RF bereitet eine zweite Front vor

Die Verdrängung russischer Truppen aus dem Oblast Charkov gilt unwidersprochen als großer Erfolg der ukrainischen Streitkräfte, obgleich die NATO-Kriegsberichterstattung in nachgeordneten Absätzen und Artikeln sogleich eingeräumt hatte, die betreffenden Gebiete seien, wo überhaupt, nur schwach verteidigt worden und mit den verfügbaren russischen Truppen von vorn herein nicht zu verteidigen gewesen, woraus folgt, der ukrainische Erfolg ist maßgeblich das abschließende Scheitern einer von Beginn an verfehlten russischen Strategie gewesen, deren militärpolitische Grundzüge ich zuletzt hier roh skizziert habe. Woraus weiterhin folgt, die gleichwohl empfindlichen personellen und materiellen Verluste der russischen Armee in diesem Kriegsabschnitt gingen nicht allein auf das Konto der originalen Fehler und Fehleinschätzungen, sie waren maßgeblich eine Folge davon, daß das Oberkommando bis heute nicht willens und vermutlich nicht imstande ist, sie einzugestehen.

Jedenfalls nicht direkt. Die sogenannte „Teilmobilisierung“ ist ein Eingeständnis, das zugleich formell unwirksam gemacht wurde, indem der Kreml weiterhin darauf besteht, den Ukrainekrieg zur „SMO“ zu stilisieren. So lastet er die eigenen Fehler und Fehleinschätzungen der politischen und militärischen Lage der Ukraine und ihrer Armee im vollen Umfang der NATO an.

Worin gründete diese Fehleinschätzung? Ich habe es seit Dezember letzten Jahres in verschiedenen Einträgen auf diesem und dem Zweitblog angesprochen und begrenze das jetzt auf einen Hinweis, der auf die operative Lage zielt:
Ich hatte einen klassischen russischen Einmarsch in die Ukraine bis Kriegsbeginn ausgeschlossen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß man sich im Kreml ernsthaft viel über die Bevölkerungstrennung vormachen könne, die in den voraus gegangenen 8! Kriegsjahren in der Ukraine stattgehabt hat, nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Emigrationswellen nach Ost und West und dem Status der ukrainischen Fremdarbeiter in Mitteleuropa, Skandinavien und dem UK, nebst den Folgen, die alles zusammen für die Fortschritte in der Formierung der ukrainischen Armee zur NATO-Armee haben mußte, die einer der entscheidenden russischen Kriegsgründe waren.
Übersehen hat man diese Effekte im Kreml wohl nicht, doch unverkennbar hat man, vielleicht gestützt auf liebedienerische Aufklärung, darauf gesetzt, das gelte in zu vernachlässigendem Umfang für die Bevölkerungen und Herkünfte aus den Regionen links des Dnepr, namentlich der Oblaste Charkov und Tscherniev. Das, denke ich mir, war die Grundlage des kapitalsten strategischen Fehlers des ersten Kriegsmonats, die Offensive via Charkov auf Kiev zu führen, statt sofort energisch und mit großem Materialeinsatz auf Poltava vorzurücken, um die ukrainischen Garnisonen um Donezk und Luhansk von Norden und Nordwesten her zu isolieren. (Treue Leser werden sich erinnern, daß ich das schon im März geschrieben habe) Falls es umgekehrt Zweifel an den Erfolgsaussichten solch einer Operation gegeben hat – tant pis, dann ist die Entscheidung zum Einmarsch in der geschehenen Form korrupt gewesen, nämlich Folge einer Bedienung politischen Wunschdenkens auf militärischer Stabsebene.

Die angedeuteten Voraussetzungen und Umstände zwingen die russische Führung, die Anfangsfehler und -mißerfolge in und vermittels einer neuen Kriegsphase „aufzuheben“, und ich denke, das muß mithilfe einer frischen Offensive auf Charkov geschehen.
Wenn einer das unterstellt, dann fallen die militärpolitischen Entscheidungen und Veröffentlichungen des Kreml in den letzten Wochen zwanglos in einen solchen Zusammenhang. Namentlich die Drohung mit einer Annexion der Oblaste Luhansk und Donezk wäre dann nicht, wie die Parteigänger beider Seiten im Westen es gern hinstellen, Androhung oder Ankündigung des „Großen Krieges“ gegen die NATO, sondern schlicht operative Vorbereitung einer neuen Angriffswelle aus dem Raum Kursk und Belgorod. Das jüngste Treffen Putins mit Lukaschenko gälte dann der Absicherung einer solchen Operation aus dem Raum des weißrussischen Gomel heraus.

Der Kreml hat mit der Ankündigung der Teilmobilisierung versichert, er ziehe keine Frontsoldaten, zumindest überwiegend nicht, sondern Kräfte für die „Heimatverteidigung“ namentlich in Belgorod, aber auch zum Entsatz anderswo in Russland gebundener Berufssoldaten. Die NATO-Presse hat das anfangs als „Lüge“ kolportiert und bügelt es seither propagandistisch unter, die Propaganda russischer Kriegs- und Mobilisierungsgegner stützend und anheizend. Man ziehe einfach in Betracht, die russische Behauptung stimme und die Führung der Ukraine, vielleicht auch NATO-Kreise, fürchten eine 2. Offensive schon deshalb, weil sie alle vollmundigen Ankündigungen eines schon im nächsten Jahr in Aussicht stehenden „ukrainischen Sieges“ noch in diesem Herbst zunichte machte.

Diese Überlegungen relativierten doch meine düsteren Prognosen über einen bevor stehenden russischen Nukleareinsatz, sagt ihr? Nö, im Gegenteil.
Die NATO brüstet sich lang und breit mit dem Anteil, den ihre elektronische und operative Aufklärung in Verbindung mit „Himars“, „Harm“ und weiterer Technologie am erfolgreichen Widerstand der ukrainischen Armee hat. Sie ist jedoch noch weit entfernt, eine taugliche ukrainische Luftabwehr aufzubauen und das dürfte eines der Hauptmotive für eine 2. russische Offensive noch vor Wintereintritt sein. In einem Stellungskrieg, wie er in den letzten Monaten stattfand, mag NATO-Fernaufklärung, unterstützt von beweglichen NATO-Aufklärungseinheiten vor Ort, hinreichend Wirkung erzielen, in einem Bewegungskrieg eher nicht. In diesem Fall stünde der russische Angriff auf über der Ukraine operierende NATO-Aufklärer an. Und dies ist nur ein Moment unter dem Eskalationspotential der NATO in Beantwortung einer konventionellen russischen Eskalation.

Man hat, ich wiederhole mich, in all diesen Zusammenhängen Entscheidungen Pekings zu berücksichtigen. Die jüngste Stellungnahme der chinesischen UN-Delegation ist bei aller gewohnter Formalität und Zweideutigkeit klar genug: Ihr Aufruf zu Verhandlungen „unter Berücksichtigung legitimer Sicherheitsinteressen beider Seiten“ ist angesichts der strikten Zurückweisung seitens NATO und Ukraine ein klares Ultimatum an Russland, indem er die sogenannten „Sicherheitsinteressen“ der NATO ignoriert, die einen russischen „Regimechange“ längst für obligatorisch erklären. Da die 2. russische Offensive, falls sie denn statt haben soll, unbedingt in Astana abgesegnet ist, hieße das, China hat einer solchen Offensive Erzwingung ukrainischer Verhandlungsbereitschaft zur Erfolgsbedingung gemacht. Geschieht das nicht, werde China sich der NATO-Forderung nach russischem Regime – Change zwar nicht anschließen, aber eine eigene Version stellen, heißt das aus meiner Sicht.

P.S. Mancher Leser wird mir vorhalten, meine Spekulationen in dem o.zit. Eintrag vom 12.9. seien nicht aufgegangen, wie könne ich es also wagen, noch umfangreichere Spekulationen anzuschließen. Wie oft gesagt schreibe ich über Phasenräume, nicht über konkrete Entscheidungsprozesse, in deren Dynamik ich keinen Einblick habe, weil ich die Gewichtung von Faktoren nicht kennen kann. Die Eskalation der Angriffe auf zivile Infrastruktur und Bevölkerung, die ich vorher gesagt habe, hat es gegeben, allerdings nicht in dem Umfang, der für Beteiligte, Ziele und Publikum einen Strategie- oder bedeutenden taktischen Wechsel / Übergang markiert hätte, wie ich es angenommen hatte. Also ist meine Spekulation aufgegangen, nämlich in einer Weise, die nahe legt, daß der Druck auf die politische Führung nicht in dem Ausmaß und mit der Geschwindigkeit gewachsen ist, die ich unterstellt habe. So lernt man halt – so und nicht anders, falls direkter Zugang zu den Entscheidungsquellen fehlt. Einen Teil des Lernprozesses habe ich im gestrigen Eintrag dokumentiert.

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