Ein wenig Recherche

Über Grundlinien des Russlandkrieges geschrieben zu haben und vage timelines zu raten, ohne über die aktuelle Frontlage in der Ukraine wenigstens halbwegs Bescheid zu wissen, hat mich genervt. Also habe ich – nur für mich selbst – ein wenig nachgeforscht und teile das Ergebnis in groben Zügen mit.

Die vollmundigen Erfolgsmeldungen der NATO, das Frohlocken nahenden Sieges und die Gemälde von Verzweiflung und Panik in der militärischen und politischen Führung der RF sind in einem Umfang aus der Luft gegriffen, den ich mir nicht vorgestellt habe. Schaut man sich die ukrainischen Tagesmeldungen an, zeigt sich, daß die russischen Streitkräfte in den Frontabschnitten des Oblast Donezk, die sie zum Nahziel erklärt haben, mindestens in den vergangenen 2 Tagen in die Offensive gegangen sind – wenngleich eine vorsichtige Offensive, so wie im voran gegangenen Kriegsabschnitt – und die Frontabschnitte weiter im Norden der Oblaste Donezk und Luhansk, auf die sie sich zurück gezogen hatten, sicher halten.

Die Ausnahme ist ein rascher Vorstoß motorisierter ukrainischer Infanterie im Nordwesten Lymans, den die russische Luftwaffe nicht rasch unterbunden hat. Doch der Frontabschnitt im Nordosten dieser Zungenbewegung blieb nicht allein unbeweglich, er blieb ruhig. Die Aufregung, die es um diesen ukrainischen Angriff in den westlichen Medien, aber auch auf prorussischen Kanälen gab, verrät vor allem zwei Dinge: Die Wirksamkeit der NATO-Propaganda einerseits, und auf dem geraden Gegenpol die wachsende Unduldsamkeit russischer Parteigänger und ihrer Informanten unter den Streitkräften mit dem Stellungs- und Abnutzungskrieg, der nach der Aufgabe Charkover Territorien im Wesentlichen zum voran gegangenen Stand zurück gekehrt ist. Lediglich russische Angriffe aus der Luft und Aufklärungstätigkeit scheinen massiv zugenommen zu haben. Westliche Behauptungen über empfindliche Verluste der russischen Luftwaffe sind offenkundig aus den Fingern gesogen, und nicht einmal ein Vorgriff auf ein Wunschszenario nach der Lieferung von NASAMS zu nennen. Zwei Batterien haben die USA geliefert, die vermutlich noch nicht gefechtsbereit sind, denn die Ausbildung von Ukrainern und Söldnern in Norwegen, das 18 Batterien zu liefern beabsichtigt, sind offenbar noch nicht abgeschlossen.

Aufgefallen ist mir natürlich die Zunahme der russischen Artillerie- und Luftangriffe an der Südfront. Namentlich Stellungen und Ortschaften entlang des rechten, Enerhodar gegenüber liegenden Ufers des Dnepr sind auf breiter Front mit nächtlichen (!) Angriffen beunruhigt worden, während die UAV-Angriffe auf Odessa abermals nicht anders zu verstehen sind, denn als reine Warnung vor einem kommenden Strategiewechsel, den ich in voran gegangenen Einträgen angesprochen hatte. Das macht den Eindruck, daß die russischen Streitkräfte sich überaus viel Zeit lassen, Daumenschrauben erst anzulegen und dann langsam zuzuziehen, bevor sie eventuell zu massiven Angriffen auf Infrastruktur und Zivilisten schreiten werden.

Die Streitkräfte gehen folglich im wesentlichen im selben Stil vor, den Putin in seinen öffentlichen Auftritten zelebriert, aber die nicht direkt sichtbare Hälfte dieser Erscheinungsform besteht darin, daß nicht einmal der russische Ukrainekrieg, geschweige der NATO-Krieg, in diesem Stile zu beenden ist – von „gewinnen“ nicht zu reden. Und er produziert russische Leichen in einer Masse, wie sie in Russland zuletzt im zehnjährigen Afghanistankrieg bis 1989 angefallen sind – über einen deutlich längeren Zeitraum.
Ich halte an dem Urteil fest, daß die russische Nomenklatura diese „archaische“ Kriegführung, die im Westen des Imperiums im Laufe des Vietnamkrieges endgültig ad acta gelegt worden ist, zu Lasten von Millionen von Söldnern und gepressten Niggern aller Farben seither, nicht aushalten kann, nicht aushalten wird.

Fast nebenher zeichnete sich in meinen Recherchen ab, daß der große militärpolitische Streit um deutsche Panzerlieferungen komplett ideologischer Natur ist. Die ukrainischen Streitkräfte könnten mit den Dingern rein gar nichts ausrichten, außer der Gegenseite für begrenzte Zeit an begrenzten Frontabschnitten begrenzte Niederlagen zufügen. Es hat mich überrascht, wie offenkundig die Angelsachsen, die NATO und ihre Verbündeten in der EU der RF das deutsche Territorium als Ziel eines vermeintlichen „nuklearen Befreiungsschlages“ anbieten.

Womit ich auf Lavrovs Auftritte bei der UN zurückkomme. Sie enthalten eine deutlichere Ankündigung so eines Befreiungsschlages, als alles Geraune von Putin, der zu glauben scheint, er könne noch eine gute Weile fortfahren, Russen aus nachgeordneten Provinzen en masse zu verheizen.
Die amerikanischen Gegendrohungen?
„Ben Hodges“ habe ich bereits zitiert. Das ist ein Schwätzer, ja, aber ein großmäuliger! Und er ist mit Sicherheit noch immer bestens vernetzt.
Blinkys „entsetzliche Konsequenzen“ hingegen sind schon nahezu eine rhetorische Einladung, statt „Abschreckung“.

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2 Antworten zu Ein wenig Recherche

  1. tgarner9 schreibt:

    Ein Wort nebenbei zu den imperialen Zerlegungsphantasien
    https://www.heise.de/tp/features/Russland-dekolonisieren-Will-der-Westen-die-Russische-Foederation-zerstueckeln-7274966.html
    Wenn Lavrov so etwas sagt, ist es eine Auskunft über innere militärpolitische Drangsale und deren mögliche äußere Begleiterscheinungen und Konsequenzen.
    Wenn jemand im Westen davon phantasiert, ist es nicht nur eine alberne Allmachtphantasie, sie verrät, wie strunzdämlich die Absender sind.
    Kurz hingeworfen:
    Das ehemalig amerikanische, jetzt NATO-Imperium war maßgeblich, vielleicht an vorderster Front daran beteiligt, in der russischen Föderation eine Dynamik von zentrifugalen und zentripetalen politischen Kräften zu schaffen, die in der Figur und Charaktermaske „Putin“ auf anerkennenswert elegante Weise verdichtet und zur personellen Erscheinung gebracht sind. Doch die berüchtigten „Chicago-Boys“, die in diesem Zusammenhang bis vor einigen Jahren gern zitiert wurden, spielten dabei nur eine exekutive Rolle, nicht anders als Jelzin oder Putin. (Nebenbei: General Lebed hat das Mitte der 90er teilweise durchblickt)
    Die Hauptrolle spielen Dollar, einst DM, jetzt EURO und Rubel, allerdings nur in ihrem spezifischen Zusammenwirken mit der russischen Geographie und dem idiosynkratischen Stand der industriellen Erschließung des russischen Territoriums für die (Lohn-)Sklaverei, und der Reproduktion derselben, die der „reale Sozialismus“ hinterlassen hatte. Eine kapitalistische, und d.h. seit 1991 halt ohne Wenn und Aber: imperialistische Ausbeutung der Ausbeutungsressourcen des russischen Territoriums UND einer Reproduktion einer Herrschaft über dasselbe war und bleibt nicht anders zu haben, als in einem beständigen Hin und Her zwischen zentrifugalen und zentripetalen Kräften, sprich dem unentwegten Kampf zwischen ihnen.
    Diesen Kampf in einem im letzten Jhd. kaum erdenklichen Maße auf eine höfische Herrschaft über eine Oligarchie begrenzt zu haben, ist Putins gewaltiger Verdienst, von dem in vorderster Linie die USA, doch in zweiter Instanz Deutschland profitiert haben. Und mit diesem deutschen Profit sind halt maßgebliche Kräfte in den USA und dem UK, zuzüglich weniger maßgeblicher Kräfte in den anderen NATO- und EU-Staaten, final unduldsam geworden.

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  2. tgarner9 schreibt:

    „Das Pentagon will die Ukraine in den kommenden zwei Monaten mit zwei Raketenabwehrsystemen vom Typ Nasams versorgen. Mit sechs weiteren der Systeme aus norwegischer Produktion könne das von Russland angegriffene Land in der Zukunft rechnen, etwa in ein oder zwei Jahren, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pat Ryder. Jüngste Berichte, wonach die einige der Boden-Luft-Raketenabwehrsysteme schon in der Ukraine seien, seien nicht korrekt.“

    Schon bemerkenswert, daß Ryder der Desinformation aus Kreisen, die eine russische Eskalation so rasch wie möglich provozieren wollen, ohne Not entgegen getreten ist.

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