Abgesang (x)

Interessante Lektüre und auch das eingebettete Video (ich meide gewöhnlich diese Zeitvergeudung) anzuschauen, lohnt sich (es geht um „alles“, nicht die Pipeline-Sprengung an und für sich):

https://tomluongo.me/2022/09/29/the-curious-whodunit-of-nordstreams-1-and-2/

Spieltheoretische Anleihen bei der Analyse politökonomischer Vorgänge sind lohnend, wenn sie korrekt vorgenommen und ihre Grenzen beachtet werden, weil sie einen Teil der Dynamik eines jeden gottverdammten Machtspiels der Akteure enthalten. Luongo beachtet die Grenzen nicht, weil er sie nicht kennt, nicht kennen will, und deshalb landet er am End auf derselben Ebene, wie die Leuts, die er korrigieren will, bei Dämonisierungen.

Die andere Seite der Medaille: Die militärischen Akteure auf dem Globus wollen jene Grenzen ebenso wenig kennen, diese Ignoranz ist ihr Kerngeschäft. Militarisierung des Weltmarktes ist ein für jedermann unbestreitbares Faktum, vere? Insofern liegt Luongo richtig, indem er aufgreift, daß auch die im strengen Sinn ökonomischen Akteure in einer Weise und einem Masse in den Umkreis bornierter, spieltheoretisch agierender militärischer Akteure gezogen werden, daß die ihnen eigentümlichen Faktorisierungen mit militärischen Mitteln bis an die Grenze der Bedeutungslosigkeit gemindert werden.

Dasselbe tomgardisch ausgedrückt: Die Leute, die Davos zu ihrem geopolitischen Zentrum erwählt haben – nicht Brüssel, von dem ich 2016 gesagt habe, das imperiale Zentrum sei genau zu diesem Zeitpunkt dorthin gewechselt – wollen tatsächlich in einem wachsenden Umfang und mit wachsendem Ehrgeiz über die Substanz der Form allen Reichtums im Imperialismus (nicht Substanz selbst) gebieten, die heißt Kredit. Dieser Wahn wird von einer gewaltigen Masse von Akteuren, die in Davos keine Lounge, teilweise nicht einmal einen Koffer haben, geteilt, weil er u.a. eine Konsequenz der Militarisierung des Weltmarktes ist.

Spieltheoretisch zu beschreibende Konsequenzen dieser Bewegung gibt es zweifelos, doch die interessieren mich nicht. Die politökonomische Konsequenz besteht darin, daß sie der Militarisierung des Weltmarktes Räume öffnet, in denen die Reproduktion des imperialen Reichtums von fast jeder stofflichen Grundlage befreit erscheint. Die Schranke für diese Bewegung ist genau eine: Der menschliche Leib.

Diese Bewegung beseitigt Zug um Zug die kapitalistische Form der Produktion imperialen Reichtums und muß, im Maße, wie sie fortschreitet, auch die Substanz der Form dieses Reichtums metamorphisieren. Kreditiert wird im wachsenden Umfang nicht Lohnsklaverei, sondern Sklaverei sans phrase in der Gestalt moderner Leibeigenschaft.

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10 Antworten zu Abgesang (x)

  1. Berengar schreibt:

    Servus Tom!

    Dazu habe ich eine Frage, deren mögliche Antworten mir iwie nicht aufgehen:

    Dem UK steht nach eigenen Angaben eine gewaltige Rezession bevor, die alles übersteigt, was etwa in DE oder FR prognostiziert wird. Das britische Pfjnd ist quasi im freien Fall und hat allein im letzten Jahr über 30% gegen den Dollar verloren. Die Inflation wird mit 12-14% erwartet, die Zinsen werden bereits im Frühjahr bei 6% gesehen. Noch bemerkenswerter ist die Ankündigung der britischen Kreditwirtschaft vorige Woche, bis auf weiteres einen Kreditstop zu verhängen – derzeit ist es faktisch unmöglich, in UK und insbesondere in England und Nordirland einen Immobilienkredit zu bekommen. Und mit dem britischen Staatskredit ist es auch nicht mehr weit her, der Ausverkauf am Rentenmarkt zeigt es.

    Mir scheint, als würden die unmittelbaren Lasten des Krieges gegen Kontinentaleuropa hauptsächlich in UK entrichtet. Wieso ist das so? Wieso ausgerechnet das UK? Woher die Bereitwilligkeit eines erheblichen Teils der britischen Eliten, die ökonomische Basis des UK dafür einzusetzen?

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  2. tgarner9 schreibt:

    Grüß Dich, Berengar,

    „Mir scheint, als würden die unmittelbaren Lasten des Krieges gegen Kontinentaleuropa hauptsächlich in UK entrichtet.“

    Dieser Schein ist mehrfach trügerisch. Ich nehme Deine Kennzahlen, weil ich das nicht verfolgt habe.

    Erstmal: wer erleidet denn diese Lasten?
    Kriegt / hat das Uk keinen Kredit mehr? Droht ein Staatsbankrott?
    Nein, tut es nicht.
    Droht den nach der vergangenen Deindustrialisierung und Entwertungsrunden im UK verbliebenen, daher erwiesen relevanten Industrien, Unternehmen, Gewerken Kreditausfall und Untergang?
    Nein, tut es nicht.

    Weiter. Hat das UK Unruhen, Aufstände, politische Revolten, zu befürchten, leiden Regierung, Bürokratie und Unternehmensstäbe unter der grassierenden Verarmung des Mittelstandes, von der „Unterschicht“ zu schweigen?
    Nein, tun sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn wir das britische Potential für solche Ärgernisse mit dem in der EU vergleichen.

    Damit haben wir die zwei Säulen einer Freiheit des Herrschaftspersonals im UK, sich von den Fetischen von Wachstum, WachstumsRATEN, KreditMASSEN, Renditeraten, Profitmassen zu emanzipieren, und das haben sie mit Brexit ostentativ getan. Das Ostentative wird umso schlagender, als das Führungspersonal derer, die den Brexit durchgeprügelt haben, aus ehemaligen „Remainern“ bestand.

    Jetzt haben wir die Lage, daß namentlich Deutschland, aber auch anderen Ländern der EU und damit der EU insgesamt die Phasen der Rezession, Deindustrialisierung, der sektoralen Zusammenbrüche bevorstehen, die das UK schon durchlaufen hat. Wer entrichtet also „unmittelbare Lasten“, wenn wir vom Standpunkt der Staatsführung ausgehen? Wer kann eine europäische Zusammenbruchsphase „als Chance“ beanspruchen? Wer hat soeben versprochen, die Vorkriegskonfrontation der EU in Nordirland abzubrechen?

    Merkst Du, wie daneben die Frage „warum?“ ist, solange jemand das „das“ nicht ernst nimmt, die Emanzipation von gewissen Fetischen und Abhängigkeiten der Vergangenheit, die, wenn Du’s genau nimmst, doch spätestens mit Tony Blairs Beteiligung am Irakkrieg ungeachtet des ausdrücklichen Widerstands Chiracs und Schröders eingesetzt hat? Das UK war Teil der EU, als es deren massive ökonomische Schädigung mit Führungsrollen in Libyenkrieg und Ukrainekrieg ab 2013 betrieb, obendrein aus der EU-Kommission heraus.

    Die Eliten im UK gebieten über eine kleine Insel mit einer relativ kleinen Bevölkerung. Es kann nicht verwundern, daß ihre Führung sich Freiheiten nimmt, die ihre Kollegen auf dem Kontinent (noch) scheuen.

    Natürlich ist obiges keine „Antwort“, zumal nicht im Zusammenhang mit meinem hoch abstrakten Eintrag.
    Dazu nur ein Punkt: Die potentesten Akteure auf dem Weltmarkt führen sich schon länger so auf, als stehe ein Totalzusammenbruch des Währungs- und Kreditsystems bevor, als habe morgen nur noch Kredit und also produktives und akkumulierbares Eigentum, der über strategisch relevante Assets verfügt.

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    • Berengar schreibt:

      Danke für die Replik, Tom. Ich stelle fest, dass ich zum wiederholten Male über diese Fußangel latsche, die ich immer wieder übersehe. Möglicherweise bin ich nicht der einzige, dem es so geht, deshalb habe ich eine Bitte an Dich:

      Schreib und doch mal auf, wie es zugeht, dass sich die Eliten in UK diese Emanzipation „leisten“ können und wie sie darauf kommen, während etwa deutsche Eliten das (noch) nicht können oder wollen und sich nach wie vor damit herumschlagen, einen Industriestandort zu betreuen und aufzuforsten.

      Ich habe in einem Deiner Artikel neulich in einem Halbsatz was von alliierten Zielen im Vorfeld zum WK1 gelesen – ein Satz, der mir seither im Kopf umgeht. Hätte ich etwas mehr Zeit, würde ich mal der Frage nachgehen, woher auf der anderen Seite die bemerkenswerte Kontinuität zwischen den europapolitischen Zielen des „Centralverbands deutscher Industrieller“ und dem BDI kommt und weshalb die maßgeblich Beteiligten vermutlich das gar nicht wissen oder wollen.

      Zu Deinem letzten Punkt: Ja, das ist so. Ich bin beruflich seit einiger Zeit mit der vertraulichen Kommunikation zwischen der Bundesbank und den Geschäftsleitern der deutschen Kreditwirtschaft vertraut. Wer die sowie die stilistischen Usancen behördlicher Kommunikation kennt (es ist halt „Boss-to-Boss“-Level), der muss zu dem Schluss kommen, dass mindestens einige maßgebliche Akteure nicht wenig organisatorische Ressourcen darauf verwenden, für „the day after“ vorzusorgen.

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      • tgarner9 schreibt:

        „Ich habe in einem Deiner Artikel neulich in einem Halbsatz was von alliierten Zielen im Vorfeld zum WK1 gelesen.“

        Meinst Du eine Anspielung auf Mackinders geopolitische Konzepte und ihre Rationalen im Britischen Empire?
        Das ist zweifellos von Belang, weil das Zeug logischerweise eine Rolle in der transatlantische Brückenkopfposition hat, die das UK seit dem WK2 konserviert.

        Aber es erklärt natürlich nicht diesen Konservativismus. Ich vermute stark, für dessen Erklärung kommt man nicht umhin, den hierzulande unvorstellbaren Einfluß der aus der konstitutionellen Monarchie überlieferten ständischen Formierung der britischen, v.a. englischen, Oberschicht zu wägen. „Unvorstellbar?“ – naja, ich kenne ihn auch nur aus 2. Hand, und das nicht gut.
        Aber aus der Geschichte des Libyenkrieges bzw. dessen Vorgeschichte und der Rolle Frankreichs in den ersten Phasen des Syrienkrieges, sowie der EU- politischen Wende, die Hollande nach den Erfahrungen mit dem Touareg-Aufstand in Mali ab 2013 durchsetzte (und der Weise, wie dies geschah), ist mir einiges über analoge Phänomene in Frankreich bekannt geworden – und den Zusammenhang beider.
        Ich hätte grad nicht übel Lust, eine „kurze Geschichte des Libyenkrieges“ zu schreiben, in der das Nötigste darüber steht, wie und warum es dazu kommen konnte, daß Sarkozy sich darauf einließ, zusammen mit Cameron in Libyen einer Riesenmasse französischer Interessen in die Füße zu schießen.

        Naja, dazu werde ich es kaum noch bringen, aber ich erwähne es, weil es eine analoge Problemstellung ist, und weil ich mit dem untenstehenden zu Luongo gezielt auf etwas eingegangen bin, was in den Gesamtkomplex gehört:
        Zu „Brexit“ kann jeder, der die obigen Zusammenhänge hinreichend kennt, ohne Umschweife sagen, daß die britische Elite sich irgendwann 2015 überzeugt hat, die von Hollande geschaffene und im Normandie-Format institutionalisierte französisch-deutsche Achse, die damals im Begriff stand, die transatlantischen britischen Agenten aus den EU-Posten zu entfernen, sei unangreifbar geworden. (Wobei MH17 gewiß eine Rolle gespielt hat, damit hat die NATO der britischen EU-Mitgliedschaft einen ordentlichen Schuss in den Rücken gegeben.) Das ökonomische Gewicht des UK in der EU war zugleich dazu verdammt, zu schwinden, aus einer Fülle von Gründen und nicht zuletzt unter der Bedingung, daß London einen Beitritt zur Währungsunion nicht wollte und, hätte es ihn gewollt, auch schwerlich nach innen hätte durchsetzen können. Also „Ente oder Trennte“, wie Nora Bronstein zu sagen pflegte.

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      • Berengar schreibt:

        Ja, ich meine die „heartland“-Theorie. Der britische Konservativismus spielt dabei ganz ohne Zweifel eine Rolle (um den mal sauber zu erklären müsste man beispielsweise mal auf die Rolle Thatchers eingehen und wie sie imstande war, die englische Aristokratie GEGEN das Königshaus in Stellung zu bringen) – aber damit wäre nicht nicht erklärt, weshalb Mackinder auch in den USA nach wie vor eine Rolle spielt, oder?

        Noch was:
        Ich finde es aufschlussreich, sich anzusehen, wie und warum der Bundesfinanzminister vorgestern im Ministerrat in Brüssel wegen des deutschen „Entlastungspakets“ und seines Umfangs unter Druck geriet. So sehr, dass sich Tags darauf sogar der Kanzler zusammen mit Mark Rutte dazu zu erklären hatte. Frankreich, Spanien, Italien und Belgien befürchten eine durch das deutsche Rettungspaket eine ernsthafte Wettbewerbsverzerrung ZUGUNSTEN Deutschlands, weil anderswo keine derartigen Summen mobilisiert werden können, um die ökonomischen Lasten in die Bücher des Staatshaushalts zu nehmen.

        Ich deute es so, dass in dieser Methode und dem Gestus, in dem sie abgewickelt wird, die „Message“ liegt. Die Bundesregierung hat sich offenbar dazu entschlossen, die potenteste mittelfristig erhältliche Karte zu spielen, die Deutschland bis auf weiteres zur Verfügung steht: den deutschen Staatskredit. Ich halte es für keinen Zufall, dass das Ding ausgerechnet „Abwehrschirm“ getauft worden ist, und wer oder was da „abgewehrt“ werden soll, liegt auf der Hand: „Was immer ihr uns in die Speichen werft – gegen den deutschen Fiskus und seine künftige Zugriffsmacht ist bis auf weiteres kein Kraut gewachsen!“ Es ist de facto ausgeschlossen, dass ausgerechnet Christian Lindner nicht gewusst haben soll, welche Signalwirkung der nachgerade grandseigneural nonchalante Duktus hat, mit dem er 260 Milliarden Euro aus dem Zylinder zog und dabei noch nicht mal ins Schwitzen kam.

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      • tgarner9 schreibt:

        Josef, ich habe keine Zeit mehr für Spielchen und mir ist klar, daß meine Leser entweder zustimmend oder ablehnend meinen, ich erbräche hier eine Art idiosynkratischen oder schlicht wirren Nationalbolschewismus. Wurscht, daß ihr den Schuss nicht hören wollt.
        Putin hat sich in seiner letzten Erklärung zum Imperiumskrieg bekannt, den er, wie ich am ersten Tag des Waffengangs erklärt habe, von Beginn an geführt hat, weil er sich seit dem Sommer davon überzeugt hat, daß die Kräfte, die sich hinter der Fahne der NATO gesammelt haben, entschlossen sind, in der Ukraine und anderswo „ums Ganze“ zu spielen. Dieser Befund lag tatsächlich seit Mai auf dem Tisch. Die ukrainischen Nazis hatten durchgesteckt, Johnson habe Zelensky in Vertretung des IWF und anderer Geldgeber die Fortsetzung von Verhandlungen praktisch untersagt.
        https://peoplesdispatch.org/2022/05/09/ukrainian-news-outlet-suggests-uk-and-us-governments-are-primary-obstacles-to-peace/
        Ende April hatte Xinhua dasselbe im Stil chinesischer Diplomatie aus Regierungsquellen verlautet:
        https://english.news.cn/20220429/48fba0f2a5d44475a62fde1ad7d89bb2/c.html
        Scholz hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal explizit zu der Formel „Die Ukraine darf nicht verlieren“ bekannt, wenn ich recht erinnere, und holte das nach. Die Antwort: UvdL und Jensi konterten umgehend mit „Die Ukraine muß diesen Krieg gewinnen“, die Kommission ging mit, der Rat unter Charles Michel hielt still.

        Der Kreml braucht zudem keinen TomGard, um zu bemerken, daß NATO UND IWF UND EU-Kommission das deutsche Territorium und die deutsche Wirtschaftsmacht zum ultimaten Einsatz im Eskalationspoker gemacht haben. Indem also der Kreml durch Putins Mund das (EURO-)Dollar-Imperium zum Einsatz erklären läßt, reagiert er darauf, daß die Vorgenannten diesen Einsatz bestimmt haben.

        Daß der Einsatz der NATO so hoch gesetzt ist, zeigt unzweideutig, daß es ihr bzw. den sie stützenden Kräften nur in zweiter Linie um Russland geht, in erster Linie um China, Indien und den Rest Ost- und Eurasiens. Die Parteien des Russlandkrieges pokern beide um die Entscheidung Chinas am Vorabend eines nuklearen russischen Befreiungsschlages. Die Entscheidung, die „der Westen“ von China verlangt, lautet im Klartext:
        Entweder ihr laßt uns das globale Wirtschafts- und Finanzsystem JETZT um den Preis einer territorial unbedeutenden, ansonsten tragenden Säule desselben vernichten, oder ihr tut etwas, was uns bewegen könnte, diese Entscheidung zu verschieben.
        Die Entscheidung zur Annexion nicht nur der „Volksrepubliken“, auch Chersons und Sappos, soeben vom Föderationsrat gebilligt, ist für mich ein glasklarer, zureichender Beweis, daß die führenden Figuren sich darüber im Klaren sind. Ich erinnere, daß FSB und GRU in den Jahren ’15/’16 nahezu alle prominenten und „unbelehrbaren“ Proponenten des Anschlusses an Russland buchstäblich exekutiert haben. Jetzt haben sie alle Brücken abbrechen wollen, die einer russischen Führung nach einer Palastrevolte ermöglichen könnte, unter chinesischem Druck einen Diktatfrieden der NATO zu akzeptieren, welcher der Ukraine einen fortdauernden, wenngleich nicht abschließenden Verzicht auf die Territorien der „Volksrepubliken“ und der Krim auferlegte.

        Was Du hier anträgst, Josef, um mir positiv oder negativ ein Bekenntnis zur deutschen „Täternation“ zu entlocken, ist vor diesem Hintergrund so albern, wie der Vorgang selbst, der hinreichend hier beschrieben ist:
        https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wirtschaftspolitik-eu-partner-erhoehen-wegen-doppel-wumms-druck-auf-finanzminister-lindner-/28720880.html

        Ich habe die obenstehenden Fakten und Zusammenhänge bislang nicht deutlich vorgelegt, weil das für sich zu nichts taugt. Denn in der Tat – für sich enthalten sie kein Argument, das entweder für oder gegen irgend eine der einschlägigen Parteinahmen steht, welche die demokratische Öffentlichkeit jetzt einverlangt. EINVERLANGT. Einverlangen und mehr oder minder aufnötigen kann sie nur Parteinahme an und für sich, nicht die Farbe oder Richtung. Eine rechtsnationalistische oder von mir aus auch nationalbolschewistische Parteinahme „für Deutschland“ zählt ebenso zum Einverlangten, wie Parteinahme für Russland und – nicht zuletzt – China und die Mitglieder der SCO, nicht etwa bloß die willkürliche oder unwillkürliche Parteinahme für ein „Wir“ und „Uns“ unter westlichen Fahnen. FAHNEN, Plural.
        Gegen dies Verlangen hat „Gruppe K“ anläßlich des untertänigen Protestes in Bochum, ‘Gemeinsam bleibt’s warm’, gesagt, was nötig ist.
        https://gruppe-k.org/
        Angesichts der zwei Dutzend Leser, die ich mobilisieren kann, ist das nicht mein Thema.
        Ende der Durchsagen.

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      • tgarner9 schreibt:

        Folgender Text der Gruppe K sagt dassselbe etwas ausführlicher, und doch nicht ZU ausführlich:
        https://gruppe-k.org/2022/05/13/zum-ukrainekrieg-gegen-die-fassungslosigkeit/
        Vergleicht das mit meinem Text von 2014 zum SELBEN Anlaß, mit dem ich seither wiederholt hausieren gegangen bin, und hundertfach paraphrasiert habe:

        „Krieg und Frieden“


        „(Waffengänge machen) eine sachgerechte Antwort der Sklaven auf die Kriegserklärung an sie zugleich kompliziert und furchtbar einfach. Sie lautet nämlich einfach: NEIN“

        Fickt euch weiter ins Knie, ich werde noch einen halbwegs guten Sommer haben, falls sich die Akteure etwas mehr Zeit lassen, als ich befürchte. Das interessiert mich, sonst nichts mehr, bis dahin beschäftige ich mich.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Okay, noch ein paar Worte zu Luongo.

    Ein Punkt, auf dem Frau Merkel in den Wochen und Monaten um „Eurokrise“ und den Ukrainekrieg herum auf gefühlt jedem internationalen Forum, jedem Kongress, herumgeritten ist, war die Bevölkerungsbasis, auf welcher der EURO – Kredit steht, namentlich im Vergleich mit der Bevölkerungsbasis der aufkommenden Freihandels- und Wirtschaftsverbände Asiens, der ASEAN und der seinerzeit noch in der Planungsphase begriffenen RCEP. Das war u.a. die Basis ihrer Verteidigung des Widerstandes gegen die amerikanischen TTIP – Diktate vor US-Wirtschaftsführern. Das war, schätze ich, auch Basis ihres Versöhnungstreffens mit Obama im Frühjahr 2014 (VOR dem Abschuss von MH17 durch NATO-Jäger). Wochen später, immer noch vor MH17, trat Obama in Brüssel vor die gesamte NATO-Nomenklatura und tönte, Russland sei eine Regionalmacht, die sich überschätze. Anschließend betonte er, er kenne keine äußeren Feinde, wolle keine kennen, sondern nur innere Feinde, nämlich Arbeitslosigkeit und Deindustrialisierung. Nicht zu vergessen allerdings „nuclear devices going off in Manhattan“.

    Aus Merkels Sicht war die EU recht eigentlich die größte Wirtschaftsmacht auf dem Globus, noch knapp vor China, nämlich dann, wenn man fiktives Kapital und die Kriegssteuer des Dollarkurses und -kredits aus der Rechnung nimmt.

    Es ist offenkundig, daß diese Sicht der Dinge nicht nur im „deutschen Europa“, auch weltweit Geltung hat BEANSPUCHEN können, nicht zuletzt in Russland, vere?
    Und wenn das so ist, dann STIMMT sie halt in diesem Maße, korrekt?

    Aber diese EU verfügte und verfügt über kein Militär. Luongo zitiert in einem anderen Artikel Sacharova, die vor dem Einmarsch in die Ukraine sagte:

    „The form of Mr. Borrell’s claims against us and the mode in which Brussels expressed itself over many years was extremely strange and, in many cases, impermissible. Now it makes no sense to put forward any claims addressed to us. Nobody has the right to do so. As for the statements that the diplomatic service of which Mr. Borrel is in charge has been mass-producing, they contain demands formulated in a very peculiar way. For instance, ‘Russia must’ or ‘Russia is expected.’ As if we were members of the European Union or NATO and all of a sudden it has turned out that we did something wrong, or we had no right to present a draft for a joint discussion.“ … “The top European diplomat must have forgotten that for those EU member countries which are also NATO members – there are 21 of them – the alliance remains the basis of their collective defense and a platform for its implementation,” Zakharova said. “In other words, the EU’s Brussels delegated to NATO’s Brussels the lion’s share of its military sovereignty.”

    Aber wer ist NATO? Habe ich alles schon geschrieben, aber nach Putins Kriegserklärung an das Imperium wird mein „Der Kreml will White House an der Nase seines Hegemonialanspruches fassen“ vielleicht fassbarer. In den diplomatischen Ultimaten Russlands hat der Kreml so getan, als handele er nach der Gleichung NATO = USA, doch jetzt hat Putin der Welt erklärt, daß dies nicht stimmte, es war nur ein letzter Versuch, der NATO auf diplomatischem Parkett in den Arm zu fallen. Doch die schlichte, banale Wahrheit, aktuell in der Unterstellung des Proxy-Krieges unter das „koordinierende“ Kommando des SACEUR zur Erscheinung gebracht, besteht darin, daß auch „die USA“ kein „militärischer Souverän“ mehr sind, und das hat Killary Clinton durchgesetzt und wahrscheinlich schon unhintergehbar gemacht, als sie mit Hilfe der Top-EUCOM- und CENTCOM-Offiziere Mattis und Stavridis das Weiße Haus in einen in der Vorbereitungsphase genuin britischen Libyenkrieg zog, einen Krieg des Zuschnittes, von dem Obama wollte, daß er ein für allemal der Vergangenheit angehören sollte, zugunsten eines anderen potentiellen Kriegsschauplatzes, deshalb „pacific pivot“ geheißen.

    Mit der Wahl Trumps war abschließend entschieden, „die USA“ könnten kein souveränes militärisches Subjekt abseits kontinentaler Hinterhöfe sein, wer daran noch Zweifel hegte, wurde durch die Umstände der letzten US-Wahl eines bessren belehrt. Die NATO ist DAS militärische Subjekt des Imperiums, aber eines, das keine direkte politökonomische Anbindung mehr hat, nur mittelbare Bindungen an die politische Ökonomie des Eurodollar-Imperiums.

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  4. tgarner9 schreibt:

    „Substanz der Form allen Reichtums im Imperialismus (nicht Substanz selbst) … heißt Kredit.“

    Es ist halt bequem, wenn Erscheinungsformen, hier das „moderne“ Kreditgeld, den Gehalt in ihrer Kontur zeigen, deshalb war ich so kühn, das so lapidar hinzuschreiben.

    „Gemeint“ ist aber nicht „der Dollar“, sondern tatsächlich die von Marx so genannte „Äquivalentform der Ware“.

    Nehmt mal die vier Stufen der Wertformverhältnisse, von der einfachen Wertform bis zur Geldform, und betrachtet sie nach der stofflichen Seite. Dann erhaltet ihr ein Schema, in welchem Marx seinen Begriff von Wert und Wertform über die vorgestellten 4 Stufen in ein Reproduktionsverhältnis reflektiert, dessen Basis eine arbeitsteilige Produktion ist. Daraus ergibt sich, die notwendige Bedingung dafür, daß einer behaupten kann, dieses Schema sei solcher Reproduktion nicht bloß ideell / theoretisch aufgeprägt, sei vielmehr Produkt der Reproduktionsweise, in die sie reflektiert wurde, nämlich in Gestalt eines Begriffs von ihnen, daß jene Produktionsweise die Wertformen und ihren schematisch vorgestellten Zusammenhang auch stofflich (re-)produziert. Und das tut sie genau in dem Umfang, wie stoffliche Reproduktion tatsächlich statt findet. Dieser Umstand ist repräsentiert in der entfalteten Wertform. Wenn irgend eines der Produkte, das zu ihr gehörte, heraus fällt, oder eines hinzukommt, gemeinhin beides, muß sie umgeschrieben werden, die neue Version ist ein verändertes Reproduktionsverhältnis der beteiligten Waren. Denn in der entfalteten Wertform ist jede Ware gleichsam in doppelter Formbestimmung da, gleichsam stofflich verdoppelt, weil sie sowohl in Äquivalentform, wie relativer Wertform steht. Aus diesen Verhältnissen der beteiligten Waren lassen sich die Geldfunktionen ableiten, aber das führe ich jetzt nicht weiter, weil mein Punkt darin aufgeht, daß in dem Moment, da Geld nicht länger Ware ist (das ist mit dem Übergang von Wechsel zu Banknote gegeben) zur Erscheinung kommt, daß vom Standpunkt der Reproduktion aus betrachtet jede Ware, die in Äquivalentform zu stehen kommt, zu der oder den Waren, deren Wertnatur (also Werteigenschaften) sie zertifiziert, im Verhältnis des Kreditors zum Debitor steht. Der Wert der Ware in relativer Wertform ist vom Standpunkt der stofflichen Reproduktion aller Waren eines Reproduktionsprozesses repräsentiert im Verhältnis ihres Anteils an der Gesamtproduktion zur Summe aller anderen Anteile, die in Waren vergegenständlicht wurden und in der entfalteten Wertform vorliegen. Doch dies Verhältnis ist vom Standpunkt der Reproduktion nicht im Warenverhältnis gegeben, sondern im Verhältnis der Arbeiten, die Waren produzieren, also im Produktionsprozess, der mit einer Zirkulation von Waren erst beginnt. Anders ausgedrückt: Die Ware in relativer Wertform „schuldet“ der restlichen Warenwelt einen Anteil an der Reproduktion, mit dem die Ware, die sich in Äquivalentform befindet, sie kreditiert.
    Wieder anders ausgedrückt: Die Substanz der Wertverhältnisse der Waren ist die gesellschaftliche Gesamtarbeit, doch die Substanz der Formgestalten, in denen diese Wertverhältnisse ausgedrückt erscheinen, ist Kredit.

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    • tgarner9 schreibt:

      Wenn ich ein Geld hätte, würde ich darauf wetten, daß Marx die oben vorgestellten Zusammenhänge irgendwo in den TüM, Grundrissen oder sonstwo ähnlich angesprochen hat, aber ich habe das nicht von ihm, es ist Eigenprodukt.

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