Letzte Notiz zum Russlandkrieg

„Russlandkrieg“? In alten Einträgen hatte ich auf die Veröffentlichungen des Atlantic Council verwiesen, um diesen Terminus faktisch zu untermauern (die Erklärung der Reichweite dieser Fakten ist freilich eine andere Nummer), heute verlinke ich eine ausführlichere Darstellung aus der Feder eines sogenannten „Elitesoldaten“ der NATO: „Wann und Wie wird der Russlandkrieg enden?“ Das sollten vielleicht auch Leute lesen, die mir „grundsätzlich“ zustimmen, denn im Lichte gewisser Selbstverständlichkeiten, mit denen der Autor operiert, wird vielleicht plausibler, warum ich zum Auftakt meiner Notiz das Gewicht auf das Faktum lege, daß der deutsche Kanzler und seine schwindende Gefolgschaft in der Regierung einander offenkundig noch immer ein völkerrechts-„juristisches“ X für ein U über den Status Deutschlands als einer Kriegspartei vormachen. Die heutige Auseinandersetzung zwischen „Falken“ und „Tauben“ in der Regierung, über die ihr bei Thomas Pany nachlesen könnt, läßt daran keinen Zweifel.
Nicht notwendig, aber vielleicht nützlich könnte es sein, sich Art und Stadium dieses Realitätsverlustes anhand einiger anderer Fakten vorzulegen.
Dazu gehört an erster Stelle das möglicherweise in Pany’s Artikel mitdokumentierte Verdikt des scheidenden NATO-Generalsekretärs (ich bin nicht allen Links des Artikels gefolgt).
Die regierungsamtliche Auskunft erwidernd, Deutschland könne keine weiteren schweren Waffen aus Bundeswehrbeständen an die Ukraine abgeben, ohne die eigene „Verteidigungsfähigkeit“ und damit die „Sicherheit“ der NATO zu beschädigen, mahnte Stoltenberg den Kanzler an die NATO-Bündnispflicht:
Die Sicherheit der NATO werde aktuell in der Ukraine verteidigt, nicht in Deutschland oder anderswo im Bündnisgebiet, stellte er klar.
An zweiter Stelle erinnere ich an den offiziellen Auftritt des ukrainischen Außenministers, der kürzlich auf deutschem Boden, im deutschen Fernsehen, die Öffentlichkeit in Kenntnis setzte, das ukrainische Kriegsziel umfasse die „Rückeroberung“ der Krim. Das ist etwas anderes, als seine wiederholten, gleichlautenden Mitteilungen daheim; und es validiert eine ukrainische Darstellung, gemäß derer die NATO-Generäle, vertreten von Boris Johnson, der ukrainischen Regierung im Frühjahr den Abbruch von Waffenstillstandsverhandlungen geboten haben, denn offenkundig ist eine Rückeroberung der Krim nur im Rahmen einer NATO-Front gegen Russland zu haben.

Soweit zu den wichtigsten Voraussetzungen der aktuellen militärpolitischen Lage, soweit meine notwendig unzureichende Darstellung gehen soll.
Nun, nicht ganz, denn die obige Hervorhebung „~politisch“ umfaßt eine weitere Voraussetzung, nämlich die Anerkennung des Umstandes, daß die RF keinen Krieg gegen die Ukraine führen will, obwohl sie es tut.
Diese Anerkennung sollte selbst dem kreuzbürgerlichsten deutschen Staatssubjekt nicht schwerfallen, wenn er sich der Clausewitz zugeschriebenen Kriegsdefinition erinnert, „Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln“.
Die Wägung, was denn dieser russische Irrfug konkret heißen soll ist auch nicht schwer, weil der Kreml es wieder und wieder betont hat. Dort will man die militärische Erzwingung eines Verzichts der Ukraine auf NATO-Mitgliedschaft, Hoheitsanspruch auf die Krim und einen möglicherweise vorübergehenden Verzicht auf die Hoheit über die von den „Volksrepubliken“ beanspruchten Oblaste Luhansk und Donezk für eine Wiederherstellung der ukrainischen Staatssouveränität halten. Ich will und brauche diesen Quatsch nicht zu diskutieren, aber eine Implikation ist von zentralem Belang:
Die russische „Spezialoperation“ soll nicht einmal das unverzichtbare Instrument einer ukrainischen Staatssouveränität, taugliche Streitkräfte, auf ein Maß zurück stutzen, das die Behauptung eines neutralen Status des Landes zwischen NATO und Russischer Föderation schwierig bis unmöglich machte. Vulgo: im Kreml wollte man bislang keine vernichtende Niederlage der ukrainischen Streitkräfte, obwohl es sich aktuell in wachsendem Umfang und Maß um eine NATO-Armee handelt!

In diesem Lichte wäge man nun die Vorgänge an den militärischen Fronten. Die russische Armee zieht sich vor den ukrainischen Vorstößen im Oblast Charkiv auf die Grenzen der Oblaste Luhansk und Donezk zurück, während sie zugleich die Angriffsfront innerhalb Donezk im Grenzgebiet Saporoshje verstärkt. Sie zieht sich anscheinend auch aus Cherson hinter den Dnepr zurück während sie zugleich die dortigen Verschanzungen stärkt.

Parallel dazu griff die russische Amee erstmalig die zivile Infrastruktur im Osten der Ukraine flächig an – eine klare Drohung mit einer Entgrenzung des Krieges von seinen bisherigen (militär-)politischen Zwecksetzungen. Schon im Vorfeld dieser Angriffe, während der ukrainischen „Gegenoffensive“, hatte der ukrainische Kriegsminister der NATO-Welt mitgeteilt, man erwarte nichts anderes. Man erwarte Flächenbombardements ukrainischer Städte, wozu die RF jederzeit schreiten könne, und ultimat den Einsatz taktischer Nuklearwaffen.
Soviel zur Realität ukrainischer „Siege“ und des von der NATO zum Ziel gesetzten und zunehmend in Aussicht gestellten Gewinn des Krieges gegen Russland, derentwegen eine Rückkehr zu Verhandlungen mehr denn je seit Februar ausgeschlossen wird.

Damit ist das Drehbuch der Kriegshandlungen für die kommenden eineinhalb Kapitel beiderseitig in sehr beträchtlichem Umfang festgeschrieben. Der Kreml hat sich intern und gegenüber den russischen Eliten verpflichtet, der Eskalationsdrohung Taten folgen zu lassen. Also wird man sehr wahrscheinlich die Bevölkerungen Chersons und Nikopols (gegenüber Enerhodar und dem AKW) zur Flucht aufrufen und diese beiden Städte platt machen. Das wird ein ultimates, vielleicht das ultimate Verhandlungsangebot sein. Möglicherweise plant man darüber hinaus eine Eskalationsstufe, in der die Verwaltungszentren Kievs und / oder Lwiws mit allen verfügbaren konventionellen Mitteln vernichtet werden.

Nach wie vor halte ich einen russischen Einsatz taktischer Nuklearwaffen auf ukrainischem Boden für weitgehend ausgeschlossen. Eine Ausnahme könnte ukrainisches Wirkungsfeuer auf das AKW Saporoshje sein, das der NATO nach der Abschaltung des letzten Kraftwerkblocks für eine taugliche Option gelten könnte, weil die Gefahr einer überregionalen nuklearen Verseuchung nunmehr mit jedem Tag, der vergeht, vergleichsweise verringert wird. Danach könnte der Kreml nukleare „Area-Denial“ – Operation für das Gebiet nördlich des Kraftwerkes in Betracht ziehen.
Lustigerweise erhöht dies eine russische Versuchung zu einer false-flag-Operation gegen das AKW, die es erlaubte, die politischen Vorgaben der „Militäroperation“ weiter zu entgrenzen, ohne die NATO direkt zu konfrontieren.

Doch eine militärpolitische Entgrenzung des russischen Ukrainekrieges hat selbst Grenzen, womit ich zu dem Teil des Eintrags komme, den ich im Rahmen dieses Blogs und mit Rücksicht auf meine begrenzten Einblicke am Wenigsten begründen kann.
Keinerlei Begründung bedarf allerdings die übergreifende Voraussetzung dieser Abteilung, nämlich das Urteil, der russische Ukrainekrieg gelte in letzter Instanz der Souveränität der Zentralregierung einer russischen Föderation über ihr Territorium. Das sagen die Typen in jedem relevanten Statement selbst, wenngleich mittelbar, und das ist der Grund für den Russlandkrieg, den die NATO in der Ukraine führt, paraphrasiert mit ‚Putin bös, der Russ nicht zwingend bös‘.
Aber die Sach wird halt trickig, wenn man wissen will, wo die Knackpunkte der Gefahr für seine Souveränität, die der Kreml wahr nimmt und geltend macht, konkret liegen, und wie sie konkret beschaffen sind, und welcher Konsens darüber in den russischen Eliten zu haben, oder nicht zu haben ist. Es mag ein paar Leute auf dem Globus geben, die darüber Bescheid geben können, weil sie nicht nur über relevante Fakten, sondern auch ein taugliches theoretisches Verständnis dazu verfügen, ich bin davon weit entfernt.
Aber. Der oben immerhin angedeutete Irrsinn der politischen Kriegführung des Kreml läßt mich erahnen, daß eine vernichtende Kriegführung gegen die Ukraine für den Kreml eine Rote Linie darstellt, die zu überschreiten er sich genau so wenig willens und imstande sieht, wie zur Hinnahme eines Scheiterns des Ukrainekrieges.
In diesem Fall ist, wie in voran gegangenen Einträgen bereits umschrieben, ein Übergang zu einem Nuklearangriff auf NATO-Installationen in Deutschland in die Kalkulationen Russlands UND der NATO eingepreist. Umso mehr, als Jensi mit seiner spezifischen Mahnung Deutschlands an spezifische Bündnispflichten der russischen Nuklearmacht einschlägige deutsche Territorien geradezu zum Ziel stellt.

Herrscht darüber irgend eine Art von Bewußtsein in der militärpolitischen Führung Deutschlands?
Gewiss!
Aber über die Gestalt und Form dieses Bewußtseins wissen wir aus den Vorgängen, mit denen ich diesen Eintrag eingeleitet habe. Es handelt sich um Kriegsmoral pur. ‚Nicht ich, Putin wird’s gewesen sein‘.
Ergänzend könnt ihr jede Wette darüber halten, daß eine Evakuierung desjenigen Teils der deutschen Eliten, technische Intelligenz eingeschlossen, an dem die Führungen der NATO und ihrer Mitgliedsstaaten ein praktisches Interesse haben, bereits vorbereitet wird – ohne daß die Mehrzahl der Zielpersonen davon weiß.

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