„Wir haben es nicht eilig“

Sagte W. Putin auf der Pressekonferenz nach der SCO-Konferenz. Wenige Stunden zuvor zum indischen MP Modi:

„I know your position on the conflict in Ukraine, the concerns that you constantly express,“ Putin said. „We will do everything to stop this as soon as possible.“ He said Ukraine had rejected negotiations.

(Reuters)

Weiters versicherte Putin auf der Pressekonferenz, Moskau halte am militärischen Ziel der Befreiung der „Volksrepubliken“ fest.

Zusammengenommen sind diese Aussagen ein Eingeständnis, die „militärische Spezialoperation“ sei hinsichtlich der Ziele und Vorgaben, mit denen sie begonnen wurde, auf der ganzen Linie gescheitert.

Wenn wir annehmen, die russischen Truppen erreichten das angedeutete Minimalziel, den Oblast Luhansk zu halten, Oblast Donezk vollständig zu besetzen und die Front links des Dnepr als „Pufferzone“ zur Krim zu konsolidieren, und dies würde auf wundersame Weise zur Waffenstillstandslinie zum Auftakt einer echten Verhandlungsrunde, bliebe der Befund derselbe: Moskau hätte die Föderation direkt an die Frontlinie eines „heißen“ Krieges mit der NATO gerückt. Die Ukraine war vor dem Krieg de facto ein umstrittener NATO-Staat, jetzt ist sie ein unumstrittener NATO-„Partner“, die „Initiative“ Rasmussen / Bildt, dies in einem „Beistandspakt“ fest zu klopfen, der einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft mit Ausnahme des Artikel 5 äquivalent wäre, bebildert das nur, so eine Formalie ist überflüssig.
Biden hat es heute akzentuiert, indem er der RF einen kompletten „Pariastatus“ für den Fall eines Nuklearwaffeneinsatzes verheißen hat. Offenkundig ist man in Washington zuversichtlich, in so einem Fall würden NATO-Operationen mit dem Ziel, russischen Verkehr mit der Außenwelt militärisch zu unterbinden, außerhalb zentralasiatischer Anrainerstaaten und Chinas auf wenig Widerstand treffen. Vor ein paar Tagen hätte man noch behaupten können, die Türkei sei ein unberechenbarer Faktor in solchen Kalkülen. Mit dem suspendierten Beginn des vollumfänglichen NATO-Krieges gegen Armenien ist dieser Punkt erledigt. Ja, vollumfänglich, denn die azeirischen Angriffe zielten nicht auf Karabach, sondern armenische Truppen, die den Verkehrskorridor in der Grenzregion zu Azerbaidschan, Iran und der Türkei halten. Die NATO stünde mit der Eroberung dieses Korridors bereit, den Warenverkehr von und nach Russland, mit Ausnahme von Gütern, die für „humanitär“ erklärt würden, außerhalb mongolischer und chinesischer Trassen zu unterbinden. Selbst Kasachstan wäre schwerlich imstande – und vermutlich noch weniger bereit – sich solcher Blockade zu verweigern.

Wer jetzt glaubt, im Falle eines russischen Angriffes auf deutsches oder polnisches Territorium käme die NATO nicht umhin, den Weltenbrand einzuleiten, täuscht sich. Artikel 5 des NATO-Vertrages verpflichtet die Eliten der nuklear bewaffneten Mitglieder nicht zum Selbstmord. Wie das Titelzitat in der russischen Generalität ankommen muß, habe ich im letzten Eintrag umschrieben.

Umgekehrt markiert Putins Auftritt die letzte und günstigste Gelegenheit für eine diplomatische Einfrierung des Ukrainekrieges, die zu haben sein wird. Wer die EU nicht politisch vernichten und ökonomisch afrikanisieren will, könnte den Moskauer bis Petersburger Eliten jetzt die Gelegenheit geben, sich föderationspolitisch neu zu sortieren. Da dies absehbar nicht geschehen wird, sind die Würfel wohl gefallen.

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Eine Antwort zu „Wir haben es nicht eilig“

  1. tgarner9 schreibt:

    Den Effekten des NATO-Krieges gegen Armenien treten nun objektiv kriegerische Feindseligkeiten im Grenzgebiet zwischen Kirgisistan und Tadschikistan zur Seite, die dem Anschein nach abseits der Kommandeursebene eskaliert werden. Was da genau los ist, werde ich nicht recherchieren, meine Zeit als Kriegsberichterstatter ist abgelaufen.

    Aber über einen Teil des Hintergrundes hatte ich letztes Jahr schon berichtet. Tadschikistan hatte grundsätzlich seine Isolation und Blockade des weiteren Ausbaus der Verkehrswege, insbesondere der Rohstofferschließung im Kaspischen Meer und via Pipelines aufgegeben. Das eröffnete zusätzliche Möglichkeiten der Umgehung Russlands bei der bergbaulichen Erschließung Zentralasiens, aber auch im Rahmen der „Seidenstraßen“-Projekte Chinas.

    Die bis dahin arbeitenden Verbindungen via Tadschikistan verliefen im Wesentlichen über Kasachstan. Die Veränderungen in Tadschikistan verunsichern diese Verbindung mindestens auf langfristiger Planungsebene, weil eine Umgehung Kasachstans via Kirgisistan jetzt machbarer erscheint oder erscheinen könnte, als zuvor. Das kasachisch-kirgisische Verhältnis ist vergiftet, Kirgisen sind eine in weiten Teilen Kasachstans unbeliebte Minderheit, gegen die es im Grenzgebiet immer wieder zu pogromartigen Ausschreitungen kam, nicht zuletzt der Verbreitung islamischen Fundamentalismus in der kirgisischen Bevölkerung wegen, darunter namentlich derer, die sich als Uiguren verstehen.

    Daher gibt es für NATO-Agenten und deren kirgisische Partner gleich zwei mehr oder minder gut bewaffnete Reservoire für Provokationen im tadschikischen Grenzgebiet: mehr oder minder von NATO-Staaten ausgebildete uigurische Terroristen (die z.B. im Syrienkrieg eine wesentliche Rolle spielten) und kasachische Nationalisten verschiedener Schattierungen.

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