„Der gebrochene Wille“ (Archiveintrag zur Vorbereitung eines Eintrags zum Begriff der Nation)

(Original 2011-01-25)

[Anmerkung:
Das ist ein Exkurs in einer Arbeit über Juli Zeh’s „Spieltrieb“, die Anknüpfung daran in den ersten beiden Absätzen behalte ich bei, weil ich sie für einigermaßen selbsterklärend halte]

Der Gewinn einer Geisteshaltung, wie Ada sie vorstellt, ist jetzt darin benannt, daß ein Mensch sich mit ihr ermächtigt, inhaltslos auf sich und seine Freiheit zu halten. Die grundlose Anmaßung, mit der er dabei auf „die Welt“ herab blickt, als sei sie sein eigen-tümliches Reich und Material seines Willens, ist ein möglicher Gewinn, dessen Kontur sich abzeichnet, wenn wir uns das Komplement dazu anschauen. Das besteht in einem ebenso grundlosen Leiden darunter, daß die Welt eben nicht die Domäne und Werkstatt des individuellen Willens ist, als die ein Bürger sie betrachten möchte. Der Gewinn liegt folglich in erster Instanz darin, daß ein Nihilist an jedem beliebigen Willensinhalt nurmehr festhalten will, daß er ihn hat, folglich: daß er / sie ihn hat (und niemand anderes)

Wem jetzt gleich „Egoismus“, ergänzt um „Arroganz“ und „Anmaßung“ als Motiv für diese Veranstaltung einfällt, ist auf dem falschen Dampfer. Für das bürgerliche Subjekt ist das Verfahren, solch eine inhaltsleere Stellung zu sich selbst einzunehmen, sich gleichsam als ein wandelndes „Vermögen, einen Willen zu haben“ nicht nur zu betrachten, auch zu behandeln, eine tägliche, stündliche, oft minütliche Notwendigkeit. Denn praktisch alles, wovon und wodurch solch ein Subjekt lebt, einschließlich seines eigenen Leibes, sofern dieser als Arbeitsvermögen resp. Konkurrenzmittel zu betrachten und zu behandeln ist, hat die Form eines Vertragsinhaltes. Vulgo: Es ist Privat- oder Staatseigentum.

Privateigentum heißt: Ausschließende Verfügung über etwas. Ein gesellschaftliches Datum kann private Verfügung nur sein, wenn eine Trennung des Verfügenden wie seines Eigentums aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang vorliegt, in den es wieder überführt werden muß. Der Vorgang, der ein Privateigentum von einer Hand in die andere überführt, und es auf diesem Weg einer Metamorphose unterzieht, der es in veränderter Gestalt aus dieser Hand wieder entfermt, heißt Vertrag.

Ein Vertrag ist ein Regelwerk, das kodifiziert, wie eine Handlung, welche die Beteiligung zweier oder mehrerer einander entgegengesetzter, daher ohne Vermittlung des Vertrages einander auschließender Willensinhalte voraussetzt, zustande kommen kann und ablaufen soll. So ist er ein Institut eines gemeinsamen Willens, der den beteiligten Willensinhalten dennoch bleibend entgegensteht, andernfalls wäre lediglich eine Vereinbarung, ggf. auch ein Pakt, doch kein Vertrag erforderlich, der die Schranken der Gemeinsamkeit allen Beteiligten verbindlich macht.
Jeder kennt dies Phänomen aus Fällen, da ein Vertrag unzureichend formuliert ist oder Vertragsvoraussetzungen eintreten, die nicht vorgesehen oder berücksichtigt waren.

Der Vertrag ist also ein über den und gegen die Beteiligten errichtetes Produkt ihres Willens. Wie kommt es zu diesem praktizierten Widerspruch?
Einigermaßen offenkundig liegt eine Verdopplung der beteiligten Willen vor, die im Vertrag eine notwendige Erscheinungsform erhält. Der Leser möge an einem ihm bekannten Vertrag, beispielsweise einem Mietvertrag, durchdeklinieren, wie diese Verdoppelung vor sich geht. Der ursprünglich eigene Wille wird zum fremden, feindlichen Willen, der feindliche Wille zum eigenen – und auch wieder anders herum, unaufhörlich um und ’num im Prozess der vertraglichen Handlungen, auf daß der Vertrag erfüllt werde.

Die Heimat des Vertrages ist die Sphäre der Konkurrenz und sein Paradigma ist der Warentausch, nicht aber der Produktentausch.

Im Produktentausch ist jeder nur am Produkt in der Hand eines anderen interessiert, der Handlungshorizont des Produktentausches wird eingegrenzt von der Gabe auf der einen, dem Raub auf der anderen Seite.
Eine Ware hingegen ist kraft ihrer Gestehungsgeschichte schon etwas Doppeltes, nämlich einerseits sie selbst, ihr dingliches Dasein, andererseits ein Eigentumstitel, ausgedrückt in ihrem Preis, den sie in ihrer dinglichen Gestalt nur repräsentiert.
Weder Raub noch Gabe gehören zum Erklärungshorizont der Ware, wie an den Rechtsformen der Warenwirtschaft kenntlich wird, und anders, als mancher Anthropologe das in Absehung von diesen rechtsförmlichen Fakten gerne sehen möchte, um einer christlich – sittlichen Rechtfertigung der Warenproduktion entgegen zu kommen.
Greifbar wird der Unterschied zum Tausch im Geld, auch dann, wenn dieses nicht „real“ – im stofflichen Sinne – sondern nur ideell, als stellvertretendes Zeichen zwischen die Phasen des Warentausches tritt. Denn diese Vertretung gilt den Eigentumstiteln an der Ware, nicht ihrem physischen Dasein.
Am Phänomen der Roßtäuscherei ist das ganz gut zu demonstrieren. Beim Produktentausch ist der Handel mit dem Handschlag perfekt, die Roßtäuschung mündet in eine Verkürzung des vorgestellten Nutzens, den der Getäuschte von dem Tausch erwartete. Roßtäuscherei im Warenhandel ist ein Vertragsverstoß, weil dort der Verkürzung des Nutzens eine Aufblähung des (Geld)Titels entspricht, der im Gegenzug die Hand gewechselt hat.
Der Zweck des Vertrages in Gestalt eines Warentausches ist also die Realisierung eines Eigentumstitels – im Unterschied zu einem Nutzen oder Nießbrauch – in Gestalt fremden Produktes, das sich in identischer Weise, wie das eigene Produkt, in der gesellschaftlichen Formbestimmung ausschließenden (Privat)Eigentums befindet.

Ich habe das so ausführlich vorgestellt, damit deutlich wird, wie beim Warentausch, wie bei Verträgen überhaupt, die gesellschaftliche Formbestimmung des Produktes den Willen der Produzenten und Konsumenten bestimmt, nicht etwa umgekehrt.

Damit sollte klar gestellt sein, was man am oben angedeuteten Verlauf einer Vertragsabwicklung ja schon merken konnte:
Der im Warentausch mobilisierte und in dessen Vertragsform institutionell verankerte Wille der Beteiligten ist ein gebrochener Wille. Er ist vermittels der gesellschaftlichen Natur und des gesellschaftlichen Herkommens seiner Willensgegenstände und Willensinhalte gebrochen, weil und insofern unter der Herrschaft des Privateigentums Zweck und Nutzen solcher Gegenstände ausschließlich über einen polarischen Gegensatz zu realisieren sind, nämlich vermittels Diensten an, und der Betätigung von, einander ausschließenden Privatinteressen, und deren Realisierung, die im Normalfall die Form des Gelderwerbs haben. Über dieser Realisierung eines gesellschaftlichen Zusammenhanges gehen die persönlichen Interessen regelmäßig baden – wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise.

Im Vollzug eines Vertrages wird dies Institut, diese Abstraktion, zum intellektuellen, geistigen, und – soweit auch immaterielle Zwecke der Beteiligten vom Vertragsinhalt affiziert sind – seelischen Bestandteil der beteiligten individuellen Willen.
Der gebrochene Wille ermannt sich in Verträgen zu einem doppelten Willen.

Fast dasselbe Resultat ist auf auf einfachem Weg aus einer alltäglichen Erfahrung zu gewinnen. Jeder von uns ist auf Geld als ein Lebensmittel angewiesen, obwohl es kein Lebensmittel ist. Eignet sich jemand Geld an, hält er in materieller Gestalt seinen gebrochenen Willen in der Hand, denn es taugt einzig dazu, es herzugeben. Das existentielle Interesse drängt den Besitzer, es zu behalten, doch eine Not zwingt ihn, es wegzugeben.
Was der Geldbesitzer aber kriegt, darüber hat er keinerlei Macht. Er hat in den Angeboten aus der Sphäre einer Konkurrenz einander entgegen gesetzter Willensinhalte und -zwecke, die auf die Geldsumme in seiner Börse zielen, lediglich eine Kalkulationsgrundlage seines Schadens. Um sein Interesse als Geldbesitzer zu realisieren, muß er die Kalkulation seines Schadens „als“ Kalkulation seines Nutzens, eines relativen Nutzens, behandeln und abwickeln. Die ihn anschließend zu neuer Geldbeschaffung zwingt.

Nur unwesentlich wird dieses Verhältnis durch den Umstand verdeckt, daß eine Währung – nicht aber „Geld“ – gleichsam einen eingebauten Vertrag in sich schließt, der eine halbwegs kalkulierbare Verfallszeit hat. Er heißt „Kaufkraft“.

Was für Geld gilt, gilt für jede Ware, die Geld oder auch andere Waren kauft.

[Sexuelle Verhältnissse in der bürgerlichen Gesellschaft sind schon deshalb in erheblichem Umfang Warenverhältnisse, weil sexuelle Begierden mit Warenverhältnissen anderer Herkunft verknüpft sind. In den stummen und offenen Verträgen der Ehen und eheähnlicher Verhältnisse ist das offensichtlich.
Weniger offensichtlich ist die Weise, wie schon Kindern in den ersten Phasen ihrer Sexualisierung solche Verknüpfungen geschehen. Bemerklich wird sie in der Allgegenwart des Vorurteils, der Mensch habe sich einen Gefallen an ihm, den er wecke, Liebe – was immer das sei – die er „erhalte“ oder erfahre, und die Gelegenheit zur Lust zu verdienen. Der rassistische Ursprung dieser Überzeugung tritt schreiend bei Mädchen und Jungen zu Tage, die, noch bevor sie ausgereift sind, aus Enttäuschung über ihre Erwerbungen auf den Märkten erotischer Attraktionen (im weiten Sinne genommen) die Konsequenz ziehen, sich zu entleiben.
Die Darstellung bräuchte freilich solche Extreme nicht. Denn das Grundmuster moralischer Erziehung enthält bereits einen Verlauf, in welchem die Kinder mit angeblich eingeborenem moralischen, seelischen, geistigen und physischen So-Sein, ersatzweise aber jeder Menge Dienste, Koketterie, Anbiederei an die Anforderungen der Eltern und Erzieher, eine andere Befassung mit ihnen erwerben und also rechtfertigen müssen, als die der Dressur, des Kommandos und Gehorsams – oder einer Gleichgültigkeit, mit der Kinder mehr oder minder widerwillig versorgt werden.
Entgegenwirkende Momente, die ein Leser unter „Kinderliebe“ oder dgl. fassen könnte, stellen keinen Einwand dar, im Gegenteil, sie sind eine systemische Ergänzung, insofern sie ein Zuckerbrot darstellen, auf das manches Kind mit durchaus geringerem Schaden, als dem Preis, den es für seine Erziehung zu entrichten hat, verzichten könnte.

Diese Form der Sozialisation, ist wesentlich schon durch die Treuhänderschaft des bürgerlichen Staates gegeben, der die Kinder – sein Eigentum in Gestalt der Staatsbürgerschaft – den Rechten und Pflichten des elterlichen Privateigentums am Kind überantwortet. Mit dem Institut der Schulbildung vervollständigt er die Zwischenprodukte. In der Schule bekommt das Kind zu wissen und in Gestalt der Schulkarriere etikettiert, daß seine gegenwärtige und zukünftige Tauglichkeit für die Anforderungen der Konkurrenz, die ihm als „Lebenschancen“ angeboten werden, in ihm als ein Bündel von „Fähigkeiten“ existiere, die es zu entwickeln und zu pflegen habe.
Am End bedarf es nur noch des Lohnfetischs, sprich der Überzeugung, was der Mensch von „der Gesellschaft“ und ihren Stellvertretern zur Bedarfsdeckung erhalte, sei eine abhängige Variable persönlich erbrachter Leistungen – zumindest im Idealfall – um Subjekte fertig zu stellen, die den Dienst an fremdem Eigentum resp. an fremdem, entgegengesetztem Interesse, als die ihnen angemessene Lebenssphäre empfinden.]

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Eine Antwort zu „Der gebrochene Wille“ (Archiveintrag zur Vorbereitung eines Eintrags zum Begriff der Nation)

  1. tgarner9 schreibt:

    Ich habe meinen Forumskommentar zu Meinhard Creydt, „Das ganz normale Denken von Demonstranten gegen die Covid-Politik“ (Telepolis), den ich hier abgekippt hatte (das Original wurde von TP gelöscht), depubliziert, weil er ziemlich schlecht war. Allerdings ließe sich anhand des Artikels m.E. sowas wie „Der gebrochene Wille in Aktion“ oder gar „Die Verselbständigung des gebrochenen Willens der Bürger im Leben der Nation“ ganz gut diskutieren. Wer das tun will, mag das hier tun …

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