Herrschaft, Benevolenz, Inquisition

Kürzlich habe ich Muammar Gaddafi „meinen Freund“ genannt. Naja, er hatte keine Gelegenheit, das zu erwidern.

Ich sollte einfügen: Der Eintrag handelt nicht von Gaddafi, ich beziehe mich nur zur einleitenden Umschreibung meiner Begriffswahl auf ihn.

Die Gründe für meine Freundschaftserklärung sind vielfältig, hängen nicht mal alle sonderlich direkt zusammen, aber ein starkes Bündel davon hat damit zu tun, daß halbwegs verständige Beobachter Muammar einen „benevolenten Despoten“ genannt haben. Das war er, gewiß, aber es war nur eine Hälfte des Phänomens, das der seinerzeitige Leiter der „Crisis Group“, der nach der Pfählung des Mannes hinwarf, allegorisch charakterisierte, indem er Gaddafi die Personifizierung der antikolonialen Revolution in Libyen nannte – nahezu das Einzige, was von dieser Revolution übrig geblieben sei, die bis auf Restbestände, über die er die Hand gehalten hatte, um ihn herum abgerissen worden war.
Auch das stimmt ziemlich genau, behaupte ich, und beziehe mein Wissen nicht nur aus meinen Kenntnissen über Land und Staatswesen vor 2011, die sehr unzureichend sind, sondern vor allem daraus, daß ich diese Kenntnisse gegen Gaddafis Reden und v.a. seine Veröffentlichungen gehalten habe, namentlich „Escape To Hell“.

Nun wird natürlich fast jedermann an Moral bzw. Moralität denken, wenn das Wort „benevolent“ fällt. Falsch. Dafür gibt es das Attribut „wohlmeinend“, heute vielfach abfällig „gutmenschlich“ geheißen. „Benevolent“ hat im republikanisch / demokratischen Bürgertum die Attribute „gnädig“ und „gütig“ für einen HERRN ersetzt. Es wäre in einem theoretischen Sinne nicht falsch, wenn man im Zusammenhang mit „benevolent“ an Ethik und Ethos dächte, aber in der Praxis wäre es voll daneben, einfach deshalb, weil seit ca. 2000 Jahren (ich denke hier exemplarisch an Marc Aurel) kein HERR mehr einen zutreffenden Begriff von Ethos hat und deshalb auch nur wenige aus dem Stand der „geistigen“, intellektuellen Speichellecker einen hatten (ob heut überhaupt noch jemand, sei dahin gestellt; Giordano Bruno ist ebenso hingerichtet worden, wie Jeanne d’Arc, Spinoza blieb verschont, weil sogleich vergessen, Goethe hatte westöstlich idolatrischen Krüppelbegriff davon und die Marxisten, falls sie sich je einen Begriff machten, kehrten ihn wohlmeinend unter den Tisch …)
Aber ich verzettele mich …

Okay. Benevolent, gleich „gnädig“ und „gütig“, heißt nicht, daß solch ein Herr niemals foltern, schlachten und mordbrennen ließe – im Gegenteil, „gnädig“ deutet das an. Vergewaltigen läßt er allerdings nicht, denn seine Gewalt soll stets tatsächlich, nicht vorgeblich, einem „höheren Zweck“ dienen.
Natürlich liegt der „höhere Zweck“ stets im Auge des Betrachters, und das begründet die gewollte, zweckmäßig(!) Ambiguität des Attributes „benevolent“. Das Bürgertum radikalisiert den theologischen Herrschaftsbegriff , indem er dessen monotheistische Wurzel säkularisiert. Anstelle des „wahren“ Gottes soll „Natur“ und, letztlich, „Kosmos“ HERRSCHAFT begründen, nämlich gemäß dem mechanischen Kausalitätsbegriff des Christentums.
Davor stand in der ständischen Oberherrschaft des Katholizismus über eine feudale Welt hermetisch ein Begriff der Offenbarung und der göttlichen Gnade.

Die Inquisition war die katholische Antwort auf den Umstand, daß die antagonistischen Widersprüche der inmitten des Feudaleigentums exponentiell wachsenden „Gesellschaft des Geldes“ das zugleich Arbiträre und Totalitäre katholisch geprägter, letztlich also auf die angenommene christliche Subjektivität eines Herrschers gegründete, HERRSCHAFTEN nicht mehr trug und zuließ.
Das hätte ich natürlich näher zu begründen und zu erklären, aber ich habe weder Lust noch Nerv noch Zeit dazu. Deshalb nur der Hinweis: Auch die Greuel der Inquisition gründeten in der Benevolenz von Herrschaft. Den Grund dafür habe ich kürzlich in Sinn und Form. Zum intellektuellen Verfallsprozess ehemaliger Marxisten inklusive meines Verstummens. im Abschnitt „Herrschaft und Unterwerfung“ angerissen: Insofern und Insoweit Herrschaft Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung im technischen, produktiven Sinne ist, nimmt ihr „niederes“ Ziel, der Erhalt dieser Arbeitsteilung und damit der zugrunde liegenden Produktionsweise, notwendig die Gestalt eines „höheren Zweckes“ an.

Deshalb ist das, was wir historisch als „Inquisition“ und „inquisitorisch“ kennen, ein Phänomen, das in jeder HERRSCHAFT um sich greifen muß, deren Personal sich von ihrem eigenen Produkt substanziell angegriffen sieht.
Und zu diesem Personal gehören halt auch die eingangs erwähnten Speichellecker. Tatsächlich waren, von ideosynkratischen Individuen abgesehen, alle Angehörigen einer geistlichen, geistigen, intellektuellen, wissenschaftlichen Elite konstitutionelle Speichellecker; das liegt einfach in ihren Arbeitsbedingungen, in erster Instanz ihren Gegenständen, nämlich in dem Maße, wie ein Großkopferter sich funktionell auf dieselben zu beziehen hat, um seinen Stand zu halten.

Und weil ich jetzt erstmal meinen Blutdruck auf dem Hometrainer wieder ‚runterbringen muß, schließe ich diesen Eintrag mit einer Liste derjenigen TP – Artikel, die ihn in den vergangenen Tagen veranlasst haben – es gab Machwerke anderer Quelle, aber die lass ich jetzt beiseite.

Polarisierung in der Pandemie: „Neue Regierung sollte Gesprächsfaden wiederherstellen“

Sars-CoV-2: Den Anfängen auf der Spur

War Nietzsche links?

Stürzt uns die Türkei in die Finanz- und Wirtschaftskrise 2.0?

Sahra Wagenknecht und die Corona-Politik

Was ist der Bitcoin wert? Die Wertschätzung einer Geldfiktion in der realen Finanzwelt
(Der ganze Dreiteiler ist gemeint)

„Sind das alle, die Du gelesen hast?“ höre ich fragen.
Ja.

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Eine Antwort zu Herrschaft, Benevolenz, Inquisition

  1. wolfsmilchblog schreibt:

    (….

    24.10.12 @ 21:50
    Escape to hell
    And other stories
    Muammar Gaddafi
    (Text copyright 1998 Stankè, New York)
    The blessed herb and the cursed tree
    Good news for the mentally disturbed, wether male or female.
    A herb has been discovered in the plain of Benghazi, and it is now sold an Haji Hasans shop. In a television interview I personally conducted with him, and which was seen by more than three million people, Haji Hasan said that the herb was a cure for the metally disturbed. As for those who have not yet become mentally disturbed, Haji Hasan said nothing about them. But as soon as they should become so, the herb will serve as their medicine. So much for the herb for the mentally disturbed.
    As for other disaeses, Haji Hasan has the required medicines, other than that blessed herb, at his shop as well.
    There are in fact other kinds of herbs. There is one for sterility, in all its forms (as he himself confirmed), lack of fertility, low productivity, perhaps even intellectual barrenness.
    There is also anti-dizziness medicine. If you should feel light-headed or dizzy for any reason, for example… if you get dizzy after shopping for a shirt for your son that costs one dinar at the state-owned store, then finding it at a private store for 20 dinars, returning to the state-owned store to find it gone, then back to the private store only to find that its price had risen to 25 dinars while you were gone only for five minutes, then Haji Hasan can assure you that he has the right medicine for you, made from plants growing in green pastures.
    Moreover, there is another medicine, discovered by our Haji Hasan as well, which is made from a kind of cactus, growing abundantly within the walls of old cemeteries. People who take this medicine gain the patience of the dead, even if they should be exposed up close and personally to local or international problems. And this is the secret of these plants, which grow in graveyards.
    And at least, in this store, there is a long list of plants which, according to Haji Hassan, allow you to dipense with the usual forms of treatment and prevention, such as hesitantly going to private and public clinics and hospitals. If only God gave us the wisdom to visit this store and wait in line for hours, or days, or month in order to get these medicines, we would be well rewarded. Why should we not be patient enough to wait in a line to buy these medicines?
    We have cut down trees on farms and turned them into buildings; we have slaughtered animals, and will slaughter them again on the next feast-day. Society pays for education of our children, while we receive audio-visual media free of change; all we have to do is sit and watch and listen and criticize as much as we want. They purchase cartoons so that they, instead of us, can entertain our children. It does not matter,
    whether these cartoons may be harmful or western… who has made them, and what are the animating ideas behind them?
    The important thing is that we do not care of our children; all of this is done by society for us.
    He who does not work, does not produce, but yet he eats. As for defence, this does not appear to be one of his responsibilities, although we have lied to ourselves, and said,
    Defence of the nation is the responsibility of every citizen, man or woman.We work hard to avoid this sacred duty. We call for peace and love, and our motto isPeace, Gods mercy and blessings be upon you, for the Israelis our motto is peace, mercy and
    blessings
    (for the Americans as well as for the Nato Pact and the Pact of David): They should treat us in the same way, or even better. Every day, we wait for the Israelis to say: Peace be on Rabta, Tajura, Ras Lanouf, Jerusalem, Baghdad. Truly, what we need have we of medicine factories in Rabta and Ras Lanouf as long as we have Haji Hasan and all of his herbal medicines which cure diseases, even afflictions such as sterility,
    heart problems, or bad eyesight, dysentery, or dignity.
    But the interview began to fade out when Haji Hassan was explaining the effects of a particular, important herb. I heard him say that it works against dysentery or dignity, and perhaps even old age, because I believe that I heard him say works against growing old or growing vain, or something like that, with apparently some connections to senility.
    Therefore, we are in fact happy, because we have freed ourselves from everything. There are poor people, unlike us, who defend their countries with their lives, and bleed for these causes. They sweat and toil to produce, digging the ground with their fingers. Plant trees, cucumber, garlic. Poor Israelis, living with their fingers on the trigger to maintain their occupation of Palestine. Poor Noriega, and Oriega. Poor Mericans,
    who spend billions on arming outer space so that they can defend America.
    We, however, must go forward with this herb for treating the mentally disturbed, as well as using artichokes.
    We must set foot on this path, without hesitation, without being frightened by howls of denial – we must not let anything stand in our way. With complete determination, we must begin our trek. We must cut down trees, because the World Company was charged by the people to import cans, even from the sky. Move on, now that you have been liberated and the power has become the peoples, and no one elses. Onward, to eradicate agriculture and tear out its roots. Hurry to transform – not in a revolutionary way – but rather transform yourselves into merchants, pastry peddlers, and travelling salesmen. Teach your children how to make deals and get commissions, sell the choicest swamp land or property on other planets. You free men, my friends:
    whether in the middle of the day or night, you should continue to cut down trees and erase greenery on the face of the good earth. With your muscled arms, destroy the forest of Jabal al-Akhdar and palm trees of your farms; over their corpses construct stores, beauty shops, candy shops, limestone quarries. What does a palm tree matter, since the world is making our sweets for us? We prefer dates without any thorns, oranges with no peels, olives with no trees. Cut down the trees, especially the cursed palm and olive tree.
    In this way, we will become equal with the haughty, powerful nations. We will be safe from nuclear missiles;
    we will defeat backwardness, which has lasted for so long, and create progress.

    ISBN 978-1-85782-346-2 )

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