeutende Episode aus der Zeit der Wende des Syrienkrieges 2013, die darin bestand, daß der US-Präsident Obama Neocons, Libdems, Militaristen und zuförderst seinen eigenen Außenminister (Kerry) ins Abseits manövrierte, die dem Präsidenten mit der False-Flag-Operation in Al Ghouta den Befehl zu einem Enthauptungsschlag gegen Syrien abzuzwingen gedachten.

Der Rest ist hoffentlich selbsterklärend und zeigt, wie ich seinerzeit, als ich noch bessere Nerven und Geduld hatte, hoffte, Leuten was beizubringen:

(User1):

11 UNO Mitarbeiter in Syrien von Terroristen getötet? Ist da was dran? Mir ist nicht bekannt dass es schonmal so ein Vorfall gab und dann nicht eingegriffen wurde.

User2:

@User1, doch das stimmt. In einer Pressekonferenz hat das UN-Sekträterin Valerie Amos zugegeben. Außerdem seien einige noch verschleppt.
(Link zu einer Sekundärquelle)
In letzter Zeit häufen sich einfach die schlechten Nachrichten über die „Rebellen“. Ob das auf ein bestimmtes Ziel hinläuft, diese dann fallen zu lassen?

TomGard:

@User1,2
Nein, stimmt nicht.
Inner City Press berichtete (und korrigierte sich seither nicht), daß V. Amos auf Nachfrage angab, „11 Mitarbeiter“ in UN-finanzierten Projekten seien „in Syrien getötet“ worden. ICP fragte beim zuständigen Koordinator nach, wo, wie, und bei welchen Projekten welche Mitarbeiter umgekommen seien, und erhielt „no comment“. Auch der Verweis auf „Entführungen“ ist nicht als Angabe über die Täter zu nehmen, da, wie auch hier bekannt geworden sein dürfte, Entführungen einer Seite in Syrien oftmals mit Entführungen von der anderen Seite beantwortet werden.
Spekulationen sind oft notwendig, aber in diesem Fall gehen sie fehl.

User1:

@Tom
hmmm, du schreibst es doch selber, dass 11 UNO Mitarbeiter in Syrien umgekommen sind. Stand irgendeine andere Frage zur Debatte oder hab ich Dich falsch verstanden

TomGard:

Anlaß zu Spekulationen gab doch die Behauptung, Valerie Amos, oder ein anderer Verantwortlicher der UN, hätten öffentlich behauptet, UN-Mitarbeiter seien von Rebellen ermordet worden, und das stimmt halt nicht. Der plausible Rückschluß, es müsse wohl so sein, weil es keine Beschuldigungen gegen „Regierungskräfte“ gibt, ist nicht gleichwertig.

User2:

ich habe soeben das Video dieser Pressekonferenz gehört und (wird) eigentlich ziemlich deutlich, dass es um die Rebellengruppen geht. Auch wenn der Sprecher nach der direkten Pressekonferenz drumherum redet, dass es in jedem Krieg Tote gibt. Auch bei den Entführern handelt es sich um Rebellengruppen.
@TomGard, ich vermute dein Englisch besser als meins und du kannst da genaueres raushören.

TomGard:

@User2, der Satz, in dem Amos von „verschiedenen Gruppen“ spricht, bezieht sich eindeutig auf „Drohungen gegen UN-Mitarbeiter“, nicht Todesfälle.
Aber ich erlaube mir mal, das zu Anlaß für eine meiner gehaßten allgemeinen Bemerkungen zu nehmen.

Der „Witz“ und allgemeine Zweck des Gewaltgeschäftes, zu dem auch alle diplomatischen Vorgänge, einschließlich dieser Pressekonferenz, zählen, besteht darin, aus Fakten Narrative zu verfertigen, um diese Narrative in die Fakten einzusetzen. Buchstäblich. D.h., das Resultat des Gewaltgeschäftes ist, daß die Narrative Fakten WERDEN.
Dann gibt es halt keine anderen Fakten, mehr, als die gewaltsam durchgesetzten Narrative.
Der allgemeine Begriff dafür (nach dem ich ein Beispiel bringe) stammt von Hegel und lautet:
„Abstraktionen in der Wirklichkeit durchsetzen, heißt Wirklichkeit zerstören“.

Beispiel: Das Gesetz „Du sollst nicht töten“ schafft, wenn es durchgesetzt wird, alle vorgefundenen und und neu in Erscheinung tretenden gesellschaftlichen Verhältnisse „aus der Welt“, welche Individuen zweckmäßigenot-wenige oder gar un-ausweichliche Gründe liefern, andere Individuen zu töten, und ersetzt all diese Gründe und Zwecke durch den einen Grund, dem Gesetz „Du sollst nicht töten“, zur Durchsetzung zu verhelfen.

Im Resultat schrumpft der gesellschaftliche Vorgang eines Mordes tatsächlich zum Gesetzesverstoß zusammen, während alle Gründe und Zwecke des Tötens zu Motiven ver-klärt werden, die Individuen in ihren dunklen Seelen hegen, einem Raum, der gegenüber der Gesellschaft für transzendental erklärt wird, das heißt, sie werden im gerichtlichen Prozess von der Ebene gesellschaftlicher Vorgänge getrennt, und einer Ebene der Auffassung von ihnen und Einstellung zu ihnengewaltsam zugeordnet.

Das IST dann auch so.
Wenn der Richter sagt: „Der Täter befand sich in einer außergewöhnlichen Notlage“, nimmt das die Tat-Sache nicht zurück, daß er ihn wg. „Mord (Totschlag) aus Habgier“ „zur Erzielung eines finanziellen Vorteils“ verurteilt, und dies ist die gesellschaftliche Tat. Das psychologische Beiwerk, das er hinzuquatscht, illustriert den transzendentalgesellschaftlichen, gerichtlichen Fakt nur mit der Umgebung, aus der er kommt, und in die er eingeht.

Das Beispiel soll gleich dafür stehen, daß alle moralischen Urteile Bestandteil des Gewaltgeschäftes und dazu da sind, Fakten durch den Wahn herrschaftlicher Gewalttätigkeit zu ersetzen. Moralische Individuen leben in einer reinen Wahn-Welt.

Ergo:
Falls die 11 UN-Mitarbeiter von der Hand der Rebellen starben, die imperiale Mächte gegen den Bösewicht im laufenden Geschäft benutzten, dann stellt ihr Tod eine Verpflichtung dieser Mächte auf den Sieg dar, der klar stellen soll – in der Zukunft – daß der „eigentliche“ Täter, der zwar nicht das Messer führte, sie zu köpfen, aber das Motiv lieferte, es zu tun … Bashar al Assad gewesen sein wird.
Vielleicht wird dann auch der eine oder andere Kopfabschneider getötet oder verurteilt, nach dem oben schon vorgestellten Muster, weil Bashar zwar für den Tod des Opfers, aber nicht für die Tat zuständig gemacht wird.

In dieses Wahn-Geschäft mische ich mich nach Kräften nur ein, insofern es seiner Entlarvung dienlich sein kann – nicht aber, um es gegen irgend welche Schlächter, Büttel oder ihre moralisch-ideologischen Henkersknechte zu wenden.

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Eine Antwort zu Was Narrative sind und was nicht

  1. tgarner9 schreibt:

    Ein historisches Beispiel für die Spezifik von Narrativen für gesellschaftliche Straten fand ich an gleicher Stelle in meinen „Zetteln“.
    „Straten“ – das sind in erster Gliederung „Volk“ und „Elite“, in zweiter die konkurrierenden Fraktionen in den jeweiligen Eliten (ökonomisch und politisch), die entsprechend ihren jeweiligen Agenden „Versionen für’s Volk“ im Institut der demokratischen Öffentlichkeit ausstreuen; wobei und wodurch „Volk“ ebenfalls wieder gegliedert WIRD – in erster Linie natürlich gemäß politischer Gefolgschaften aber nicht allein in solche.
    Das Beispiel:
    George Friedman (Stratfor):
    https://worldview.stratfor.com/article/syria-america-and-putins-bluff
    Im Resultat entwirft das Friedman’sche Narrativ ein Strategem, den Chaos-Vögeln „gute“ und „patriotische“ Gründe für einen Verzicht auf die Syrienintervention nahe zu legen, die Obama absehbar im Kongress vereiteln zu lassen gedachte – zugunsten eines neuen, „besseren“ Schauplatzes: Ukraine.
    Im Rahmen des von Friedman und seinen Mitstreitern wirksam gemachten Narrativs, jedoch auch weit über dieses hinaus (begründen werde ich das nicht) ging der Ukrainekrieg zu Lasten der USA. Profitiert haben Russland, das UK und die NATO in der Gestalt einer zunehmend autonom werdenen militärischen Macht.
    Das war allerdings ziemlich absehbar – spätestens nach der Annexion der Krim, nach welcher der Krieg von amerikanischen Akteuren (namentlich Kerry, Nuland und den US-Nato-Generälen) erst recht eskaliert worden ist.
    Das ist kein schlechtes Beispiel für einen herrschaftlichen Wahn von Militaristen. Politische Resultate scheren sie nicht. Sie hatten Obama und seiner Gefolgschaft auf der Grundlage eines Narratives, das Friedman beispielhaft vorerzählt, Rache für die Niederlagen in Syrien geschworen und setzten sie ins Werk.

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