Historische Wende (zwinker) – Putin nennt Kriegsgegner erstmals „Angelsachsen“

„Sie (die Angelsachsen) sind zu Sabotage übergegangen. Unglaublich, aber wahr. Indem sie Explosionen an den internationalen Gas-Leitungen Nord Stream organisiert haben (…), haben sie faktisch mit der Zerstörung der gemeinsamen europäischen Energie-Infrastruktur begonnen“

Tagesschau

Ja, Nein … ernsthaft …

Im Dezember letzten Jahres haben unzweideutige Fakten des diplomatischen Geschehens bezeugt, im Russlandkrieg der NATO, bzw. komplementär dem Imperiumskrieg der Russischen Föderation, wie ich den Ukrainekrieg Russlands später geheißen habe, werde ein Übergang von sogenannten „hybriden“ Formen zum klassischen Waffengang von beiden Seiten noch vermieden werden, gemieden werden können. Zwei Einträge mögen dafür stehen:

NATO-Generäle stellen sich offen gegen das Weiße Haus (22.12.21)
Das TomGard’sche Gespenst einer britischen Fregatte entschwunden – Kurznachrichten von der Ukrainischen Front (25.12.)

Ich habe keine Ahnung, welche Ereignisse in den Tagen vor dem 24.2.22 den Ausschlag für die russische Entscheidung zum Einmarsch gegeben haben. Daß es sich wohl nur um Tage, nicht Wochen gehandelt hat, wissen wir aus Zeugnissen russischer Militärangehöriger, die völlig unvorbereitet ins Gefecht geschickt wurden, auch die Modalitäten des Einmarsches zeugen davon.

Natürlich hatte und habe ich eine Vorstellung von dem, was mit hoher Wahrscheinlichkeit geschehen und den Ausschlag gegeben haben könnte. Post Festum neige ich dazu, Hinweisen den Vorzug zu geben, daß Desinformation aus den eigenen Reihen den Ausschlag gegeben hat, daß Putin mehr oder minder überzeugt wurde, ein ukrainischer Angriff auf Luhansk stehe unmittelbar bevor.
Aber das ist natürlich kein Grund für eine solche Entscheidung! Es ist ein Vorwand.

Dem habe ich noch am Tag des Einmarsches im „Journal“ in folgendem Kommentar Rechnung getragen (das Original depubliziere ich):

Über die Rationale der russischen Verrücktheit

Scheinbare und tatsächliche Irrationalität des russischen Territorialangriffes

Bis zur Zerlegung der Sowjetunion galt nahezu weltweit ein einer nationalen Staatenwelt eingeschriebener Kriegszweck, daß ein Souverän sich unter gewissen Umständen entschließen wird, einen ihm entgegen stehenden souveränen Willen zu brechen, bzw. im Weigerungsfall die politökonomische Machtgrundlage eines zum Feind erklärten Souveräns zu zerstören. Gemessen an dieser Bestimmung ist der russische Krieg in der Ukraine ohne Abstriche irrational.

  • Die russische Regierung hält den ukrainischen Widerpart nicht für souverän und in der Tat ist er es nicht.
  • Die Souveränität der Militärmacht, die der Krieg in der Ukraine angreifen will und tatsächlich angreift, die der Militärherrschaft der NATO über West- und Mitteleuropa, kann und wird mit ihm nicht gebrochen werden, schon gleich gar nicht, solange die russische Regierung daran fest hält, die Ukraine nicht zu besetzen, was ihr Territorium der NATO dauerhaft entzöge.
  • Folglich entschied sich die russische Regierung für einen dauerhaften Waffengang mit der NATO, der von russischer Seite allenfalls beendet werden könnte, wenn sie die maßgeblichen europäischen Kapitale und militärpolitischen Steuerzentren, namentlich Brüssel und London, zerstörte. (Denn damit entfiele auch der entscheidende Grund für den amerikanischen Anteil an der NATO-Feindschaft gegen Russland)

Diese Irrationalität ist sachgerecht darin zuzuspitzen, daß die russische Regierung sich in diesem Krieg einen Territorialfeind schafft, der zuvor nicht da war. Ja, ich weiß, nominell könnten Parteigänger Russlands behaupten, das stimme nicht, die ukrainische Stellvertreterherrschaft habe Russland selbst zum Territorialfeind erklärt, indem sie die Entscheidung der Mehrheit der Bevölkerung der Krim zum Anschluß derselben an Russland nicht akzeptiert habe – eines der kriegsvorbereitenden Argumente Putins – aber der aktuelle Waffengang beweist, daß dies ein Vorwand wäre: Die NATO beansprucht weder die Macht noch hat sie die Ambition, in einen Territorialkrieg mit Russland einzutreten.

Ich will nicht ganz beiseite lassen, daß der russische Krieg auch an militärstrategischer Logik gemessen irrational ist. Der Waffengang stellt in der Ukraine wie außerhalb Leute, Kräfte, Interessen zum Feind, die zuvor auch vom russischen Standpunkt nicht dazu zu zählen waren. Ich will diesen Punkt nicht näher besprechen, weil ich unten zu erklären beabsichtige, warum das nicht relevant ist.

Im eingangs genannten Vorbehalt, „bis zur Zerlegung der Sowjetunion“, habe ich es schon angedeutet:
Wenn jemand Handlungszusammenhänge, Handlungsgründe und -zwecke mit guten Gründen nach gewissen Kriterien beurteilt und versteht, um dann die Erfahrung zu machen, daß die betroffenen Leute sich „nicht daran halten“, daß sie anders und also „irrational“ handeln, dann liegt zugleich eine Wirklichkeit und Unwahrheit vor. Ja, die Handlungen sind irrational, insofern und insoweit die Urteilskriterien gestimmt haben und weiter stimmen, aber zugleich hat man den Fall vor sich, daß eine oder mehr andere, neue Rationalen Geltung gewonnen haben. Nach diesen braucht niemand lange suchen. Putin hat sie seit Jahren immer wieder benannt und unabhängig davon kennt nahezu jeder Einwohner dieses Planeten sie.

Die russische Führung schließt sich der Irrationalität der Imperiumskriege an

Die Waffengänge in der Nationenwelt waren in den letzten 31 Jahren, von peripheren Ausnahmen abgesehen, allesamt irrational, gemessen am eingangs vorgestellten Maßstab.

  • Im Irak 1991ff wurden, direkt und indirekt, nahezu eine Million Bürger getötet, noch mehr verletzt / verstümmelt, vertrieben, ohne die Souveränität und damit auch die Regionalmacht des Staates, ihren geopolitischen Anspruch, der den Anlaß des Krieges abgegeben hatte, zu brechen. Dies geschah erst mit dem zweiten Irakkrieg, ab 2003, aber der zählt zu einer anderen Kriegsphase, die ich im übernächsten Punkt bespreche.
  • Die Zerstörung Serbiens 1999, deren Folgen bis heute nicht überwunden sind und nicht überwunden werden können (u.a. wg. Verseuchung großer Bevölkerungsteile mit Uran) hatte kein Maß im Kriegszweck, der Vernichtung des Restbestandes der Jugoslawischen Union.
  • Den „War On Terra“, Krieg gegen den Terrorismus, einschließlich der Kriege im Rahmen des sog. „arabischen Frühlings“ ab 9/11, nenne ich summarisch. Sie hinterließen entstaatliche Territorien von gewaltigem Umfang, einer davon ist noch in vollem Gange, eine systematische Abschlachtung jemenitischer Bevölkerung, die alle Kriterien eines „Völkermordes“ übererfüllt.
  • Schließlich der Ukrainekrieg. Das ist seit 2014 ein von NATO-Staaten gestifteter und mit Hilfe von zahlreichen Söldnern, nicht zum Mindesten britischen Soldaten, unausweichlich gemachter Bürgerkrieg einer kleinen Hälfte der ukrainischen Bevölkerung gegen die größere Hälfte. Dazu zählt nicht allein die „ATO“, der Krieg gegen militante Feinde des Maidanputsches nebst anschließendem Krieg gegen die aufständische Bevölkerung des Donbass, auch die fortgesetzte Einschüchterung und Entrechtung von Gegnern des US / NATO /IWF Putschregimes ergänzt um Einkerkerungs- und Mordkampagnen. Für diesen Krieg gab und gibt es kein „Endgame“.

Gemessen an diesen Imperiumskriegen hat der Ukrainekrieg Russlands eine eindeutige Rationale: ¡Ya basta! Genug ist genug! Es ist ein Einspruch gegen die Militarisierung des Weltmarktes und dessen Kriegskultur der letzte 30 Jahre, der umständehalber gerade noch unterhalb der Schwelle eines Nuklearkrieges angesiedelt und gehalten werden kann.

Ohne längeres Argumentieren füge ich hinzu: Die Irrationalität der russischen Regierung liegt weitgehend präzise in der Rationalität ihres regierenden Frontmannes, Putin. Er hat vielfach und auf verschiedenste Weise mitgeteilt, ein militärischer Einspruch Russlands gegen die Imperiumskriege, die aus Sicht einer Mehrheit der russischen Eliten die Interessen der Föderation schädigen und ihren künftigen Bestand gefährden, sei jetzt unterhalb der nuklearen Schwelle zu führen, später allenfalls mit nuklearen Mitteln.

Wie irre das ist, gemeint sind Handlungsgründe und -horizonte Putins und seiner Gefolgsleute, mögt ihr selbst untersuchen. Ich habe schwerlich Einfluß auf euer Urteil und kann es selbst nicht abschließend beurteilen, denn dazu gehörte gründliche Kenntnis der innenpolitischen Lage und der politökonomischen Entwicklungstendenzen in der Russischen Föderation.

Aber ich beanspruche, mit diesem Eintrag hinreichend geklärt zu haben, daß Putin mit seinem mehrfach begründeten Anspruch, in einen Kulturkrieg verwickelt zu sein und ihn auf seiner Seite anzunehmen, subjektiv richtig liegt, obgleich er, gegen die tatsächlichen Handlungsgründe und -zwecke der imperialen Staatenhändel gehalten, zugleich völlig falsch liegt.
Ausschließlich vom Standpunkt eines in den vergangenen 30 Jahren von den Staaten des ehemaligen Amerikanischen Imperiums militärisch obsolet gemachten Anspruchs auf „Natur“, Inhalt, Zweck, Reichweite nationaler Souveränität – im Unterschied, aber nicht Gegensatz zu Staatssouveränität – erscheint der kriegerische Zerfallsprozess dieses Imperiums „als“ ein Kulturprozess, dem militärisch Einhalt zu gebieten sich ein Staatenlenker mit dem Argument anmaßen kann, sein Staatswesen sei ein Bestandteil der Nationenwelt von einem Rang, mit den nötigen Zwangsmitteln versehen, die für solch ein Projekt hinlangen könnten.

Kurz zusammengefasst: Wladimir Putin vollendet das Chaos, das Imperiumskrieger aller Herkünfte in den vergangenen Dekaden gestiftet haben, wovon viele dies Chaos ausdrücklich und einzig als ihren Zweck deklariert und verfolgt haben (mit Gründen und Absichten, die ihr anderswo nachlest). Es ist eine „Vollendung“, weil die Imperiumskrieger jetzt in der Tat nicht über den russischen Anspruch hinweg kommen. Sie müssen sich strategisch und taktisch dem von ihrem Standpunkt archaischen Krieg Russlands gegen sie anbequemen, dazu zwingt Putin sie allemal.

(Stunden später ergänzte ich:)

Der Schluß des Eintrags ist bedauerlich allgemein gehalten. Vor der russischen Entscheidung, die „Volksrepubliken“ anzuerkennen, haben zahlreiche Analytiker beider Seiten ein „Endgame“ auf Seiten der NATO oder der US-Kriegsfraktion für ihre Haltung in der „Krise“ vermisst. Nun, die Antwort war trivial: Diese Leute setzten die „militärisch-technischen Maßnahmen“, die Russland für den Fall angekündigt hat, daß die Gegenseite ihre Forderungen nur zurück weisen werde, in ihr „Endgame“ ein. So haben sie es seit 30 Jahren gehalten. Was immer die RF unternahm, sich in dem Gegensatz, den die Imperiumsstaaten ihr aufmachten, zu bewegen, wurde zum Ausgangspunkt für neue Gegensätze und Angriffe unterhalb oder nahe der militärischen Schwelle genommen.
So gedachte man auch in diesem Fall fortzufahren, die Erstreaktionen auf die Anerkennung der Volksrepubliken zeigte es. Das ist nun unterbunden. Der NATO-Russland – Krieg ist nun da, auch wenn die NATO ihn nicht mit klassischen militärischen Mitteln anzunehmen gedenkt.
Im Minimum ist der Ertrag des russischen Ukrainekrieges also schlicht die Initiative in einem unerklärten NATO-Krieg gegen Russland.

Den Verlauf der ersten russischen Operationen kommentierte ich am nächsten Tag so:

Seltsamer Krieg, in dem die Kombattanten einander größtenteils aus dem Weg gehen

Die russischen Sprecher weisen beharrlich die Bezeichnung Krieg für die russische „Spezialoperation“ zurück. Natürlich ist das Unfug, aber die Umstände und Details des russischen Vorgehens und der Kämpfe, von denen ukrainische Sprecher berichten, läßt klar erkennen, daß die operativen Pläne der russischen Streitkräfte zu erheblichen Teilen einen Versuch darstellen, diesem Unfug eine Realität zu verleihen.

Das gilt freilich nicht für Luftangriffe auf Flugfelder, Hafeneinrichtungen mit NATO-Installationen und wahrscheinlich weiteren operativen Installationen, die von der NATO schon genutzt wurden, oder von ihr zu nutzen wären. Von ukrainischer Seite ist davon nur zu hören, daß man die Luftangriffe einerseits als „bedeutensten“ Teil der russischen Angriffe charakterisiert, andererseits als Erfolg verbucht, daß die Angriffe auf Flughäfen und Hafenanlagen weit entfernt sind, flächendeckend zu werden.

Ansonsten bestätigt die ukrainische Seite in den Detailberichten meinen gestrigen, auf Twitter geposteten Eindruck, daß sie es nicht mit Invasionstruppen zu tun bekommen hat, sondern mit einer Vielzahl von Stoßtruppunternehmen, und für die gilt in breiter Linie, was meine Überschrift sagt. Offenkundig hockt die Hauptmacht der mobilisierten ukrainischen Streitkräfte in ihren Stellungen und Garnisonen um das Gebiet der „Volksrepubliken“, die sie gegen unentschlossen erscheinende Angriffe der Milizen verteidigt, die anscheinend kaum Luftunterstützung in Anspruch nehmen, sich aber ansonsten nicht rührt.

Umgekehrt meiden die russischen Stoßtrupps, von wenigen Ausnahmen abgesehen, konsequent urbane Feindberührung. Die einzige sicher erscheinende Ausnahme ist der östliche Teil der Stadt Kherson, in der die ukrainische Seite anscheinend noch Teile des rechten Dnepr-Ufers verteidigt. Andererseits rücken die russischen Truppen, die die südliche Brücke und das Gebiet darum herum sicher halten und sich dort, Photos und Videos zufolge, teilweise frei und ohne Sorge vor Heckenschützenangriffen bewegen, von diesem Stützpunkt nicht weiter auf Mykolajiw vor, von wo aus sie sich gen Norden (Kiev) oder Westen (Odessa) wenden könnten. Dieser Teil der Operation gilt folglich bislang nur der Sicherung der Krim.

Im Nordosten haben die russischen Streitkräfte zumindest die Außenbezirke der Städte Sumy und Charkow kampflos durchquert. Dies ist einem Aufruf der Sprecherin der ukr. Militärführung, Anna Malyar, zu entnehmen, sie forderte von der Zivilbevölkerung dieser Städte, die russischen Kolonnen mit Handfeuerwaffen und Molotovcocktails anzugreifen und behauptete, das werde „Wirkung erzielen“. Ich will nicht annehmen, daß die Frau die Angesprochenen vom Abwehrfeuer aus Maschinenwaffen zerfetzen lassen will, sie hat offenbar Grund zu der Annahme, daß die russische Armee den Auftrag hat, solcher Art Angriffe aus dem Weg zu gehen.

Die Stadt Konotop, nahe der M2, ist ein Beispiel unter etlichen anderen für den russischen Befehl, innerstädtischem Widerstand ukrainischer Truppen aus dem Weg zu gehen. Sie zeigten kurz Präsenz im Stadtgebiet und verlegten sich nach unbedeutenden Schußwechseln darauf, es zu umgehen und die örtliche ukrainische Garnison in derselben zu halten.

Einerseits spricht die ukrainische Seite heute von „heroischem“, „verzweifeltem“ Widerstand gegen „überwältigende Feindkräfte“, andererseits ist weder von solcher Überwältigung noch von Gegenangriffen auf die grundsätzlich in der Flanke verwundbaren russischen Stoßtrupps die Rede. An dieser Stelle sprechen die heutigen Angaben Zelenskis zu ukrainischen Verlusten Bände. 137 Leute sollen den russischen Operationen seit gestern zum Opfer gefallen sein, einen Anteil von Zivilisten vermied Zelenski zu nennen. Angesichts der schon gestern genannten, rund drei Dutzend Opfer der russischen Luftangriffe und der großen Flächen, die von den russischen Operationen schon betroffen sind, namentlich im Süden im Raum Kherson, Enerhodar, Melitopol, Berdjansk, ist damit klar gestellt, daß beide Seiten Feindberührung weitgehend vermeiden.

Eine Zusammenfassung von einer ukrainischen Partei, die meinem Eindruck aus den Detailberichten sehr nahe kommt, gab am Morgen Yuri Butusov, Militärberichterstatter für Censor.NET:

“The desperate resistance of the Ukrainian army gives us time to get new help”

“Despite the massive missile and air strike against Ukraine, the Armed Forces are putting up effective resistance. The hopes of the Russians for the absence of resistance and air power did not materialize. Loud statements about the complete destruction of the Ukrainian air defense and air forces are refuted by real hostilities.
Our pilots are flying sorties, and Russian aviation is forced to admit losses.

Russia is trying to destabilize the Ukrainian defense. Some battalion-tactical groups are trying to conduct a maneuver war, to advance to the maximum range to disrupt our communications. The Russians are trying to avoid contact battles. When they meet resistance, they try to bypass the knots of resistance.

The key regional border centers Kharkiv, Sumy, the capital Kiev, successfully repelled the first Russian attacks. The Russians are trying to create a threat from the rear to the big cities, for this they are advancing quickly, without covering the flanks. The enemy failed to suddenly capture these large cities.

This creates an opportunity for the defense to try to hit the Russian columns that are moving along the highways with maneuverable battle groups.

The most difficult situation is now in the southern direction.

Ukraine receives the necessary intelligence information, command and control is working.

Russia is trying to destroy all nodes of resistance and fire weapons, ammunition depots. They pose a threat to Kiev in order to take the multi-million dollar capital hostage and force the leadership to surrender on Russian terms.

But the desperate resistance of the Ukrainian army gives us time to get new help from our partners.(ukrinform)

Ich bin sicher, es gibt ukrainische Truppenteile, die „verzweifelten“ Widerstand leisten und sie werden wissen, warum. Ich erinnere noch lebhaft Bilder von einrückenden Ukronazitruppen in Mariupol, die von ihren Panzern aus binnen drei Sekunden ein halb Dutzend junger Männer niedermähten, die ihrem Unmut am Straßenrand mit Rufen und Fuchteleien Ausdruck gaben. Ich weiß nicht, auf welche „Hilfe“ Butusows Publikum noch rechnen soll, die Briten werden den Teufel tun, ihre Luftwaffe zu entsenden (wohin denn?), und so habe ich den Eindruck, beide Seiten testen die Möglichkeiten bodenständiger Konfliktvermeidung aus, während die russischen Stoßtrupps gemächlich die Einkreisungstruppen der „ATO“ um die Volksrepubliken von den Nachschubverbindungen abschneiden. Als wirksamster Widerstand erscheint bis zur Stunde die Sprengung einer ganzen Reihe von Brücken, v.a. im Raum Charkow und Kiev auf das russische Kräfte aus Richtung Tschernobyl und Tschernihiw vorstießen. Beide Seiten scheinen sich einig, daß um die letztere Stadt im Norden Kievs, links des Dnepr, die bislang heftigsten Kämpfe stattfanden, aber das kann täuschen.

Wie ihr inzwischen wißt, habe ich mich im letzten Abschnitt komplett über die taktischen Vorhaben und Ziele der russischen Armee getäuscht. Das war ein echter Fehler, ich hätte es zwar nicht besser wissen können, aber doch ahnen müssen, daß die Daten nicht ausreichten, solche Schlüsse zu ziehen und es sich auch anders verhalten könnte, denn noch am 24. selbst hatte ich vermerkt:

Eine kleine, aber wichtige Lehre aus dem russischen Angriff

Mit den offiziellen Zielen „Demilitarisierung“ und „Bestrafung der Kriegsverbrecher“, sowie den russischen Bodenvorstößen im Raum Sumy – Poltava, haben Putin und die russische Militärführung sich von den Kriegsgründen und – zielen, die sie vor wenigen Stunden noch genannt haben, komplett emanzipiert. In Putins „Rede an die Nation“ fungierten die aktuellen Ziele und Operationen als Drohungen für den Fall, daß NATO und ukrainische Regierung fortfahren sollten, das Territorium zur strategischen Basis gegen Russland auszubauen.

Namhafte Mitglieder der russischen Regierung sind über diesen Plan getäuscht worden, an erster Stelle Sergej Lavrov, deshalb sicherlich auch M. Sachaova und andere. Das Auftreten Sergej Naryschkins, Chef des Auslandsgeheimdienstes, auf der öffentlichen Sitzung des russischen SC legt nahe, selbst er wurde teilweise getäuscht, aber das mag auch ein Bluff gewesen sein.
Doch offenkundig ist der russischen Gegenspionage ein großer Coup gegen die Widersacher in MI6, CIA u.a. gelungen – sie wurden frühzeitig von den Plänen in Kenntnis gesetzt, aber unentwegt über die politischen Vorbereitungen, Abläufe und Zeitpläne getäuscht. Im Resultat hat man festzuhalten – ohne darauf gleich weitreichende Folgerungen zu gründen – daß der laufende Angriff zugleich ein Militärputsch in der Russischen Föderation ist, ob er in dieser Gegenspionage zweckmäßig gründe, und mit ihr möglicherweise ende, oder nicht.

Man sollte vernünftigerweise unterstellen, daß die Putschisten das offen lassen. Der Krieg wird Lasten für die Bevölkerung mit sich bringen, deren Umfang auch für die politische und militärische Führung nicht absehbar sind. Je nach Reaktion des Publikums und der nachgeordneten Eliten könnte ein genuines Militärregime in Russland notwendig werden, um die Föderation vor Zerfall und die Machthaber vor „Volksjustiz“ zu schützen. Auch für die RF gilt, was ich für die Imperiumsstaaten seit Jahren predige: Kriegführung „nach außen“ ist im imperialistischen Zeitalter in erster Instanz ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung: Deren Ertrag ist es, der von einem Staatswesen, das einen unerzwungenen Krieg führt, für untauglich befunden ist. Deshalb – u. a. – schrieb ich im letzten Eintrag, eine vollständigen Beurteilung der Lage erfordere gründliche Kenntnis der inneren Lage und Verfassung der RF.

Aber im Moment wettet man wahrscheinlich am besten darauf, daß die Militärführung darauf setzt, die vorgesehenen Operationen binnen weniger Tage abschließen zu können, und deshalb weitere innenpolitische Konsequenzen zu vermeiden. Wenn man denn wetten will. Ich habe hier nur laut gedacht, um mich daran zu mahnen, in den kommenden Wochen diese Seite der Angelegenheit im Betracht zu halten.

Der „Coup der russischen Gegenspionage“ war keineswegs „offenkundig“, sondern ein Mythos, gegründet auf die falsche Gewißheit, die westlichen „Dienste“ hätten die Ukrainer wohl besser auf den russischen Angriff vorbereitet, wenn sie von ihm gewußt hätten. Nope. Im Nachhinein ist ziemlich klar, daß sie das jedenfalls vermieden hätten, wenn sie von dem begrenzten und verfehlten strategischen Konzept der RF Kenntnis hatten, denn unter dessen Bedingungen war ein überraschender russischer Angriff eher geeignet, den Kampfwillen in den Reihen der ukrainischen Soldaten anzureizen, als ein erwarteter Angriff, dem die NATO nicht vorgebeugt habe.
Aber der Rest der Überlegungen hat gestimmt und deshalb poste ich das jetzt – abseits der Dokumentation. Putin & Co wissen nicht erst seit vorgestern, „wo der Feind steht“, siehe das Zitat von Nikolai Sokov im ersten verlinkten Eintrag vom 22.12.:

Current crisis has deep roots. Idea after end of Cold War was common security space and joint decisions. That’s why OSCE. Gradually, after 1st wave of enlargement, NATO began to make its own decisions first, more countries joined, etc. Now NATO is in effect THE decision maker.

… und innerhalb der NATO sind es bekanntermaßen die Angelsachsen.

Das Eingangszitat von Putin dokumentiert folglich eine Heuchelei und einen Zynismus, der schon in der Entscheidung zum Angriffsbefehl eine maßgebliche Rolle gespielt hat und Bestandteil einer kompletten Fehleinschätzung der Lage gewesen ist. Er und seine Mitstreiter haben das „Best Case“ – Szenario zum Ausgangspunkt gemacht, daß die ukrainische Armee mehr oder weniger rasch kollabieren und Flügelkämpfe im NATO-Rat die Handlungsfreiheit der NATO-Generäle und ihrer politischen Verbündeten schmälern könnten. Am Ende des Entscheidungsprozesses hat unweigerlich ein „Und wenn nicht …“ gestanden. „Und wenn nicht“, dann stünden worst case die nuklearen Optionen zur Verfügung, weil „man“ mit hoher Sicherheit darauf setzen könne, der angelsächsische Flügel der NATO, USUK, werde eine solche Eskalation nicht mitgehen. De facto ist das eine Einpreisung eines Nuklearangriffes auf Polen, Deutschland, oder beide gewesen.

Das Dilemma, in das mich diese Wahrnehmung als Autoren gestürzt hat, dokumentiere ich zum Schluss auch noch:

Eingeschränkter Betrieb, konzentriert auf den angelsächsischen Krieg gegen den eurasischen Kontinent

Leute, die „gegen Nationalismus agitieren“ wollen und „Linke“, die sich für Antinationalisten halten, werden schon die Wortwahl „angelsächsisch“ zum Beweis nehmen, ich sei ins rechtsnationalistische Lager gewechselt. Bin ich nicht. Ich verschließe nur nicht die Augen vor der Tatsache, daß spätestens mit Beginn der Jugoslawienkriege, die anfangs eine rein deutsche Initiative waren, in der amerikanischen und britischen Politik geopolitische Motive wachsend Raum gewonnen haben, die, veränderte Umstände einbezogen, identisch mit Kalkülen sind, die auf alliierter Seite Kriegsvorbereitung und Kriegführung der ersten beiden Weltkriege in maßgeblichem Umfang geleitet haben.

Der übergreifende Grund für dieses Revival ist der kriegerische Zerfall des ehemaligen „US-Imperiums“, das ich in Anführungszeichen setze, weil es zwischen 1945 und etwa 1979 keines gewesen ist.
„Imperialismus“ ist der Kampf nationaler Souveräne um Einfluss- und Bestimmungsmacht auf einem Weltmarkt, der im Maße seiner Entfaltung auf den Territorien der Souveräne territorialer Souveränität entzogen wird – das ist der spezifische politökonomische „Grundwiderspruch“, der zur Phänomenologie „Imperialismus“ führt. Er steht in einem unaufheblichen Gegensatz zu Hegemonialansprüchen, wie sie für das militärpolitische Gebilde eines „Imperiums“ typisch sind. Ausschließlich der „Systemgegensatz“ und sein Ziel, ein Endkampf mit der Sowjetunion zwecks Vollendung des Weltmarktes, schuf im genannten Zeitraum ein Erscheinungsbild eines „Amerikanischen Imperiums“, das es nicht war, auch wenn sich die amerikanischen Administrationen zusammen mit einigen auswärtigen Verbündeten einer Fülle von Mitteln, einschließlich Kriegführungen bedient haben, die typischerweise von Imperien in Anspruch genommen werden.

Erst im Maße, wie Militärpolitik der imperialistischen Metropolen in der Phase der Zuspitzung zum „Endkampf“ durch die Reagan-Administration von der politökonomischen Grundlage einer Herstellung und Vollendung des Weltmarktes emanzipiert worden ist, bekam ein „amerikanisches Imperium“ strategische Realität.
Doch in derselben Phase, da Teile der US-Eliten sich zu „ihrem“ Imperium bekannt haben, begann es im Zuge der nach 1989 vom „Systemgegensatz“ entfesselten Konkurrenz der imperialistischen Metropolen zu zerfallen und ein Kampf um die Erhaltung der amerikanischen Nation, so, wie diese Leute ihre Nation begriffen und buchstabierten, bekam den Charakter eines innerimperialen Krieges.

Viel mehr will ich zu diesem Zusammenhang nicht sagen. Zweierlei noch.
Die NATO ist seit Beginn der Präsidentschaft Obamas nicht mehr überwiegend Schauplatz des innerimperialen Krieges, sondern ein Akteur von wachsend selbständigem Charakter. Gleichwohl bestimmt in allen mehr oder minder kriegerisch ausgetragenen Konflikten eine spezifische Scheidelinie zwischen den Akteuren die Aktions- und Entscheidungshorizonte, das ist eine nationale Verfügung über eine ultimate nukleare Bewaffnung. Die französische Nuklearmacht ist nicht „ultimat“, schon deshalb nicht, weil Paris nicht London vernichten kann, ohne darüber selbst als eine Nation zerstört zu werden. Das ist eine nicht hinreichende, aber notwendige Bedingung dafür, daß die angelsächsische Geopolitik gegen den europäischen Kontinent, und das heißt unter heutigen Bedingungen: gegen den eurasischen Wirtschaftsraum, die militärpolitische Bedeutung und Schlagkraft hat, die sich aktuell beobachten läßt.

Bis zum Libyenkrieg, der ab Frühjahr 2010 geplant wurde, stand ich auf der Seite derjenigen Kritiker, die obige Zusammenhänge im Wesentlichen ignoriert haben, zugunsten der in der Phase des „Kalten Krieges“ namentlich von den ehemaligen „Roten Zellen / marxistischen Gruppe“ entwickelten Kritik des Imperialismus und der Handlungsfreiheit der kapitalistischen Staaten auf der Grundlage der Duldung und Gefolgschaft ihrer Untertanen, ihres Nationalismus und des in ihm gründenden Staats-und Rechtsidealismus. Bis heute sind die Eliten der vom angelsächsischen Krieg angegriffenen „westlichen“ Staaten allesamt Mitmacher im „Amerikanischen Imperium“, sowohl gemäß der Realität, wie diversen Fiktionen desselben. Für eine wohlbegründete Staatsfeindschaft braucht niemand mehr zu wissen. Aber seit 2010 hebt die zeitgenössische Phänomenologie des innerimperialen Krieges die Imperialismuskritik alter Prägung auf eine wachsend abstrakte Ebene, weil die theoretische Identität und praktische Einheit des Weltmarktes, auf der diese Kritik fußt, im Verlauf der Kriegführung zunehmend zur historischen Realität wird.

„Historisch“ heißt nicht, es gebe diese Realität nicht mehr, im Gegenteil, das Attribut bezeichnet eine Formbestimmung des Gegenwärtigen. Aber im Rahmen der Imperialismuskritik führt eine wachsende historische Referenz ihrer Grundlagen dazu, daß Rezipienten, die mit ihr bekannt werden, sie primär als ein Narrativ wahr nehmen müssen, das mit Narrativen der Apologeten und moralischen Kritiker der innerimperialen Kriegführungen und ihrer Begleiterscheinungen konkurriert.
Dazu wäre eigentlich viel, viel mehr zu sagen, aber für meine Absicht lasse ich das jetzt ausreichen.

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