Okay, noch ein Update :-/

Entscheidung über die Art der nuklearen Eskalation steht unmittelbar bevor

Wenn eine Armee schwere taktische Schlappen oder Niederlagen kassiert, hält ihr Führungsstab das Ausbleiben personeller Konsequenzen kaum aus. Unruhen und Absetzbewegungen im Korps einer Wehrpflichtigenarmee kann er mit dem Kriegsrecht im Zaum halten, aber das mindert erheblich die Schlagkraft der Truppe. Das gilt erst recht für eine Söldnerarmee, worunter ich die russische „Freiwilligenarmee“ zähle, die in der Ukraine kämpft, und eine Berufsarmee, also der strategische Kern der russischen Truppen, hält dies gar nicht aus.

Das machte sich schon beim Rückzug aus der Kiever Region bemerkbar, der, alle nachgeordneten Parameter gebügelt, unter den politischen Vorgaben des Feldzuges, die ich im letzten Eintrag skizziert hatte, schon allein deshalb unausweichlich wurde, weil die politische Führung der Ukraine UND der NATO mit dem Rückzug auf Lwiw unzweideutig signalisiert hatten, der Krieg werde nicht um Kiev, also überhaupt nicht um die Ukraine, sondern um Moskau geführt werden.
Seinerzeit verschwand Kriegsminister Schoigu tagelang in der Versenkung, obwohl jeder in Russland weiß, Schoigu unterliegt hinsichtlich der politischen Vorgaben des Feldzuges komplett, daher hinsichtlich taktischer und strategischer Befunde und Entscheidungen weitgehend den Vorgaben Wladimir Putins und dessen persönlichem Beraterstab. Schoigu zu opfern war nicht möglich, also tauchte er, merklich angeschlagen, wieder auf.

Die aktuelle Schlappe läßt unter den genannten Voraussetzungen ein Bauernopfer aus dem Führungsstab oder aus der nachgeordneten Ebene nicht zu, es bliebe wirkungslos, deshalb steht Putins Rolle als oberster russischer Kriegsherr zur Disposition. Das ist gewiss; das Dispositiv und seine Konsequenzen müssen in diesem speziellen Fall nicht öffentlich werden, weil die Entgrenzung des Ukrainekriegs, von der ich im letzten Eintrag schrieb, es bereits weitgehend deckt. Ein öffentlicher Verzicht Putins auf die militärische Bestimmungsmacht wäre mit Blick auf einen Teil der Klientel sicherlich wünschenswert, aber dies wird überkompensiert durch die Rolle, die der Mann in den Kriegsphasen vor dem Waffengang hatte. „Fiele“ Putin, fiele mehr oder minder die Gesamtheit der politischen und militärischen Entscheidungen im Rahmen des NATO-Krieges gegen Russland PLUS des angelsächsischen Krieges gegen ein von der Mittelmacht bestimmtes „Deutsches Europa“, die beide im Prinzip seit dem Bosnienkrieg laufen. Das ist ein Pfeiler des Befundes, die RF kämpfe in der Ukraine um den Bestand der Föderation, den zu begründen ich mich in der letzten Notiz geweigert habe. Auch obiges ist keine taugliche Begründung, nur eine Beschreibung, weil ich nichts über die Gründe schreibe, die mich glauben machen, ein Fortbestand des „Kreml“ unter der grundsätzlichen Auflassung maßgeblicher außen- und innenpolitischer Strategien der letzten 25 Jahre, sei unmöglich.

Das sei hier der Hintergrund für die Wägung einiger Handlungen der letzten Tage.

Eine untergeordnete Rolle in der deutschen Öffentlichkeit haben die Donaldismen, die Rants, die Dmitri Medvedev seit Tagen über soziale Medien abläßt. Der mW. letzte i-Punkt:

… werden die westlichen Nationen (!) nicht mehr in der Lage sein, in ihren schmucken Häusern zu sitzen und darüber zu lachen, wie sie Russland durch einen Stellvertreterkrieg schwächen. (…) Das Land wird brennen und der Beton wird schmelzen.

Man muß die Rolle Medvedevs im Kreml der letzten 15 Jahre ein wenig kennen, um dies Phänomen beurteilen zu können. Für die sog. Siloviki blieb sein Name sicherlich synomym für landesverräterische Korruption. Putin hielt nach 2012 daran fest, ihm eine mehr oder minder repräsentative Rolle in der Führungsriege des Kreml zu belassen, um innen- wie außenpolitisch klar zu stellen, er halte an dem Ziel fest, Russland in das Imperium zu integrieren – wenngleich unter Veränderung desselben unter dem Namen „multipolare Weltordnung“ – statt Moskau implizit oder gar explizit zum administrativen Zentrum eines ausgedehnten Vorlandes der ostasiatischen Wirtschaftsmacht China zu gestalten. Und dafür steht Medvedev noch immer, just und genau mit seinen Donaldismen. Es ist kein Zufall, daß diese Lyrik vor dem Treffen Putins mit Xi in Usbekistan verfaßt wurde, Xi, der selbstredend tun würde, was in seiner Macht steht, weitere Eskalationen zu verhindern, sofern es dem chinesischen Großreich nicht auf anderen innen- wie außenpolitischen Ebenen schadete.
Das Obige würde auch dann gelten, wenn Medvedevs Ergüsse bloß aus dem Mülleimer seiner korrupten Selbstgefälligkeit strömten, es sich um nichts anderes handelte, als Machtphantasien eines Menschen, der Morgenluft wittert, weil er Putins Thron ein bis zwei Sockel tiefer rutschen sieht.

Denn in beiden Fällen stellt der Vorgang klar, welche Umstellungen und Verwandlungen der russischen Kriegsherrenschaft bevor stehen. Jedenfalls dann, wenn man zwei andere Vorgänge hinzu rechnet.
Der erste ist das russische Bombardement eines Staudammes nahe der Großstadt Krywyj Rih. Schaut nach, wo das liegt. Es ist der Verkehrsknotenpunkt ca. 90km westnordwest von Nikopol, das gegenüber dem AKW Sporoshje liegt. Ich hatte im letzten Eintrag vermutet, das wesentlich kleinere Nikopol werde Ziel einer ersten Eskalationsstufe werden, einem Flächenbombardement ukrainischer Städte. Dies Szenario wird durch den militärisch ostentativ sinnlosen, grausamen, dem Landkriegsrecht ins Gesicht schlagenden Angriff auf den Staudamm nicht erledigt. Doch just diesen Charakter halte ich für eine ostentative Warnung, der nächste Schritt könnte eine taktische Nuke im selben Zielbereich sein, weil Krywyj Rih genau dort liegt, wo eine nukleare „Denial of Area“-Operation maximal wirksam und daher zu erwarten wäre.
Das zweite mag den meisten Lesern albern erscheinen, es ist die „Warnung“ der außenpolitischen Sprecherin Sacharova vor der Lieferung weitreichender Himars-Raketen seitens USA / NATO. Das ist eine Wiederholung, das Thema war abgehakt; und sehr wahrscheinlich, fast sicher sind bereits einige Langstreckenraketen von der NATO geliefert, fast eingestanden durch Kiev, das sich die Explosionen und Brände auf der Krim Wochen after the fact gerühmt hat. Übrigens ist sehr wahrscheinlich die NATO schon lange Zeit hindurch direkte Kriegspartei durch Beteiligung eigener, umsignierter Flieger mit umgeflaggten Piloten, die für die Wild-Weasel Angriffe auf russische Radaraufklärung zuständig gewesen sein dürften, denen sich „der Westen“ ausführlichst und hohnlachend gerühmt hat. Daß daran NATO-AWACS-Aufklärung beteiligt war, ist sowieso unzweifelhaft, während eine rasche Umrüstung ukrainischer Mig-29 zu Trägern der einschlägigen „Harm“-Raketen, wie in der englischen Wiki behauptet, kontraproduktiv wäre. Diese Flieger wären dann kaum noch für anderes einsetzbar, ohne sie zeitraubend wieder zurück zu rüsten.
Sacharovas „Warnung“ ist folglich allenfalls ein letztes Ultimatum, sofern wir nicht annehmen wollen, sie habe nur daher geschwatzt. Das entspräche auch dem Stil ihres Hausherrn Lavrov.

Zusammenfassend:
Es scheint so, als habe sich Putin, wie stets seit dem unweifelhaft „gerechten Krieg“ in Georgien, innen- wie außenpolitisch verpflichtet, nur äußerst vorsichtig an der Eskalationsschraue mitzudrehen, um einen „Point of No Return“ so lang wie möglich zu vermeiden. Doch das schlösse halt gewaltige Opfer unter dem sogenannten „Brudervolk“ und auf ehemaligen Territorien Russlands wie der Sovietunion ein, die insbesondere in den benachbarten Oblasten einer Mehrheit der Bevölkerung, auf allen Seiten der politischen Lager, wie ein Krieg einer metropolitären Moskauer Herrenkaste gegen eigene Provinzen erschiene, ob sie darüber abtrünnig würden, oder vorbehaltlich noch loyal blieben. Das hält Moskau nicht aus, wie Medvedev weiß oder, wahrscheinlicher, fühlt und sich dabei mit einem substantiellen Teil der militärpolitischen Führungsriegen einig glaubt. Ich fürchte, er irrt sich nicht.

Die Kinshals, die Moskau mit öffentlichem TamTam, statt im Stillen – weil es militärisch eh selbstverständlich zu erwarten war – in Kaliningrad stationiert hat, haben, gemäß der englischen Wiki, eine Reichweite von 2000 km und befördern eine maximale Sprengkraft von 500 kt. Sie könnten ein bis zwei Minuten nach Beginn eines Katastrophenalarms, noch vor dem Heulen der meisten Sirenen, in Wilhelmshaven / Bremerhaven, Ramstein, Büchel / Spangdahlem (1) einschlagen. Nicht morgen, aber, falls denn überhaupt, mutmaßlich vor Jahresende.

(1) Falls ihr es nicht mitbekommen habt: Genau drei Kinshals will Moskau in Kaliningrad stationiert haben.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..