Es wird Nacht in D.

Glosse

Um die Mittagszeit eines Tages im Jahr 1975, 20-jährig, lief ich mit einer Freundin in Bayern in Autobahnnähe an einer großen Trafostation vorbei. Wir hielten am Zaun kurz inne und besprachen uns, denn wir waren ausgesetzte Tramper auf dem Weg nach Österreich und wußten nicht, wo wir auf eine Ansiedlung treffen würden. Am frühen Nachmittag erreichten wir die nächste Kleinstadt und warteten dort auf einen Bus Richtung München, als wir von mehr als einem halben Dutzend militärisch bewaffneter Bullen umringt wurden, die aus zwei Mannschaftswagen gesprungen kamen, uns mit MPs bedrohten und verhafteten.
Auf der Polizeistation gab man sich nach einer Durchsuchung und kurzen Befragung mit unseren Angaben zufrieden und ließ uns laufen.

Das war eine lustige Episode aus der Zeit, die später „Deutscher Herbst“ getauft wurde, es gab andere, die weniger lustig waren und mit Verletzungen endeten, zuzüglich teilweise monatelanger, in Einzelfällen jahrelanger Folterhaft für Leute, die „falschen Freunden“ irgendwelche Dienste geleistet hatten und dafür der „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt wurden.
Soweit ist es noch lange nicht wieder, wenn ihr den frischen Tagesschau-Artikel Drohschreiben an Politiker und Medien zur Urteilsgrundlage nehmt.

Da haben also ein paar geschmacklose Clownsein bis zwei Dutzend Stück Fleisch an einflussreiche Propagandisten einer Impfpflicht versandt, ergänzt um die alberne Botschaft:

„Das Fleisch ist mit ausstrahlenden Covid-19 Viren und mit Zyklon B durchseucht. Der Widerstand gegen die Impfung und die Maßnahmen wird blutig und unappetitlich“

Das ist umso lachhafter, als zahlreiche Vertreter der angesprochenen Personengruppe „Ungeimpfte“ um Größenordnungen substanzieller nicht nur bedroht, sondern bereits geschädigt haben. Ich weiß nicht, wie viele Un–Menschen schon jetzt ihren Job verloren haben, binnen kurzem auch ihre Bleibe verlieren werden und, weil bei den Jobcentern gesperrt, auch nichts mehr zu fressen haben werden. Wie viele von ihnen sollen erfrieren? Wie viele werden sich umbringen? Und wie viele haben ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Peiniger bereits verprügelt, angezündet, getötet?

Diese tatsächlichen und vermeintlichen Peiniger erwarten solche Verzweiflungstaten, das ist einer der Gründe für den Tagesschau-Text, der konstatiert:

Die Drohschreiben sind ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr sich Teile der Corona-Protestbewegung radikalisieren. 

‚Seid ihr jetzt völlig besengt‘, könnte sich ein naiver Beobachter entsetzen. Irrtum. Die Verfasser bzw. Auftraggeber sind zwar durchgeknallt, aber weit entfernt, besengt zu sein. Sie wissen, was sie tun, jedenfalls pi mal Daumen, aber vor allem wissen sie, was sie getan haben und zu tun im Begriffe sind. Wie immer.

Doch das ist es nicht, was mich von „Nacht über Deutschland“ faseln läßt.
Im „Deutschen Herbst“ wurde eine militärische Frage militärisch entschieden und das wußten alle Beteiligten; auch die Unbeteiligten, sobald sie eine Zeitung aufschlugen, um nicht nur die Sportergebnisse und die Tittenparaden zu studieren. Der Belang für die sogenannte „Zivilgesellschaft“ hielt sich in sehr überschaubaren Grenzen. Es gab die Berufsverbote, ja, und auch ich wurde – nebenbei erzählt – am Ende dieser Phase mittelbar ihr Opfer, weil ich im Studium ungehemmten Gesinnungsbeurteilungen unterworfen wurde. Ich hätte sie umgehen können, stattdessen verließ ich die Uni und machte was anderes. Gleichwohl erreichte der zivilgesellschaftliche Druck auf Kommunisten, „Kommunisten“ und andere Abweichler nie mehr das Niveau, das es Mitte bis Ende der 60er Jahre gehabt hatte.

Das ist jetzt anders. Die Wucht des postfaschistischen Konsenses und der stummen Unterwerfung unter die reformiert patriarchale Herrschaftskultur im letzten Jahrzehnt hat zumindest in der westdeutschen Geschichte seit Ende des WK2 kein Äquivalent. Es würde echte Pogrome, große Brände, viele Tote und Hingerichtete geben, wenn das in diesem Stile weiter ginge.
Aber es geht halt nicht so weiter – das haben die Herren nicht nötig. Sie werden sich mäßigen, sie werden Fluchtwege und Schlupflöcher lassen, um eben jenes postfaschistischen Konsenses wegen und der stummen Unterwerfung halber.
Das ist die Nacht über Deutschland, hoast mi!

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